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Überangebot riskiert die schottische Whisky-Zukunft

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Bildquelle: Muhammad Adzha/FlickR

Mehrproduktion, Destillation an der Auslastungsgrenze und Neugründungen von Super-Destillerien mit unvorstellbarem Produktionsvolumen. Was als Folge des Whisky-Booms der 2000er Jahre errichtet wurde, steht nun vor dem Problem der kränkelnden Nachfrage. Für Whisky-Fans hat dies in naher Zukunft vor allem eine Konsequenz.


„Lord, here comes the flood….“

– Peter Gabriel

Es mag seltsam erscheinen von einer Flut zu sprechen. Vor allem in Zeiten, in denen eine falsch abgeschriebene Zeile eines halbinformierten sogenannten Journalisten die Hiobs-Botschaft von einer weltweiten Knappheit an Single Malt Whiskys auslösen kann. Von einer Whisky-Flut und ja, einer Flut von Single Malts.

Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Scotch Whisky Association (SWA) den Anteil der weltweit verkauften schottischen Single Malts inzwischen mit 9% angibt, im Gegensatz zu noch 1-2% Anfang der 2000er Jahre. Damals als der Boom begann.

Es stimmt immer noch, dass die Verluste an Verkaufsanteilen von nur 1-2% bei den Blends in Geld eine viel gewaltigere Summe ausmachen als Zuwächse bei den Single Malts von 5% oder mehr – auch wenn die Schotten über die Preise eifrig versuchen, das zu egalisieren.

Seit drei Jahren sind die Verkäufe von schottischem Whisky insgesamt nach Umsätzen steigend, nach Menge aber konstant abnehmend. Wir zahlen mehr für weniger Whisky, aber das wissen wir ja schon.

Was sich da in Zeiten des Booms getan hat, kann man an einem der größten Whisky-Märkte sehen, den USA. Dort haben von 2002 bis 2015 nach dem Distilled Spirits Council of the United States, die Verkäufe von Single Malt um unglaubliche 182% zugenommen.

Wir alle wissen, dass es beim Whisky den Faktor Zeit gibt. Schon per Gesetz darf sich ein Getreidebrand in vielen Staaten nicht Whisky nennen, wenn er nicht mindestens 3 Jahre in Eiche gelagert war. Auch wenn uns interessierte Kreise ständig einreden wollen, das Alter eines Whiskys und damit seine Reife habe gar nichts, aber auch wirklich gar nichts mit seinem Geschmack und anderen essentiellen Eigenschaften zu tun. So weiß doch jeder, der wirklich etwas von Whisky versteht, dass dieser Zusammenhang von Reifung, Geruch, Geschmack und Mundgefühl eines Whiskys nicht umgangen werden kann. Egal welche Abkürzungen versucht werden.

Die Whiskys, die mit dem Beginn des Booms zur Verfügung standen, waren alle insgesamt viel reifer als so mancher Malt heute werden darf. Der Grund ist der Whisky-See, der sich nach dem Crash von 1983 gebildet hatte. Hinzukommt die Tatsache, dass bis in die späten 1990er Whisky ein Nischenprodukt war. Ein Nischenprodukt, dem die Allgemeinheit zuschrieb, ein Altherrengetränk für lange Abende am Kamin zu sein.

Was der Whisky als Kategorie mit all ihren Facetten geschafft hat – und das ist die wahre Leistung derer, die unermüdlich an seiner Promotion gearbeitet haben – ist, seit den späten 1990ern nicht mehr nur die alten Herren anzusprechen. Vielmehr wurde das Interesse eines Klientels im Alter von 18-80 Jahre geweckt. Dies nicht nur in Deutschland oder Europa, nein in der ganzen Welt. Whisky in all seinen Formen war plötzlich über alle Generationen hipp und chic.

Auch der größte See kann geleert werden, wenn genug durstige Kehlen sich auf ihn stürzen. So geschehen mit dem Whisky-See. Aufgestaut durch schleppende Nachfrage und den weitgehenden Geheimtipp-Status den Whisky nach 1983 hatte, konnten die Whisky-Firmen aus den Vollen schöpfen als die Nachfrage ab 2000 anzog und gegen 2005 in den Himmel schoss.

