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Kann Gin mit Regierungshilfe zukünftig Whisky das Wasser reichen?

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Bildquelle: Luc Mercelis/FlickR

In der Spirituosenwelt geistert eine Zahl herum. 1200. So viele neue Ginsorten seien auf den Markt gekommen. In welchem Zeitraum? Völlig egal, gefühlt sind es noch ein paar 1000 mehr. Darunter sind zahllose erstklassige Produkte, auf den Großteil trifft das aber nicht zu. Diese sind die immer gleichen Imitate erfolgreicher Vorgänger. Und diese Masse will mit Regierungshilfe Whisky das Wasser reichen?


Für einige Szenekenner begann die Rückkehr des Gins mit dem Hendrick’s aus der Destillerie Girvan.

Kennst du nicht? Das ist die Grain Whisky Destillerie von William Grant & Sons in Girvan, Schottland. Das bekannteste Produkt von William Grant & Sons ist der Single Malt Glenfiddich. Als echten Briten – noch sind’s die Schotten – lag einem der ehemaligen Präsidenten des Familienbetriebes auch der Gin am Herzen. So ersteigerte er in den 1960ern einige Stills bzw. Brennblasen.

Der Hendrick’s ist in seinen Bestandteilen ein Blend von zwei Gins. Der eine stammt aus einer Carter-Head Still, die schon 1948 gebaut wurde und von denen es nur wenige auf der Welt gibt. Die andere Komponente stammt aus einer kleinen small pot still, gebaut von Bennett, Sons & Shears – im Jahr 1860! Beide Stills wurden nach der Ersteigerung in den 1960ern durch den ehemaligen William Grant Life President, Charles Gordon restauriert. Aufgrund ihrer Bauart und den Destillationsmethoden machen diese grundsätzlich sehr unterschiedliche Arten von Gin.

Der 1999 herausgebrachte Hendrick’s wird neben dem üblichen Wacholder und einigen Botanicals vor allem durch die Essenzen von Rosen aus Bulgarien und Salatgurken aromatisiert.

Schon der Hendrick’s kam in einer dunkelbraunen Apothekerflasche daher.

Außer in Großbritannien, wo in vielen gesellschaftlichen Kreisen von der Dinner Party bis zum Pub am Freitagabend der Gin Tonic Teil der Kultur ist, war der Wacholder-Schnaps bis dahin eher ein Nischenprodukt. Angesichts der heutigen Gin-Situation, hat er es in unseren Breiten weit gebracht.

1200 neue Gin-Marken ist auch von 1999 aus betrachtet eine beachtliche Leistung. Bis vor 5 Jahren hatten auch Fachhändler höchstens die gängigen Gordons, Beefeaters, Sapphires, eventuell die Tanquerays, Greenalls, Gilbeys und Finsburys dieser Welt im Regal. Und wenn dann noch so etwas Exotisches wie Plymouth Gin, London Hill, Larios oder Dwozaks Gin dazu kam, so waren mit eineinhalb Metern Regalbreite die Gins einsortiert. Dazu noch etwas Genever, Uerdinger, Steinhäger oder Wollbrinks Wacholder und das wars. Damit war man gut sortiert. Heute braucht es gut 10 bis 15 Meter Regalbreite und dann hat man noch lange nicht alles.

Dworzaks war übrigens schon vor dem Run ein deutscher Gin aus der Rhön-Hessischen Brennerei in Fulda. Deren Gin wird heute als „Tiger“ vermarktet.

Die Frage wie es dazu kam, ist vielschichtig. Sie hat etwas mit Geld zu tun, mit Trends und Übersättigung. Bei der Sache mit dem Trend hat es zudem etwas mit Coolness und „Hipster-Tum“ zu tun.

GIN WURDE ZUM NEUEN VODKA-ERSATZ

Nachdem so um 2007 oder 2009 klar wurde, dass der Vodka-Markt ausgereizt war und so mancher Hersteller sein Blatt mit immer neuen aromatisierten Vodkas völlig überreizt hatte, musste etwas anderes her. Vodka hörte so langsam aber sicher auf, hipp zu sein und die Bartender der Welt brauchten etwas anderes. Die Spirituosenhersteller auch. Nachdem eine ganze Generation von Szene und Clubgängern an den geschmacklosen und farblosen Vodka gewöhnt worden war, musste das Pendel zwangsläufig in die andere Richtung ausschlagen.

