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Indien ist die eigentliche Whisky-Macht im Hintergrund

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Bildquelle: M M/FlickR

Mit über 1,2 Milliarden Einwohnern ist Indien nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Welt, auch der Durst nach Whisky schafft dort Weltrekord. Zudem wurde erstmals 2015 eine indische Whisky-Marke zum weltweiten Spitzenreiter seines Genres. Verständlich, dass die ausländische Konkurrenz mit den Hufen scharrt. Grund genug für einen Blick in die Whisky-Welt Indiens.


Exotische Whiskys bzw. Whisky-Nationen bezeichnet man heute nicht mehr als „Exoten“, sondern als „World Whisky“. Es heißt, man wolle jene Märkte und Produkte nicht kategorisch abwerten und hinter die bekannten Whisky-Nationen anstellen.

Naja, wenn es nur so einfach wäre, diese Einstellung allein mit einem neuen Begriff zu ändern.

Im Falle von Indien trifft es der Begriff „Exot“ meiner Ansicht jedoch äußerst präzise. Allerdings nicht abwertend gemeint. Als ich mich ernsthaft und intensiv mit dem indischen Spirituosen- und vor allem Whisky-Markt auseinandersetzte, kam ich teils aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Eine der größten Whisky-Nationen der Welt fährt, was die Definition dieses Getränks angeht, eine derart andere Linie, dass man sich fast fragen könnte, wer hier eigentlich der Außenseiter ist: Indien oder der Rest der Welt?

Ein Blick in das größte Whisky-Land der Welt

Nach China und Russland steht Indien auf Platz 3 der größten Spirituosenmärkte der Welt. Im Bereich „Whisky-Konsum“ ist das Land am Indus sogar Spitzenreiter, die indische Officer’s Choice seit vergangenem Jahr die größte Whisky-Marke weltweit.

Erstaunlich ist dabei, dass das bekannte Destillat in Indien eigentlich eher eine extravagante Tradition hat. Dabei ist Whisky erst in den letzten paar Dekaden richtig populär geworden, was nicht zuletzt an einer Ausbreitung der indischen Städte, Erhöhung des Prokopf-Einkommens und einer größeren Verfügbarkeit verschiedener Marken liegt.

Vor allem aber, da der indische Whisky-Markt insbesondere im Premium-Bereich sowohl wert- als auch mengenmäßig ansehnliche Zuwächse verzeichnet, stehen internationale Spirituosenkonzerne Gewehr bei Fuss, sobald indische Einfuhrzölle für hochprozentige Alkoholika von derzeit weit über 100 % gelockert werden. Zwar haben manche Branchen-Größen bereits einzelne Import-Verträge, die große Einfuhrwelle steht allerdings noch vor der indischen Grenze.

Sollte dieser Fall in geraumer Zeit eintreten, dann stehen westliche Unternehmen vor einer Trinkkultur, die mit europäischem oder angelsächsischem Maßstab nicht verglichen werden kann.

Alkoholische Getränke in Indien werden laut Russell 2014, für europäische Augen völlig unbekannt, in „distilled spirits“, „country spirits“ und „beer“ unterteilt. Whisky mit all seinen Subkategorien fällt dabei in die erste Kategorie, die sogenannten IMFL (laut Fernandes und Desai, 2013: Indian Made Foreign Liquor). Was mich jedoch an dieser Stelle am meisten faszinierte, war die Tatsache, dass Spirituosen ca. 70 Prozent des gesamten indischen Alkoholmarktes ausmachen. Weit vorne ab vor Bier und Wein. Whisky macht mit 55 Prozent zudem den Löwenanteil der IMFL aus.

Während sich Japan mittlerweile zu einer festen Größe der Whiskywelt hoch gearbeitet hat, wird Indien hinsichtlich Whisky-Standpunkt aus europäischer Sicht gerne als Entwicklungsland bezeichnet. Dabei besitzt jener asiatische Staat eine Whisky-Tradition, die im 19. Jahrhundert begann. Deutlich länger also als in Japan. Und länger als in Deutschland sowieso.

Ähnlich wie bei der Ausbreitung des Gins hatten auch hier die Briten ihre Finger im Spiel. Durch die britische Kolonialherrschaft (British Raj) kam Indien erstmals mit dem Getreidebrand in Kontakt. Wie ironisch, dass sich deren Herstellung jedoch deutlich von der britisch-schottischen unterscheidet, es aber nur einige Jahrzehnte dauerte bis sie Weltmarktführer in eben dieser Kategorie wurden.

 

Indian Whisky: eine eigene Kategorie

Der markanteste Unterschied zwischen indischen und westlichen Whisky-Standards liegt im Neutralalkohol. Indische Whiskys werden üblicherweise mit Neutralalkohol vermählt, der meist als „extra neutral alcohol“, kurz: ENA, bezeichnet wird. Dieser wird üblicherweise aus Zuckerrohr-Melasse gewonnen, was ursprünglich rein pragmatische Gründe hatte: Zuckerrohr gibt es in Indien im Überfluss.