Da sich der Konsum und die Freude am Whisky epidemieähnlich ausbreitete und das bekannte time lag, die Spanne von der Destillation bis zur Genussreife nun mal bei einem aged spirit, bei einer Spirituose, die reifen muss, bis sie zum Genuss wird, vorliegt, gab es zunächst kein Halten. Aber auf die Pandemie der Whisky-Nachfrage war niemand wirklich vorbereitet. Die Schotten nicht, die Japaner nicht und die Amerikaner auch nicht.

Alle haben natürlich gehofft, das die Zeiten wieder besser werden. Aber mit der Situation, wie sie am Ende tatsächlich eingetreten ist, konnte nun wirklich niemand rechnen. Hätte man einem Schotten 1995 gesagt, dass der Whisky-See bis 2005 zur Pfütze werden würde, hätte er den Sprecher für verrückt erklärt.

Ja, es ist in den Jahren seit 2000 weltweit viel Whisky getrunken worden und die Bestände an wirklich reifem oder altem Whisky sind überall niedrig. Dafür die Preise generell zu hoch. Und die Auswüchse mit NAS-ty Whiskys wie zum Beispiel Abkürzungen bei der Produktion, Tricks und Schliche haben wir hier auf EYE FOR SPIRITS in der Vergangenheit schon öfter angesprochen.

Es ist nicht so, dass die Whisky-Produzenten untätig gewesen wären. Schon 1997 gab es die ersten Destillerien, die ihre Produktion erhöht haben, oder begannen, vorhandene Produktionskapazitäten voll zu nutzen. Bereits Ende der 1990er wurden Destillerieerweiterungen angekündigt, seit anfangs der 2000er sogar Destillerieneubauten.

ES SOLLEN 30 NEUE DESTILLERIEN ENTSTEHEN

Whisky-Experte Charles MacLean hat seit 2004 alleine 22 Destillerien gezählt, die neu eröffnet wurden, und laut der Scotch Whisky Association (SWA) sind weitere 30 – in Worten „Dreißig“ – in Planung.

Im Jahr 2000 sagt MacLean, haben die schottischen Destillerien insgesamt nur mit 66% ihrer Produktionskapazität gearbeitet. Das führt heute zu der Verknappung von Whisky vom Reifegrad zwischen 10 bis 16 Jahren.

Dann aber wurde an den Arbeitstagen länger und an mehr Tagen im Monat gearbeitet, so dass die Auslastung bis 2005 auf 75% stieg. Für 2013 und 2014 gibt Charles MacLean mehr als 90% an. Das bedeutet, dass wir jetzt in einer Dekade sind, in der sich die Steigerungen seit 2005 im Bereich 10 jährigen Whiskys bereits bemerkbar machen könnten. Könnten!

Könnten deshalb, weil natürlich auch vieles von diesem neuen Whisky schon vor seiner Zeit in Form von alterslosem NAS Whiskys auf den Markt gespült wurde. Was mit 5 Jahren aus dem Fass kommt, wird eben keine 10 Jahre mehr alt oder älter.

Und es ist ja nicht so, dass bei der Erweiterung von Destillationskapazität gekleckert worden wäre. Die Liste der Destillerien, die heute mehr produzieren als vor 2005, wäre eine Aufzählung fast aller schottischen Malt Destillerien. Kaum eine ist der Ausweitung der Produktionsmittel entkommen. Einige von den alten und einige neugebaute. Darunter sind heute wahre Riesen, so Glenlivet, Roseisle, die kommende Macallan Distillery und so weiter.

Noch nicht alle von ihnen haben bereits 10 Jahre gereiften Malt. Ein Teil dieses Bestandes wird wie gesagt auch keine 10 Jahre mehr alt, weil er schon in der Flasche ist.

VON DER ÜBERPRODUKTION ZURÜCK IN DIE REALITÄT

Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Whisky rückläufig. Auch weil die Preise nur noch selten in einer angemessenen und – das muss man vielleicht den Erbsenzählern im Controlling der Whisky-Firmen mal so nahe bringen – auch nicht mehr in einer wirtschaftlich gesunden Relation zur Leistung der Abfüllungen stehen. Zu einem ganz aktuellen Beispiel dafür scheint sich gerade der Laphroaig Lore zu entwickeln.