Gesucht war ein schnell zu produzierender, weißer Spirit ohne die Notwendigkeit ihn lagern zu müssen. Dieser sollte ebenso günstig in der Herstellung sein wie Vodka es war – aber diesmal sollte er Aroma und Charakter haben. Die Antwort war Gin. Es war eine offensichtliche Antwort. Wie Vodka auch, war Gin als Kategorie ausgereift, über Jahrhunderte bewährt und brauchte keine große Entwicklungsarbeit. Was er brauchte war schlicht und ergreifend mehr Marketing und einen Image-Wechsel.

Der Gin-Boom hat seine Ursache auch einfach darin, dass gewaltige Marketing-Budgets umgeleitet wurden und plötzlich viel Geld zur Verfügung stand, um Gin zu preisen. Lob-, an- und hoch zu preisen meine ich.

Nachdem die Notwendigkeit für eine „Innovation“ für die Post-Vodka Szene erkannt war, ergab sich die Notwendigkeit, erst einmal von der Geheimtipp-Spirituose Gin genügend herzustellen. So viel Wacholderbeeren wie es Getreide oder andere Grundlagen für Vodka gibt, gibt es allerdings gar nicht.
Bloß gut, dass die hoch destillierte Grundlage für Vodka auch in der Gin Herstellung verwendet werden kann, die dann zwar etwas aufwändiger ist, aber bei der Alkoholbasisbeschaffung keine großen Anstrengungen erfordert.

Gin ist nichts anderes als ein aromatisierter Vodka. Dennoch muss man das richtig und gut machen, sonst ist er schnell versaut. Glücklicherweise braucht es die relativ seltenen Wacholderbeeren nicht als Grundlage zur Herstellung des Basis-Alkohols. Es ist kein solcher Aufwand wie beim Weinbrand, von der Beere zum Destillat. Vielmehr aromatisieren Hersteller Neutralalkohol mit Wacholder und weiteren Botanicals und dazu braucht es viel weniger.

Wie immer wenn es schnell gehen muss, drängen sich viele Anbieter und Marken in der Nische. Man könnte ja zu spät dran sein. Da man sich gegenseitig aber nicht nachahmen will, begann die Diversifizierung der Rezepte. Keine schlechte Sache an sich, aber Wacholder muss es schon sein, was bei einem Gin vorschmeckt.

„Zu schnell, zu viel“ kennzeichnet die Szene der Gin Hersteller, den ganzen Gin Markt.

2013 schrieb ich „Während es beim Vodka nichts ausmachte sich entweder in Sachen Geschmacklosigkeit oder wilder Aromatisierung mit Früchten aus geheimen, nur den Nachfahren der Inka bekannten Andentälern in 3000 Meter Höhe zu überbieten, ist das Gin-Aroma doch sehr festgelegt.“

Das gilt immer noch. War es beim schottischen Whisky vor 5 bis 7 Jahren ein Run auf alle möglichen oder unmöglichen Fässer für immer exotischere Nachveredelungen, Finishings. Genauso verhält es sich mittlerweile beim Gin und dem Run zu den ausgefallensten Botanicals.

Apropos Inkas.

„Raffiniert und limitiert: Gin + Inka = GIN’CA!
2015 erhielt GIN’CA als erster Gin aus Peru die Auszeichnung „Bestes Destillat Perus des Jahres“. Das Unternehmen stellt diesen Gin fast ausschließlich aus Botanicals her, die aus dem südamerikanischen Land selbst stammen. Darunter Zitrusfrüchte aus der peruanischen Küstenregion, frische Kräuter und Gewürze aus den Anden und Früchten aus dem Regenwald Amazoniens. Nur der Bio-Wacholder stammt nicht aus Peru, sondern aus Mazedonien.“

„Amazonian Gin Company: Exotischer Gin aus dem Regenwald!
Der Amazonian Gin Company ist ein exotischer Geheimtipp für alle Entdecker und Abenteurer aber vor allem Premium-Gin-Liebhaber. Destilliert wird dieser Gin nur aus qualitativ-hochwertigsten und frischen pflanzlichen Rohstoffen aus dem Amazonas-Regenwald. Die verwendeten Botanicals wie Amazonas-Zitrusfrüchte, Aguaymanto, Camu-Camu, Paranüsse und Sacha Inchi werden ausschließlich von kleinen, lokalen Produzenten angebaut.“ (Quelle: about-drinks.com)

Beide werden von der SUCOs DO BRASIL Productos Latino GmbH importiert.

Wieso auch kein Gin aus Peru? Destillieren können sie und Exotisches aus fernen Ländern haben sie auch – zumindest von hier aus betrachtet.

