Dass man Spirituosen nicht trinkt wie Saft, Soda, etc. ist allgemein bekannt. Wie trinkt man jedoch gereifte oder klare Destillate richtig? Welche Gläser eignen sich dafür? Und was ist die beste Atmosphäre für ein Tasting oder den Genuss von Spirituosen? Spirituosenexperten, als auch so ziemlich jedermann im privaten Bereich hat seine persönlichen Vorlieben, wenn es um das Trinken von Cognac, Rum, Whiskey, usw. geht.
Der eine bevorzugt Gesellschaft in einer Bar, in deren Runde er über die Entwicklung diverserer Brennereien philosophieren kann, einer anderer genießt sein Glas abgeschottet und zurückgezogen in den eigenen vier Wänden. Letztendlich lässt sich nicht sagen, welche Art und Weise des Spirituosengenusses die Beste oder Empfehlenswerteste ist, da dies von den ganz persönlichen Vorlieben abhängt. Allerdings kann man einige Hinweise und Empfehlungen geben, die den Genuss von Spirituosen intensiver werden lassen und Tastings zu einem wahren Erlebnis machen.
Die Atmosphäre
Licht ist ein entscheidender Faktor wie Getränke und andere Genussmittel auf einen wirken. Man sollte daher, sofern es möglich ist, auf angenehmes warmes Licht achten. Kaltes Licht aus Neonröhren kann schnell Lagerhallenatmosphäre und eine ungemütliche Stimmung aufbringen. Wichtig ist außerdem, dass man sich für den Inhalt des Glases Zeit nimmt und keine Hektik aufbringt. “Kippt” man schnell ein Glas in der 10 Minuten Mittagspause, kann man zwar im besten Fall zwischen Bourbon und Cognac unterscheiden, aber interessante Aromen fallen vollends unter den Tisch. Wichtig ist es daher, an einem gemütlichen Ort für das Destillat die gebührende Zeit aufzubringen. Dies könnte nach einem leichten Essen der Fall sein oder an einem extra für ein Tasting reservierten Abend.
Das Glas
Bei der Auswahl des Glases herrscht heutzutage meist Einstimmigkeit bei
allen Spirituosen. Hatten früher noch einige Destillate wie Cognac ihre typischen Gefäße, wie den Cognac-Schwenker, nimmt man heute fast ausschließlich für Tastings so genannte Nosing Gläser. Diese, auch als Sniffer oder Sommeliergläser bezeichneten Gläser, zeichnen sich durch ihre optimale Form für die Spirituosenverkostung aus. Aufgrund der enormen Fülle an Aromen, die beispielsweise ein Single Malt Scotch oder ein Extra Anejo Tequila unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft oder Fassauswahl bietet, sind die Ansprüche an ein solchen Glas natürlich hoch. Durch seinen gewölbten Bauch ermöglicht es das Nosing Glas den flüchtigen Aromen sich im Glas zu entfalten und auszubreiten ohne dabei verloren zu gehen. Zusätzlich führt die enger werdende Glasöffnung zu einer Konzentration der Geruchsstoffe zur Öffnung hin, so dass diese ohne nennenswerte Verluste mit der Nase aufgenommen werden können.
Auch die Farblosigkeit des Glases spielt eine wichtige Rolle bei einem Tasting. Nur wenn das Glas durchsichtig ist, erkennt man optimal die Farben der Destillate, die sich oftmals nur um Nuancen unterscheiden. So sollte man darauf auchten, dass die Markennamen, die oftmals in das Glas graviert wurden, nicht zu groß und dominant sind und die Sicht auf die Flüssigkeit nicht behindern.
Im professionellen Tastingbereich verwenden einige Master Blender oftmals dunkelblaue bis schwarze Nosing Gläser um sich nicht von der Farbe irritieren zu lassen und fälschlicherweise von dunkler Farbe auf intensives Aroma zu schließen. Dies erreicht man entweder durch eine extra aufgetragende Farbschicht auf das eigentlich farblose Glas oder aber bereits bei der Glasherstellung durch Einlagerung bestimmer Metalle.
