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Entstanden aus einem Kuhhandel: das Alter von Scotch Whisky

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Bildquellee: Massimo Cavallo/Fotolia

Die Geschichte von Scotch Whisky hat einzelne hervorstechende Eckdaten, teils begünstigt durch einzelne Destillerien, teils durch eine gesamte Marktdynamik. Viele jener Eckdaten bestimmten das Bild eines High End-Destillats, wie wir es heute kennen. Einige gesetzliche Vorschriften entstanden aber nicht mit der Qualität im Fokus, sondern aus wirtschaftlichen Interessen.


Ich stelle folgende Aufgabe. Nenne die 3 ersten gesetzliche Vorschriften über Scotch Whisky, die dir in den Sinn kommen. Als mir diese Frage vor kurzem gestellt wurde, antwortete ich:

  • Mindestalkoholgehalt von 40 %Vol.
  • 3 Jahre Mindestreifungszeit
  • Lagerung in Eichenfässern

Soweit so gut. Alle 3 Antworten waren korrekt. Sind es ja auch nichts weiter als Fakten, die man als Whisky-Einsteiger relativ frühzeitig mit auf den Weg bekommt. Allerdings verschleiern diese 3 kurzen, prägnanten Antworten nur zu gut, was für eine historische Entwicklung dahinter steckt.

Diese 3 und noch weitere Punkte sind mittlerweile derart in der Whisky-Industrie verankert, dass sie schon fast als unantastbares Mantra gelten. Was allerdings auf den ersten Blick nach Entscheidungen zu Gunsten der Qualität anmutet, entstand in Teilen lediglich aus einem Kuhhandel zwischen Industrie und Fiskus.

Nicht wegen der Qualität musste Whisky ins Fass

Es war um das Jahr 1865, als 8 Grain Destillerien der schottischen Lowlands fusionierten. Deren geballte Wirtschafts- und Produktionskraft firmierte von da an unter der Scotch Distillers Association. Fast ausschließlich für die Produktion von Blended Scotch Whisky.

Zwar war es zu jenem Zeitpunkt noch nicht abzusehen, rund 15 Jahre später sollte sich dies allerdings zu einem wirtschaftlich lohnenswerten Schachzug entwickeln. Der Grund war wenige Millimeter groß und trug den Namen Phylloxera vastatrix.

Diese Reblaus verbreitete sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mit einer beachtlichen Geschwindigkeit über die Weinberge Westeuropas. Die Folge waren katastrophale Missernten ganzer Regionen. Vor allem Frankreich traf es zu jener Zeit besonders hart. Rund 2/3 der Ernte waren nun unbrauchbar. Wein weg. Cognac weg. Armagnac weg.

Der alkoholische Durst der Franzosen sollte allerdings gestillt werden. Und wer war zur Stelle? Der aromatisch leichte Blended Scotch Whisky. Dieser wurde derart intensiv nach Frankreich gepumpt, dass sich Frankreich zu einer der wichtigsten Exportmärkte für Scotch Whisky, insbesondere der Blended Variante entwickelte. Eine Situation, die auch im Jahr 2014 noch unvergleichbare Ausmaße inne hatte.

So war Frankreich in eben jenem Jahr der Markt, mit dem größten Verbrauch an Blended Scotch weltweit. Sage und schreibe 12.681.000 9-Liter Cases gingen an unseren westlichen Nachbarn. Frankreich hat damit nach wie vor die Spitzenposition weit ab vor dem Zweitplatzierten, die USA mit 6.582.000 9-Liter Cases. Wobei man fairerweise hinzufügen muss, dass nicht alles für den Eigenverbrauch importiert wird.

Zurück ins 19. Jahrhundert. Der unter anderem durch Phylloxera ausgelöste, europaweite Hype um Blended Scotch Whisky, trieb vielen schottischen Unternehmen die Dollar- und Pfundzeichen in die Augen. Ohne konkrete Regulierungsmechanismen wurden ambitionierte Investitionen in Hülle und Fülle getätigt. Der Boom schien ja kein Ende zu haben.

Du erkennst die Parallelen zur heutigen Situation des Whisky-Marktes?

Die Folge zur jener Zeit war ein massiver Überschuss an Whisky. Das Angebot überstieg die Nachfrage enorm. Die Konsequenz war ein katastrophaler Kollaps der Verkaufszahlen von Scotch Whisky in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Es folgte ein Teufelskreis. Denn nicht nur gingen einige Firmen und Privatpersonen finanziell den Bach runter, das gesamte Vertrauen in die Industrie war erschüttert.

Genau dieser Verlust an Glaubwürdigkeit und Authentizität schien allerdings nötig. Zumindest, wenn man es aus heutiger Sicht betrachtet. Das schlechte Image zu jener Zeit trat einer Reihe von Ereignissen los, die heute das Bild von Scotch Whisky maßgeblich prägen.

