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Moderner Gin-Hype? Pfff…diese 4 Cocktails gab es bereits vor über 120 Jahren

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Bildquelle: © vkroha/Fotolia

Was wäre der Gin-Boom der letzten Jahre ohne entsprechende Cocktails gewesen? Wahrscheinlich nicht im Ansatz so erfolgreich, hätte viele neue Produkte verhindert. Eine solche Gin-Euphorie ohne Gin & Tonic? Keine Chance! Was von dem modernen Gin-Trinker aber gerne vergessen wird: Gin-Cocktails waren in den Saloons schon ein großes Ding als sich die USA noch ihre Wunden vom Bürgerkrieg leckten.


Selten hat sich eine gesamte Spirituosen-Gattung derart schnell verändert, wie dies im Laufe der vergangenen 5 bis 6 Jahre bei Gin der Fall war. In nahezu allen Ländern der westlichen Hemisphäre begannen Destillateure und solche die dachten sie wären welche, Gin zu produzieren. Dies geschah in einer solchen Geschwindigkeit, dass der objektive Betrachter meinen könnte, das Wacholder-Destillat wäre plötzlich zum Grundnahrungsmitteln erkoren worden.

Ganz vorne mit dabei: Wir hier in Deutschland.

Vor 5 Jahren, es war in der Anfangszeit von EYE FOR SPIRITS, besuchte ich die Jungs der Duke Destillerie in ihrer Brennerei im Zentrum Münchens. Wir fachsimpelten etwas über Rezepturen, den Markt, Cocktails und verschiedene Produkte. Beim letzten Punkt waren wir relativ fix durch. Vor allem in Hinblick auf deutsche Dry Gins war der Markt relativ mager bestückt. Duke und Monkey 47 machten damals gerade ihre Gehversuche und waren die ersten namhaften deutschen Gin-Marken.

Zu jener Zeit hatte ich ernsthaft vor, akribisch am Ball zu bleiben. Jeden neuen Gin zu probieren und zu verkosten. Wie lächerlich und naiv dies aus heutiger Sicht doch war. Hätte ich dies tatsächlich durchgezogen, ich wäre wahrscheinlich ständig voll bis unter die Hirnrinde, zu besoffen, um noch irgendeinen Artikel zu schreiben.

Allein in Deutschland erschienen in den 2 bis 3 Jahren darauf weit über 100 neue Gin-Qualitäten. Knapp jede Woche ein neuer (!). Alle Premium natürlich. Denn die Black Forest Distillers hatten mit ihrem Monkey 47 2010/11 und ihrer Preis-Strategie, eine Tür aufgetreten, die kommende Hersteller nur zu gerne durchschritten. Der durchschnittliche Verkaufspreis war ab sofort unvergleichlich hoch, die Marge für den Produzenten verlockend.

Einen ähnlichen Trend gab es in einem Großteil der europäischen Länder und darüber hinaus. Selbst neue Kategorien, wie das „New Western Dry“ wurden eingeführt. Eingeführt, um einen fassbaren Begriff dafür zu haben, was per definitionem schon gar kein Gin mehr war.

Darunter waren hervorragende Destillate, die nicht nur besondere Bouquets ablieferten, sondern aus ökonomischer Zeit völlig am Puls der Zeit waren. Losgetreten vom Tanqueray No. 10 der erstmals ein markantes Zitrus-Aroma vor den Wacholder schob. Die Kunden nahmen es mit Kusshand.

Während viele dieser Qualitäten, die in den vergangenen Jahren erschienen, ausgesprochen gut für den Purgenuss geeignet waren, wurden viele häufig mit einem Hintergedanken produziert: Sie müssen in Cocktails funktionieren. An sich kein schlechter Ansatz, ist Gin schließlich die geborene Mix-Spirituose. Kraftvoll und komplex, wenn er kann, filigran und dezent, wenn er soll.

Gin in all seinen Facetten hätte, und da bin ich mir sicher, niemals einen derartigen Erfolg hingelegt, wenn der Cocktail nicht sein Katalysator, sein Sprungbrett gewesen wäre. Es wurden Neukreationen geschafften, Twists kreiert und Gin & Tonic….nun ja….manchmal schien es fast so als wäre Gin ohne das passende Tonic nicht vollständig.

Es entwickelte sich ein unvorstellbarer Hype, um diesen Zweiteiler. Ganze Poster wurden geschaffen, nur um den heiligen Gral, das perfekte Tonic zum perfekten Gin zu finden. Selbst das „Gin Tonic“, das Jahrzehnte gut genug war, wurde plötzlich durch das hippere „Gin & Tonic“ ersetzt.