Neben den oben erwähnten Glasarten gibt es natürlich noch regionale Unterschiede und Vorlieben, wodurch das Nosing Glas für ein interessantes Tasting nicht zwingend sondern eher empfehlenswert ist. Neben dem bereits erwähnten Cognacschwenker, hat fast jede Spirituose ihr traditionelles Trinkgefäß. So gibt es das typische, mit einem großen Bauch versehene Brandy-Glas. Für Bourbon oder Canadian kommt häufig ebenso der Tumbler zum Einsatz und für klare Spirituosen bedient man sich häufig dem kleinen Shooterglas. Aber auch Nosing-Gläser sind nicht immer identisch gebaut und so gibt es die einen mit Stiel oder andere ohne Stiel. Bei ersteren soll durch den Stiel verhindert werden, dass sich das Destillat durch Hand und Finger erwärmt, da man das Glas am Stiel und nicht am Bauch hält. Die zweite Gruppe Nosing-Gläser, also jene ohne Stiel wie z.B. Glencairn-Gläser (siehe Bild), werden üblicherweise aus dickwandigerem Glas gefertigt. Der Sinn dahinter ist ähnlich wie der des Stiels, nämlich, dass die Spirituose vor Erwärmung geschützt ist. (Bild: sashafatcat)
Das Auge
Die Redewendung “das Auge isst mit” ist allgemein bekannt. Dass man allerdings durch bloßes Betrachten einer Spirituose Rückschlüsse auf die Lagerung und das verwendete Holz schließen kann ist oftmals unbekannt. Am Beispiel von Single Malt Scotch zeigt sich, dass eine Reifung des Destillats in Ex-Sherryfässern eine bernsteinfarbene bis braunrote Färbung ergeben kann, wohingegen die Lagerung in Ex-Bourbonfässern zu eher goldgelben bzw. honigfarbenen Tönen führt. Grund hierfür ist die unterschiedliche Dichte der verwendete Eichenstämme. Während amerikanische Weisseiche hart und dichtgepackt ist, zeichnet sich Weisseiche aus Europa (allem voran Spanien) durch geringe Dichte aus. Dadurch kann der Alkohol tiefer ins Holz eindringen und mehr Farb- und Aromastoffe extrahieren.
Betrachtet man die Farbe des Destillats im Glas ist es wichtig auf einen neutralen Hintergrund zu achten. Die Farbe, die man dabei erkennt gibt, wie oben beschrieben, Hinweise auf die verwendeten Fässer. Jedoch sollte man vermeiden von der Farbintensität auf die Aromenintensität zu schließen, da sowohl Farbe als auch Geschmacksstoffe unabhängig voneinander ins Destillat gelangen.
Schwenkt man Rum, Whisky, etc. im Glas zeigen sich Ölbeine am Glas, welche mal schneller, mal langsamer nach unten fließen. Sind diese “Beine” dünn und fließen vergleichsweise schnell, so kann man unter Umständen davon ausgehen, dass es sich um eine junge und recht leichte Spirituose handelt. Eine langsame Fließgeschwindgeit deutet meist auf eine ältere und geschmacksintensivere Spirituose hin, da höhere Konzentration an Aromastoffen zu einer höhere Zähflüssigkeit führt.
Die Nase
Bei einem Tasting bieten einem die flüchtigen Aromen einer Spirituose, die einem in die Nase steigen, die ersten geschmacklichen Eindrücke. Oftmals gerät das “Nosing”, also das Verkosten mit Hilfe der Nase, in den Hintergrund und dieser Punkt wird recht schnell übersprungen. Für das optimale Verkosten einer Spirituose ist dieser Schritt allerdings mit der bedeutendste. Durch Sinneszellen in der Nase ist es möglich eine immense Zahl an Aromen aufzunehmen und zu entdecken, die der Mund nicht in der Lage ist zu erkennen. Das heisst, überspringt man das Nosing recht schnell, gehen einem mit hoher Wahrscheinlichkeit Geschmacksnuancen und Eindrücke verloren, die man mit dem Mund nicht wahrnimmt. Nicht umsonst verwenden Master Distiller bei der Produktion meist ausschließlich ihre Nase und verzichten auf das Verkosten mit dem Mund.