Der Industrie war bewusst, dass Whisky als schlichter Lückenfüller für den europaweiten Durst gute Dienste geleistet hat, sich darauf aber keine solide Industrie-Perspektive aufbauen ließ. Whisky sollte kein Getränk sein, sondern eine Marke. Ein Marke, mit der man unweigerlich positive, authentische Attribute verbindet.

Aus diesem Grund wurde 1908 die Royal Commission gegründet, die die aktuelle Marktsituation von Scotch Whisky untersuchen sollte. Ein Jahr später legten sie eine allgemeingültige Definition für Whisky fest: „Whiskey (!) ist eine Spirituose, die aus der Destillation einer Getreidemaische entsteht, wobei diese ihren Zuckergehalt durch enzymatische Spaltung im Malz erhält„. Das war die gesetzliche Definition was Whisky sei. Für „Scotch Whisky“ gab es lediglich noch den Zusatz, dass er in Schottland destilliert werden musste.

Du erkennst die Unterschiede zu heute? Keine Kältefiltration, keine Farbstoffzugabe, nicht einmal von Fasslagerung ist die Rede. Und das vor gerade einmal 100 Jahren.

Auch wenn diese Definition aus heutiger Sicht äußerst lapidar klingt, es war dennoch ein ganz entscheidender Schritt. Denn Scotch Whisky bekam erstmals eine rechtliche Grundlage. Eine Identität, aus welcher sich verschiedene Stile mit Pot und Coffey Stills entwickeln konnten.

Im Jahre 1912 entstand die Wine and Spirit Brand Association, die 1917 zur Scotch Whisky Association wurde. Eine der wichtigsten Regulierungs- und Lobbyorganisationen für Scotch Whisky. Deren Aufgabe bestand und besteht noch heute im Kern darin, Scotch Whisky im In- und Ausland sowohl politisch als auch ökonomisch zu vertreten. Letztlich sollen Anstrengungen unternommen werden, die jener Kategorie förderlich sind.

Zwei Jahre vor der Gründung der SWA kam es allerdings bereits zu einem der wichtigsten gesetzlichen Verordnungen, die das geschmackliche Bild von Scotch Whisky maßgeblich prägen sollten. Der Immature Spirits Act. In diesem wurde 1915 festgelegt, dass Scotch Whisky eine Mindestreifungszeit von 2 Jahren in Holzfässern ableisten muss. Ein Jahr später wurde diese Dauer auf 3 Jahre angehoben.

Der Grund war allerdings nicht eine Qualitätssteigerung des Produkts. Mitnichten. Es war lediglich ein Kompromiss, um zu verhindern, dass Whisky in Zeiten des 1. Weltkrieges nicht unter eine Prohibition fällt.

Jene Prohibition sollte allerdings nicht mit einem Generalverbot einhergehen. Der britische Premierminister David Lloyd George wollte den Whiskykonsum vielmehr durch eine überdimensionierte Besteuerung reduzieren. Der Gegenvorschlag einiger Industrievertreter war es, eine solche Besteuerung durchaus einzuführen, allerdings nur auf Destillate jünger als 6 Monate. Es folgten 2, am Ende 3 Jahre.

Ungefähr zur gleichen Zeit setzte das Central Control Board, das zur Überwachung des Alkoholkonsums eingerichtet wurde, eine Mindestkonzentration von Alkohol in einem Whisky von 40 %Vol. /70° proof fest.

Von 1909 bis 1939 stieg die Besteuerung auf Whisky um 30 %,

Mit einem Bein im Grab

Aufgrund der Wirren zweier Weltkriege, Prohibition und anderer wirtschaftsschädlicher Verbote hielt die Brennerei-Industrie den Kopf über Wasser. Dies unter anderem auch deswegen, da sich einige Unternehmen auf die Gewinnung von Glycerol, Aceton und Butanol für industrielle und Kriegszwecke verlegten.

Obwohl für die Whisky-Industrie die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in Teilen ein Leidensweg war, begann anschließend das Wundenlecken und der allmähliche Aufstieg. Dies machten auch Steuervergünstigungen möglich, die unter anderem gewährt wurden, weil der Export alter Whiskys maßgeblich dazu beitrug, die Schulden Großbritanniens nach Ende des 2. Weltkriegs zu begleichen.

Vor allem aber trug eine steigende Authentizität von Scotch Whisky zu diesem Aufstieg bei. Authentizität, die mit weiteren gesetzlichen Verordnungen in den folgenden Jahren nochmals unterstrichen wurde. Die jüngsten waren die Scotch Whisky Regulations von 2009. Eine Verordnung, in der erstmals festgelegt wurde, dass Scotch Whisky in Fässern aus Eiche reifen muss.


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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