Nun fällt es natürlich leicht aus europäischer Sicht auf diese exotisch anmutende Whisky-Variation mit einer gewissen Arroganz zu blicken. Fakt ist jedoch, dass sich dieser Blend zu einer eigenen Kategorie mit unterschiedlichen Qualitätsstufen entwickelt hat. Unter anderem aus der Not heraus, da ausländische Whisky-Importe für die Mehrheit der Bevölkerung schlicht nicht bezahlbar waren. Aus dieser „In der Not frisst der Teufel Fliegen“-Mentalität heraus, hat sich eine völlig eigenständige Spirituosenkategorie entwickelt, die aus historischen Gründen in Indien als „Whisky“ bezeichnet wird.

Indischer Whisky wird grundsätzlich in 5 verschiedene Kategorien eingeteilt. Kategorien, die entsprechend der Qualität und des Preises klassifiziert werden und dadurch verschiedene Gesellschaftsschichten ansprechen sollen.

Am unteren Ende dieser Skala befinden sich sogenannte Economy Whiskys. Diese werden ausschließlich aus ENA hergestellt, dem zusätzlich noch Aromastoffe zugegeben werden. Geht man die Qualitätsleiter nach oben, gelangt man über Regular, Prestige hin zu Premium Whiskys. Je nach Qualitätsstufe werden indische Malts mit Scotch Malt Whiskys unter Zugabe von ENA vermählt. Je höher die Stufe, desto weniger ENA.

Die Speerspitze indischer Whisky-Kategorien bilden schließlich Single Malts. Wie auch in Schottland basieren indische Single Malts ausschließlich aus gemälzter Gerste und reifen in Fässern aus Eichenholz.

Nach wie vor machen die Qualitätsstufen Economy und Regular 70 % des gesamten indischen Marktes aus. Vor allem jedoch bei Regular konnte in den letzten Jahren ein Rückgang der Verkaufszahlen beobachten werden. Zugunsten von Prestige und Premium.


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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4 Kommentare für Indien ist die eigentliche Whisky-Macht im Hintergrund

  1. Simon 11. August 2015 zu 16:54 #

    China!!

  2. Matthias 11. August 2015 zu 21:39 #

    China ist bekannt, sprich sie sind nicht im Hintergrund.

    Indien ist echt quasi das Damoklesschwert über den Whiskykonsumenten in Europa, denen es finanziell nicht egal ist ob die Flasche 50 oder 100€ kostet.

    sollte Indien seine Einführzolle in größerem Ausmass absenken, ist mit Preissteigerungen zu rechnen, wie man sie bisher in Deutschland maximal bei alten Bourbons und Ryes erlebt hat.

  3. Philip Reim 12. August 2015 zu 08:09 #

    Ja, definitiv. Eine Liberalisierung der Einfuhrzölle in Indien würde dem abflauenden Whisky-Markt nochmal einen gigantischen Schub geben. Der wäre allerdings sehr unausgeglichen. Wie du bereits erwähnt hast, würden die Preise in Europa stark ansteigen. Was letztlich noch zu einer Beschleunigung der Whisky-Rezession hier in Europa führt.
    Aber für die Scotch-Szene wäre das in erster Linie eine sehr positive Nachricht. Und im ganz speziellen für die Aktienbesitzer von DIAGEO, Pernod Ricard etc.

    Gruß Philip

  4. kallaskander 12. August 2015 zu 09:23 #

    Hi there,

    an China hat man gesehen, wie unberechenbar diese emereging markets sind, auf die die Spirits Giganten setzen.

    Indien ist da noch eine ganz andere Nummer.

    Es stimmt zwar, daß in Indien jedes Jahr um die 70-80 Millionen Menschen die Volljährigkeit erreichen und ganz legal unbegrenzt Alkohol kaufen und konsumieren dürfen.
    Es ist auch richtig, daß es in diesem Schwellenland eine durch wirtschaftlichen Erfolg immer breitere Mittelschicht gibt, die Geld übrig hat um prestigeträchtige ausländische Luxusgüter zu erwerben.

    Gleichzeitig steht in der indischen Bundesverfassung und auch in einzelnen indischen Bundesstaaten nochmal extra die Prohibition als Staatsziel. Also ein trockenes Indien.

    In einigen indischen Bundesstaaten wird es immer mal wieder versucht, mit der Folge daß Hunderte am Genuß von Schwarzgebranntem sterben – und man darf sicher sein, daß in Indien keiner wissen kann, was in solchen Erzeugnissen wirklich alles drin ist.

    Es gilt daher für alle diese emerging markets daß sie große Chancen bieten aber die Herren Konzerncheffes gerne die Risiken ausblenden.

    Greetings
    kallaskander

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