Wie geht man mit der Nase am besten zum Glas? Eine Frage, die letztendlich jeder für sich selbst beantworten muss, je nach dem welche Position im am liebsten ist. Häufig geht man mit der Nase direkt ins Glas. Dies wird von einigen Fachleuten empfohlen um die maximale Aromenzahl aufzunehmen. Ist allerdings im Geschmack und im Geruch der Alkohol sehr dominant, so kann es bei dieser Methode passieren, dass man nach wenigen Sekunden rein gar nichts mehr riecht, da die Nase regelrecht beteubt ist. Ein kleine Hilfe hierbei ist: Den Mund leicht offen lassen. Dadurch, dass der Alkohol nun durch den Mund wieder hinaus zirkulieren kann, tritt die Beteubung um einiges langsamer ein. Eine andere Variante, die von einigen bevorzugt wird, ist die Nase nur knapp über die Glasöffnung zu halten. So ersticken die Sinneszellen nicht gleich am Alkohol, man erreicht aber noch eine sehr große Aromenbreite.
Um beim Nosing zusätzlich zu den Hauptaromen wie scharf und beißend, wärmend und trocken, noch eine möglichst große Aromenzahl zu erreichen, kann man bereits in dieser Phase etwas stilles Wasser hinzugeben. Empfohlen wird eine Verdünnung auf ca. 30 %Vol., wobei dies jedoch von Abfüllung zu Abfüllung schwanken kann. Die optimale Verdünnung ist dann erreicht, wenn man beim riechen keinerlei stechende oder brennende Aromen mehr erkennt.
Einer der häufigsten Fehler beim Nosing ist die “Ablenkung” der Nase durch fremde Gerüche. Kochgeruch und vor allem Parfüm sind nur zwei Punkte, die die Nase vom eigentlich ablenken: Der Spirituose.
Um möglichst viele Störaromen, die vor dem Einfüllen der Spirituose eventuell am Glas heften, zu entfernen, werden vor allem im professionellen Verkostungsbereich, die Gläser mit einer geringen Menge der Spirituose befüllt, umgeschwenkt und wieder ausgeschüttet.
Der Mund
Bei Anfängern als auch bei Experten bietet sich bei einer Degustation
das Verwenden eines Tasting Wheels an. Diese Grafiken zeigen eine Vielzahl an möglichen Aromen auf und können oftmals nach dem Ausschlussprinzip durchlaufen werden. In Fachzeitschriften als auch online findet man eine Vielzahl an verschiedenen Tasting Wheels, die mal mehr, mal weniger detailliert beschrieben sind. Besonders beliebt ist das Tasting Wheel, das vom Whisky Magazine (siehe Bild) veröffentlicht wurde.
Grundsätzlich gibt es beim Tasting kein richtig oder falsch. Der eine erkennt eindeutige Aromen, die ein anderer auch nach langer Suche nicht entdecken kann. Nimmt man einen Schluck einer Spirituose, ist die Zunge der erste Bereich, der mögliche Aromen erkennt. Die Zunge allein erkennt allerdings nur vier Geschmacksbereiche: Süß (Zungenspitze), salzig (vorderer und hinterer Zungenrand), sauer (mittlerer Rand) und bitter (hintere Zungenoberseite). Die feinen Aromen werden vom Gaumen und zusätzlichen Sinneszellen in der Mundhöhle wahrgenommen. Man lässt die Spirituose einige Zeit im Mund und spielt etwas mit der Zunge, um soviele Aromen wie möglich zu entlocken. Neben den vier bereits genannten primären Geschmacksrichtungen erkennt man im Mund als zweites häufig wärmende und mundfüllende Effekte. Erst anschließend schmeckt man dezentere Aromen nach Früchten, Holz oder Getreide.
Auch beim Tasting wird meist mit Wasser experimentiert. Oberstes Gebot ist auch hier eine sukzessive Steigerung der Wassermenge um das Destillat nicht gleich zu Beginn zu “ertrinken”. Durch die Verdünnung mit Wasser nimmt die Alkoholkonzentration ab und man erkennt oftmals weitere und intensivere Aromen. Die Verdünnung sollte meist tropfenweise erfolgen bis man das persönliche Optimum erreicht hat. Es gibt jedoch auch Spirituosen, meist solche mit Mindestalkoholgehalt, die nur wenig bis gar kein Wasser benötigen. Die maximale Verdünnung ist hier häufig schon erreicht und weiteres Wasser würde nur zu Verwässerung führen. (Bild: whiskymag.com)







Ich finde auch, dass so gut wie alle Sinnesorgane mitberücksichtigt werden müssen. So finde ich das Glas sehr wichtig wenn ich z.B. Grappa trinke.
Das stimmt. Da Grappa auch eine für sich sehr charakteristische Glasform besitzt, ist hier noch ein Link dazu.