Dictador aus Kolumbien machen Gin, die Chilenen können es auch und jede Rumdestille in Mittelamerika und der Karibik könnte es….

Zurück zum Gin’Ca… gut, geirrt, es war kein Vodka mit Zutaten aus geheimen Andentälern, sondern ein Gin und im Amazonas gibt’s bestimmt auch noch genug Botanicals, die noch nie jemand verwendet hat. Die gibt es bestimmt auch in der Serengeti, der Kalahari, der Wüste Gobi, in Sibirien oder sonst einer abgelegenen Ecke der Welt.

Aber wie gesagt, zu viel, zu schnell und neue Gins rufen längst keine freudige Erregung mehr hervor, sondern eher ein Schulterzucken, wenn nicht gleich Langweile.

Monkey 47-Chef Alexander Stein zu diesem Thema im Handelsblatt-Interview: „Gin ist in – das ist das Problem“

In dem Text heißt es unter anderem: „International spielen die deutschen Gins aber eine untergeordnete Rolle. Man muss auch mal sehen: Wenn jede Woche zehn neue Gins von irgendwelchen ehemaligen Werbern auf den Markt kommen, kann die Qualität nicht immer stimmen. Die Verlockung des Marktes ist eben groß.“

Vielleicht war die Gewöhnung oder die Verlockung der Grund dafür, dass Monkey nun zu über 50% seit Januar 2016 Pernod Ricard gehört. Oder Voraussicht auf mögliche Veränderungen nach unten? Herr Keller, bis Anfang 2016 Brennmeister bei Monkey 47, jedenfalls sucht mittlerweile bereits neue Herausforderungen.

GROßBRITANNIEN SETZT AUF GIN ALS SOLIDES EXPORT-GUT

Andernorts ist man optimistischer. In Wales, von allen Orten der Welt, ist die Zahl der Gin Produzenten im letzten Jahr von 6 auf 12 gestiegen.

In Großbritannien wurde 2015 fast £ 1 Milliarde für Gin in Shops, Restaurants und Pubs ausgegeben. Spezielle Gin-Bars wurden dort allenthalben eröffnet – und das erinnert doch sehr an die ganz alten Zeiten der Gin Palaces.

Die Wine and Spirit Trade Association, zumindest ihr Chef Miles Beale, glaubt, dass die Gin-Industrie sogar ein Rivale für den Whisky-Markt werden könnte und wie dieser eine Globalperspektive hat.

Wales and the UK have seen an explosion in the number of gin distilleries opening,“ sagt er „I think it’s the export market that needs to be targeted now. […] “It’s a quintessentially British drink and we lead the way with gin already.“ […]“Now we are seeing small players joining the already larger existing companies.“ […]“The UK government want to see gin match the £4bn whisky market. […]

Zu Deutsch: „Wales und Großbritannien verzeichneten einen explosionsartigen Anstieg an Neugründungen von Gin-Destillerien. Meiner Ansicht nach sollten wir uns daher primär auf den Export konzentrieren. […] Es ist ein Ur-britischer Drink, an dessen Spitze wir eh schon stehen. […] Aktuell beobachten wir viele Start Ups im Gin-Bereich, die es den großen Konzernen gleichtun. […] Die Britische Regierung will, dass Gin mit dem 3 Milliarden Pfund Sterling schweren Whisky-Markt.

Schwer zu glauben. Vielleicht muss man Brite sein, um das so zu sehen. Aber es bleibt dennoch das Problem von zu viel, zu schnell.

Was viele Marketing-Mitarbeiter und die dahinter stehenden Bosse der Spirituosen-Industrie unterschätzen, ist der Gewöhnungsfaktor.

Da sich alle gegenseitig imitieren, wenn etwas erfolgreich beworben wird, hat der Käufer diese Werbung und die Ankündigungen, die dem immer gleichen Schema F folgen, schnell statt. Die ein oder andere Kampagne schafft es dann noch, sich angenehm aus dem Marketing-Geschwurbel mit dem ein oder anderen originellen Schlüsselwort oder einer originellen catch phrase abzuheben, aber insgesamt ist nach 200 neuen Produkten nach dem gleichen Schema in einem Jahr alles Brei. Und langweilig.

Andere imitieren sich ständig selbst, weils so erfolgreich gewesen zu sein schien, so z. B. Ardbeg um ein Beispiel weit ab vom Gin zu nennen.

