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Cream Gin – Die vergessene Gin-Kategorie

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Bildquelle: Kurt Bauschardt/FlickREs ist schon verblüffend, dass eine Kategorie wie Gin, die in Deutschland und der westlichen Welt mittlerweile gemolken wird wie eine Hochleistungskuh, immer noch Geheimnisse parat hält. Was damals in Gins erster Blütezeit ein recht großes, bekanntes Ding war, kennt heute vielleicht nur noch eine Hand voll Personen. Grund genug die alte Gin-Kategorie der Cream Gins genauer zu beleuchten.


Da denkt man, man kennt sich im Bereich Gin bestens aus, schreibt unzählige Artikel über Herstellung und die unterschiedlichen Kategorien und dann das. In einer alten Illustration über Gin Palaces aus dem 19. Jahrhundert, ist eines der beliebtesten Motive jener Zeit abgebildet. Ein Etablissement mit massivem Holz verkleidet und das Rückbuffet mit stabilen Holzplanken verstärkt. Eine krakeelende Menge an der Bar, sichtlich angetrunken. Und ein seltsames Fass im Hintergrund mit der Aufschrift „Cream Gin“.

Gin wurde zwischen dem 18. und ausgehenden 19. Jahrhundert in Gin Palaces häufig in Holzfässern gelagert. Diese, gut erreichbar für den Bartender, lagerten direkt in der Backbar und enthielten meist mehr als lediglich das Wacholderdestillat. So waren Gins zu jener Zeit aus heutiger Sicht äußerst schlecht für den Purgenuss geeignet. Billig und schnell in der Produktion sollten möglichst große Mengen produziert werden. Und natürlich so preisgünstig wie möglich, bedient werden sollten schließlich die untersten sozialen Schichten.

Um dem billigen Gin etwas seine Bissigkeit und alkoholische Schärfe zu nehmen, wurden Hersteller, Gäste und Bartender einfallsreich. So entstand neben diversen Kategorien wie Young Tom und Old Tom Gin eine weitere Klasse: Cream Gin.

Laut Henrik Hammer, Produzent von Geranium Gin und Old English Gin aus London, standen Gäste in Gin Palaces zunächst vor einer recht simplen Auswahl: Holland’s Gin oder English Gin. Ersterer war nichts anderes als Genever und letzterer wurde mit ausgefallenen Begriffen wie Old Tom, Young Tom oder dem Namen der Brennerei wie Booth’s oder Warringtons betitelt.

Zu jener Zeit war England der größte Importeur von französischem Champagner und Gäste, die eine solche Flasche leer zur Hand hatten, konnten sich diese im Gin Shop mit dem Wacholderschnaps neu befüllen lassen. Natürlich konnten die Gäste auch gleich vor Ort 1 oder 2 Glässer ordern und ob der Gin in Flaschen oder Fässern gelagert wurde, hing vom Lieferanten ab. Der Vorteil von Fässern zu jener Zeit war jedoch, dass der Gin die Möglichkeit hatte, aufgrund von Reaktionen mit Luftsauerstoff und Holz etwas milder zu werden, seine Schärfe etwas zu reduzieren und neue Aromen aufzunehmen. In Anbetracht der damals häufig sehr schlechten Gin-Qualität nicht zu verachten.

Für den billigen Rausch war man einfallsreich. Schlechter Gin wurde wie im Falle des Old Tom neben verschiedenen Botanicals zusätzlich noch mit einigen Mengen Zucker angereichert. Um dieser Kaschierung von minderwertigem Schnaps dann noch die Krone aufzusetzen, fügten einige Hersteller ihrem Gin zusätzlich noch Sahne hinzu. Geboren war der „Cream Gin“.

3 Herstellungsschritte, die nur einem Zweck dienten: billigen Fusel trinkbar machen. Egal, ob Botanicals, Zucker oder Sahne, im London des 18. und 19. Jahrhunderts war man für den billigen Rausch einfallsreich.

Cream Gin: die Maskerade des Schlechten

Obwohl ich mir sicher bin, dass das Gros der damaligen Londoner Kundschaft nicht die Ursache kannte, so war doch vielen bewusst, dass Cream Gin ein scharfes Destillat deutlich weicher, cremiger macht. Es war daher Gang und Gäbe in Gin Palaces im Viktorianischen Zeitalter Infusionen aus Gin, Zucker und Sahne zu produzieren und diesen dann unter nett klingenden Namen wie „Cream of the valley“ direkt aus dem Fass anzubieten.

