Aperol – Kultgetränk oder Medienhype?

Derzeit wird wohl kaum etwas so kontrovers diskutiert, wie der Hype um Aperol, einen alten Aperitifbitter, der sich seit einigen Jahren einer fast unerklärlichen Beliebtheit erfreut. Wenn man jetzt bei sommerlichen Temperaturen in Europas Innenstädten unterwegs ist, gibt es wohl kaum einen Gastgarten aus dem nicht an einen Gutteil der Tische zumindest ein Stilglas mit auffallendem rötlich-orangenem Inhalt den Betrachter entgegen leuchtet.

Aperol gilt vor allem in der Variante Aperol Spritz als momentaner Sommer-HypeDer Aperol Spritz (laut Homepage des Herstellers: 6cl Weisswein, oder Prosecco, 4cl Aperol, eine Spritzer Soda, Eis) ist buchstäblich in aller Munde. (Bild: The Cardinal de la ville)

In der Barszene des deutschsprachigen Raums wird eifrig diskutiert, ob diese Konstellation mit Aperol einer Cocktailbar würdig sei, oder ob es sich um eine Modeerscheinung handelt. Wahrscheinlich wird der Aperol Spritz auch je nach Publikum gefördert, ignoriert, gemieden oder verteufelt. Wobei jeder für sich herausfinden muss, welcher Fraktion er sich zugehörig fühlt.

Und selbst wenn man dieser Mischung so gar nichts abgewinnen kann, schmälert sie trotzdem nicht die Daseinsberechtigung für eine alte Bitterlikörmarke. Und diesen Drink einerseits für die Gewinnoptimierung heranzuziehen, aber gleichzeitig sich über mangelndes Niveau der Kundschaft zu echauffieren, halte ich für etwas zu kurz gegriffen.

Bei allen diesen Diskussionen interessiert mich zunächst einmal der Hintergrund des Getränks. Aperol ist eine lange existierende Marke. Das Rezept von Aperol geht auf das Jahr 1919 zurück, als die Brüder Luigi und Silvio Barbieri ihre Kreation auf einer Messe in Padua vorstellten. Das Geheimrezept von Aperol wurde seither nicht verändert und so wird auch heute noch dieser Bitterlikör mit einer Vielzahl von Kräutern, Bitterorange, Rhabarber, Chinarinde und Enzian hergestellt. Inzwischen gehört die Marke Aperol der Campari-Gruppe an. Der Alkoholgehalt liegt je nach Abfüllung bei 11% oder 15% vol. Dazu ist zu erwähnen, dass die 15% vol. Aperol-Abfüllung eigens für den deutschen Markt konzipiert worden ist. In Italien war immer der 11% vol. Aperol erhältlich.

Aperol – Der Aperitivo

Die Tradition, nach der Arbeit und vor dem Abendessen noch ein kleines Getränk, meist in einer Bar und gemütlicher Runde, zu sich zu nehmen, ist keine italienische Erfindung. Das Feierabendbier ist im deutschen Sprachraum weit verbreitet. Etwas weiter südlich, wo die Bierkultur eher überschaubar ausfällt, entwickelte sich eine Kultur, die eher auf Wein und Bitterliköre basiert. Dabei werden leichte Weissweine, wie etwa ein Soave in Venetien, oder ein Frascati aus Latinum bevorzugt. Im Vergleich mit einem Bier, das durch den Hopfen appetitanregend wirkt und einen leichten Bitterton aufweist, sind solche Weine, zumindest was den Bitterton betrifft im Nachteil.

Hier kommen Aperitif-Bitters, wie Campari und Aperol ins Spiel. Mit ihren Kräuterauszügen verschaffen sie Pre-Dinner-Drinks eine feine, herbe Note und regen dadurch den Appetit an. Mitte des 19. Jahrhunderts (Campari 1862) kamen die ersten Bitterliköre, wie wir sie heute kennen auf den Markt und fanden bald weltweite Verbreitung. Als Longdrink mit Orangesaft, Soda oder Tonic oder in einem Aperitif-Cocktail z.B. als Sour bereichern sie seither das Getränkeangebot von Bars und Restaurants.

Noch in der ersten Nachkriegsgeneration war der Campari-Orange von einem vornehmen Dinner nicht wegzudenken. Die Konsumgewohnheiten haben sich in den 1980er Jahren durchaus verschoben. Der Prosecco-Hype verdrängte Bitterliköre weitgehend aus dem Gedächtnis der Kunden. Dass heute noch viele Kunden glauben, der Name Prosecco sei das italienische Synonym für das Wort Sekt, lasse ich jetzt mal dahingestellt. So ging auch der Bekanntheitsgrad von Bitterlikören, wie Aperol im deutschen Sprachraum zurück. (Bildquelle: The Cardinal de la ville)

 

Aperol und zielgruppenorientiertes Marketing

2004 kam die Marke Aperol ins deutsche Portfolio von Campari, nachdem die „Barbero 1891 S.p.A.“ Ende 2003 übernommen worden war. In Italien, wo der Aperitivo schon lange zelebiert wird, lief die Marke gut, im Deutschland und Österreich führte sie eher ein Schattendasein. Grund genug also um eine breit angelegte Werbekampagne für Aperol zu starten.

