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Der Weg zur eigenen Destillerie II: Jobqualifikationen eines Destillateurs

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Bildquelle: Ranger56112/FlickR

„Für die 63 Ampere nimmst du am besten ein 5-adriges Kabel mit 10 bis 16 Quadrat-Millimetern pro Leiter“ sagte der Elektriker, als ich ihn fragte, wie wir die Destillieranlage an den Starkstrom anschließen können. Es war nur eines von vielen technischen Problemen, die es in der kommenden Zeit zu lösen galt. Doch der Reihe nach.


Der Anlagenbauer hatte mir eine Lieferfrist von ungefähr sechs Monaten für die Destille prognostiziert. Bis dahin musste ich geeignete Räumlichkeiten finden, aber leider gibt es bei den einschlägigen Immobilienportalen kein Angebot für schlüsselfertige Destillerien.

Also machte ich mich in Köln, Bonn und dem Umland auf die Suche nach ebenerdig und gut zugänglichen Räumen mit Starkstrom- und Frischwasseranschluss sowie einer ausreichenden Raumhöhe, um die Destillieranlage aufstellen zu können.

Ich besichtigte alte Bäckereien und Werkstätten, ausgebaute Scheunen und sogar ein ehemaliges Künstleratelier. Am liebsten hätte ich natürlich ein repräsentatives Objekt in zentraler Kölner Lage bezogen, doch dies wäre mit dem finanziellen Rahmen nicht möglich gewesen.

Schließlich wurde ich in einem Gewerbegebiet in Frechen, das an den Kölner Westen grenzt, fündig und mietete dort eine kleine Lagerhalle. Räumlichkeiten eines ehemaligen Lebensmittelbetriebs hätten sicher den Vorteil gehabt, dass weniger zu renovieren gewesen wäre, aber nun sollte sich halt zeigen, was für Qualifikationen ein künftiger Destillateur tatsächlich so benötigt.

VON DER LAGERHALLE ZUR DESTILLERIE: BAUANLEITUNG FÜR DUMMIES

Zuerst mussten die fünf Meter hohen und kahlen Kalksandsteinmauern mit spezieller abwaschfester Farbe gestrichen werden. Mir gefiel die Mauerstruktur sehr gut. Blöd nur, dass kein Weg daran vorbeiführt jede einzelne Fuge mit dem Pinsel vorzustreichen, will man ein ordentliches Ergebnis haben.

Außerdem waren drei Anstriche und eine Grundierung vonnöten, um überhaupt ausreichend Deckkraft auf den saugstarken Kalksteinen zu erreichen. Zum Glück ließ sich meine Freundin nicht lange bitten und half fleißig mit, auch wenn teilweise mehr Farbe auf ihrer Kleidung als an der Wand landete. Wenigstens konnten wir so die Abwaschfestigkeit der Farbe im Praxistest bestätigen.

 

Als nächstes versiegelte ich den Betonboden. Bei der späteren Kontrolle titulierte mich die Beamtin von der Lebensmittelüberwachung als Streber, was in diesem Moment definitiv ein Kompliment für mich war.

Sie war sehr angetan von der Epoxidharz Schicht, die den Boden „so schön leicht zu reinigen“ mache. Als vorbildlich bezeichnete sie außerdem die Auswahl an Edelstahlmöbeln im Vorbereitungs- und Spülbereich.

Für dessen Anschluss und für die Kühlwasserzufuhr der Destillieranlage verlegte ich Leitungen quer durch die Halle. Bohren, Schrauben, Hämmern und Sägen waren meine neuen Lieblingsbeschäftigungen geworden. Aber dank modernen Klemmverbindungen und leichten Rohren ist das zumindest von der technischen Seite her keine allzu große Schwierigkeit gewesen.

Anders sah das bei der Starkstromleitung aus. Es war Dienstag gegen halb acht Uhr morgens, als das Handy klingelte.

