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Was du über klassischen, deutschen Rum wissen solltest

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Bildquelle: Karolina Lubryczynska/FlickR

Flensburg – die nördlichste Stadt der Bundesrepublik, die „von-bis-Stadt“ (von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen) und die Stadt, in der man die Punkte der sündigen Autofahrer registriert. Noch etwas? Aber ja! Flensburg ist die Rumstadt Deutschlands. Letzteres dürfte den wenigsten noch etwas sagen.


Mit dem Segelschiff Neptunus begann Mitte des 18. Jahrhunderts ein einträglicher Handel zwischen dem damals zu Dänemark gehörenden Flensburg und der  Insel St. Croix in der Karibik, dem Dänisch-Westindien.

Vor allem Zucker, aber auch Rum, Tabak und Baumwolle wurden importiert. Im Gegenzug gingen Lebensmittel und Güter aller Art aus Europa in die Karibik. Afrikanische Sklaven wurden gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen auf den Plantagen zu arbeiten, das Zuckerrohr zu schlagen und zu verarbeiten. Nur deswegen konnten Zucker und somit auch Rum so günstig produziert werden. Ein Dreieckshandel entstand.

Schiffe fuhren von Flensburg aus mit Fertigwaren nach Afrika, nahmen dort Sklaven auf, transportierten diese in die Karibik und kamen mit den begehrten Produkten nach Europa zurück.

Verschiedene Handelshäuser entstanden zu jener Zeit in der Fördestadt. Jedes hatte seine eigenen Rezepturen und bot unterschiedliche Qualitäten an Rum. Die an sich klare Spirituose, der Rohrum, erlangte durch die Lagerung in Holzfässern einen aromatischen Geschmack und die charakteristische gold-bräunliche Farbe.

Zur Blütezeit des Rums, also zu Beginn des 19. Jahrhunderts, wurde jährlich fast eine Million Liter Rum importiert. Dabei war Rum ursprünglich nur ein Nebenprodukt der Zuckerherstellung – sein Ausgangsstoff, die Melasse, entstand beim Einkochen des Zuckersafts.

Nachdem Dänemark 1864 den südlichen Teil des Herzogtums Schleswig und somit auch die Stadt Flensburg an Preußen abtreten musste, endete der direkte Handel mit den dänischen Kolonien.

Der Rum wurde nun nicht mehr aus dem Dänisch-Westindien, sondern aus London und Amsterdam bezogen. Jahre später kam das Destillat zunehmend von anderen karibischen Inseln, insbesondere aus Jamaika. Der Rumhandel in Flensburg erlebte eine neue Blütezeit.

Um die heimische Spirituosenindustrie vor den Billigimporten zu schützen, wurde der eingeführte Rum ab 1887 von staatlicher Seite mit hohen Einfuhrzöllen belegt.

Um die Zölle zu umgehen, ließen die Rumhäuser einen speziellen hochprozentigen und hocharomatischen Rum produzieren, den sie nun Flensburg mit Agraralkohol und dem hervorragenden Grundwasser „blendeten“. Die Flensburger durften ihre Destillate folglich nicht mehr als echten Rum anpreisen, sondern mussten sie Rumverschnitt nennen.

Mitte der 60er Jahre kam es auf dem deutschen Spirituosenmarkt zum „Krieg ums Feuerwasser“. Der Kieler Spirituosenfabrikant Friedrich Lehment (Polar Rum) rührte die Werbetrommel für seinen „echten Rum“ und machte den alteingesessenen Flensburger Firmen wie Hansen, Pott, Dethleffsen und Sonnberg ihren Rumverschnitt madig.

Hat Flensburger Rum nun einen schlechten Ruf und wenn ja, worin liegt dieser begründet?

Heutzutage sind hochwertige Spirituosen direkt aus den Herstellerländern in gut sortierten Geschäften und im Internet leicht erhältlich. Rumsorten, die dem traditionellen Flensburger Rum-Verschnitt entsprechend hergestellt werden, gelten gemeinhin als minderwertig. Doch nicht jeder Rum, der in Flensburg produziert wird oder wurde, ist ein Verschnitt.

