Auf dem Weg zum Likör? Ein Plädoyer gegen modernen Rum » Eye For Spirits

Werbung

Auf dem Weg zum Likör? Ein Plädoyer gegen modernen Rum

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Bildquelle: elaine/FlickR„Ich liebe Rum, freue mich auf das nächste Glas.“ Eine Aussage, die ich vielleicht so vor wenigen Jahren getroffen hätte. Heute nicht mehr. Zu viele dubiose Fakten sind seither öffentlich geworden. Fakten wie ein übertriebener Zuckergehalt, die Rum seine Authentizität nehmen und aus einem der spannendsten Destillate der Welt, ein langweiliges Massenprodukt machen.


Es war vor Jahren als ich das erste Mal mit Premium Rum einer namhaften und international bekannten Marke aus Zentralamerika in Berührung kam. Das Alter war ansehnlich, der Markenauftritt ansprechend.

Der Mitarbeiter der Unternehmens schien auf den ersten Blick auch kompetent durch das Tasting zu führen. Die Meinung stand also fest: So also muss hochwertiger, guter Rum schmecken.

Heute, hunderte Rums später, weiß ich, wie falsch ich damals lag. Dem Rum fehlte es trotz seines angegebenen, stattlichen Alters enorm am Komplexität und Tiefe. Zudem sorgte eine auffallende Süße für ein derartig öliges Mundgefühl, dass der Weg zum Likör nicht mehr weit war.

Ein Phänomen, das sich mittlerweile leider in viel zu vielen jener Melasse-Destillaten zeigt, über das man mit gewisser Toleranz aber hinweg sehen könnte. Vor allem deswegen, da Rum dem Grunde nach eine der vielseitigsten und spannendsten Spirituosen ist. Beziehungsweise „wäre“.

Im Laufe diesen Jahres brachten allerdings verschiedene Rum-Analysen Testergebnisse hervor, die der Glaubwürdigkeit jener Kategorie dermaßen ins Knie schossen, dass es nicht nur dem Ruf der Spirituose schadet, sondern die Frage aufwirft: Wird hier gezielt der Kunde hinter’s Licht geführt?

Die wohl bekannteste Analyse publizierten die französischen Blogger-Kollegen von durhum, bei denen es neben Zuckerzusatz, zusätzlich um Additive wie Vanillin und Glycerin ging. Jeder Zusatz ohne entsprechende Kennzeichnung wohlgemerkt.

Bleibt man allerdings einmal in der Zuckersparte, so holt das englischsprachige Forum Refined Vices mit einer offiziellen Übersicht sowie der dänische Blog Drecon sehr viel weiter aus. Fein säuberlich sortiert, finden sich dort einzelne Rums mit ihren gemessenen Zuckerzusatzkonzentrationen. Und die Liste ist lang. Sehr lang.

Wenn ich nun einmal den umstrittenen und nicht ganz legalen Zusatz von Vanillin außen vor lasse, ist der Zusatz von Zucker, wenn auch völlig legal, aus mehreren Gründen ebenfalls ein Sargnagel für die ganze Kategorie „Rum“.

MODERNER RUM IST NICHT WEIT VON LIKÖR ENTFERNT

Rum wird seit jeher mit einem süßen Mundgefühl assoziiert. Mag es an diversen saft-überfluteten Drinks liegen, oder auch einfach nur daran, dass die gängige Kundenmeinung über ein Destillat, das aus Rückständen der Zuckergewinnung entsteht, fälschlicherweise annimmt, dass es ebenfalls süß sein muss.

Zusätzlich empfindet jede Person von Natur aus ein süßliches Gefühl auf der Zunge als angenehm. Evolutiv bedingt, kann man sich dem nicht verwehren.

Aus diesen beiden Gründen heraus, ist es für Rum-Hersteller ein Leichtes, ihren Rum bis zur Unkenntlichkeit mit Zucker anzureichern. Zum einen scheint es ja dem Durschnittsgaumen zu munden und rechtlich bewegt man sich auf solidem Boden.

Tatsächlich ist für Rum keine maximal zulässige Höchstgrenze an Zuckerzusatz festgeschrieben. Selbst in der EU-Spirituosenverordnung, jenes Pamphlet, das Importeure und Destillateure auf dem europäischen Markt befolgen müssen, nicht.