Mein Kundenberater vom Anlagenbauer informierte mich, dass ein Termin ausgefallen sei und der Monteur daher schon am nächsten Tag anstatt erst in einer Woche die Destille liefern könne. Kurz nachdem ich in großer Vorfreude zugesagt hatte, fiel mir ein, dass das Kabel für den Stromanschluss noch nicht verlegt war.

Aber wie schwer kann es wohl sein; ein 15 Meter langes Kabel vom Sicherungsschrank an der Decke entlang auf die andere Seite der Halle zum Aufstellungsort der Destillieranlage zu verlegen? Sehr schwer und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich hatte vollkommen unterschätzt wie viel ein dickes Starkstromkabel wiegt und wie schlecht man es zurechtbiegen kann. Als ich das etwa 60 bis 70 Kilo schwere Ding aus dem Baumarkt abholte, beschlich mich schon ein ungutes Gefühl. Ich sah nach den ersten kläglich gescheiterten Versuchen ein, dass ich das Kabel wohl nicht wie ursprünglich gedacht einfach durch den bereits montierten Kanal an der Decke schieben kann.

Also holte ich die Leitungsrohre wieder runter und versuchte zunächst am Boden das Kabel Stück für Stück aufzurollen und in die jeweils zwei Meter langen Abschnitte zu pferchen. Nach etwa drei Stunden war das Kabel dann im Kanal, nur eben nicht an der Decke sondern auf dem Boden.

 

Es wäre natürlich einfacher und sicherer gewesen eine Montagebühne für die Verlegung zu nutzen, doch es war bereits später Nachmittag und am nächsten Morgen sollte nicht nur die Destillieranlage sondern auch ein Elektriker kommen, um sie direkt nach der Montage anzuschließen.

Daher probierte ich es mit einer ausfahrbaren Klappleiter. Ich stellte die Leiter auf halber Strecke auf und wuchtete das Kabel Sprosse für Sprosse nach oben. Der Schweiß rannte mir von der Stirn als ich es endlich schaffte das mittlere Stück der Leitung in die Klemmhalterungen an der Decke zu bugsieren.

Es wurde von Abschnitt zu Abschnitt leichter und das Kabel verlief am Ende tatsächlich wie gewünscht. Außerdem konnte ich mir einen Besuch im Fitness Studio für den Rest der Woche sparen, wie ich anhand des folgenden Muskelkaters deutlich spürte.

STELL DICH GUT MIT DEN BEAMTEN; NUR SO GEHT ES VORAN

Es war wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern an einem Tag. Der Monteur fuhr mit seinem Lieferwagen vor und ich sah, wenn auch nur in Einzelteile zerlegt, zum ersten Mal meine kupfernd funkelnde Destillieranlage.

Nachdem wir mit Hilfe eines Nachbarn und seines Gabelstaplers die größeren Teile ausgeladen hatten, machten wir uns zu zweit an den Aufbau. Als erstes mussten der Brennkessel und die beiden Kühlwassersammeltanks exakt positioniert werden. Wasserwaage und Zollstock sind dabei unverzichtbar.

Anschließend hievten wir die Kolonne und den Kühler auf jeweils einen der als Podest fungierenden Tanks und begannen die vielen Rohrleitungen miteinander zu verbinden. Knapp zwei Tage dauerte es, bis alles richtig verschraubt und angeschlossen war.

Der Elektriker zeigte mir noch den Vogel, als er an den Schaltkästen werkelte und ich ihm stolz erklärte, dass ich das Starkstromkabel ohne Hilfe an der Decke verlegt hätte. Aber sei es drum, die Anlage stand endlich an Ort und Stelle und funktionierte. Nur der Beamte vom Zoll trübte die Stimmung etwas ein, als er tags darauf die Destille verplombte.

 

Was nun folgte, erinnerte mich etwas an die Aufgabe von Asterix und Obelix, den Passierschein A 38 zu besorgen (wer die Szene aus „Asterix erobert Rom“ nicht kennt sollte sie unbedingt auf YouTube anschauen).

Der Passierschein für eine Genehmigung zum Betrieb eines Steuerlagers mit Destillieranlage ist „nur eine verwaltungstechnische Formalität“, nennt sich Vordruck und gliedert sich in die Nummer 1240, 1241 sowie 2744.

