Gin, Tod und Teufel – Droht die moderne Gin-Blase zu platzen?

Gin in Parfüm-Fläschchen. Gin mit Zutaten vom Ende der Welt. Gin mit horrenden Preisen. Die jüngste Gin-Entwicklung ähnelt stark jener des Vodkas in den 1980ern und 90ern. Dabei werden Preise verlangt, die alleine durch den Inhalt nicht mehr zu rechtfertigen sind. Günther Heinisch schreibt in diesem Artikel über die nächste Sau, die durch’s Spirituosen-Dorf getrieben wird.

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Bildquelle: Rhett Maxwell

Gin, Tod und Teufel – oder New Butler’s Gin – Neuer modern-konservativer Gin aus London – oder irgendeine neue beliebige Sorte angeblichenen Premium Gins. Es dürfte unzweifelhaft sein, dass der Gin seine Geburt und seinen Aufstieg in Großbritannien erlebt hat.

Entstanden aus holländisch-norddeutschen Wurzeln im Genever und Steinhäger oder dem viel weiter östlich beheimateten Machandel, selbiger vielleicht auch schon eine Adaption des Genevers, geriet die Wacholderspirituose nach England.
Wahrscheinlich im Gefolge von Wilhelm III. von Oranien-Nassau (* 4. November jul./ 14. November 1650 greg. in Den Haag; † 8. März jul./ 19. März 1702 greg. im Kensington Palace in Kensington). Am 11. April 1689 mit seiner Frau Maria II. zusammen in einer bis heute in Europa einzigartigen Doppelkrönung in der Westminster Abbey gekrönt und nach ihrem Tode 1694 alleiniger Herrscher von England, Schottland und Irland. Oder schon mit Soldaten die im 30 jährigen Krieg holländischen Soldaten zusahen wie sie sich mit Genever für die Schlacht stärkten oder Mut antranken und dann mit „Dutch courage“, holländischem Mut, wahrscheinlich halb besoffen in die Schlacht stürzten. Wie auch immer.

Was hat das mit Gin zu tun? Nun, als Holländer jedenfalls kannte sich Wilhelm mit dem Deichbau und dem Trockenlegen von Marschland aus. Zumindest kannte er jemand, der sich mit so was auskannte. Zu seiner Zeit bestanden große Teile der heutigen Grafschaft Norfolk und andere Teile des östlichen Englands aus Fenn Country, mit Schilf bewachsenen Sümpfen, Wasserbächen und Marschen, die weit inlands ragten. Ob einer wachsenden Bevölkerung auf der Insel musste neues Land urbar gemacht werden. Wilhelm rief Spezialisten aus seiner niederländischen Heimat, die damit begannen, Polder und Priele, Gräben und mit Windmühlen betriebene Pumpstationen zu bauen. Den Erfolg ihrer Arbeit kann man heute noch in Norfolk bewundern. Die holländische Kolonie brachte auch den Genever nach England und aus ihm etnwickelte sich der Gin. Spätestens hier war der Gin in England etabliert.

Sozio-ökonomisch war das 18. Jahrhundert geprägt von den Anfängen der Industrialisierung und der beginnenden Verelendung der Massen. Von 1689 bis 1846 waren The Corn Laws in Kraft, die dazu gedacht waren, englische Großgrundbesitzer zu schützen, indem der Export von Getreide gefördert, die Importe aber klein gehalten wurden, sobald der Preis für Getreide unter einen bestimmten Wert fiel.

Durch diese Maßnahme wurde über 150 Jahre der Brotpreis künstlich hochgehalten und es kam zu Hungersnöten und steigender Kriminalität aus purer Not. Viel später sollte ein anderer Willhelm, Wilhelm Busch schreiben „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ und so kam der günstig zu erzeugende Gin trotz zeitweise hoher Getreidepreise zu trauriger Berühmtheit.

Die Massen an Menschen die in die Städte strömten, wandten sich scharenweise dem Alkohol zu und Gin wurde zur Volksdroge. Der sozialkritische englische Maler und Grafiker William Hogarth (* 10. November 1697 in London; † 26. Oktober 1764 ebenda) widmete dem Alkoholismus in London die beiden Stiche „Beer Street“ und „Gin Lane“ aus dem Jahre 1751. Dabei wurde Gin verteufelt und die Vorteile des Biertrinkens hervorgehoben. Tiefere Analyse zeigt, dass Hogarth die Gesunden und Wohlhabenden in der Beer Street durchaus als auf das Elend der Kranken und Betrunkenen in der Gin Alley zurückzuführen sah.

