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Auf ein Wort mit Lukas Fichtl: Über „Ginflation“ und den Erfolg eines Spirituosen Start Ups

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weissbrand

Das Hamburger Start Up Weissbrand Distilling Company beliefert seit einigen Monaten den deutschen Markt mit 2 Produkten: THE WOLF und BIRDS. 2 High End-Destillate, die das anspruchsvolle Gin-Publikum bedienen, mit der bekannten Wacholder-Spirituose kaum etwas gemein haben. Lukas Fichtl, einer der Gründer, stand uns zum imposanten Erfolg von Weissbrand Rede und Antwort.


EYE FOR SPIRITS: Hallo Lukas, in den vergangenen 2 Jahren habt ihr in kürzester Zeit 2 verschiedene Produkte auf den Markt gebracht. Den Wolf Weissbrand und den Birds. Der eine exklusiv, der andere bodenständig. Eine klare Kampfansage an die moderne Gin-Szene. Warum sollte ein Gin-Fan vor dem nächsten Flaschenkauf einmal einen Blick auf eure beiden Produkte werfen?

LUKAS FICHTL: Du hast recht, im Endeffekt wollten wir mit unseren Bränden eine kleine Kampfansage machen. Doch ehrlich gesagt stand bei uns anfangs gar nicht die „Ginflation“, wie wir sie nennen, im Fokus. Es ging uns eher um Weinbrand, Brandy und Co.. Wir wollten allen zeigen: aus leckerem Wein kann man viel mehr machen, als die meisten vermuten.

Erst mit der Zeit bemerkten wir, vor allem mit dem Start unseres BIRDS, dass wir völlig ungewollt auch für Gins eine Alternative darstellen. Zwar geht er geschmacklich in eine gänzlich andere Richtung, aber schon das ein oder andere mal wurde unser Weissbrand im Blindtasting als leckerer Gin empfunden.

An alle Gin-Fans: es geht auch ohne Wacholder und ohne Neutralalkohol. Vor allem die Basis, der Riesling, sorgt dafür, dass unser BIRDS eine sehr komplexe Geschmacksstruktur erlangt, die sich super in Longdrinks oder Cocktails verarbeiten lässt.

EFS: Als ihr 2014 mit eurem ersten Produkt, dem Wolf Weissbrand, den Markt betratet, schriebt ihr über euer Konzept: „unkonventionelle Brände auf der Basis von deutschen Trinkweinen“. Was war damals eure Intention das Thema „Wein“ in die moderne Spirituosen-Szene einzuführen? Momentan steht ihr damit ja allein auf weiter Flur.

LF: Ehrlich gesagt wurde uns die Idee von unserem Vater quasi in die Wiege gelegt. Er lebte in den Neunziger Jahren eine Zeit auf einem Pfälzer Weingut. Körperliche Arbeit statt Büroalltag war die Divise. Der Winzer ließ damals schon hochwertige, süße Weine von einem befreundeten Destillateur brennen und mazerierte aus Neugierde Früchte und Beeren aus seinem Garten.

Allein die Weinauswahl war völlig untypisch, da in der Regel die Weine gebrannt werden, welche nicht mehr genießbar sind. Lange Rede, kurzer Sinn: unser Vater war begeistert, hatte aber selbst nie die Zeit dazu, etwas daraus zu machen. Also kam er eines Tages auf uns zu: „Jungs, macht was draus!“. Gesagt, getan. Mein Bruder und ich schnappten uns unsere beiden Freunde Lupo und Basti und wir fingen an, uns dem Thema zu widmen. Erst nach einiger Zeit merkten wir, dass wir mir der Idee zur Zeit gar nicht so schlecht liegen. Manchmal gehört nunmal auch ein bisschen Glück dazu.

EFS: Keine Lust gehabt auf einen neuen, eigenen Gin?

LF: Darüber haben wir noch nie nachgedacht. Auch mit unserem BIRDS, welcher mit ähnlichen Botanicals mazeriert wird wie Gin, wollten wir nie einen besonderen, besseren oder weiterentwickelten Gin entwickeln. Gin bleibt Gin und Weissbrand bleibt Weissbrand.

EFS: Wie wird The Wolf und Birds hergestellt? Produziert ihr selbst oder sind die beiden Destillate Auftragsarbeiten?