Im Hype der letzten Jahre sind zweifelsohne hervorragende Qualitäten entstanden. Sowohl Gin selbst, als auch in diversen Cocktails. Bei jeglichem Geschlürfe von Gin & Tonics und diversen Cuisine Style-Twists ist unsere Generation aber bei weitem nicht die erste oder herausragendste im Umgang mit dem Wacholder-Destillat.

Ein wenig Demut würde der Szene daher gut tun. Vor allem in Hinblick auf Cocktail-Kreationen mit einem für dieses Genre biblischen Alters, in Hinblick auf Cocktail-Kreationen, die schlicht, simpel aber fast immer Gin-betont waren. 4 davon finden sich in Harry Johnsons Bartenders‘ Manual von 1882.

MARTINI COCKTAIL

  • 3 cl Old Tom Gin
  • 3 cl Vermouth
  • 2 – 3 Dashes Zuckersirup
  • 2 – 3 Dashes Bitters
  • 1 Dash Curacao bzw. Absinth

Alle Zutaten im Rührglas auf Eiswürfeln circa 15 Sekunden verrühren. Anschließend in eine vorgekühlte Cocktailschale/Coupette abseihen und mit einer Olive oder Kirsche garnieren. Wahlweise kann der Drink noch mit den ätherischen Ölen einer Zitronenzeste abgespritzt werden.

SILVER FIZZ

  • 6 cl Old Tom Gin
  • 2 – 3 Dashes Frischer Zitronensaft
  • 0,5 BL Zucker
  • 1 Eiweiß
  • Soda

Zunächst werden Gin Zitronensaft und Zucker in den Glasteil des Shakers gegeben. Ein wenig Soda dazu und verrühren, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Anschließend Eiweiß und Eiswürfel dazu. Kräftig für rund 20 Sekunden shaken. Anschließend in ein vorgekühltes Highball-Glas auf Eiswürfel abseihen. Mit Soda auffüllen.

GIN AND TANSY

  • Dry Gin (auf Wunsch auch Genever)
  •  5 – 6 Wucherblumen/Rainfarne

Wucherblumen (verwandt mit Margeriten) in einen Decanter geben. Mit halber Flasche Gin auffüllen und rund 10 Minuten ziehen lassen. Anschließend Dekanter mit Tumbler und Eis servieren. Je nach Wunsch und Intensität kann das Extrakt mit zusätzlichem Gin verdünnt werden.

GIN AND MOLASSES

  • Dry Gin
  • Melasse (Helle Farbe, hoher Zuckergehalt)

In einen Tumbler soviel Gin geben, dass der Boden gerade bedeckt ist. Anschließend einen gestrichenen Barlöffel Melasse zugeben. Tumbler, Melasse und Barlöffel dem Gast reichen. In einem separaten Gefäß Eiswürfel und 6 cl Gin dazureichen, sodass die Melasse je nach Gusto verdünnt werden kann.


Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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2 Kommentare für Moderner Gin-Hype? Pfff…diese 4 Cocktails gab es bereits vor über 120 Jahren

  1. kallaskander 19. Mai 2016 zu 14:19 #

    Hi there,

    grade vorgestern hat David Driscoll auf seinem K&L blog geschrieben

    „As a retailer you can’t buy everything you like, or even love. There’s a point where the market reaches saturation and too much is too much. Let’s put it this way, I’ve been given thirty new gins to taste over the past month. THIRTY!
    Even if I liked five of them who has room in their bar for five new gins, let alone thirty? I don’t. I still want to play around with the five new gins I brought in last month. The scary thing is: there might be another thirty waiting for me in June. Who—and I mean this literally not rhetorically—is going to buy all this booze?“

    In Kurzfrorm, zu vile ist zu viel, man kann als Händler nicht mal alle Gins kaufen die man mag, dabei ist kein Ende in Sicht und wer soll den ganzen Stoff kaufen?
    Das mit dem wer meint er wörtlich, es sieht wohl nicht einmal in ganz Kalifornien, wo sein Laden zu Hause ist, genug Ginkunden für die Welle die da schwappt.

    Greetings
    kallaskander

  2. Matthias 19. Mai 2016 zu 20:07 #

    @kallaskander,

    ah ein weiterer treuer K&L Leser 😉

    ab und an schreibt Driscoll echt gute Sachen und hat eben auch teils einfach zugänge in den Markt die kein deutscher Einkäufer (vielleicht von Horst Lüning in der Whiskybranche) sonst hat, bzw haben die deutschen Einkäufer ja keinen Blog 😉

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