3 Dinge, die die meisten Menschen nicht über Dry Gin wissen » Eye For Spirits

Werbung

3 Dinge, die die meisten Menschen nicht über Dry Gin wissen

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Bildquelle: noeltock/FlickR

Eines der faszinierendsten Punkte an Gin ist, dass du noch so viele neue Produkte testen, noch so viele Berichte darüber lesen kannst, es gibt immer noch neue Details. Vielleicht nicht unbedingt Details, die einer Dissertation würdig sind, die das Getränk aber ungemein spannender machen. 3 davon haben wir euch einmal in kompakter Form zusammengepresst.


1. Cream of the Valley: Die vergessenen Gin-Kategorien

Weisst du, was Dry Gin ist? Was ein New Western Dry oder Genever ist? Dem durchschnittlichen modernen Gin-Trinker sind diese Begriffe meist geläufig. Falls nicht, dann sind sie aber zumindest in jeder gängigen Spirituosen-Literatur mittlerweile nachzulesen.

Der Gin & Tonic-Snob des 21. Jahrhunderts hebt allerdings spätestens bei diesen historischen Gin-Genres ratlos die Schultern. Holland’s Gin, English Gin, Cream of the Valley, Young Tom etc. Na? Klingelt da was?

Dies sind fast alles Kategorien, die es heute nicht mehr gibt. Zum Teil können wir auch tatsächlich froh darüber sein.

So konnte man zu jener Zeit Wacholder-Destillate im angelsächsischen Raum grob in 2 Kategorien einteilen: Holland’s Gin, was letztlich nichts anderes war als Genever, und English Gin. Unter letztem versammelten sich dann so illustre Produkte wie Cream of the Valley bzw. Cream Gin, Young Tom oder Booth’s.

Cream (engl.: Sahne) beschreibt eigentlich recht gut die Hauptzutat dieses Getränks. Wacholder spielt hier sicherlich irgendwo auch eine Rolle, das charakteristischste Merkmal war jedoch Sahne.

Der Grund hierfür ist so simpel wie auch erbärmlich. Die fetthaltige, weiße Flüssigkeit sollte schlicht eine brennende Plörre in großen Mengen trinkbar machen.

Im London des 18. und 19. Jahrhunderts war Gin ein Getränk der Massen, vor allem der aus unteren sozialen Schichten. Es war vielerorts weder die Möglichkeit für hochwertige Gin-Produktion gegeben, noch das Bedürfnis hierfür. Das Zeug musste knallen und nicht all zu sehr brennen.

Um aus einem miserablen Destillat etwas einigermaßen Trinkbares zu machen, gab und gibt es verschiedene Möglichkeiten. Chemikalien, Pottasche usw. