Werbung

Terroir & Authentizität: Hat Clairin aus Haiti das Potential zum Rum-Trend?

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Bildquelle: TruckPR/FlickR

Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, und doch könnte Haiti der weltweiten Rum-Szene gerade dadurch exakt das liefern, wonach sie gerade lechzt: Authentizität und Charakter. Das Zuckerrohr-Destillat Clairin hat gerade damit begonnen, den europäischen Markt zu betreten. Wir haben uns seine traurige Geschichte daher einmal genauer angesehen.


Stell dir vor, du müsstest in Deutschland ein Unternehmen aufbauen, dessen Produkte in einigen Jahren international vertrieben werden. Produktion, Personalwesen, Marketing. Über all dies müsstest du dir in den Anfangsjahren selbstständig Gedanken machen und dies erfolgsorientiert umsetzen. Keine leichte Aufgabe, an der jährlich allein hierzulande Dutzende Start Ups scheitern und ihre Arbeit wieder einstellen. Und dabei ist Deutschland eines der wohlhabendsten Länder der Welt.

Und nun stelle dir Folgendes vor: Genau dasselbe Szenario, nur in einem Land, bei dem die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag auskommen muss, und eine Postkarte nach Europa bereits 1,40 US-Dollar kostet. Wenn das Geld der potentiellen Kunden also nicht einmal für ausreichend Essen reicht, wie sollst du dann dort erfolgreich ein Luxus-Produkt platzieren? 1862 schaffte ein Franzose diese Herkulesaufgabe.

Die Person: André Barbancourt. Das Land: Haiti.

Barbancourt etablierte 1862 auf Haiti die gleichnamige Rum-Marke. Trotz einer wirtschaftlich katastrophalen Situation und dem permanenten Risiko schwerer Naturkatastrophen. Bis heute ist Rhum Barbancourt allerdings auch das einzige international nennenswerte Zuckerrohrdestillat aus Haiti. Nennenswerte Konkurrenz gibt es aus der Heimat nicht. Aber auch eben keinen inländischen Umsatz, der weltweit herausragend wäre.

Das hieße aber nicht, dass die ärmeren Bevölkerungsschichten nicht auch trinken würden. Ähnlich dem russischen Samogon entstand aus der wirtschaftlichen Not der Bevölkerung eine eigene Spirituose-Kategorie: Clairin.

HISPANIOLA – 2 RUM-NATIONEN UNTER EINEM DACH

Suchst du einmal auf einer Landkarte ein Eiland mit dem Namen „Haiti“, wirst du nicht fündig. Vielmehr bezeichnet es lediglich den westlichen Teil eines Inselstaates der Großen Antillen. Im Osten: die Dominikanische Republik. 2 Rum-Nationen auf engstem Raum, deren heutiger Standpunkt in der internationalen Rum-Industrie ohne Kuba und Frankreich nicht möglich gewesen wäre.

Eine der ersten Inseln, die Christoph Kolumbus Ende des 15. Jahrhunderts für die Spanische Krone in Anspruch nahm, war ein Teil der Großen Antillen. Nach Kuba die zweitgrößte dieser karibischen Inselgruppe. Er verlieh ihr den Namen La Isla Española (dt.: Die spanische Insel). International etablieren, sollte sich allerdings die sarkastische Umformung der Engländer Hispaniola (dt.: Kleinspanien).

Nimmt man Hispaniola nun einmal als Ganzes, ist es auf dem weltweiten Rum-Parkett eine echte Hausnummer. Von hier stammen bekannte Marken wie Matusalem, Ron Barceló, Brugal oder Barbancourt. Das Kuriose daran ist allerdings, dass sich allein Dreiviertel der eben genannten Marken im Osten der Insel wiederfinden. An sich wäre dies ja nichts besonderes, wären Ost und West von Hispaniola heute keine eigenständigen Staaten. Im Westen Haiti, im Osten die Dominikanische Republik.

Während Haiti in der Rum-Industrie eher ein kleines Licht ist, sieht es bei den Destillerien der Dominikanischen Republik gänzlich anders aus. Hier werden Fässer gerollt, hier werden Medaillen verliehen. Allein Brugal liegt heute auf Platz 16 der meistverkauften Rum-Marken der Welt.

 

Dabei basiert der Erfolg der dominikanischen Rum-Industrie zu einem erheblichen Teil auf kubanischem Rum-Wissen. Sowohl der Spanier Andrés Brugal Montaner erlernt in Kuba das Handwerk der Rum-Produktion und gründet daraufhin 1888 in der Dominikanischen Republik die Rum-Marke Brugal, als auch die Exil-Kubaner von Matusalem. Kurz nach der Machtübernahme des Castro-Regimes in Kuba 1959 werden die Inhaber von Ron Matusalem enteignet. Nach einer mehrjährigen geographischen als auch juristischen Odyssee wird die Marke Matusalem 2002 als Dominikanische Rum-Marke wieder eingetragen.

Und im Westen? Nun ja, da hat man, seit die Franzosen Ende des 18. Jahrhunderts wirtschaftliches Brachland hinterließen, kaum Geld für Rum. Geschweige denn für eine solide Rum-Industrie.

Ende des 17. Jahrhunderts trat Spanien den westlichen Teil der Insel an Frankreich ab. Zu welchen Konditionen ist nicht bekannt. Fakt ist allerdings, dass Hispaniola von nun an Saint-Domingue genannt wird und zu Frankreichs wohlhabendster Kolonie wächst. Die Französische Krone verdient sich ein goldenes Näschen an jener Karibikinsel. Obwohl….präziser ausgedrückt….Frankreich melkt Saint-Domingue bis zur Unkenntlichkeit. Denn der Erfolg der Zuckerrohr- und Kaffee-Plantagen basiert zum Großteil auf menschenunwürdiger Sklavenarbeit.

1791 entlädt sich dieser Druck auf die Bevölkerung in einem von Sklaven angeführten Bürgerkrieg. Nur 2 Jahre nachdem im Heimatland durch die französische Revolution bereits an den Säulen des Staates gerüttelt wurde. Unter dem Namen Hayti erklärt Saint-Domingue schließlich 1804 seine Unabhängigkeit von Frankreich.

Diese Freiheit bezahlt die nun unabhängige Nation allerdings nicht nur in hohem Maße mit menschlichen Leben, sondern auch finanziell. Und das nicht zu knapp. Frankreich verlangt 1825 von Hayti für die staatliche Anerkennung immense Entschädigungszahlungen für enteignete Plantagen-Besitzer. Diese Forderungen katapultieren eines der abermals reichsten Karibik-Staaten wirtschaftlich zurück in die Steinzeit.

An eine solide Industrie zur Produktion von Luxus-Gütern, wie gereiften Rum, war fortan nicht mehr zu denken. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen der haitianischen Bevölkerung liegt heute bei rund 820 US-Dollar pro Jahr. Die meisten Bewohner leben heute von der Land- bzw. Subsistenzwirtschaft, d.h. es wird produziert, was zur Selbstversorgung nötig ist. Rentable Mehrproduktion gibt es kaum. Dadurch ist ein Großteil des Landes abhängig von humanitärer, finanzieller und technischer Hilfe aus dem Ausland.

Unter dieser Prämisse ist es nur verständlich, dass eine florierende Rum-Industrie, wie etwa im Nachbarstaat, de facto nicht möglich ist. Aber die Bevölkerung möchte Hochprozentiges. Sowohl für den Rausch, als auch aus kulturellen und Genuss-Gründen.

Ähnlich dem amerikanischen Moonshine oder dem russischen Samogon etablierte sich in Haiti eine eigenständige Spirituosen-Kategorie. Ein Kategorie, die darauf basiert, dass die Produktion eines „hochwertigen“ und etablierten Produkts vorzeitig abgebrochen und kostengünstig gehalten wird.