An sich auch kein tragischer Fall, hat der Zusatz von Zucker auch seine Vorteile. Sowohl in der Küche als auch in der Spirituosen-Produktion.

Selbst bei altehrwürdigen Destillaten wie Cognac darf in minimalen Grenzen von 3 %Vol. Zucker zugesetzt werden. Und auch bei London Dry Gin, einem Destillat, dem der Begriff „trocken“ bereits im Namen steckt, darf 0,1 Gramm pro 1 Liter zugesetzt werden.

Alles also halb so wild, so lange man es nicht übertreibt.

Rum ist daher für mich ein Paradebeispiel, dass eine Spirituose ohne rechtlich bindende Produktionsvorschriften nicht nur dem Kunden schadet, sondern zudem sein eigenes traditionelles Profil zerstört.

Denn wenn ein Rum-Hersteller sein Produkt als Premium kommuniziert und preislich festlegt, dann erwarte ich als Endkunde von diesem Produkt, dass es auch Premium ist. Und nicht wie im Falle eines venezuelanischen Rums mit 41 g/L Zucker aufgepeppt wurde. Eine Masse, die in etwa 14 Stück Würfelzucker entspricht.

Der Weg zum Likör ist dann nämlich nicht mehr weit. Denn dieser muss per Definition mindestens 100 g Zucker pro Liter enthalten, Crèmes wenigstens 250 g und Crèmes de Cassis mindestens 400 g.

Sehr seltsam ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Hersteller jener Rums die Szene scheinbar nur wenig verstehen. Zwar bringen sie Heerscharen an neuen Rum-Aficionados an die Gläser. Konsumenten von Premium-Destillaten dürstet es nach einer gewissen Zeit jedoch auch nach Hintergrundinformationen. Und spätestens dann liegen Steine im Weg.

Als eine beliebte Erklärung für den „süßen, harmonischen und vollmundigen“ Geschmack eines solchen Rums müssen häufig in der offiziellen Unternehmenskommunikation die Eichenfässer herhalten.

Das Holz schafft Dutzende Gramm von Zuckern? Definitiv nicht.

In einem fassgereiften Destillat wird mit hoher Wahrscheinlichkeit immer ein gewisser Prozentsatz Zucker wie zum Beispiel Traubenzucker nachzuweisen sein. Das liegt ganz einfach in der Natur jenes Stoffes.

Neben dem Holzbaustein Lignin, besteht Holz zusätzlich zu einem beachtlichen Teil aus Cellulose und Hemicellulose. Stark vereinfacht ausgedrückt, sind diese beiden Moleküle nichts weiter als gigantische Ketten von Glucose, also Traubenzucker.

Wird das Fass ausgebrannt, werden unter anderem diverse glycosidische Bindungen gekappt und kleinere Zuckermoleküle können ins Destillat übergehen. Die dann messbare Konzentration liegt aber meist nur im Bereich von Null-Komma-Irgendwas, und eben nicht in 20-Komma-Irgendwas.

Eine gerne benutzte Ausrede ist zudem die Melasse bzw. das Zuckerrohr selbst. Zwar ist hier eine saftige Menge an Zucker vorhanden – logisch, sonst würde auch keine Gärung stattfinden. Aber spätestens beim Destillationsvorgang wäre dieser Zuckergehalt irrelevant. Denn Zucker zersetzt sich/karamellisiert, bevor er anfängt zu sieden. Per Destillation bekommt man also definitiv keinen Zucker in den Rohbrand.

Wissen es manche Hersteller und Agenturen nicht besser oder wollen sie gezielt ablenken?

UNABHÄNGIGE ABFÜLLER BIETEN NOCH PROFIL UND AUTHENTIZITÄT

Bei allem Gejammer über die zuckersüße Entwicklung von Rum darf eine Sparte an Unternehmen nicht vergessen werden. Jene Marken, die sich konkrete Verordnungen selbst auferlegt haben. Marken, die einen mündigen, informierten Kundenstamm ansprechen und diesen mit zahlreichen Hintergrundinformationen beliefern.

Neben unter anderem diversen Brennereien von französischen Übersee-Départements sind dies vor allem unabhängige Abfüller wie Compagnie des Indes. Unabhängig davon, dass obige Versuchsergebnisse bestätigen, dass jenen Rums kein bis kaum Zucker zugesetzt wurde, ist der entscheidende Unterschied der sensorische.