Jeder Trinkalkohol in Deutschland unterliegt nämlich der Verbrauchssteuer auf Erzeugnisse. Aktuell gehen 13,03 Euro jeden Liters reinen Alkohols, der verkauft wird, zusätzlich zu Mehrwertsteuern und sonstigem direkt an den Staat. Entsprechend muss ein Betrieb, in dem Alkohol hergestellt oder verarbeitet wird, vom Zoll genehmigt werden.

In der Zwischenzeit gab es noch einiges anderes in der künftigen Destillerie zu tun. Zum Einmaischen, Ansetzen von Mazeraten und zur Lagerung der Destillate bestellte ich Edelstahlfässer aus Italien.

Wir bauten noch einen kleinen Abstellraum für Reinigungsutensilien auf. Außerdem brauchte ich eine Plattformwaage und ein ganzes Set an Aräometern (Alkoholspindeln), um die Mengen von Alkohol, Destillaten und Verschnittwasser über das Gewicht und die Dichte bestimmen zu können.

Spielzeuge wie ein kleiner Werkstattkran mit dem die Fässer bewegt werden können und ein Hubwagen sind ebenfalls in jeder Brennerei sehr nützlich. Ich kam auch nicht umhin, einen Ionenaustauscher zu installieren, der dem ansonsten hervorragendem Kölschen Wasser etwas die Härte nimmt.

 

Ungefähr ein halbes Jahr dauert der Papierwechsel mit dem Zollamt jetzt schon an. Prinzipiell muss man bei so einem Vorhaben ja immer mit ungeplanten Verzögerungen rechnen. Doch diese reine Wartezeit, in der man dem Ziel nur sehr langsam näher kommt, zerrt schon an den Nerven.

Schließlich laufen Kosten wie Miete und privater Lebensunterhalt unbeeindruckt weiter. In dieser Phase kam in mir zum ersten Mal seit meinem Entschluss, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, eine leichte Verunsicherung auf.

Es war zwar einiges geschafft, die Räumlichkeiten waren hergerichtet und zumindest in der Theorie könnte man dort etwas Schmackhaftes produzieren, doch es waren weiterhin viele wichtige Fragen unbeantwortet.

Kurz bevor ich wirklich den Verstand verloren hätte (siehe die Römer, nachdem Asterix den Spieß umgedreht hat), kam der Zollbeamte wieder und entfernte die Plombe. Nun konnte ich endlich loslegen und das erste Mal mit meiner neuen Anlage Schnaps destillieren…


ÜBER DIESE ARTIKEL-REIHE: Unter „Der Weg zur eigenen Destillerie“ berichtet Start-Up Gründer Benedikt Brauers (30) über seinen Weg in die Selbstständigkeit der Spirituosen-Industrie. Von dem Wunsch der kreativen Selbstständigkeit, Kredit-Vergabe, Flaschen-Auswahl oder dem Aufbau der eigenen Destillieranlage berichtet der Kölner bis zum Abfüllen der ersten Charge in seiner Wayfarer Distillery.

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3 Kommentare für Der Weg zur eigenen Destillerie II: Jobqualifikationen eines Destillateurs

  1. Matthias 13. Mai 2016 zu 19:16 #

    Tolle artikelreihe, freue mich schon auf die nächste episode

  2. Andrea Rieger 17. Mai 2016 zu 13:11 #

    Danke für diesen interessanten und informativen Beitrag und dafür, dass Du Deine Erfahrungen mit uns teilst!

    • Benedikt 23. Mai 2016 zu 00:03 #

      Freut mich, dass ihr die Artikelreihe interessant findet. Ich selbst hatte am Anfang keinerlei konkrete Vorstellungen, was so ein Schritt in die Selbstständigkeit bedeutet und welche vielen Kleinigkeiten und Erfahrungen auf einen warten. Da ich diesen Teil auch bei anderen Gründern immer mit am spannendsten finde, erzähle ich auch gerne von meinen Erlebnissen. Dann bis zum nächsten Beitrag 😉

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