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Der Weg zur eigenen Destillerie I: Den Angestellten-Job an den Nagel hängen?

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Bildquelle: Joe Wolf/FlickR

Mit der Idee den bequemen Angestellten-Job an den Nagel zu hängen und sein eigenes High End-Destillat auf den Markt zu bringen, spielen viele. In den vergangenen Jahren der Spirituosen-Euphorie und zahlreichen Start-Ups, sogar sehr viele. Benedikt Brauers hat es getan. Auf EYE FOR SPIRITS berichtet er über seine Ideen, Zweifel und schlaflose Nächte.


Im Frühjahr 2014 ging ich zu meinem Chef und kündigte. Sichtlich erstaunt fragte er mich, ob ich einen neuen Job hätte oder was ich denn jetzt vorhaben würde. Doch ich konnte und wollte ihm keine konkrete Antwort geben. Ich wusste einfach selbst noch nicht, was mich erwarten würde.

Wer hat noch nicht mit Freunden überlegt etwas Eigenes aufzubauen? Die Palette der Innovationen reicht üblicherweise von der coolen Szene-Bar mit durchgehender Happy-Hour bis hin zum online Startup. Doch auch die wirklich interessanten Ideen bleiben meistens nicht mehr als eine Träumerei. In meinem Freundeskreis war es nicht anders. Wir haben aber immerhin einmal zu Dritt ein Gründungsseminar der IHK besucht, als bei uns der Wunsch eine eigene Bar zu eröffnen akut war. Konkreter ist es jedoch natürlich nie geworden. Also fing auch ich nach dem Studium erst einmal einen gewöhnlichen Bürojob an.

Mein Faible für gute Drinks und hochwertige Spirituosen entdeckte ich auf einer USA Rundreise mit meinen Brüdern. Die Craft-Spirits Szene entwickelte sich dort gerade und wir konnten in einer New Yorker Bar im Stadtteil Hell’s Kitchen einige der hochprozentigen Neuheiten in Sachen kreativer Cocktails genießen.

Zurück in der Heimat lud ich von nun an meine Freunde regelmäßig zu mir ein. Anstatt in einer urigen Altstadt Kneipe in Stimmung für den Partyabend zu kommen, durften und mussten sie meine jeweils neusten Schnäpse pur oder auch mal in verschiedenen Drinks probieren.

Wie das halt so ist mit den Hobbies, fing ich an mich ernsthafter mit den Qualitätsmerkmalen, Besonderheiten und den Herstellungsverfahren der verschiedenen Brände und Destillate auseinanderzusetzen. Ich besuchte Seminare, besichtigte Destillerien, besorgte mir einschlägige Literatur, führte angeregte Fachgespräche mit Mixologen und Brennern und versuchte mich an meinen ersten selbst angesetzten Frucht- und Kräuterschnäpsen.

Als ich dann vermehrt die Geschichten von den vielen Quereinsteigern las, die – anfangs vor allem in den USA – ihr Erspartes in eigene Destillerien investiert hatten und erfolgreich Whiskeys, Vodkas und Gins in ehrlicher Handarbeit brannten und abfüllten, fing ich langsam an davon zu träumen, es diesen Vorbildern gleichzutun.

WENN ES ANFÄNGT ZU JUCKEN

Es sollte aber noch eine ganze Weile dauern, bis ich es tatsächlich selber wagen würde. Ich hatte nach dem Studium bei einer Unternehmensberatung angefangen und es lief zunächst ganz gut. Und wenn man zufrieden ist, verlieren andere Überlegungen sehr schnell an Bedeutung. Doch die Auftragslage verschlechterte sich und es gab einige personelle Veränderungen, weshalb ich mit dem Gedanken spielte, den Arbeitgeber zu wechseln. In diesem Moment kam der Traum zurück.

Wenn nicht jetzt, dann würde ich es wohl nicht mehr versuchen. Das Timing schien zu passen. Ich hatte ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt und noch keine Verantwortung für Kinder, Haus und Hof zu tragen. Typisch Berater wollte ich aber zunächst trotzdem einen groben Plan davon haben, was das Ganze für finanzielle Konsequenzen mit sich bringen würde und welche Investitionen nötig sein würden.

Auch wenn ich den einen oder anderen Sonderwunsch hatte, waren die Angebote für die Destillieranlage relativ schnell eingeholt. Schließlich haben wir in Deutschland weltbekannte Kupferschmiede, die sich damit bestens auskennen und verkaufen möchte auch jeder gerne.

Weniger leicht kommt man hingegen an Informationen über Margen, Handelsspannen und Gewinne, da sich die Spirituosen-Hersteller hier generell sehr bedeckt halten. Wollte ich jedoch daran festhalten; eine eigene Destillerie aufzubauen – und das war schließlich mein Traum – brauchte ich Kredite und für die Geldgeber und Banken wiederum überzeugende Zahlen.

Ich telefonierte also ganze Listen von Händlern und Gastronomen ab, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel Geld von einer verkauften Flasche tatsächlich noch beim Hersteller ankommt. Doch die verlässlichsten und wichtigsten Daten bekam ich am Ende zum Preis von einem Messe- und zwei Flugtickets sowie einer Übernachtung in Berlin.

 

ICH BRAUCHE VERLÄSSLICHE ZAHLEN

Ich bitte im Nachhinein alle um Entschuldigung, die ich etwas angeflunkert habe, als ich zum ersten Mal den Bar Convent besuchte. Angemeldet als interessierter Wiederverkäufer für Spirituosen betrat ich die Hallen, in denen sich die hochprozentige Branche versammelt hatte.