LF: Leider hat uns zu Beginn das nötige Kleingeld gefehlt, um eine eigene Destille aufzubauen. Letztendlich sind unsere Brände also „Auftragsarbeiten“. THE WOLF wird in der Pfalz und BIRDS zwischen Hamburg und Berlin gebrannt. Wir sehen das aber nicht als reine Lohnabfüllung. Wir helfen bei der Weinernte, setzen die Mazerate selbst an, schälen Orangen, entkernen die Äpfel, füllen ab und etikettieren die Flaschen. Beim Brennen erhalten wir dann Gott sei Dank die kompetente Hilfe unserer Destillateure. Eine eigene Destille ist aber in Planung – das ist nur eine Frage der Zeit.

EFS: Wenn ich mir Wolf und Birds so ansehe, dann scheint ihr nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich eine eigene Linie zu fahren. Design und Verpackung sind individuell. Wie kam es zu dieser Auswahl?

LF: Wir befinden uns in der glücklichen Lage, dass wir Marketing, Design, Webseiten und Fotos komplett selbst umsetzen können, da wir ursprünglich alle aus der Richtung kommen. Mit unseren Marken wollten wir sehr gradlinig und modern daherkommen – so wie wir auch Brände aus Wein modern machen wollen. Uns war wichtig, dass alles zusammen passt. THE WOLF ist eine Hommage an unseren Vater Wolfgang und kommt in einem Bag, inspiriert vom Lewis Bag (ursprünglich verwendet zum Icecrushing). Bei BIRDS bedienen wir uns an Botanicals aus allen fünf Kontinenten und daher auch das Flugzeug und ein Etikett in Optik eines Flugtickets.

 

EFS: Je individueller man ein Produkt aufzieht, desto kostspieliger wird die Sache. Zudem seid ihr noch jung und in der Spirituosen-Industrie bis vor wenigen Jahren noch ein unbeschriebenes Blatt gewesen. Wie konntet ihr die anfänglichen Investitionen stemmen?

LF: Ganz am Anfang haben wir alle zusammengelegt und erst einmal 50 Flaschen von unserem Wolf abgefüllt. Danach wurden es 120. Nach einem Jahr machten wir uns daran, BIRDS zu entwickeln – Mazeration in Weckgläsern bei uns im Wohnzimmer. Als alles etwas ernster wurde, gründeten wir unsere GmbH und unser Vater sorgte für eine kleine Finanzspritze.

Wir wollten immer organisch wachsen und wenn man etwas Geduld zeigt, dann kriegt man das auch hin. Was wir in der Hinsicht lernten: Sei nett und offen – vor allem auch zu deinen Zulieferern. So konnten wir beispielsweise unseren Flaschenlieferanten überreden, dass er für uns eine Kleinstauflage bedruckt.

Oder unsere liebe Schneiderin, die damals im Gegenzug für eine Kostprobe das Schnittmuster unseres Wolf-Bags entwickelte. Wir hatten auch das Glück, dass wir am Anfang noch nicht davon leben mussten. Mittlerweile können wir uns allen ein kleines Gehalt auszahlen, wodurch wir uns nun voll und ganz der Sache widmen können. Das ist großartig!

EFS: Blicken wir einmal weg von etablierten Spirituosen-Genres und -Marken, dann konnten in jüngster Vergangenheit vor allem jene jungen Spirituosen und Marken erfolgreich durchstarten, die einen Großteil ihrer Anstrengungen auf die Gastronomie legten. Damit meine ich nicht, irgendeine Gin & Tonic-Variation auf Flyer drucken, sondern gezieltes Product-Placement in renommierten Bars. Inwieweit arbeitet ihr zu Verkaufszwecken mit der Gastronomie zusammen?

LF: Vor allem mit unserem BIRDS versuchen wir sehr eng mit Bars und den Menschen dahinter zusammenarbeiten. Experimentierfreudige Bartender, die Spass an der Sache haben und mit denen wir uns auch persönlich gut verstehen sind diejenigen, die wir am liebsten haben. Natürlich haben wir anfangs einige ratlose Gesichter gesehen – wie verarbeitet man ein völlig neues Produkt in Longdrinks und Cocktails?

Unser neuestes Projekt ist hierbei: wearebirds.tv. Dies ist unser neuer Blog, auf dem wir laufend neue Bartender mit ihren eigenen Cocktail-Variationen vorstellen wollen. Da Julian ursprünglich professioneller Fotograf ist, können wir das glücklicherweise sehr schick in Szene setzen.