2007 lief die erste größere Kampagne an, wobei als Zielgruppe ganz klar der urbane, junge Mensch (m/w) zwischen 20 und 35 Jahren angesprochen werden soll. Die potentiellen Aperol-Trinker haben ein mittleres bis gutes Einkommen und eine gute Ausbildung und sind im sozialen Leben einer Stadt verhaftet. Demzufolge wurden die Werbemaßnahmen mit Auftritten in Beach-Clubs, Szenelokalen und Trendsportveranstaltungen gesetzt. Immer im Mittelpunkt ein Gefühl der entspannten Atmosphäre und des sozialen Austausches. Nach ersten Erfolgen wurde dieser Werbestrategie noch Einschaltungen im Fernsehen, Facebook-Aktivitäten und einiges mehr hinzugefügt. Mit Erfolg: Im Jahr 2008 legten die Verkaufszahlen von Aperol um 71% zu. Der Slogan „Verrückt nach Leben“ trifft die junge Generation offenbar voll ins Mark.

Aperol Spritz

Aperol Spritz im TumblerDer Spritz als Aperitivo ist nicht unbedingt eine neue Erfindung der Firma Campari um ihren Aperol zu promoten. Vielmehr ist es in Norditalien, besonders im Veneto eine schon lange weit verbreitete Form eines leichten Aperitifs. Ob dieser immer schon mit Aperol zubereitet wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, Tatsache bleibt aber, dass Varianten mit Bitterlikören und Wein bzw. Prosecco, der praktischerweise ebenfalls aus dem Veneto stammt, als Veneto Spritz oder Spritz Veneziano ein Teil der norditalienischen Aperitivo-Kultur sind. Man findet die Rezepte mit Campari, Aperol, aber auch Cynar – mit Weißwein und Prosecco, Weißwein oder Prosecco – mit Soda, oder Mineralwasser. Wohl aus werbetechnischen Gründen hat Campari dem Wort Spritz eine andere Schreibweise verpasst und das tz durch zz ersetzt. Damit ist die Schreibweise Aperol Sprizz durchaus zulässig. (Bild: Master of Mediocracy)

Abschließend lässt sich feststellen, dass es viele Pros, aber auch genauso viele Kontras in Bezug auf Aperol und vor allem den Aperol Spritz gibt. Die Entscheidung, ob man diesen Aperitif in seinem Lokal anbietet, muss jeder Barkeeper/Gastronom selber treffen. In einem Club oder einer Szene-Bar darauf zu verzichten, wäre wahrscheinlich als geschäftsschädigend zu werten.

Das hat nicht unbedingt damit zu tun jedem Trend blindlinks hinterher zu laufen, vielmehr muss man in dem Fall die Vorteile, wie zum Beispiel die Tatsache, dass er leicht und schnell zuzubereiten ist, in Betracht ziehen. Dass eine klassische Cocktailbar oder American Bar dieser Mode anheimfallen muss, wage ich andererseits ebenso zu bezweifeln. Aber wenn man einen Aperol am Backboard stehen hat, darf man sich nicht wundern, dass der Spritz bestellt wird, egal, ob er auf der Karte steht, oder nicht.

Gehyped ist Aperol derzeit zweifelsohne. Aber waren das nicht Tiki-Cocktails, der Cosmopolitan oder der Vodka-Martini zu ihrer Zeit nicht auch?

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9 Responses to Aperol – Kultgetränk oder Medienhype?

  1. Leo 5. Juli 2011 zu 18:24 #

    Ich persönlich finde weder etwas Negatives an diesem Drink. Hat es schon immer gegeben und ist halt im Moment gerade wieder in Mode. Auch das ist nichts Neues und wurde und wird von den Marketingabteilungen immer wieder neu erfunden. Der Hype der aktuell gerade im Gang ist wird genauso schnell wieder abflachen und man wird ein neues, altes Getränk medial bis zum Erbrechen promoten. So ist es in der Werbung und so wird es auch bis auf weiteres bleiben. Mir schmeckt das Zeug und von daher ist es mir egal ob ich damit irgendwo als kultig, uncool, trendy oder sonstwas schubladisiert werde :)

  2. Jigger 5. Juli 2011 zu 19:15 #

    Sehe ich auch so. Manche Bar Betreiber entscheiden sich dazu Aperol zu verbannen, weil es nicht in deren Konzept passt. Das ist in Ordnung so. Aber es bleibt bei “Es ist erlaubt, was schmeckt.” Und so werde ich mir, wenn auch kein Sprizz, einen Aperol zum Abend gönnen und die Abendsonne genießen. Vielleicht auch doch lieber einen Campari. Das entscheidet sich durch Zufall :)

  3. Sebastian Schneider 5. Juli 2011 zu 23:40 #

    Kurz und knapp:
    Schmecken tut er ja und trotzdem verflucht ihn mittlerweile jeder Bartender.
    Ist aber glaube ich leicht zu erklären:
    Ich glaube alle Getränke dir wir über 3000 mal gemixt oder sonstiges haben( Caipi, Mojito…) langweilen uns irgendwann einmal und wir wollen unseren Gästen etwas neues bieten und damit wir nicht einrosten.
    Dabei vergessen wir ab und zu, dass der Trendzug an uns schneller vorbei zieht als an unseren Gästen da wir täglich damit zu tun haben.

