Werbung

3 Chemikalien, die manche Rum-Hersteller ihrem Produkt zugeben

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Bildquelle: Michael Porter/FlickR

Rum ist Rock’n’Roll. Rum ist der Bad Boy der Szene. Warum? Weil Rum im Vergleich zu anderen Spirituosen nur einen kleinen Hauch an Regeln erfährt. Und selbst die werden von manchen Herstellern anscheinend noch gekonnt umgangen. Zum Beispiel durch die nachträgliche Zugabe von Chemikalien wie Aroma- und Süßungsmittel. Ein Blick in eine undurchsichtige Industrie.


Laut Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes machte Rum, Arrak und Taffia im Jahr 2013 einen Anteil von 13,7 Prozent des deutschen Gesamtmarktangebots aller Spirituosenarten aus. Damit liegt das Zuckerrohr-Destillat noch deutlich vor Whisky/Whiskey, Cognac oder Obstbrand.

Und dies ist berechtigt. Nicht nur erschufen sich hierzulande verschiedene Rum-Marken im unteren Preissegment ein solides Image, auch die Anzahl hochwertiger Destillate nahm im Laufe der vergangenen 5 – 7 Jahre kontinuierlich zu. Rum stand zu jener Zeit auf dem Scheideweg vom fast ausschließlichen Wirkungstrink zu einem angesehenen Genussmittel.

Und dies trotz dessen, dass jene Destillate aus Melasse oder Zuckerrohr nicht gerade mit Informationen zu ihrem Ursprung um sich warfen. Auch gab und gibt es nur äußerst wenige international gültige Produktionsvorschriften, die vorgeben, unter welchen Gesichtspunkten Rum oder Rhum hergestellt werden darf. Strenge Verordnungen wie sie beim Scotch die Scotch Malt Whisky Society verteidigt oder beim Cognac unter anderem die Cognac AOC – appellation d’origine contrôlée festlegt, gibt es in diesem internationalen Segment nicht. Ein Rum-Brenner von den Philippinen definiert seine Rum-Regeln anders als einer aus Guatemala.

Was Rum darf und was nicht

Die einzige offizielle Beschränkung die Rum erfährt, wenn er denn in Länder der Europäischen Union eingeführt werden soll, ist in der EU-Spirituosenverordnung festgehalten.

Laut dieser…

…muss Rum aus alkoholischer Gärung aus Zuckerrohr, Melasse/Sirup oder Zuckerrohrsaft gewonnen werden und darf maximal bis 96 %Vol. destilliert werden.

…muss Rum einen Mindestalkoholgehalt von 37,5 %Vol. besitzen.

…darf Rum nicht durch zusätzlichen Alkohol ergänzt werden.

…darf Rum nicht aromatisiert werden.

…darf Zuckercouleur nur zur Farbgebung hinzugefügt werden.

Und auch wenn dies nur sehr wenige und nicht sehr einschränkende Bestimmungen sind, so scheinen sie doch dem ein oder anderen Hersteller zuwider zu laufen. Zumindest legt das ein Analyse-Befund der französischen Blogger-Kollegen von durhum.com nahe.

Laut diesem wurden in diversen untersuchten Rum-Proben auffallend hohe Konzentrationen an Glycerin, Zucker und Vanillin gefunden. Rums, die auch bei uns einen ansehnlichen Ruf genießen. Rums, die auch als „Rum“ verkauft werden und sich teilweise im Glanz der Kategorien „Premium“ und „Super Premium“ sonnen.

Nun sind dies alles 3 Substanzen, die bei uns Lebensmitteln bedenkenlos zugegeben werden dürfen. Gesundheitsschädliche Begleiterscheinungen sind nicht bekannt, zumal alle 3 Substanzen ebenso auch in der Natur sowie anderen Lebensmitteln vorkommen.

Die Punkte, die mich jedoch stutzen ließen, waren Punkt 3 und 4.

Glycerin, Zucker und Vanillin: „nicht nachweisbare Zusatzstoffe“

Wenn ich an dieser Stelle einmal äußerst penibel bin, dann ist Glycerin mit seinem chemischen Namen Propan-1,2,3-triol ein 3-wertiger Alkohol. Laut Punkt 3 hätte dieser also einem Rum nicht zugegeben werden dürfen. Da man bei der EU-Spirituosenverordnung allerdings davon ausgehen kann, dass hier „Alkohol“ im Sinne Neutralalkohols gemeint ist, kann man diesen Punkt überspringen.

