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Tschin im Test

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Ich habe es mittlerweile aufgegeben, über den Gin-Markt zu lamentieren. Ein Markt, der aus allen Nähten platzt. Und sind wir doch mal ehrlich. Der Endverbraucher trägt ja auch nicht das Risiko einer neuen Geschäftsidee. Auch nicht die eines neuen Gins. Vielmehr kann er unter Tausenden seine Lieblinge wählen. Ob es der neue, puristische Tschin in eine solche Riege schaffen kann, konnte ich mir kürzlich selbst ansehen.


TschinHinsichtlich Design kann man beim neuesten Schweizer Gin „Tschin“ nicht meckern. Er dreht den Spieß eines ausgefallenen Designs einfach um und gibt sich äußerst spartanisch und puristisch. Angefangen beim Namen Tschin, der letztendlich nichts anderes ist als die Lautschrift des entsprechenden englischen Begriffs.

Auch die Aufmachung kann sich sehen lassen. Sie fällt auf. Das Label erinnert mich etwas an eine gewisse Pippi Langstrumpf-Optik. Handgemachtes Papier, Farben mit Pinsel aufgetragen. Aber gerade dieses verspielte, kindliche Design macht Tschin zum Unikat.

Und selbst um irgendwelche Kategorie-Bezeichnungen scheint sich der Schweizer Ruedi Käser bei seinem Destillat nicht zu scheren. Es ist halt, was es ist. Ein Destillat mit Wacholder im Vordergrund.

Ähnlich simpel und übersichtlich setzt Käser das Rezept für sein Destillat an. Lediglich 4 Botanicals finden Eingang in den Tschin. Eine Anzahl, die mich selbst nach Dutzenden verkosteten Gins ins Staunen versetzt. Noch nie hatte ich einen Gin im Glas mit einer derart niedrigen Anzahl an Drogen.

Laut Flaschenaufdruck werden für den Tschin lediglich Wacholder, Kirschenblüten, Waldmeister und Walderdbeeren verwendet. Alle aus dem schweizerischen Fricktal, alle aus den Wäldern im Umkreis der kleinen Destillerie.

Degustation des Tschin

Der Tschin liegt auffallend ölig im Glas und bildet wenige, dafür schwere Tropfen, die nach dem Schwenken auf den Glasboden zurückfallen.

Mit den 4 Botanicals im Hinterkopf konnte ich nur den Kopf schütteln, als ich das erste Mal das Glas zur Nase hob. Der Tschin ist kraftvoll und lebt förmlich von den herben und harzigen Tönen des Wacholders. Man fühlt sich in einen verregneten Nadelwald versetzt. Die Kirschblüten liegend im Hintergrund, verleihen dem Wacholder allerdings eine leicht verspielte, fruchtige Note.

Auch im Mund liegt der Fokus des Tschins ganz eindeutig auf einem Botanical: Wacholder. Der Geschmack ist kräftig und mundfüllend. Genauso wie in der Nase kommen hier die herben und harzigen Noten des Wacholders äußerst ansprechend hervor. Zudem ist er ausgesprochen mild. Zu keinem Zeitpunkt zeigen sich störende Alkoholnoten. Lediglich eine gewisse geschmackliche Raffinesse und Spritzigkeit fehlen hier, um den Eindruck im Mund auf das Niveau der Nase und des Nachklangs zu bringen.

Letztendlich zeigt auch der Nachklang des Tschin, was einige Gin-Hersteller mittlerweile übersehen. Allein der Wacholder kann einen Gin aromatisch enorm tragen. Es braucht gar nicht mehr viel Zusätzliches. Denn auch am Gaumen bleibt der Tschin, dem Wacholder geschuldet, kraftvoll und trocken zurück. Erstmal gucken hier auch die Walderdbeeren einschließlich Süßholz, Kamille, Stachelbeeren und schwarzer Johannisbeeren hervor. Dezent, aber erkennbar.

Der schweizerische Tschin ist meiner Ansicht nach einer spannendsten Gins und größten Geheimtipps, die derzeit den Markt betreten. Nicht nur führt er moderne Marketing-Maßnahmen mit seinem kindlich-ländlichen Aussehen ad absurdum, auch der Inhalt ist eine Ohrfeige für die Konkurrenz. Qualität hängt eben doch nicht von der Anzahl der Zutaten ab, sondern was man daraus macht.

Details:

Art: Dry Gin

Alter: k. A.

Jahrgang: k. A.

Alkohol: 40 %Vol.

Preis: 39,95 € à 0,5 l

                    Region: Fricktal/Schweiz

                    Bottler: Kaesers Schloss

                        Fazit: 9/10 Punkten


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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4 Kommentare für Tschin im Test

  1. Steffen 27. August 2015 zu 22:17 #

    Es handelt sich um ein Design, welches von seiner Aufmachung her geeignet ist, kleinen Kindern zu gefallen und deren Interesse zu wecken. Ein solches Design ist grundsätzlich ungeeignet für hochprozentige Spirituosen. Im Beitrag selbst wird ja von verspielten, kindlichen Design gesprochen, ohne das kritisch zu würdigen.
    Ich will ja hier nicht als Spielverderber oder verschrobener Nörgler dastehen, aber ich würde mir wünschen, Ihr würdet Euch eindeutig positionieren und klarstellen, dass das Design so nicht tragbar ist.

    • Ursus 13. Januar 2016 zu 09:21 #

      Ich würde meine Kids generell von der Schnapsbar fernhalten – und den Tschin verstecke ich hinter ein paar unauffälligen Flaschen, aber nicht vor den Kindern, sondern vor allzu neugierigen Freunden. Die sollen erst einmal einen Klassiker (bei mir Plymouth) würdigen, bevor sie ihrem Gaumen mit dieser CH-Spezialität und einem selbstgemachten Tonic schmeicheln dürfen 😉

  2. Philip Reim 28. August 2015 zu 08:03 #

    Hallo Steffen,

    Design und Kreativität hat immer etwas Subjektives. Nur weil sich der Hersteller für ein schlichtes Design entschieden hat, ist es aber noch lange kein Kinderspielzeug. Daher sehe ich keinen Grund, warum wir uns hier gegen irgendetwas positionieren sollten.

    Gruß Philip

  3. Markus 28. August 2015 zu 10:37 #

    Gutes Design ist so schlicht, daß man es mühelos über Jahrzehnte anschauen kann, ohne daß es an Aktualität verliert.

    Basis dafür kann nur eine sehr gute, clevere Idee sein. Für mich ist das in diesem Fall wunderbar umgesetzt.

    Super, daß der Tschin dann selbst genauso reduziert aufgebaut ist und nicht so unsäglich verkünstelt daher kommt, wie so viele Produkte heutzutage.

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