  4. Joerg Meyer 6. Juli 2011 zu 08:33 #

    Zitat ” In Italien war immer der 11% vol. Aperol erhältlich.”

    Ich bin mir nicht sicher ob ich das falsch verstehe aber wurde nicht auch in Italien der Alkoholgehalt von 19%Vol. auf 11%Vol. gesenkt?

  5. SKOERPER 6. Juli 2011 zu 11:32 #

    Schöner Artikel. Ich würde die im Titel gestellte Frage eher mit “Weder noch” oder “Es kommt darauf an” beantworten. Denn wenn ich mir Rezepturen aus englischen Cocktailwettbewerben der letzten Jahre ansehe, habe ich den Eindruck, dass man dort wesentlich unverkrampfter mit Aperol umgeht. Warum? – Keine Ahnung. Vielleicht sieht man dort das Zeug als das was es ist und nicht immer in Kontext mit Damen um die 60, die den Sprizzzzzzz sommers gleich literweise wegknallen.

    Die Kritik der gehobenen Cocktailgastro kann ich nur zum Teil nachvollziehen. Zum einen macht der Aperol Spritz doch offenbar nen netten Umsatz (bei wenig Arbeit). Zum anderen ist der Barmensch selber Schuld, wenn er sich nicht neue, spannende Spritze für sein Publikum einfallen lässt. Mir kam z.B. zu Ohren, dass die Goldene Bar in München derzeit – übrigens recht erfolgreich an männliche (!) Gäste – einen Enzianspritz mit Avèze verkauft.

    Wohl bekomms!

  6. Philip Reim 6. Juli 2011 zu 14:30 #

    @ Sebastian.
    Sehr guter Einwand. Stellt man einmal die Zahl an Aperol Spritz, die ein einzelner Gast über einen bestimmten Zeitraum ordert, der Zahl an Aperol Spritz gegenüber, die ein Bartender im selben Zeitraum zubereiten muss, wird schnell klar wer schnell davon genug hat. Und genau das ist auch der Punkt im Bezug auf Trends: Der eine erlebt ihn intensiver, der andere weniger intensiv.

    @ Joerg
    Leider habe ich darüber keine Info. Da Erhard den Artikel verfasst hat, kann er vielleicht paar Sätze dazu sagen.

  7. Erhard Ruthner 6. Juli 2011 zu 15:12 #

    Zum Alkoholgehalt von Aperol: Meine Recherchen haben ergeben, dass der Alkoholgehalt von Aperol in Deutschland aufgrund der Pfandverordnung 2006 auf 15% vol. festgesetzt wurde, da erst dann die Flasche als pfandfrei verkauft werden durfte. Diese Verordnung ist allerding mehrmals novelliert worden – zuletzt 2009 und daher ist das wohl nicht mehr nötig. Über Aperol mit 19% vol. konnte ich in der Recherche nichts feststellen. Auf der homepage aperol.de wird er nach wie vor mit 15% vol. beworben, bei aperol.com ist von 11% vol. die Rede. In Österreich hat er derzeit definitiv 11%.

    Dass sich einige Barkeeper etwas genervt fühlen, wenn der Aperol Sprizz nur aus modischen Gründen konsummiert wird, kann ich verstehen. Aber wie erwähnt: Jeder muss für sich entscheiden, wie er mit solchen Hypes umgeht. Aperol wird auch nach dem Hype noch da sein.
    Die Enzian Spritz Variante find ich sehr kreativ. Aber als Österreicher stelle ich fest; im Sommer geht doch kaum etwas über einen “weißen G´spritzten”, wenn er mit einem guten Wein gemacht wird. :)

  8. Leo 7. Juli 2011 zu 08:49 #

    @Erhard Ruthner: Zu “Dass sich einige Barkeeper etwas genervt fühlen, wenn der Aperol Sprizz nur aus modischen Gründen konsummiert wird, kann ich verstehen.”

    Also eigentlich kann und “muss” es dem Barkeeper egal sein was ich wann aus welchen Gründen trinke. Kann ja nicht sein, dass ich mich am Tresen nach seiner Befindlichkeit zu orientieren habe. Soweit kommt´s noch :-) Ich kann mich als Friseur ja auch nicht darüber beschweren, dass sich im Moment alle die Haare kurz schneiden lassen …

  9. Dani 30. Juli 2014 zu 12:38 #

    Natürlich wurde das Produkt sehr gut vermarktet, aber die Erfahrung zeigt dass der Hype um den Aperol auch heute noch anhält, auch wenn er inzwischen vielleicht durch neue Weisswein Spritzer ergänzt wurde wie der Hugo. Ich finde Aperol einfach ein sehr angenehmes Getränk, denn es ist nicht so süss wie die anderen Spritzer. Zudem kann man den Drink auch leicht abändern indem man Weisswein nimmt oder Prosecco.

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