Es war von einer regelrechten Gin-Krise die Rede. Mit den Corn Laws hatte die englische Regierung von 1689 an die Destillationsindustrie gefördert – weil sie half, die Preise für Getreide auf hohem Niveau zu stabilisieren. Importe von französischem Wein und Brandy waren verboten, um die heimatliche Brennerindustrie zu schützen. Auf dem Höhepunkt der Alkoholproduktion gab es genau Null Qualitätskontrolle. Gin wurde häufig mit Terpentin versetzt. Lizenzen wurden nach einfacher Bewerbung erteilt.

Als klar wurde, dass der üppige Ginkonsum gewaltige soziale Probleme verursachte, versuchte man, die Produktion von Gin in den Griff zu bekommen. Der Gin Act von 1736 erhob hohe Steuern auf den Verkauf von Gin, verbot den Verkauf in Mengen von unter zwei Gallonen und verlangte eine jährliche Lizenz von stolzen £50 für Ginverkäufer. Er hatte wenig Effekt, außer dass Schmuggel und Schwarzbrennen zunahmen. Die Steuern wurden zunächst reduziert und 1743 ganz abgeschafft. Francis Place schrieb Jahre später, dass die Armen nur zwei Vergnügungen hätten, “sexual intercourse and drinking”, und dass “drunkenness is by far the most desired”, weil Trunkenheit billiger ist und ihre Effekte länger anhalten.
Um 1750 waren über ein Viertel aller Häuser in der Gemeinde St. Giles in London Gin Shops und viele von ihnen dienten der Hehlerei gestohlener Güter und waren Anlaufstellen für alle Arten von Prostitution.

Und nun versuchen irgendwelche geschäftstüchtigen Menschen diesem Arme-Leute-Sprit das Mäntelchen einer Super Premium Spirituose umzuhängen. Nicht falsch verstehen, ein gut gemachter Gin ist etwas großartiges, besonders wenn er seiner ureigensten Bestimmung, einem guten Gin Tonic, zugeführt wird. Nicht umsonst hieß es zu Lebzeiten von Queen Mum, dass man den besten Gin Tonic Londons bei ihr in Clarence House bekommen würde.

Woher kommt der Gin-Boom, der die Kategorie sehr bald zu Grunde richten wird, wenn es so weitergeht? Nachdem auch der Letzte begriffen hatte, dass man sich bei einer fünffach destillierten, auf über 80%abv hochgebrannten und zwischen 5-30 mal durch Aktivkohle, Goldstaub oder sogar Diamanten gefilterten Spirituose nicht wundern darf, dass sie nach nichts schmeckt und die Etikettiererei als Premium, Super, Super- und Über-Premium nur den Preis treibt aber die Qualität nicht beeinflussen kann, weil der Preis von den Designflaschen und Packungen und den Marketing-Kosten stammt, musste eine andere Sau her, die man durchs Dorf treiben kann. Und das scheint der arme Gin zu sein.

Da steht man aber vor einem Problem. Während es beim Vodka nichts ausmachte sich entweder in Sachen Geschmacklosigkeit oder wilder Aromatisierung mit Früchten aus geheimen, nur den Nachfahren der Inka bekannten Andentälern in 3000 Meter Höhe zu überbieten, ist das Gin-Aroma doch sehr festgelegt.
Und da wir schon in den Anden sind, also dem Himmel so nah, ein Stoßgebet: Himmel hilf, sie gehen den Weg des Vodkas. Dieser Gin Boom kann nicht lange anhalten.
Ähnlich wie beim Niedergang des Vodkas als Spirituosenkategorie ist ein Run bei den Gin-Produzenten im Gange, um bei einer Spirituose deren Grundaroma durch Wacholderbeeren definiert wird, sich durch die Zugabe von zum Teil bizarren Aromagebern von anderen Produkten abzuheben. Gleichzeitig versucht man sich dadurch zu profilieren und Preise durchzusetzen. Jenseits von Gut und Böse. Einige Produzenten versteigern sich sogar dazu, ihr Produkt als Premium Gin anzupreisen. Die Entwicklung beim Vodka sollte den Gin-Erzeugern – nun auch plötzlich in aller Herren Länder – eine Lehre sein. Ist sie aber nicht.