Als Konsumenten sollten wir uns daher bewusst sein, welche durchaus positiven Entwicklungen es nehmen kann, wenn man mit dem Geldbeutel und seiner Stimme wählt.

Das prägnanteste Beispiel, das mir hierfür einfällt, ist die Kältefiltration im Single Malt Whisky-Bereich. Ursprünglich eingeführt, um den durchschnittlichen Kunden nicht zu vergraulen, ist es seit einigen Jahren in der Scotch-Industrie mittlerweile wieder Usus auf jenen Filtrationsprozess zugunsten des Aromas zu verzichten.

Kundenmeinungen bleiben also nicht ungehört.

Bis es bei Rum soweit ist, bleibe ich bei dem Satz: „Ich liebe Rum, freue mich auf das nächste Glas eines unabhängigen Abfüllers.“


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Dann erhalte alle zukünftigen Artikel von Eye for Spirits. Kostenfrei. Bequem in dein Postfach.

12 Kommentare für Auf dem Weg zum Likör? Ein Plädoyer gegen modernen Rum

  1. Stefan 27. Oktober 2015 zu 17:32 #

    Wie immer – spannend!
    In der Liste der dänischen Website ist auch der Alkoholgehalt aufgeführt, der ja -leider- teilweise erheblich abweicht.
    Sind das Ungenauigkeiten durch evtl. nicht geeichtes Messinstrument o.ä.?
    Falls nicht, würde ich bei einigen Sorten von echtem Beschiss ausgehen müssen, da sind Abweichungen bis runter zu ca. 30% ABV angegeben.
    Gruß, Stefan

    • Michael 29. Oktober 2015 zu 09:53 #

      Vielleicht ist diese Angabe des gemessenen Alkoholgehaltes auch nur als weiterer Indikator aufgelistet, der beweisen soll, dass da noch etwas anderes als Destillat und Wasser im Getränk ist
      Ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Alkoholgehalt geschummelt wird- dann könnte man den Laden gleich zu machen

  2. Philip Reim 27. Oktober 2015 zu 17:37 #

    Hallo Stefan,

    ja, das habe ich auch gelesen.
    Allerdings habe ich dies aus einem konkreten Grund nicht kommentiert:
    Man weiß nicht, bei welchen Temperaturen die Messungen durchgeführt wurden.
    Die Messergebnisse sind allerdings stark abhängig von dieser Größe.

    Daher ist dies mit Vorsicht zu genießen.

    Gruß Philip

  3. Peter 27. Oktober 2015 zu 17:55 #

    Offensichtlich wurde die dänische Messung ohne vorhergehende Destillation durchgeführt. Da der Zuckergehalt einen erheblichen Einfluss auf die Dichte hat, kommen bei einer solchen Messung nur Hausnummern heraus. Die direkte Dichtemessung zur Alkoholbestimmung funktioniert nur bei vollständig extraktfreien Spirituosen (Wodka, ungezuckerte Obstdestillate).

    • Philip Reim 27. Oktober 2015 zu 18:09 #

      Definitiv. Von daher darf man den Alkoholangaben auch keinen Glauben schenken. Zudem würde ich den angegebenen Wert in g/L zudem auch mit Vorsicht genießen. In Relation stimmt die Tendenz allerdings mit den anderen Ergebnissen überein.

      Gruß Philip

  4. Falk 27. Oktober 2015 zu 19:51 #

    Danke Philip, dass du das Thema aufgreifst. Wir sind vor einigen Wochen schon über folgenden Artikel gestolpert, der sehr lesenswert ist und die in Auftrag gegebenen Analysen wohl doch einige sehr überraschen werden:

    http://durhum.com/here-we-rum/

    • 1968superingo 28. Oktober 2015 zu 19:12 #

      Das sind schon schockierende Aussagen. Es sind auch einige meiner (nun ex) Lieblinge gelistet. Der Kauf der nächsten Rumflasche scheint ein spannendes Unterfangen zu werden, wenn man den „real stuff“ erwischen will.

  5. Dr.Torsten Römer 28. Oktober 2015 zu 13:04 #

    Danke für das Aufgreifen dieses unsäglichen Themas!