Rum wird in Deutschland in drei verschiedene Arten klassifiziert:

  • Der Original-Rum wird in den Herstellerländern fertig produziert und nach Deutschland exportiert. Der Rum wird dann nicht mehr verändert.
  • Echter Rum ist ein hochprozentiger Alkohol, welcher in Deutschland unter Zufügung von Wasser auf Trinkstärke herabgesetzt wird.
  • Flensburger Rum-Verschnitt besteht zu mindestens 5 % aus Original Rum, einem speziellen hocharomatischen („German flavoured“) Rum, Agraralkohol und Wasser.

Die Klassifikation sagt jedoch über den Geschmack nichts aus. Schon der in den 60er Jahren von Lehment angeheuerte Fachmann vom Institut für Gärungsgewerbe konnte zumindest analytisch keinen Unterscheid zwischen einem Verschnitt und einem Pure Rum feststellen.

Ein genauer Blick auf das Etikett verrät also, um welchen Rum es sich handelt. „Der gute Pott“ ebenso wie der „Hansen Blau“ sind zum Beispiel echte Rumsorten und keine Verschnitte. Fazit: Trink, was Dir schmeckt!

Wer heutzutage glaubt, mit dem zielsicheren Griff nach einer Flasche Hansen, Asmussen, Pott oder Boddel einen Rum aus Flensburg zu erwerben, sieht sich leider getäuscht. Die großen Hersteller produzieren allesamt nicht mehr in Deutschlands Rumstadt Nummer 1.

Mitte bis Ende der 80er Jahre begann das große Sterben der Rumhäuser. Die zunehmende Industrialisierung führte zu einer Verkürzung der Lagerzeit und zu einer höheren Produktion. Selbst die Firma Dethleffsen, die zuletzt viele der ehrwürdigen Rumhäuser auf sich konzentriert hatte, verkaufte Ende der 90er Jahre ihre Spirituosenmarken und Rezepturen. Die Produktionsstätten in Flensburg wurden geschlossen. Damit ging eine fast 250-jährige Tradition zu Ende. Aber nicht ganz!

Das Rumhaus A. H. Johannsen überlebte den Niedergang und kann mittlerweile auf eine über 130-jährige Tradition zurückblicken. Neben verschiedenen Sorten des traditionellen Rumverschnitts bietet es auch hochwertigere Pure Rums an. Sehr empfehlenswert: eine Besichtigung der Produktionsstätte in der Marienburg.

Der Weinhändler Walter Braasch besann sich der eigenen Wurzeln und ließ ein altes Rumrezept aus seiner Lehrzeit wiederaufleben. Er hatte als einer der letzten das Handwerk des Destillateurs in Flensburg erlernt. Heute produziert das Rumhaus Braasch ein kleines und feines Sortiment an hochwertigen puren Rumsorten.

Generell scheint man sich im Norden langsam wieder auf die Jahrhunderte währende Tradition zu besinnen. Neben den beiden Rumhäusern gibt es das neu gestaltete Rummuseum in den Räumen des alten Zollpackhauses sowie das neue Rum-Manufaktur-Museum im Hause Braasch. Auch die baulichen Hinterlassenschaften der Produktion und des Handels mit Zucker und Rum können besichtigt werden. Die sogenannte „Rum- & Zuckermeile“ ist ein interessanter historischer Rundgang durch die schöne Flensburger Altstadt.

Zu guter Letzt wollen wir nicht nur über Rum reden, sondern ihn auch trinken. Also „Red nicht rum“ und „Trink, was Dir schmeckt“. Ob sich ein Rumverschnitt zum puren Genuss eignet, muss jeder für sich selbst herausfinden. Unbestritten gut macht er sich im Grog, nach dem Motto „Zucker kann, Wasser soll, Rum muss hinein“, im schwarzen Tee oder – klassisch-norddeutsch – im Pharisäer. Und was wäre eine Rühmannsche Feuerzangenbowle ohne einen ordentlichen Schuss 54-prozentigen Rum auf den Zuckerhut?


