Rye Whiskey – Die Geschichte einer verkannten Spirituose

Die Prohibition (1920 – 1933) traf nahezu jede Spirituose schwer. Ein florierender, legaler Handel war de facto nicht mehr möglich. Aber auch als das Alkoholverbot aufgelöst wurde und Whisky, Cognac etc. langsam wieder ihren Weg in die Händlerregale fanden, gab es dennoch Spirituosen, die schwer gezeichnet von der Prohibition, bis heute ihren alten Ruhm nicht wieder erlangten. So zum Beispiel Rye Whiskey.

Bildquelle: star5112

So wie Whisky das flüssige Markenzeichen Schottlands ist und Cognac unzertrennlich zu Frankreich gehört, so war Rye Whiskey über Jahre hinweg die Vorzeige-Spirituose der Vereinigten Staaten. Nicht nur war es der flüssige Inbegriff der Männlichkeit der arbeitenden Klasse, auch geschichtlich hatte Rye Whiskey in den USA einiges zu bieten. Nichtzuletzt deswegen, da Amerikas erster Präsident George Washington für lange Zeit der größte, kommerzielle Rye Whiskey-Produzent der USA war. Aber nicht nur zum Purgenuss fand Rye Whiskey vor der Zeit der Prohibition Anklang. Bartender jener Zeit kreierten Cocktail-Klassiker wie Manhattan, Old-Fashioned oder Sazerac auf Grundlage eben dieser Spirituose.

Aus diesem Blickwinkel erscheint es geradezu abstrus, dass die Verkaufszahlen einer solch ehemals beliebten Spirituose knapp 70 Jahre nach der Prohibition immer noch sanken und nahezu aus dem Blickfeld der Spirituosenwelt verschwand.

Der Absturz des Rye Whiskeys

Für die jahrelange Nichtbeachtung  von Rye Whiskey gibt es nicht den einen Grund, mit dem sich das nachlassende Interesse erklären ließe. Es ist vielmehr eine Summe verschiedener Faktoren, die dazu beitrugen, dass Rye über Jahrezehnte nur dank eingefleischter Fans überlebte.

Bild: Michael T. McGreevey’s Saloon (1910 – 1916); Bildquelle: Boston Public Library

Ein gewichtiger Grund für die sinkende Aufmerksamkeit war die geographische Lage der Rye-Destillerien. Während heute überwiegend bekannte Bourbon-Produzenten aus Kentucky die Herstellung von Rye Whiskey übernehmen, waren es vor und direkt nach der Prohibition Destillerien aus dem Nordosten der USA.

Das Problem bei der Auflösung des Prohibitionsgesetzes war jedoch, dass man von nun an zwar den Alkoholkonsum nicht mehr auf Bundesebene verbot, aber den einzelnen Staaten diesbezüglich auch keine Vorgaben machte. So kam es, dass gerade die o.g. mittleren Atlantik-Staaten sehr strenge Regularien für die Whiskey-Produktion einführten, so dass Rye-Brenner einen denkbar schlechten Einstieg in die “besseren Zeiten” hatten. Erschwerend kam hinzu, dass man aufgrund der Prohbition keine Reserven an Rye Whiskey in den Lagerhäusern hatte, die man sofort abfüllen und vermarkten konnte. Es hätte Jahre gedauert, bis die ersten Flaschen zum Konsumenten kommen.

Dieser hatte aber nach Jahren der Ausnüchterung keine Lust zu warten und suchte nach Alternativen. Und so kam es, dass die aus Europa zurückgekehrten GIs für einen heftigen Durst nach schottischem Whisky sorgten. Wie bestellt, trat damals Scotch auf den Plan.

Erschwerend für die Rye-Hersteller kam hinzu, dass die Getreideernten während und vor allem nach dem Krieg in erster Linie anderen Industriezweigen zugeteilt wurden. Und selbst als die Rohstoffe wieder ausreichend zur Verfügung standen, war von einem Aufwärtstrend noch keinerlei Spur. Dafür sorgte unter anderem der Vodka-Boom in den USA in den 1980ern. Wer hip sein wollte, trank Vodka mit entsprechendem Image. Rye Whiskey war das Getränk der Alten. Zu konservativ. Zu old-school.

Bildquelle: DaLee_pl

So kam es, dass Rye Whiskey über Jahrzehnte sowohl in den USA als auch in Europa kaum Beachtung fand. Der Whiskey-Produzent Heaven Hill beispielsweise produzierte über Jahrezehnte nur an zwei Tagen im Jahr Rye Whiskey. Und selbst diese Menge konnten sie nicht vollständig absetzen. Es muss aber ehrlicherweise hinzugefügt werden, dass zu jener Zeit auch kaum jemand ernstzunehmende Marketingmaßnahmen für Rye Whiskey startete.

Auch im Barbereich, in dem Rye Whiskey einst eine Hauptspirituose war, interessierte sich kaum jemand mehr für das Destillat aus Roggen. So bügerte es sich sein, dass Bartender bei der Bestellung eines Rye Manhattans Canadian Whisky zückten.  Zwar enthält dieser oft einen hohen Bestandteil an Roggen, ist aber eben kein Rye Whiskey. Und auch wenn dies heute noch in einigen Bars anzutreffen ist, so war dies bis Ende der 1990er Standard.

In Bezug auf Rye Whiskey kann man den Großteil des  20. Jahrhunderts als eine einzige, große Farce beschreiben.

Rückbesinnung: Rye Whiskey heute

Es scheint Ironie des Schicksals zu sein, dass gerade Vodka, einer der ärgsten Konkurrenten von Rye Whiskey in den 80ern, heute dafür sorgt, dass Rye eine neue Blüte erfährt.

Man mag von den Marketing-Maßnahmen mancher Vodka-Hersteller halten, was man mag. Einen Punkt kann jedoch niemand leugnen: Vodka führte ab den 1980ern Heerscharen an neuen Fans in die Spirituosenwelt ein. Für viele war Vodka jedoch nur das Trittbrett, um andere Destillate kennenzulernen. Einmal mit Hochprozentigem angefreundet, machten sich viele auf die Suche nach aromatischen Spirituosen. Die Nachfrage an schweren und komplexen Destillaten nahm Schwung.

Neben steigendem Interesse nach rauchigen Scotch Whiskys aus Islay, liebäugelten mehr und mehr Connaisseure mit dem heimlichen Nationalgetränk der USA. Und plötzlich erkannte man auch das große Marketingpotential von Rye Whiskey: traditionsreiche Geschichte, selten und alt.

Heute stehen Rye-Brenner ebenfalls vor einem Problem. Dieses Mal jedoch eins der Luxusklasse: Die Nachfrage kann nicht befriedigt werden. Aufgrund des Dornröschen-Schlafs von Rye Whiskey über die letzten Jahrezehnte übersteigt die Nachfrage meist das Angebot. Leicht vorzustellen, wenn man bedenkt, dass zwischen 2000 und 2006 die verkauften Einheiten um 38 % stiegen.

{lang: 'de'}
    Ähnliche Artikel:
  1. 4 der größten Skandale in der Geschichte der Spirituosen
  2. Die Geschichte des Vodkas – Teil 2
  3. Die Geschichte des Vodkas – Teil 1

, , ,

Noch keine Kommentare.

Hinterlasse eine Antwort