  6. Nicolas Kröger 3. November 2015 zu 22:59 #

    Natürlich, das Entsetzen ist Groß. Schließlich haben wir ja bereits von Bild und Co. gelernt, dass man mit aggressiven Aussagen Leser gewinnt. Wie Peter ja bereits gesagt hat, wurde die Messung mit einem Dichtemesser vorgenommen. Somit sind die Messwerte nicht zu gebrauchen. Dass gemogelt wurde, bezweifelt keiner – alleine schon die klebrigen Spuren die beim trocknen eines Tropfen am Flaschenhals entstehen, verraten einiges.

    Und warum wird dies gemacht? Weil der Konsument es so will!
    Das zeigen unter anderem auch deine Verkostungsergebnisse Philip:
    Don Papa 7y mit 8 Punkten ausgezeichnet und ein ehrliches Produkt zum super Preis/Leistungsverhältniss wie der Smith & Cross erhalten gerade einmal 2 Punkte….

    Wie Philip es ja bereits gesagt hat, ist es nicht schön, dass diese Informationen von den Herstellern vertuscht werden und man damit abgespeisst wird, dass die Süße aus dem Holz kommt, bla bla.

    Whisky wurde als Muster-Beispiel genommen. Ist das so? Ich denke nicht! Denn wenn wir über Whisky reden, sprechen wir über Single Malt oder über Bourbon.

    Rum wird auf der ganzen Welt gebrannt: von Japan über Indien bis hin zur Karibik. Insgesamt stehen dem Konsumenten 16.000 verschieden Sorten zur Auswahl. Dass es darunter auch schwarze Schaafe gibt, das bestreitet keiner. Diese gibt es aber auch beim Whisky. Jeder weiß was ich meine, der sich schon einmal in Thailand oder Indien durch das Whisky-Angebot getrunken hat.

    Beim Rum sind es leider die gesüßten Geschichten die beim Endkonsumenten gut ankommen – gerade in Deutschland. Ein Hoch auf die Latte-Kultur mit Karamelsirup.
    In unserem Geschäft bieten wir eine Auswahl von über 700 Rum-Sorten an. Allerdings sind die Flaschen die wirklich viel gedreht werden nur einige. Daher erweckt es den Eindruck, dass Rum grundsätzlich Süß ist. Ein Eindruck, der falscher nicht sein könnte!

    Der Größteil sind aber ehrliche Produkte. Das „Problem“ ist nur, dass die unglaubliche Komplexität die Rum zu bieten hat für viele zu viel ist, bzw. man sich erst einmal vorarbeiten muss.

    Rum ist gerade dabei bei der Allgemeinheit anzukommen – wodran der Preis-Wahnsinn der Schotten nicht ganz unbeteiligt ist. Viele fangen mit den weichen (gesüßten) Rum-Sorten an, da die Süße dem Gaumen sehr schmeichelt. Allerdings ist es schön zu beobachten, dass nach 2-3 solcher gekauften Rum Flaschen oft die Frage kommt: „Ist ja ganz schön, aber jetzt hätte ich gerne was Spannenderes!“
    Und so steigert man sich mehr und mehr rein. Man gelangt über einem Botucal zu einem Origenes aus Panama zu einem Real McCoay aus Barbados und vielleicht irgendwann sogar zu einem Agricole oder Nine Leaves aus Japan….

    Auf dem 5ten German Rum Fest war es auch sehr spannend zu sehen, dass das Interesse mehr und mehr in Richtung Trocken & Komplex geht.

    Rum ist gerade dabei sein Imageproblem zu bekämpfen. Weg von der Back-Tee-Cola Spirituose, hin zum sensorischen Höhepunkt der Spirituosenwelt. Eine solch schnelle Verurteilung und vor allen Dingen Verallgemeinerung zu vermeiden wäre also schön.

    Nicolas Kröger, Rum-Depot Berlin

    • Philip Reim 4. November 2015 zu 11:04 #

      Guten Morgen Nicolas,

      dass die im Artikel genannten Aussagen nicht auf alle derzeit verfügbaren Rums zu treffen, steht außer Frage. Das wurde im Artikel auch nie behauptet. Zudem ist die Aufklärungsarbeit die Veranstaltung wie das German Rum Festival leisten, lobenswert und äußerst wichtig für die Qualität dieses Genres.
      Auch würde ich den Don Papa Rum heute definitiv nicht mehr so gut bewerten wie ich dies vor einigen Jahren tat. Nicht weil ich der Meinung bin, dass es per se ein schlechtes Produkt ist, sondern weil der ernste Verdacht besteht, dass mit unlauteren Mitteln produziert wurde.
      Den Smith & Cross würde ich aber nach wie vor schlecht bewerten. Wobei er 2011 von mir 5 und nicht wie von dir geschrieben 2 Punkte erhielt.

