Boulevardier Cocktail – Ein Negroni-Twist zwischen den Weltkriegen » Eye For Spirits

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Boulevardier Cocktail – Ein Negroni-Twist zwischen den Weltkriegen

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Bildquelle: Jasperdo/FlickR

Man kann über die US-Prohibition von 1919 bis 1933 sagen, was man will. Sie hatte für die Spirituosen- und Cocktail-Kultur allerdings auch ihre positiven Seiten. Naja, so vorteilhaft ein umfassendes Alkoholverbot eben sein kann. Aber vor allem für Europa und deren Bar- und Cocktailszene war es in Teilen ein Segen. Der Boulevardier Cocktail ist der flüssige Beweis dafür.


Dieser Drink ist nichts für Weicheier. 3 Zutaten und jede bringt Alkohol mit ins Glas. Und ein Sammelsurium an diversen Aromen. Dabei ist der Boulevardier Cocktail, bricht man ihn auf seine Rezeptur herunter, nichts anderes als ein modifizierter Negroni. So gesehen eine Art Negroni-Twist der späten 1920er Jahre.

Als der Negroni 1919 erstmals in Florenz das Licht der Bartresen entdeckte, war er lediglich eine Erweiterung zweier damals in Italien bekannter Cocktails. Sowohl der Milano-Torino als auch der Americano waren damals bereits Jahre mit ihrer Mischung aus Campari und Vermouth eine feste Größe der italienischen Aperitivo-Kultur. Mit deren Rezepturen dann zu spielen, war lediglich der logische Schlusspunkt. Die Neugier verschiedener Bartender vorausgesetzt.

886 KILOMETER ZWISCHEN GIN UND BOURBON

Das Bewundernswerte an dieser Melange aus Campari und Vermouth finde ich allerdings die Geschwindigkeit, mit der sie sich in Europa der 1920er ausbreitete. Facebook? Nope. Twitter? Nö. Email? Auch nicht. Die Welt war selbst vom ersten Computer noch weit entfernt. Um also diese CV-Melange in die Welt hinauszutragen, brauchte es entweder das gedruckte Wort oder ganz klassisch eben das gesprochene.

In einer überschaubaren Zeit gelangte also das Wissen um die Zubereitung eines Negronis mit seinem Campari, Vermouth und Gin aus seiner Heimatstadt Florenz ins 886 Kilometer entfernte Paris. An den Tresen von Harry McElhone auf dem Weg ein Boulevardier Cocktail zu werden.

Die US-Prohibition zwang McElhone, sofern er seinen Beruf als Bartender weiter ausüben wolle, zur Emigration. Über Umwege strandete der New Yorker in Paris und eröffnete dort in den 1920ern Harry’s New York Bar, Europas erste klassische American Bar.

Die Bar hatte Erfolg, vor allem kreativen. McElhone und seine Bartender mixten den durstigen Europäern namhafte Cocktails aus der Prä-Prohibitionszeit. Um aber mehr als ein Schausteller vergangener amerikanischer Barkultur zu sein, experimentierte man in Harry’s New York Bar auch viel mit regionalen Zutaten. Wobei regional hier in erster Linie „europäisch“ bedeutet.

So fanden sich in den Mittzwanzigern jene beiden Geschmackswelten in einem Glas wieder. Der europäische Stil mit Campari und Vermouth aus Italien und Bourbon Whiskey aus den USA. Ein Drink, der auf den Namen Boulevardier getauft wurde.

Wie weniges in der Cocktail-Geschichte ist die Rezeptur und Begriffsentstehung rund um den Boulevardier Cocktail zweifelsfrei belegt. Ganz einfach aus dem Grund, weil McElhone 1927 sein Buch „Barflies and Cocktails“, in dem der Boulevardier Cocktail erstmals aufgeführt wird, herausbrachte.

Zur Zeit in der McElhone Harry’s New York Bar in Paris betrieb, arbeitete ein Freund von ihm bei einer französischen Zeitung. Der Freund: Erskine Gwynne, Schriftsteller und Neffe von Alfred Gwynne Vanderbilt. Die Zeitung: The Paris Boulevardier, Zeitung für amerikanische Auswanderer.

In Anlehnung an eben dieses nannte McElhone seine flüssige Schöpfung aus Bourbon, Campari und Vermouth The Boulevardier Cocktail.

THE BOULEVARDIER – DER DRINK

Durch die Wahl McElhones dem Negroni den Gin zu entziehen und ihn stattdessen durch Bourbon Whiskey zu ersetzen, gab diesem Drink deutlich mehr Volumen. Nicht unbedingt wegen seiner Füllmenge, sondern vielmehr aufgrund des mundfüllenden, kräftigen Aromas eines Bourbons.

Zudem rückte McElhone den Drink aromatisch etwas mehr in Richtung Basis-Spirituose. Mit 4,5 cl in der Originalrezeptur ist Bourbon, neben jeweils 3 cl Campari und Vermouth, die volumenmäßig größte Zutat.

Bedenkt man, dass Harry’s New York Bar ein großes Standbein in alten US-Drinks hatte, kann davon ausgegangen werden, dass Rye Whiskey ebenfalls zum Einsatz kam. Allerdings nicht in Übermaßen. Wurden die meisten Rye Distilleries der USA zwischen 1919 und 1920 aufgrund des Volstead Acts ja geschlossen. Den Kopf über Wasser halten, konnten damals nicht viele. Wenn dann gelang es aber manchen Bourbon-Herstellern am besten.

Zudem kommt der Boulevardier Cocktail dezent süßer daher als sein italienischer Vorfahre. Während der Negroni nach rotem Vermouth verlangt, sieht die Originalrezeptur des Boulevardier aus dem Jahre 1927 süßen Vermouth vor.

Zutaten:

  • 4,5 cl Bourbon Whiskey
  • 3 cl Campari
  • 3 cl Vermouth süß

Zubereitung:

Alle Zutaten werden in einem Rührglas auf Eis verrührt. Anschließend in ein vorgekühltes Cocktail- bzw. Martini Glas abseihen. Zum Schluss noch mit einer Kirsche dekorieren.


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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