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Negroni Cocktail – Wie ein Drink der 1920er eine Aperitif-Kultur definierte

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Bildquelle: maxandrew/Fotolia

Genau genommen ist der Negroni heute kein Drink mehr, er ist viel eher ein Lebensgefühl. Ein Lebensgefühl, aufgebaut aus 3 Zutaten. Was sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Italien anschickte, zum Standardrepertoire einer Bar zu werden, sollte heutzutage allerdings nicht mehr auf seine einfache Rezeptur reduziert werden. Für einen guten Negroni muss man einfach experimentieren.


Wie verführerisch einfach und übersichtlich die Rezeptur eines Negronis doch ist. 3 Ziffern, immer dieselbe. Campari, roter Vermouth und Gin zu gleichen Teilen. 1:1:1. Aber auch wenn man sich hiermit an historische Vorgaben hält, mit dem Original-Drink von Graf Camillo Negroni zur Jahrhundertwende hat dies nicht mehr viel gemein. Hierfür veränderten die jeweiligen Unternehmen zu viel an der Originalrezeptur der Ingredienzen.

EIN ITALO-AMERIKANER DER NACHKRIEGSZEIT

Hochwertige US-amerikanische Produkte scheinen uns Europäer zu faszinieren. Vor allem wenn es um gehobene Barkultur geht. Dies ist so und dies war vor Jahrzehnten so. In einer Zeit als sich Europa gerade vom Ersten Weltkrieg die Wunden leckte, schien alles Amerikanische auf europäischem Boden ein Hit. Wo „Amerika“ drauf stand, war bestimmt auch was gutes drin. So zumindest die damalige, durchschnittliche Einstellung.

So ist es heute auch wenig verblüffend, dass sich in den Jahren nach 1917 ein Drink in Italien zum Bestseller entwickelte, der sowohl typisch italienische Zutaten beinhaltete, aber das neue, spannende Amerika hingegen im Namen trug. Der Drink von dem ich hier gerade schreibe, ging um 1918 in die Cocktail-Geschichte ein. Ein Drink aus Campari, rotem Vermouth und Soda. Der Americano. Dieser gilt heute unzweifelhaft als Vater des Negroni.

Dass beide, sowohl Americano als auch Negroni, Drinks sind, die auf einer eher unkonventionellen Basis-Spirituose basieren, war kein Zufall. Zumindest nicht, wenn man nach Italien des 19. und 20. Jahrhunderts blickt.

Ähnlich wie in Frankreich besaß und besitzt Italien eine ausgeprägte Prä- und After-Dinner-Kultur. Das heißt, hochprozentige Getränke als Speise-Begleitung gehören zum guten Ton, bringen Lebensgefühl. So funktioniert hierfür prinzipiell alles, das appetitanregend bzw. verdauungsfördernd ist, und allem voran: zur Geselligkeit beiträgt.

Seit 1782 der Italiener Antonio Benedetto Carpano (heute u.a. erhältlich: Carpano Antica Formula) allerdings den ersten Vermouth produzierte, entwickelte sich dieser aromatisierte, aufgespritete Wein zu einer festen Größe im Aperitif-Geschäft. Auch wenn Campari keinen Vermouth macht, noch nicht einmal ein Amaro ist, so war dies dennoch ein essentieller Schritt hin in Richtung Negroni.

Carpanos Produkt ist, banal ausgedrückt, nichts weiter als ein Mazerat aus diversen Kräutern und Gewürzen. Ein Amaro wie Fernet-Branca oder ein Bitter wie Campari war dann nur noch die logische Schlussfolgerung, nachdem Hersteller sahen, welche kommerziellen Wellen Vermouth geschlagen hatte.

Laut Autor Gaz Regan wird dem Negroni allerdings eine Ehre zuteil, die nicht viele andere Cocktails besitzen. Während bei vielen legendären Drinks die Herkunft nebulös und ungeklärt bleibt, lassen sich beim italienischen Sommerdrink gleich mehrere seiner Generation belegen. Eine Art Negroni-Stammbaum.

In seinem Buch „The Negroni: Drinking to La Dolce Vita, with Recipes & Lore“ nennt Regan den Milano-Torino als Vorläufer des Americano. Folglich eine Art Großvater des Negroni. Beim Milano-Torino handelt es sich, ganz pragmatisch, um einen Drink aus Campari aus der Stadt Mailand (ital.: „Milano„) und Vermouth der Firma Martini & Rossi aus Turin (ital.: „Torino„). Fügt man diesen beiden nun noch einen Schluck Soda hinzu….was hat man dann? Richtig, einen Americano.

Im Jahre 1919 waren sowohl der Milano-Torino als auch der Americano bereits feste Größen im italienischen Bar-Geschäft. Auch im Caffè Casoni in Florenz, heute Caffè Cavalli. Eine Bar, in der zur damaligen Zeit gerne eine illustre Gestalt ihre Drinks zu sich nahm. Die Rede ist von Graf Camillo Negroni. Gerade von einer längeren USA-Reise zurückgekehrt, bat er den damaligen Bartender Fosco Scarselli um einen Americano. Nur nicht ganz so schlaff. Etwas härter, etwas rauer. Die Wahl fiel auf Gin als Ersatz für Soda. Alles im Verhältnis 1:1:1.