Was allerdings in meinen Augen weitaus gravierender ist, ist der folgende Punkt: „[…]Rum darf nicht aromatisiert werden[…]“. Diese Verordnung sowie den auffallend hohen Vanillin-Gehalt zugrunde legend, stellen die Jungs von trinklaune.de die These auf, dass Don Papa 7 Rum, eigentlich ein Spiced Rum ist, und nicht wie auf dessem Label angegeben, ein „Rum“.

Unabhängig der Kategorisierung drängt sich mir allerdings eine gänzlich andere Frage auf: Wenn Rum nicht aromatisiert werden darf, einzelne getestete Rums jedoch auffällig hohe Konzentrationen an Vanillin besitzen, hätten diese Produkte dann niemals in die EU eingeführt werden dürfen?

Um diesbezüglich weitergehende Analysen in Auftrag zu geben, telefonierte ich vor einigen Tagen mit IfGB Spirituosenanalytik in Berlin. In jenem Gespräch offenbarte sich dann der Grund, warum Rum-Hersteller außerhalb der EU ihrem Destillat in nahezu unbegrenztem Maße Glycerin, Zucker und Vanillin zugeben können: Es ist schlicht nicht nachweisbar.

Zwar kann man wie die Kollegen von durhum.com quantitative Untersuchungen zu Vanillin in Auftrag geben. Die Schlussfolgerung daraus zu ziehen, dass dies künstlich hinzugegeben wurde, ist jedoch nicht möglich. Denn Vanillin kommt durch Holzfasslagerung zwangsläufig ins Destillat. So lassen sich in einer Vergleichsstudie wie jene auf durhum.com zwar Vermutung anstellen, wenn die Vanillin-Konzentration so mancher Rums von der „Norm“ nach oben abweicht. Dies ist allerdings kein eindeutiger Beweis für eine künstliche Zugabe jenes Stoffes. Nur mittels Isotopen-Analyse ließen sich eventuell unterschiedliche Ursprünge der Moleküle herausfinden. Kosten und Aufwand hierfür stünden allerdings nicht in Relation zum Nutzen.

Anders sieht es hingegen im Falle von Glycerin aus. Als Lebensmittelzusatzstoff E422 darf Glycerin in unbegrenztem Maße Lebensmitteln zugegeben werden. Dies geschieht meist aufgrund seiner Wirkung als „Feuchthaltemittel. Wegen seiner wasserbindenden Eigenschaften wird Glycerin eingesetzt, um das Austrocknen von Lebensmitteln zu verhindern.“

Bei Spirituosen wird Glycerin hingegen eingesetzt, um das Destillat weicher zu machen und ihm ein runderes Mundgefühl zu verleihen. Neben Pharmazeutika, Shisha-Tabak, Kosmetika und natürlichen Lebensmitteln ist Glycerin zudem ein Nebenprodukt der alkoholischen Gärung. Aufgrund seiner vergleichsweise hohen Siedetemperatur von ca. 290 °C passiert diese Verbindung jedoch nicht den Destillationprozess, gelangt also nicht ins finale Destillat. Wenn der Rum also vergleichsweise hohe Konzentrationen an Glycerin vorweist, kann davon ausgegangen werden, dass diese nachträglich hinzugefügt wurden.

Da Glycerin gesundheitlich unbedenklich ist, stellt diese Tatsache an sich auch kein größeres Problem dar. Allerdings wird dem Kunden schmackhaft gemacht und suggeriert, dass es seinen Charakter lediglich durch Destillation und Fassreifung erhalten habe.

Wenn alle 3 Verbindungen, die ich oben nannte, gesundheitlich unbedenklich sind, warum schrieb ich dann im Artikel-Teaser „Chemikalien“-Zugabe? Der Begriff ist ziemlich plakativ und in unserer heutigen Gesellschaft haftet dem Begriff „Chemikalie“ etwas Negatives an. Vor allem dann, wenn er in Lebens- und Genussmitteln vorkommt. Man denkt an künstliche Abfallprodukte, Schadstoffe etc. All dies ist beim Rum nicht der Fall. Gibt der Hersteller dem Rum Zucker, Glycerin oder Vanillin zu, sind dies alles Substanzen die gesundheitlich unbedenklich sind und auch ebenso in der Natur vorkommen.