Mit der Zeit soll wearebirds eine Community werden, die sowohl experimentierfreudige Bartender aber auch Connaisseure miteinander vereint. Wir sehen in der Gastronomie einen sehr großen Mehrwert für uns. Denn jeder Bartender, den du von deinem Produkt überzeugen kannst, wird zu einem kleinen Markenbotschafter. Denn vor allem als neues, unbekanntes Produkt lebst du von der Empfehlung.

Wir sagen aber auch ganz klar: Wenn ein Bartender keine Lust auf das Produkt hat oder nicht so recht damit umgehen kann, dann ist es halt so. Da bringt es nichts, mit massenhaft Freiware um sich zu werfen. Auch hier gilt: Qualität statt Quantität.

EFS: Mittlerweile könnt ihr auf die ersten Jahre Anti-Gin-Trend zurückblicken. Hat es sich finanziell gelohnt?

LF: Es war eine großartige Zeit und wir freuen uns auf das, was noch kommt. Finanziell hat es sich dahingehend gelohnt, dass wir inzwischen völlig unabhängig überleben können. Unser Ziel war es eigentlich nie, das große Geld zu machen. Dafür hätte es nämlich bestimmt schnellere Wege gegeben. Wir haben Spass an der Sache – und das ist auch das wichtigste. Rückblickend sind wir sehr froh darüber, dass wir langsam und organisch gewachsen sind. Finanzieller Erfolg kommt irgendwann von alleine, das sollte niemals das Ziel sein!

EFS: Messe-Auftritte, digitale Kooperationen etc. Welche Marketing-Ma ßnahmen haben sich in den vergangenen 2 Jahren für euch gerechnet, welche seht ihr im Nachhinein eher als unnötig an?

LF: Das ist eine sehr gute Frage. Der große Haken des Marketings ist ja immer noch die Unzurechenbarkeit innerhalb der Erfolgsmessung. Generell würden wir aber sagen, dass sich alles lohnt, wo ein persönlicher Kontakt gegeben ist. Das Persönliche ist einfach unser Ding und vor allem für ein Produkt notwendig, was erklärungsbedürftig ist. Für Messen, Tastings oder kleine Events sind wie also immer gern zu haben, denn der ein oder andere gute Kontakt ergibt sich eigentlich immer.

Die digitale Welt ist da etwas schwieriger – insbesondere bei einem Genussprodukt. Da geht es unserer Meinung nach nur darum, gesehen zu werden. Im nächsten Schritt wird die Flasche dann hoffentlich in einer Bar oder einem Geschäft wiedererkannt. Ideal ist hier natürlich sowas wie der kleine Banner, den wir bei dir platzieren durften. Also auf Seiten, wo das generelle Interesse der Besucher zu dem Produkt passt.

Worauf wir auch großen Wert legen sind Mitarbeiterschulungen. Man spürt große Unterschiede zwischen einem Laden, bei dem man den persönlichen Kontakt zu jeglichem Personal pflegt und einem Laden, der eigentlich gar nicht so recht weiß, was er überhaupt verkauft. Und aus diesem Grund wollen wir bald auch mit einer eigenen Masterclass beginnen, zu der wir tolle Bartender einladen. In einer kleinen Runde kann man so tief in die Thematik einsteigen.

EFS: Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wo steht die Weissbrand Distilling Company in 5 Jahren?

LF: Wir können auf jeden Fall sagen, dass wir noch einiges vorhaben. Unsere Vision ist es, Weissbrand als eigenständige Produktkategorie zu etablieren – am liebsten international. In jeder hochwertigen Bar sollte also bald eine Flasche Weissbrand im Rückbuffet stehen. Ansonsten haben wir noch einiges geplant: eigene Destille, eigene Bar, eigenes Weingut.

Der nächste kleine Schritt ist aber nun erstmal die Abfüllung unseres Rieslings. Im April werden endlich die ersten Flaschen des Rieslings abgefüllt, den wir für unseren BIRDS brennen. Unter eigenem Label in Zusammenarbeit mit unserem Winzer Brixius-Bölinger können wir so endlich verdeutlichen: Das ist der Riesling, aus dem alles entsteht!

EFS: Vielen Dank, Lukas Fichtl, für das interessante Interview.


Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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