Um die leichte Nervosität vom Anfang abzubauen, reihte ich mich erst einmal in ein paar Verköstigungsrunden ein. Die Anspannung war entsprechend schnell verschwunden und ich konnte meine Recherche beginnen. Beim Probieren und Plauschen an den verschiedenen Ständen schnappte ich recht schnell die gewünschten Informationen auf. Auch das ein oder andere Gesicht, das ich bisher nur von den Fotos aus Fachmagazinen und Websites kannte, begegnete mir. Ich fühlte mich ein wenig wie ein kleiner Junge, der während dem Training seiner Lieblingsmannschaft mitten auf dem Fußballplatz steht und seine Stars und Vorbilder erstmals hautnah erleben darf.

Von der Verschlossenheit der Branche war hier jedenfalls nichts mehr zu spüren. Tatsächlich waren die Leute wesentlich offener, auch ohne, dass ich große Märchen erzählen musste. Nur einmal drohte es etwas unangenehmer zu werden.

Ein Gin-Hersteller aus einem deutschsprachigen Nachbarland im Süden war anscheinend so sehr an mir als vermeintlichen Großabnehmer interessiert, dass er mehr über mein Business erfahren wollte. Doch gerade als er nach meiner Visitenkarte fragte, wurde er von einem anderen Besucher abgelenkt und ich konnte mich geradeso ohne weiteres Aufsehen verdrücken. Dank dieser kleinen Spionage-Einlage hatte ich nun alle wichtigen Zahlen zusammen, um einen Kredit für mein Vorhaben zu bekommen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment, an dem es endgültig kein Zurück mehr gab. Es war mittlerweile schon ein halbes Jahr seit meiner Kündigung vergangen. Die Planungen waren endlich abgeschlossen, die Finanzierung stand und musste nur noch abgerufen werden. Bisher hatte ich eigentlich nur Zeit investiert. Den Job wechseln wollte ich ja sowieso. Nun lag ein Kaufvertrag im Wert eines vollausgestatteten Mittelklasse Wagens vor mir. Soviel Geld auf einen Schlag hatte ich mit Ende zwanzig noch nicht ausgegeben. In meinem Kopf schwirrten die verschiedensten Gedanken.

Welches Risiko gehe ich hier eigentlich ein? Nicht wegen dem Preis der kupfernen Destillieranlage, sondern mit dem Aussteigen aus dem Angestelltenleben. Familienplanung, finanzielle Sicherheit, die Lust etwas aufzubauen, die Vorstellung von der eigenen Destillerie. Der Kopf versucht noch einmal alles miteinander aufzuwiegen, aber letzten Endes bleibt es eine Herzensentscheidung. Ich habe unterschrieben. Sonst würdet ihr diese Zeilen ja auch gar nicht lesen. Ich dachte in dem Moment, dass es nun einfach losgehen würde, doch ich hatte nach wie vor keine Vorstellung davon, was wirklich noch alles auf mich zukommen sollte…


ÜBER DIESE ARTIKEL-REIHE: Unter „Der Weg zur eigenen Destillerie“ berichtet Start-Up Gründer Benedikt Brauers (30) über seinen Weg in die Selbstständigkeit der Spirituosen-Industrie. Von dem Wunsch der kreativen Selbstständigkeit, Kredit-Vergabe, Flaschen-Auswahl oder dem Aufbau der eigenen Destillieranlage berichtet der Kölner bis zum Abfüllen der ersten Charge in seiner Wayfarer Distillery.

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2 Kommentare für Der Weg zur eigenen Destillerie I: Den Angestellten-Job an den Nagel hängen?

  1. Georg 1. Mai 2016 zu 17:48 #

    Stellt sich nur die Frage, warum man heut zu Tage noch eine Destille gründen muss, die Gin produziert. Riesen Respekt vor dem Schritt in die Selbstständigkeit, aber ob sich das langfristig wirklich für ihn rentieren wird bleibt abzuwarten. Der Markt wird sich m. M. nach in den nächsten Jahren, wenn nicht sogar schon in den nächsten Monaten bereinigen. Als Newcomer ist die Chance einfach nicht mehr da seine Nische zu finden. Trotzdem alles gute!

    • Benedikt 1. Mai 2016 zu 20:09 #

      Hallo Georg,
      wenn es mir nur darum gehen würde einen Gin zu vertreiben, dann hättest du recht und es gebe viel einfachere und risikoarmere Wege wie etwa Lohnabfüllung. Meine Leidenschaft war aber von Anfang an die handwerkliche Herstellung von interessanten Destillaten und die damit verbundenen Möglichkeiten der Natur verschiedenste Aromen zu entlocken.
      Gin an sich bietet schon eine spannende Spielfläche für einen Brenner. Schließlich ist bis auf die prägende Zutat Wacholder alles weitere, von der Art und Weise der Destillation/Herstellung bis hin zu den begleitenden Kräutern, Gewürzen und Früchten, frei wählbar. Nicht zuletzt diesem Umstand verdanken wir den mittlerweile sehr breit aufgestellten Gin-Markt.
      Ob es jetzt finanziell sinnvoll ist, als Neuheit auf diesem Markt zu starten, stellst du nicht zu unrecht in Frage. Meine Motivation ist aber eine andere. Ich destilliere Gin, weil ich Spaß daran habe mit den vielen Möglichkeiten zu experimentieren. Und gerade, weil sich der Gin in den vergangenen Jahren so entwickelt hat, stößt man auf ein interessiertes und in Teilen sehr fachkundiges Publikum. Sich mit diesem auseinanderzusetzen (zu müssen) ist gerade für einen ambitionierten Newcomer herausfordernd und sehr spannend.
      Danke, dass du mir trotz deiner Skepsis alles Gute wünschst!
      Benedikt

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