Auch wenn diese Entstehungsgeschichte des Negroni heute als relativ gesichert gilt, gibt es dennoch eine weitere Theorie zur Herkunft. Laut dieser geht jener italienische Drink auf den General Pascal Olivier de Negroni, Count de Negroni zurück. Inwieweit dies zutrifft ist fraglich. Erschwerend kommt hinzu, dass „Negroni“ bereits im Italien des frühen 20. Jahrhunderts kein seltener Nachname war. Es bleibt also Raum für Spekulationen.

DER NEGRONI – EINORDNUNG ALS DRINK

Mir sind bis jetzt nur sehr wenige Bartender begegnet, die den Negroni nicht in ihre persönlichen Bestenliste setzen. Aber warum gerade dieser eine italienische Drink? Die Welt ist voll mit interessanten, raffinierten Drinks. Warum gerade der Negroni? Diese Frage beschäftigt mich nicht nur seit langem, sie ist auch immer wieder Gegenstand lebhafter Diskussionen mit Bartendern und Cocktail-Enthusiasten.

Meine persönliche Vermutung liegt in 2 Punkten. Der eine ist die geschmackliche Harmonie des Drinks. Trotz äußerst simpler Zubereitung bringt der Negroni eine nahezu perfekte Balance der beiden Geschmacksrichtungen bitter und süß. Zudem ist er ein sehr kräuter- und gewürzlastiger Cocktail. Jede Zutat, egal ob Amaro, Vermouth oder Gin, basiert auf einem Mazerat, bei dem der Hersteller in gewissen Grenzen völlige aromatische Narrenfreiheit hat. Der Negroni ist im Mund also verspielt und trotzdem in sich harmonisch.

Ein nicht minder entscheidender Punkt für den Erfolg dieses Italieners, sind die Assoziationen, die er mit sich bringt. Eine Art Sommer-Romantik. Wenige Cocktails wecken derart Sehnsucht nach italienischem Lebensgefühl wie der Negroni. Mit dem Aperol Spritz versuchte das Unternehmen Campari dies zwar vor wenigen Jahren medial aufzusetzen, einen nachhaltigen Erfolg wie beim Negroni hatte dies allerdings nicht.

Wie wenige andere Drinks ist der Negroni zweifelsohne an den Bitterlikör Campari gekoppelt. Ohne Campari keinen richtigen Negroni. Aber auch wenn das Unternehmen Campari beteuert, dass sich seit 150 Jahren nichts an der Originalrezeptur geändert hat, bezweifle ich dies jedoch stark.

Kein Beweis, aber zumindest ein Indiz hierfür ist der Farbstoff des Likörs. Bis ins Jahr 2006 verwendete das Unternehmen zur Färbung seines Produkt den Stoff Karmin, gewonnen aus getrockneten Cochenilleschildläusen. Vor 9 Jahren ging das italienische Unternehmen dann auf eine künstliche Alternative über.

Das Original-Rezept von Campari wurde also zumindest in diesem, wenn auch nicht geschmacksrelevanten Punkt angetastet.

Eine der Errungenschaften der modernen Barkultur ist allerdings ihre Neugierde. Vor allem in Hinblick darauf alte Rezepturen neu zu interpretieren. Genau aus diesem Grund hat es dieser Drink ganz einfach verdient, dass man mit seinem engen Zutatenkorsett experimentiert. So wie zum Beispiel auf dem diesjährigen Bar Convent in Berlin. Dort tun sich 3 deutsche Marken in der so genannten Negroni Lane zusammen, um diesem Drink eine neue, deutsche Interpretation zu verleihen. Die bitter-süße Basis stellt der bayerische Amaro Mondino, der Vermouth kommt aus dem Hause Belsazar und den Gin liefern die Hamburger von Gin Sul.

Original-Rezeptur (adaptiert):

  • 3 cl Campari
  • 3 cl Martini & Rossi Vermouth Rosso
  • 3 cl Dry Gin

 Alternative Rezeptur:

  • 2 cl Campari
  • 3 cl Belsazar Vermouth Rouge
  • 4 cl Gin Luum

Zubereitung:

Alle Zutaten werden in einem Tumbler auf Eis verrührt. Anschließend eine halbe Orangescheibe und -zeste hinzugeben.

Zum Wohl!


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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Ein Kommentar für Negroni Cocktail – Wie ein Drink der 1920er eine Aperitif-Kultur definierte

  1. Sigi Spaeth 7. Oktober 2015 zu 11:29 #

    Schöner Bericht bin schon über 50 Jahre im Bargeschäft und stelle fest das der Negroni in den letzten Jahre wieder Auferstanden ist zuvor hat dieser Drink in den Barkarten eine Stiefmütterliches dasein in all meiner unzähligen Reisen habe ich festgestellt das viele Barkeeper den Negroni in der untersen Schublade hatten schön das dieser Drink eine Renaissance erfährt LG Sigi Spaeth

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