Der neue Ardbeg Dark Cove ist vom Konzept her nichts anderes als all die anderen vorausgegangen Abfüllungen zum Ardbeg Day. Die gleiche mehr oder minder wiederholende Story, die „Exklusivität“ des Ardbeg Days und in der Flasche das Bewährte: eine Ardbeg Limited Edition. Eine, mit immer weiter zurückgehender Torfigkeit, bei der der „innovative“ Sherry-Einsatz etwas von der Jugendlichkeit maskiert, die man leicht im Rest dieser Releases finden kann. Schlicht aus dem Grund, weil sie so offensichtlich ist und alles in allem einen bestenfalls mittelprächtigen Ardbeg ergibt. Vor allem im Vergleich zu dem, was gerade diese Destillerie herstellen könnte.

Wenn man kein 1000%er Ardbeg Fan ist, ist das jährliche Ritual der Selbstkopie einfach nur langweilig und der Whisky uninteressant. Besser könnte er auch sein fürs Geld.

Für den Gin ist zu sagen, dass keine Neuheit hier wirklich neu ist. Neue ausgefallene Botanicals sind neue ausgefallene Botanicals. Nicht mehr und nicht weniger. Niemand ist es bisher gelungen den Gin wirklich neu zu erfinden. Noch hat nicht jeder alles probiert, die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber es ist kaum vorstellbar, dass Gin wirklich die Welt erobert und dem Whisky Konkurrenz machen kann.


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3 Kommentare für Kann Gin mit Regierungshilfe zukünftig Whisky das Wasser reichen?

  1. kallaskander 9. Mai 2016 zu 10:52 #

    Hi there,

    das mit dem Gin ist durch. Wieso?

    Eine Tee-Firma bietet den ersten Selbstbausatz an.

    http://www.about-drinks.com/teegschwendner-gincinnati-kraeutercocktail-fuer-tee-und-self-made-gin/

    „10 g GinCinnati (ca. 5 gestrichene Teelamaß) mit 350 ml Wodka mischen und 48 Stunden ziehen lassen. Den bräunlichen Gin filtern und in eine Flasche oder Karaffe abfüllen.“

    Aromatisierter Vodka, ganz recht.

    100g kosten 6,30 €, macht 10 Portionen und bei 350 ml Vodka 3,5 ltr. Gin. Bei einem Vodka in der Klasse um die 12.- € braucht man 5 Flaschen a 0,7 ltr, macht 60.- € dazu die Gin botanicals für 6,30 € und man kommt bei 19.- € den Liter raus.
    Man kann natürlich auch dreieinhalb Flaschen Absolut Liter nehmen, dann wirds marginal teuer.

    Viel Spaß beim selber bauen.

    Greetings
    kallaskander

    • 1968superingo 9. Mai 2016 zu 13:12 #

      Ist nicht wahr?!? Unglaublich, was es heute schon so alles gibt. Bei solchen „Do it yourself“-Bausätzen weiss man, dass ein Produkt definitiv am Ende des Hypes angekommen ist. Gin ist tot, es lebe ….? Tequila? Rum? Clairin? Mal gucken, welche Sau als nächstes durch das Dorf getrieben wird.

  2. Stefan Penninger 12. Mai 2016 zu 01:17 #

    Nun, mal nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Gins können aromatisierte Wodkas sein. Oder mazerierte Obst- oder Weinbrände. Oder sonstwas aus Brandwein, mit Wacholdergeschmack. Die Spirituosenordnung gibt da viel her, nicht nur mit Neutralalkohol.

    Denn ansonsten müsste man ja auch sagen, Wodka ist ja nichts weiter als verdünnter Neutralalkohol. Brandy nur konzentrierter Wein, Whisky nur konzentrierte Biermaische, die im Holzfass rumgegammelt hat. Und es gibt auch Länder, wo man sowas legal zuhause herstellen kann. Deutschland und viele andere Länder gehören halt wegen der Brandweinsteuerproblematik nicht dazu.

    Wenns nach dem Aufwand bei der Herstellung geht, sollten sich die Spirituosenfreunde auch zurückhalten – Bier braucht bspw. einige Produktionsschritte mehr als Whisky. Und die Komposition von Gin aus einer schier unerschöpflichen Zahl an Botanicals kann um einiges komplexer sein als so manche fassgelagerten Produkte.

    TL;DR: Der Teufel steckt im Detail. Jede Spirituose könnte in ihrer Grundform billig und zuhause gemacht werden. Deswegen alleine ist sie aber noch lang kein Edelprodukt – aber auch kein Fusel. Beides ist möglich, aber nicht die zwangsläufige Folge.

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