      Dass die Messung des Zuckergehalts im fertigen Rum nicht mittels einfacher Dichtemessung über ein Alkoholmeter ablaufen kann, habe ich weiter oben bereits kommentiert. Zudem schrieb ich aber den Grund, warum ich es trotzdem für sinnvoll hielt, die Quelle zu nennen.

      Du schreibst: „Whisky wurde als Muster-Beispiel genommen. Ist das so? Ich denke nicht! Denn wenn wir über Whisky reden, sprechen wir über Single Malt oder über Bourbon.“

      Das ist absolut korrekt: Wir sprechen über Produkte, die uns als Teil des europäischen Marktes am meisten tangieren. Dies sind eben nun einmal Single Malt und Bourbon.
      Kategorien, bei denen die Herstellung nun einmal relativ strikt und konservativ ist. Whisky aus Thailand, Indien etc. betrifft uns hierzulande kaum. Daher ist es auch müßig über deren Qualität zu unterhalten, da sie meist sowieso nicht die Standards einhalten, um in Europa als „Whisky“ vermarktet werden zu dürfen.
      Bei Rum ist dies anders. Die EU-Vorschriften sind im Vergleich (!) locker gehalten. Damit will ich nicht sagen, dass hier permanent getrickst wird, die Möglichkeiten sind allerdings deutlich größer.

      Zudem war die Überschrift „Plädoyer gegen modernen Rum“ nicht allein auf das Thema „Zuckerzusatz“ beschränkt. Vor Wochen veröffentlichte ich bereits einen ähnlichen Artikel, der auch hier im Post verlinkt ist. Denn auch wenn Zuckerzusatz zwar den Gaumen des Kunden recht primitiv bedient, so ist es dennoch rechtlich völlig in Ordnung. Moralisch verwerflicher finde ich hingegen schon den Zusatz von Glycerin. Den Vogel abschießen, tut meiner Meinung nach letztendlich aber der Zusatz von Vanillin, der sich auch nach Rücksprache mit einigen Spirituosen-Analytik-Laboren in einer rechtlichen Grauzone befindet. „Grau“ deswegen, da es zwar nicht legal ist, aber auch nicht so einfach nachgewiesen werden kann.

      Und Hersteller, die in diesem Metier arbeiten, sind leider zu viele in Anbetracht der Produkte, die bei uns verfügbar sind.

      Gruß Philip

      P.S.: Ich finde es zudem etwas kurzsichtig, zu behaupten, dass das Gepansche nur aus dem Grund geschieht, weil der Kunde es so möchte.

      Ohne Frage geht ein Laie mit einer gewissen geschmacklichen Vorstellung an das Thema Rum heran. Wenn bekanntere Rum-Marken diese aromatischen Vorurteile aber ausnutzen, um möglichst viele Kunden an die Flasche zu bekommen, verstehe ich nicht, warum hier die Schuld beim Kunden zu suchen ist.

  7. schlimmerdurst 17. Januar 2016 zu 22:48 #

    „Als Konsumenten sollten wir uns daher bewusst sein, welche durchaus positiven Entwicklungen es nehmen kann, wenn man mit dem Geldbeutel und seiner Stimme wählt.“

    Leider ist das wahrscheinlich, solange die Tatsachen relativ unbekannt sind, ein frommer Wunsch (den ich aber absolut teile!). Bei einem der spezialisierten Rumverkäufer sind unter den Top 10 verkauften Rums 2015 9 nachgesüßte, die üblichen Verdächtigen halt. Wieviele von den Käufern würden trotz der Manipulation diese Rums kaufen? Nach meinen Erfahrungen über die letzten Monate: Doch viele, das „hauptsache, es schmeckt“ ist sehr prominent, selbst unter selbstbezeichneten Rumfreunden…