Künstliche Zugabe von Süßungs- oder Aromastoffen ist an sich auch kein großer Akt. Ganze Industriezweige basieren darauf. Auch in der Spirituosenwelt. Was allerdings zu einem negativen Beigeschmack an dieser Stelle führt, ist die Verschwiegenheit so mancher Hersteller. Es werden Produkte als Premium- und Super Premium Rums verkauft und auf internationalen Spirituosen-Wettbewerben prämiert, die allein inhaltlich dieses Prädikat jedoch gar nicht verdienen.

Als vor einigen Jahren das Genre „Rum“ europaweit und international begann, sich durch hervorragende Abfüllungen einen Ruf als Genussmittel aufzubauen, stieg mit ihm auch die Nachfrage. Zurecht, denn das Aromen- und Geschmacksspektrum, das Rum abdecken kann, sucht seinesgleichen. Mit dieser steigenden Nachfrage stieg folglich auch die Produktionsmenge und der Absatz.

Vor allem der Premium- und Super Premium-Bereich boomte dabei und tut dies heute noch. Und Hersteller freuen sich, denn diese Prädikate sind zwangsläufig an vergleichsweise hohe Preise gekoppelt. Gewinnmargen also, die keiner unnötigerweise aufgeben möchte, weil er am Ende doch „nur“ einen Spiced Rum hat.


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.

10 Kommentare für 3 Chemikalien, die manche Rum-Hersteller ihrem Produkt zugeben

  1. kallaskander 3. August 2015 zu 16:28 #

    Hi there,

    beim Vanilin könnte der Vergleich mit einem ebenso lange gelagerten whisky helfen.

    Wenn Rum in gebrauchten Bourbon Fässern gelagert wird, dürften ein Rum und ein whisky in gleichem Alter sofern sie aus dem bourbon cask kommen, einen ähnlichen Vanilingehalt aufweisen.

    Wenn alles mit rechten Dingen zugeht.

    Ich denke daß die Vanillearomen im Rum und whisky aus dem Faß und nicht aus der Destillation kommen. Wäre dem so dürften ein 10 Jahre alter malt aus Schottland und ein 10 Jahre alter Rum aus der Karibik vom Vanilingehalt her nicht weit auseinanderliegen.

    Glykol war auch nicht gesundheitsschädlich aber man konnte dami einen so wunderbaren Spätlesegeschmack bei sehr günstigen Weinen machen… fast wie echt.

    Greetings
    kallaskander

  2. Stefan 3. August 2015 zu 16:37 #

    Vielen Dank für den Artikel, die Auflistung von Durhum zeigt hier -für meinen persönlichen- Geschmack, dass nicht jeder Rum der extrem süffig und ölig (zugleich süß) am Gaumen ist, ein „natürliches“ Produkt ist.
    Eine qualitativ hochwertige Spirituose, egal ob Cognac, Whisky & Co. braucht das m.E. nicht. Mit Zucker lässt sich halt vieles „weicher“ machen.
    Schade, auch hier eine Entwicklung die meinem Anspruch an eine Premiumspirituose -mit entsprechenden Preisen- nicht gerecht wird.

  3. Maddin 3. August 2015 zu 17:46 #

    Das traurige an der Sache ist, dass Rum GERADE wegen seiner (künstlichen) Süße und Weichheit kommerziell so beliebt ist. Botucal, Zacapa, El Dorado. Das sind sie Topseller, das sind die Zuckerbomben.
    Leidiges Thema zu dem schon vor über zwei Jahren in so manchem Rum Forum heftig brutal die Fetzen geflogen sind.

  4. Maddin 3. August 2015 zu 17:51 #

    @kalaskander: GlyCERIN (C3O3H8) bittenicht mit GlyKOL (C2O2H6) verwechseln.
    Glykol= Frostschutzmittel= ziemlich giftig

  5. Daniel@Trinklaune 3. August 2015 zu 18:45 #

    Hallo Philip und schön, dass du an dem eminent wichtigen Thema dran bleibst!

    Die These Spiced Rum ist zunächst unbelegt und entsprang meinen Bauchgefühl. 🙂 Klar ist aber, wie du auch schreibst, es nicht unbedingt ein Premium Produkt ist, wenn man nachträglich etwas hinzugibt.

    Zum Vanillin: DuRhum behauptet, es unterscheiden zu können: For vanillin: it is necessary to distinguish the syringaldehyde molecule which naturally occur during heating of the barrels (this molecule has a characteristic flavor of smoked & spicy) from artificial vanillin, present in the table.
    VG Daniel

  6. whatadrink 3. August 2015 zu 19:59 #

    Ich denke, dass zu diesem Thema für den Moment alles gesagt ist.