Charles MacLean mittelfristige Aussichten für die Whisky-Industrie sind allerdings recht rosig. Das Problem kommt nach dieser absehbaren Zeitspanne. Danach könnte es düster werden. “Although there may be a small problem of shortage, the likelihood is a problem of over-production in the coming years.” Zu deutsch: „Es kann kurzzeitig durchaus zu einem Engpass kommen. Sehr viel wahrscheinlicher und auch problematischer ist in den kommenden Jahren hingegen ein Überangebot.“

Er ist nicht der Einzige in der Whisky-Industrie, der das so kommen sieht. Assistant Distillery Manager George Forsyth von Ardmore hat sich in einem Interview im November 2015 in die gleiche Richtung geäußert.

Es sprach im The Spirits Receiver davon, dass einige Destillerien bereits wieder von 7- auf die 5-Tageproduktion reduziert hätten und einige von den neugebauten und erweiterten nun 20 Millionen, eine davon sogar 40 Millionen Liter im Jahr machten. Gleichzeitig meint er, der Gipfel des Whisky-Booms sei erreicht und es ginge darum, das man einen Weg aus diesen Höhen hinunter in die Realität finden müsse.


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6 Kommentare für Überangebot riskiert die schottische Whisky-Zukunft

  1. Jannik 7. April 2016 zu 22:33 #

    Toller Artikel. Mal gespannt wie sich das alles entwickeln wird.

  2. Matthias Hartinger 8. April 2016 zu 15:32 #

    George Forsyth hat Recht: Es ist kein Problem nach oben zu steigen, ein größeres Problem ist es schon oben zu bleiben, ein schier unlösbares Problem aber ist es heil wieder in die Niederungen der Realität herabzusteigen.
    Oftmals ist es als Unternehmer einfacher eine Durststrecke zu überleben als den Höhenflug. Was in den Jahren um 1980 von einigen Destillerien eindrucksvoll bewiesen wurde.
    Aber sehen wir nicht alles schwarz, die meisten der Whiskybrennereien haben mehr als hundert Jahre Geschichte auf den Buckel, viele sind mehrmals eingemottet, und noch öfter verkauft worden. Wer jetzt auch wieder seine „Hausaufgaben“ macht bei den Destillerien, der wird auch in 20 Jahren noch dabei sein.

  3. Bernd Brückner 9. April 2016 zu 11:56 #

    Das eigentliche Problem ist doch, dass der Käufer in Wahrheit alles kauft, egal was der Malt kann und was nicht. Daher können ja auch Marketingstrategen was auch immer mit klangvollen Namen und sinnlosen Geschichten auf den Markt werfen. Irgendwie liegt das Geheimnis der Gesundung wohl in sinnvoller Mäßigung. Was soll den bitte schon dabei sein, wenn man dem Whisky in den Lagerhäusern die Zeit zum Reifen gibt, die er auch braucht, in dieser Zeit kann dann natürlich nicht aus Lagerkapazitätsgründen volles Programm gefahren werden, das muss klar sein, demnach käme es wegen der immer noch hohen Nachrage zu Bestandsabbau an älteren Abfüllungen, was sich leider auch an den Preisen merken lässt, aber ignorieren wir Mal diese Tatsache, weil wie gesagt der Käufer leider alles kauft, kommen wir hier in einen schönen Gesundungsprozess, der zumindest der Qualität nicht schadet, wenn man sich einmal den Glenlivet Founders Reserve oder andere Katastrophen vor Augen führt. Auch ist es ja wohl nicht wirklich zu verstehen worin das Problem mit „schlechtem“ Whisky aktuell bestehen sollte. Wenn wir auf die asiatischen Trinkgewohnheiten hauptsächlich in Japan schauen, dreht sich einem Whiskygenieser doch eigentlich der Magen um, da wird mit Eis und Soda gepanscht bis das Zeug nach rein garnichts mehr schmeckt, wieso sollte man solchen Menschen überhaupt etwas anderes als braunen Ansatzsprit verkaufen, sie verdienen keinen Single Malt und nur weil sie Geld wie Dreck haben sollte das wirklich kein Argument dafür sein, ihnen den guten Malt zu geben und dort wo man ihn würdigen würde eine künstliche Knappheit zu erzeugen. Also liegt ein weiterer Faktor der Genesung in einer aktiven und vernünftigen Marktpolitik.