  8. Sebastian Trommsdorff 23. März 2016 zu 16:50 #

    Ein durchaus Lesenswerter Artikel, aber ein paar Feinheiten sind hier ungenau dargestellt worden. Ausgerechnet in meinem Spezialgebiet R(h)um. Ich drösel diemal Punkt für Punkt auf und gehe dabei auch auf gemachte Kommentare ein.
    1. Die Gruppe der „Rumanalysten“ um Drecon bzw „durhum“ sagt selbst dass die Alkoholwerte wahrscheinlich nicht stimmen. Dies ist auch nicht der Fokus bei den Analysen sondern die „Zutaten“. Ansonsten ist fest zu stellen das die Messergebnisse Gerichtsfest sind. Natürlich haben diverse Hersteller versucht die Veröffentlichung der Analysen zu unterbinden etc… Ohne Erfolg. Gäbe es irgendetwas an den Messungen aus zu setzen wäre uns das schon durch die Hersteller mitgeteilt worden.
    2. Die Hersteller in den französischen Überseegebiten haben sich Kontrollen zwar „selbst auferlegt“, aber Sie werden von französischen staatlichen Stellen auch kontroliert. Das Bestechungsrisiko ist bei französischen Beamten aufgrund Ihres Einkommens plus „Karibikzulage“ sehr gering… zumindest ist bisher noch nicht ein Fall bekannt geworden.
    3. Völlig unter den Tisch gefallen ist das beim Rhum Agricole aus Martinique (AOC Martinique, einziges geschütztes und kontroliertes Herkunftsgebiet für R(h)um weltweit) diese Regeln mittlerweile Gesetzesstatus haben. Das heißt, in dem Moment wo auf der Flasche „AOC Martinique“ steht ist garantiert daß keinerlei Zusätze enthalten sind: kein Gramm Zucker, kein Vanillin, kein Glycerol, kein Farbstoff, auch keine Fremdhefe um die fermentation zu beschleunigen… Nichts. Die dürfen noch nicht einmal die Felder düngen, von Pestiziden ganz zu schweigen. Es ist somit der einzige Rum in der Welt der GARANTIERT nichts außer Zuckerrohrsaft als Grundlage hat.
    Dies ist auch der Grund warum ich mich als Gründer des Rumkontor – Séraline de Martinique ausschliesslich mit Rhum Agricole der franz. Antillen arbeite, so muss ich die Qualität nicht selbst kontrollieren was meine Chemikerfähigkeiten übersteigen würde. Ich habe in meinem Laden in Berlin Wedding gut 600 verschiedene Agricoles im Verkauf, von knapp 200 davon bin ich der Importeur. Knapp 100 stehen auch zur Verkostung im Laden. Ich habe nicht einen einzigen Melasserum im Sortiment und ich lebe gut von meinem Rhum. Meine Umsätze steigen von Anfang an, seit 2012, stabil im 2stelligen Bereich pro Jahr. Zu allem Überfluss erhalten die Leute auch faire Löhne und sind sozial abgesichert… im Gegensatz zu all diesen „Premium“ Spirituosen, die auf moderner Sklaverei basieren.
    3. „Der Verbraucher will das so…“ Das wage ich zu bezweifeln. Ich glaube eher es findet eine „konditionierung“ des Verbrauchers statt um industrielle Massenware besser absetzen zu können. All diese Mittelchen sind nur deshalb „notwendig“ damit man Rum schnell, billig aber vor allem Industriell herstellen kann.
    4. Auch die Händler tragen Ihren Teil zu dieser Entwicklung bei. Bei mir ist in drei Jahren noch nicht ein einziger Kunde ohne einen Rhum nach seinem Geschmack aus dem Ladem gegangen. Aber wenn sich Händler, anstatt sich von Marketingabteilungen kaufen zu lassen, einfach mal gut nach eigenem Wissen und Gewissen beraten würden, gäbe es so manchen Marktführer gar nicht.
    5. In Europa gibt es Gesetze, welche vergleichsweise klar regeln was man darf und was nicht… leider werden diese jedoch weder von den Herstellern beachtet noch von der EU und seinen Mitgliedsländern durchgesetzt.
    6. Grundsätzlich ist jede Spirituose mit 37,5% mit Vorsicht zu geniessen, da dies ein deutliches Zeichen industrieller Massenware ist.

Schreibe einen Kommentar