    Wo kein Kläger, da kein Richter. Wo keine nachweisliche Schädigung, da kein Verbraucherschützer. Und selbst die Irreführung der Marketing Departments ist so weit verbreitet, dass auch kein Richard Seale o.ä. dagegen rechtlich vorgehen kann/will.

    Und solange sich der gesüßte, geschönte, gespicte oder sonstwas Rum wie geschnitten Brot verkauft, wird der Kunde damit bedient. Letzterer hat – schöne große Spirituosenwelt – in unseren Breiten die Wahl, da es ja auch Massenprodukte gibt die zumindest weitgehend auf „Schönungen“ aller Art verzichten (müssen).

    Artikel zum Thema kann es aber gerade deshalb nie genug geben. Aufklärung ist erforderlich. Vielleicht sollte man zur Vereinfachung in den Supermärkten die verdächtige Ware mit „DAS IST KEIN RUM – FINGER WEG!“-Aufklebern kennzeichnen.

  7. Philip Reim 3. August 2015 zu 20:12 #

    @Daniel:
    Dein Bauchgefühl kann ich allerdings genauso unterschreiben. Denn auch wenn Spiced Rum an sich nicht definiert ist, ist es doch genau das, was hier beschrieben wird. Ein gesüßter, aromatisierter Rum.

    Dass DuRhum behauptet dies unterscheiden zu können, habe ich gelesen. Allerdings ist dies meines Wissens nach falsch.
    Vanillin ist 4-Hydroxy-3-methoxybenzaldehyd und Syringaaldehyd ist 3,5-Dimethoxy-4-hydroxybenzaldehyd. 2 Substanzen, die sich zwar stark ähneln, aber 2 völlig eigenständige sind. Zwar können sie ineinander überführt werden, beide entstehen allerdings meist unabhängig voneinander aus dem Lignin des Holzes. D.h. beides sind Abbauprodukte des Lignins.
    DuRhum schreibt (zumindest lese ich dies so aus deren Text), dass Syringaaldehyd durch die Fasslagerung ins Destillat gelangt, Vanillin allerdings künstlich hinzugegeben wird. Vanillin stammt allerdings ebenso von der Fasslagerung, Genau dieses Vanillin ist auf molekularer Ebene auch völlig identisch mit dem künstlichen, was zum Beispiel im Vanillin-Zucker industriell hergestellt wird. Eine analytische Unterscheidung ist daher auf einfachem Wege nicht möglich, was am Ende auch die Crux an der ganzen Geschichte ist.

    Gruß Philip

  8. Semyon 4. August 2015 zu 13:20 #

    Zumindest was das nachträgliche Süßen von Rum betrifft, handeln die Rumhersteller im Einklang mit der Europäischen Spirituosenverordnung. Danach ist das Süßen von Spirituosen „zur Abrundung des Geschmacks“ nämlich grundsätzlich erlaubt, es sei denn, es ist im Einzelfall verboten. Für Whisky beispielsweise gibt es so ein Verbot, für Rum hingegen nicht. Es gibt noch nicht einmal europaweit einheitliche Höchstmengen! Dementsprechend sind die Hersteller frei darin, ihrem Rum soviel Zucker zuzusetzen, wie sie meinen, dass es dem Geschmack des Produkts zuträglich sei.

    Grüße
    Semyon

  9. Philip Reim 4. August 2015 zu 13:46 #

    Hallo Semyon,

    das mag sein. Da der Punkt „zusätzliche Süßstoffe“ in der EU-Spirituosenverordnung nicht aufgelistet ist, kann davon ausgegangen werden, dass Rum gesüßt werden darf. Dies war allerdings auch nicht das Thema des Artikels. Dort ging es um Glycerin und vor allem Vanillin.

    Gruß Philip

  10. Sebastian 6. August 2015 zu 00:45 #

    @kallaskander
    So einfach funktioniert das Vergleichen von Abfüllungen nicht, du müsstest schon ein Whiskyfass in der Karibik und ein Rumfass in Schottland lagern um tatsächlich eine Aussage treffen zu können – die Fässer „altern“ durchs Klima unterschiedlich.

    Aber es würde sich doch für Premium-Hersteller anbieten sich klar von Zugaben zu distanzieren, es aufs Label zu schreiben, 10% auf den Preis von vergleichbaren Produkten zu schlagen und glücklich werden.

Schreibe einen Kommentar