Zwar verwandelte man damals schlechten Schnaps durch etwas Sahne nicht gleich in ein Top-Destillat, aber der Effekt von Sahne auf Alkohol war angenehm wahrnehmbar. Und wissenschaftlich erklärbar.

 

Gin zu jener Zeit war, sofern er nicht aus professionellen Brennereien stammte, ziemlich mieses Zeug. Schnell und kostengünstig gebrannt, sollte es nur den schnellen Rausch verschaffen. Sahne hinzuzugeben, machte das ganze Procedere dabei etwas erträglicher.

Billige Spirituosen, wie jene Gins, enthalten zu einem nennenswerten Anteil Fuselalkohole wie Methanol und Isopropanol. Zwar sind auch noch andere Alkohole wie Isobutylalkohol enthalten, verschlechtern eher das Aromen- und Geschmacksprofil. Methanol und Isopropanol hingegen besitzen eine markante alkoholische Schärfe und äußerst gesundheitsschädliche Eigenschaften. So wird Isopropanol heutzutage häufig als fettlösliches Lösungsmittel in Industrie und Technik verwendet.

Durch die in der Sahne enthaltenen Fette und Proteine kommt es mit einem beträchtlichen Teil der Alkohole zu chemischen Reaktionen. Sowohl werden Proteine denaturiert, als auch Fette gespalten, wodurch Ester-Verbindungen entstehen.

Natürlich wird der dadurch entstandene Cream Gin nicht weniger gesundheitsschädlich, es macht ihn jedoch „trinkbarer“.

Zudem bildet fetthaltige Sahne einen dünnen Fettfilm im Mundraum. Dieser reduziert zusätzlich den beißenden Charakter billigen Fusels.

Cream Gin heute

Cream Gin ist heute der verstoßene, schwarze Kater der Gin-Familie. Betrachtet man seine historische Bedeutung, kann man darüber auch heilfroh sein. Wie aber auch beim Old Tom Gin, dessen Entstehung die gleichen Gründe wie die beim Cream Gin sind, ist aber auch hier ein neuer, hochwertiger Ansatz möglich.

Anders als in der ersten Blütezeit des Gins im Viktorianischen Zeitalter, in der Cream Gin häufig zum Standard-Repertoire vieler Bars gehörte, ist diese Kategorie heute fast vergessen. In den vergangenen Jahren gab es exakt einen Versuch Cream Gin wieder zum Leben zu erwecken, und dieser kam aus London.

Als Joint Venture geplant, entwickelten 2013 der britische Online-Shop Master of Malt und die Londoner The Worship Street Whistling Shop-Bar einen modernen Cream Gin. So kommt das Destillat trotz Sahne völlig farblos in die Flaschen, da man die Sahne nicht wie vor 200 Jahren nachträglich hinzugibt, sondern sie wie ein Botanical vor der Destillation behandelt.

Aufgrund der Sahne war eine Destillation mittels herkömmlicher Thermolyse, d.h. Auftrennung nach unterschiedlichen Siedetemperaturen kaum möglich. Die beiden Unternehmen griffen folglich zur Kältedestillation, bei der durch verringerten Druck bei der Destillation nur vergleichsweise geringe Temperaturen benötigen werden.

Zwar erzeugt dies auch Cream Gin aber doch wieder einen gänzlich Anderen als früher. Der Ansatz, die Sahne als Botanical vor der Destillation zu verwenden, erfordert deutlich mehr Geschick. So lässt man sich aber auch das Marketinginstrument „Distilled Gin“ nicht entgehen und darf es sich folglich auf die Flaschen schreiben.

Den historischen Ansatz ihrer Kreation im Hinterkopf, entwickelte The Whistling Shop auf Basis des Cream Gin ihren Signature Drink, den Black Cat’s Martini. Wie passend.


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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Ein Kommentar für Cream Gin – Die vergessene Gin-Kategorie

  1. Matthias 22. Juli 2015 zu 19:08 #

    Doch interessant, das bei allem was über gin in den letzten Jahren zu lesen war, das nie auftauchte.

    gut, es gibt Cocktails, die Gin und Sahne benutzen, aber das ganze in Fässer zu lagern, auf den Trichter muss man erstmal kommen

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