 

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3 Kommentare für Was du über klassischen, deutschen Rum wissen solltest

  1. Dr.Torsten Römer 22. Oktober 2015 zu 10:48 #

    Lieber Herr Reim,

    ich erinnere gerne daran, dass wir seit nunmehr fast 8 Jahren originalen Rum aus Zuckerrohrmelasse von div. Herkunftländern fermentieren, brennen, reifen und einige der Rums auch schon verkaufen. Darüberhinaus reifen und „finischen“ wir auch importierte Rumqualitäten, die auch schon (allerdings schweren Herzens, daher sehr teuer) zum Verkauf stehen.
    Über einen Besuch würden wir uns sehr freuen.
    Dank an dieser Stelle für Ihre vielen kenntnisreichen Berichte.
    Mit freundlichen Grüßen
    Torsten Römer (Spreewaldbrennerei)

  2. Michael Hancke 19. Dezember 2015 zu 16:23 #

    Moin moin Herr Demin,
    vielen Dank für den tollen Bericht, der sehr schön beschrieben ist und einen schnellen Einblick in die Flensburger Rumgeschichte gibt.
    Inhaltlich ist es jedoch falsch, dass die Flensburger Seefahrer nach Afrika segelten. Die Handelsfreigabe von 1755 durch den Dänischen König Frederik V schloß den Dreieckshandel der Kopenhagener Seeleute aus! Die Flensburger Schiffe mussten für die direkte Überseereise beballastet werden. Das geschah an der heute noch so benannten Ballastbrücke mit Sand von dem dahinter liegenden Ballastberg, aber auch mit Ziegelsteinen aus den vielen Ziegeleien der Flensburger Förde. So haben wir keinen Sklavenhandel betrieben.

    Weiterhin ist es nicht richtig, dass wir nach dem Preusisch-Dänischem Krieg nach England fuhren. Die Seeleute konnten zwar nicht mehr zu den dänischen Kolonien segeln, aber nun auf die britische Kolonie Jamaica. Es gab jedoch Zwischenlager in London.

    Der Verschnitt-Rum wurde 1911 erstmalig hergestellt und galt nicht als minderwertig. Der Rum-Verschnitt war so beliebt, dass er in die ganze Welt wieder exportiert wurde. Der vermeintlich schlechte Ruf entstand erst viel später, als Bacardi und die Whiskys als Mainstreamprodukte den Markt eroberten.

    Der wirkliche Unterschied zwischen einem Verschnitt- und Echtem Rum ist der reine Alkohol. In beiden Fällen wird aus verschidenen stark esterhaltigen Pure-Rums ein Cuvéet erstellt, das mit gutem Flensburger Wasser auf Trinkstärke (geschmacklich) gebracht. Da nun der Alkoholgehal zu niedrig ist, wird der Rum mit Alkohol auf die gewünschte Stäke heraufgesetzt.
    Beim Verschnitt 96,6%er reiner geschmacksneutraler Agraralkohol (meist aus Kartoffeln oder Korn), beim Echten-Rum ein reiner Alkohol aus Zuckerrohr.
    Ich kann also einen Rum als Echten- oder Verschnitt-Rum herstellen, die dann geschmacklich kaum zu unterscheiden sind.
    Da der Rum nach dem Verschneiden noch mal nachgelagert wird, der Echte nicht nachgelagert werden muß, kann ein Verschnitt auch mal hochwertiger sein.

    Aber wie Sie ganz richtig schreiben, entscheidet der Geschmack.

    Lieber einen guten Verschnitt als ein schlechten Echten ….
    Mit geflenstem Gruß
    Michael Hancke

    • schlimmerdurst 9. September 2016 zu 21:28 #

      „Der vermeintlich schlechte Ruf entstand erst viel später, als Bacardi und die Whiskys als Mainstreamprodukte den Markt eroberten.“

      Wohl eher: Als die Leute merkten, dass es auch guten, richtigen Rum gibt. Allein schon der Gedanke, dass man mit Neutralalkohol wieder aufsprittet, ist jedem echten Rumfreund ein Graus.

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