hendricks gin

Bildquelle: smoMashup

Dass es beim Hendrick’s Gurke ist, die ihn anders macht, ok, aus Frankreich kommt ein Safran Gin und Sloe Gin. Schlehen Gin ist so alt wie die Kategorie selbst. Der deutsche Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin hat nicht weniger als 47 Botanicals – zumindest hatte er die Mal – ein deutscher Gin? Aber es genügt bei der Macht alteingesessener Qualitätsmarken wie Bombay, Beefeater, Gordon’s oder Tanqueray als Newcomer wohl nicht mehr, eine qualititätsvolles Produkt abzuliefern und auf die Überzeugungsarbeit der Qualität und die Zeit zu setzen. Nein, das Geld muss schnell in großen Mengen fließen, am besten schneller als der Gin bei der Destillation.

Ausgelöst hat diesen Erguss über Gin eine Nachricht aus Kanada. Aber das passt auch zum neuen Hendrick’s oder jedem anderen angeblichen Premium Gin. Ein Unique Gin aus der Pemberton Distillery in British Columbia namens Schramm Organic Gin, ein Organic Dry Gin, bei uns würde man sagen Bio, hergestellt auf einer Basis von Kartoffelschnaps und 8 biologisch angebauten Botanicals. Wacholderbeeren natürlich, Koriander, Orangenschalen, Rosmarin, Engelswurz oder Angelika Wurzel, Ceylon Zimt, Hagebutten und Hopfen. Hopfen von allen Pflanzen der Welt und diese Mischung soll zusammen ein Aroma von Gurke ergeben, obwohl keine Gurke enthalten ist. Oder nehmen wir den hier auch schon vorgestellten Gin Mare. „Der spanische Gin Mare beinhaltet die für die Gin-Produktion üblichen Aromen von Wacholder, grünem Kardamom, Zitrusfrüchten und Koriander. Mit der Verfeinerung des Premium Gins durch türkischen Thymian, griechischen Rosmarin, italienischen Basilikum und grünen Arbequina-Oliven aus Spanien haben die Macher von Gin Mare so den weltweit ersten mediterranen Gin kreiert.“ Mag ja sein, dass Spanien ein großer Ginmarkt ist und eine lange Tradition des Ginbrennens hat, aber mich erinnert das an italienische Küche. Gin mit Ruccola, Anchovies und Parmesan jemand? oder doch lieber eine Pizza?

Was nervt, ist dabei die Preistreiberei. Exotische Zutaten, Tod und Teufel machen ein überwiegend aus ohnehin schon vorhandenem Neutralalkohol hergestelltes Produkt nicht zu einer Premiumspirituose. Das sind nur die Marketing-Kampagnen, um ein unbekanntes Produkt in wenigen Wochen von null auf hundert bekannt zu machen. Selbst ein wirklich handwerklich gemachter Gin mit handverlesenen Botanicals einer Insel wie Islay, der Botanist von Bruichladdich, kostet nur um die 25.- €. Alles drüber ist „mal kurz hingelangt“, um zu sehen ob es geht. Und leider geht es.

Aber wie bei allen als Super Premium bezeichneten Produkten geht es nicht um die Qualität des Produktes sondern um den Preis, den man dafür durchsetzen kann.

http://www.drinksint.com/news/fullstory.php/aid/3799/Gin_is_extremely_uninteresting.html

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7 Responses to Gin, Tod und Teufel – Droht die moderne Gin-Blase zu platzen?

  1. Lars J 15. Juni 2013 zu 12:01 #

    Dann werde ich mein Kommentar – ursprünglich unter dem Hendtick´s mit Skorpion Artikel platziert – auch an diese Stelle posten.

    Oh ein beeindruckender Kommentar. Danke, zwei Themen greife ich gerne mal auf.