In einer Zeit, in der die Rum-Szene nach mehr Ecken und Kanten, nach mehr Transparenz und Charakter der Zuckerrohr-Produkte verlangt, könnte diese haitianische Spirituose seine Anhänger finden. Auch international, auch hierzulande.

Die Rede ist von Clairin.

CLAIRIN IST KEIN RUM, DAFÜR BESITZT ES TERROIR

Man muss nur ein bißchen in die Rum-Szene eintauchen, um zu merken, dass diese Szene im Wandel begriffen ist. Etablierte Marken bringen Heerscharen von Fans ans Glas, versorgen diese allerdings meist nur mit gesüßtem und glattpoliertem Einheitsbrei. Vanille, Karamell und ordentlich Süße muss es haben. Dazu noch etwas klassisches Rum-Aroma und ein 50,- Euro-Preisschild auf die Flasche kleben.

Im Gegenzug etablierte sich in den vergangenen Jahren allerdings unter Rum-Aficionados vermehrt das Interesse nach Produkten mit Ecken und Kanten. Mit authentischen Herstellern, deren Geschichte nicht auf einem iMAC einer Werbeagentur entstand. Und….mit Aromen, die einen erstmal zurückweichen lassen, die aber den eigenen Horizont erweitern. Produkte, die man wie ein Anfänger wieder erstmal lernen muss zu genießen.

In dieser Sparte könnte Clairin seine Nische finden.

Haitianischer Clairin entsteht dadurch, dass die Rum-Produktion auf halbem Wege abgebrochen wird. Verwendet wird fast ausschließlich frischer Zuckerrohrsaft. So wird meist auch nur einmal destilliert, bei einem Alkoholgehalt von rund 70 %Vol. ist Schluss. Anschließend wird auf ca. 50 %Vol. verdünnt.

So verwenden Clairin-Produzenten meist Natur-/Wildhefen oder lassen die Fermentation gleich gänzlich durch Spontangärung ablaufen. Durch letzteres hat man zwar kaum Kontrolle über das Resultat, erhält aber definitiv ein Unikat.

Betrachtet man zudem die wenigen Clairin Abfüllungen, die bereits auf dem deutschen Markt erhältlich sind, liefern diese zusätzlich Informationen über das verwendete Zuckerrohr. Mehr Transparenz und Terroir geht bei einem Zuckerrohrdestillat kaum.

Vergleiche ich nun einmal die Zuckerrohr-Produkte der beiden Nachbarstaaten Haiti und Dominikanische Republik, dann wirken sie doch irgendwie wie ein Spiegel ihrer Geschichte. Auf der einen Seite das weltweit renommierte Portfolio etablierter Rum-Marken, auf der anderen Seite das Bauern- und Sklavendestillat. Letzteres allerdings mit uneingeschränkt Charakter und Profil.


Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.

5 Kommentare für Terroir & Authentizität: Hat Clairin aus Haiti das Potential zum Rum-Trend?

  1. manoc 9. Februar 2016 zu 14:06 #

    Interessanter Artikel mit wisssenswertem geschichtlichen Hintergrund!

    aktuell dazu passend:

    satte 90 Punkte von Serge für den Clairin Casimir:

    http://whiskyfun.com/#070216

  2. Bloodclat 12. Februar 2016 zu 15:17 #

    Sehr guter und fundierter Bericht über Haiti / Rhum und Clairin. THumbs up! Toll recherchiert!

  3. Philip Reim 12. Februar 2016 zu 15:38 #

    Danke für die netten Worte. Das motiviert zum Weitermachen.

    Viele Grüße
    Philip

  4. Richard Budinger 8. Mai 2016 zu 23:48 #

    Sehr interessanter und gut fundierter Artikel.
    Echt lesenswert. Nun zum Trinken –
    bei welchem Importeur bekomme ich denn den Clairin?
    Viele Grüße
    Richard

    • Florian B 30. Mai 2016 zu 11:59 #

      Bei Markus Stock z.B. unter 4finespirits.de

Schreibe einen Kommentar