  4. Holger D. 10. April 2016 zu 15:40 #

    Ganz schön intolerant, Herr Brückner! Ja, Japaner trinken Whisky auch als Mizuwari – aber doch wohl hauptsächlich mit Whiskys billiger Qualitäten… Und übrigens verhökert sogar Macallan einen „Ice Ball Maker“ (für ca. 800 EUR), und Dalwhinnie empfiehlt den eiskalten Genuss des „Winter’s Gold“… Wie blasphemisch…

    Ich überlege gerade, was Sie mit ihrer Einstellung den Leuten noch so vorschreiben könnten… Vielleicht das Essen von durchgebratenen Rindersteaks unter Strafe stellen? Oder Touristen aus bayrischen Traditionsgaststätten rausprügeln, wenn sie sich erdreisten, nach dem Läuten der Mittagsglocke Weißwürste zu ordern? Wär doch mal was…

    VG, Holger D.

    P.S.: Sehr schöner und informativer Artikel, den Sie da verfasst haben, Herr Heinisch!

  5. Klaus-Dieter Laack 10. April 2016 zu 15:58 #

    Die Whisky Kunden kaufen fast alles,man braucht nur kleinere Whisky Fässer benutzen, und den Leuten erzählen, wie toll und intensiv dieser Whisky nun Schmeck, oder man schickt eine Whisky Probe mit James Cameron im U Boot zur Titanic, und schon gibt es einen Whisky der Extrem Selten und Treuer ist (wird). und natürlich wie verrückt gekauft wird, da ist es auch egal, ob dieser Whisky nun 6 oder 8 Jahre alt ist,er wird ja sowieso ohne Altersangabe verkauft. Der Whisky ist meistens nach ein paar Stunden vergriffen, und doppelt so hoch im Preis, wie vorher angegeben. nun haben ja in kurzer Zeit drei Brennereien ihr 200jähriges Bestehen gefeiert und Lagavulin bringt einen 8 Jahre Whisky auf dem Markt, der Teuerer ist wie der 16 Jahre alte.

    Ich hätte mir einen reiferen Whisky gewünscht. Es muss ja nicht wie bei Laphroaig 32 Jahre für über 1000 Euro sein, aber einen 8 Jahre alten, sorry, 8 Jahre jungen Whisky, für über 65 Euro ist einfach zu teuer.Nun gut der Ardbeg Perpetuum soll ja auch nicht viel älter sein, und der Preis liegt schon um die 200 Euro,wir zahlen also viel zu hohe Preise, für Whiskys, die nur 1/3 Kosten sollten,was ich selber merke,ist das die Guten Alten Whiskys immer Teuerer werden, dafür aber immer jüngere Whisky 8 Jahre, oder was üblich ist ohne Alterangabe (NAS) den Markt überschwemmen.Es wird also Zeit,das sich die Verantwortlichen Gedanken machen, weil sich das auf Dauer Schlecht auf den Markt auswirkt.

  6. Holger D. 10. April 2016 zu 20:41 #

    >man braucht nur kleinere Whisky Fässer benutzen, und den Leuten erzählen, wie toll und intensiv dieser Whisky nun Schmeck<

    Kleine Fässer sind in der aktuellen Qualitätskrise des Whiskys noch das kleinste Übel… Whiskys aus kleinen Fässern, wie z.B. der Aberlour Aberlour A'Bunadh oder der Laphroaig Quarter Cask sind durchaus lecker und obendrein noch erschwinglich…

    Viel größere Probleme hab ich mit den heute weit verbreiteten, expressmäßig "gemachten", minderwertigen Sherryfässern oder damit, dass einem zunehmend Whiskys aus "Virgin Oak" als neuer, ganz heißer Scheiss untergejubelt werden. Als ich vor ca. 25 Jahren mit dem Whisky-Trinken angefangen hab, haben einem die ganzen Experten noch verklickert, Whisky aus "jungfräulichen" Fässern wäre faktisch ungenießbar – und heute isser auf einmal ganz toll… 😉

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