    Thema 1)

    Marktschreierei

    Wie man sieht spielen Presse und Blogger immer gerne mit.
    Wow! Hendrick`s mit Skorpion drin, oder ach nee – vielleicht doch nicht??!! Dagegen sehen traditionelle Genever und Steinhäger doch blas aus, obgleich sie in meinen Tonics und Martinis immer noch die verlässlichste Figur machen. Nichts desto trotz würde ich gerne mal bei Queen Mum vorbei schauen:-)

    Thema 2)

    Vermeintliche Super Premium Qualität

    Marketingabteilungen machen sich Psychologie gerne zum Nutzen. Matratzenhändler und Discounter verunstalten unsere Städte, da eine billige Aufmachung auch gleich billige Preise suggeriert. Bei einer teuren Spirituose glaubt man der höhere Preis böte ein entsprechendes Mehr an Qualität. Zu einem gewissen Grad mag das stimmen, aber Wodkas über €20/L (durch die Bank weg) oder eine Tanqueray Sonderabfüllung für €100/Flasche empfinde ich als Witz (da sollte man doch erst mal versuchen die Qualität des bereits hochpreisigen Standard Gins aus dem Hause des Massenherstellers auf ein akzeptables Niveau zu bringen). Hingegen €20-25 für einen exotischen Gin wie Monkey 47 oder Saffron Gin von Spezialitätenbrennereien können unter Umständen gerechtfertigt sein.

  2. Lars J 15. Juni 2013 zu 12:23 #

    Interessant wäre noch die Frage, ob nicht das neuerdings verstärkte Betreiben von kleinen Spezialitätenherstellern (Monkey 47, Adler, Boudier, Feel, Duke,…) neue Preisebenen etabliert und damit den Massenherstellern (Bombay Saphire, Gordon´s, Tanqueray, Beefeater,…) den Markt für überteuerten Sonderabfüllungen vorbereitet…?

  3. Philip Reim 15. Juni 2013 zu 13:16 #

    Die Idee ist nicht abwegig. Wenn man allerdings mal die Preise vergleicht, bleiben die “großen” Hersteller erstaunlich bodenständig. Bis auf ein Paar Ausreißer bewegen sich die meisten ihrer Gins im Bereich von 20 bis 30 Euro.

  4. Jabba 17. Juni 2013 zu 09:16 #

    Wie so oft stellt sich dabei die Frage, was denn schlimmer sei: Die Firma, die den Preisaufschlag versucht oder die Käufer, die das mit dem Kauf unterstützen ?!

  5. kallaskander 15. August 2013 zu 13:28 #

    Hi there,

    hier wieder ein gelungenes Beispiel.

    Über Martin Miller’s Gin
    Zugegeben, einen Gin in England zu destillieren und nach Island zu verschiffen, um ihn dort mit Quellwasser auf Trinkstärke herabzusetzen, mag extravagant klingen. Doch es ist gerade dieser ungewöhnliche Schritt, der Martin Miller’s Gin seine unverkennbare Frische und den weichen Geschmack verleiht. Martin Miller’s ist neben der klassischen Abfüllung mit 40% vol. in der Qualität „Westbourne Strength“ mit 45,2% vol. verfügbar. Seit der Entstehung im Jahr 1999 hat die Marke ein rasantes Wachstum durchlaufen und erreicht bei Spirituosenwettbewerben regelmäßig höchste Platzierungen – zuletzt bei der International Spirits Challenge 2013, bei der beide Martin Miller’s Gins mit Gold ausgezeichnet wurden. Perola ist seit Februar 2013 offizieller Importeur von Martin Miller’s Gin in Deutschland.

    http://www.mercurio-drinks.de/hersteller/perola-gmbh/pressemitteilungen/martin-miller2019s-gin-mit-master-class-reihe-auf/view

    Na dann ein frisches Prost!

    Greetings
    kallaskander

  6. kallaskander 18. Oktober 2013 zu 15:52 #

    Hi there,

    es scheint sich rumzusprechen, daß da was nicht stimmen kann.

    http://www.thespiritsbusiness.com/2013/10/is-the-gin-category-in-danger-of-losing-its-way/

    Greetings
    kallaskander

  7. Philip Reim 18. Oktober 2013 zu 17:22 #

    Interessant. Danke für den Link.

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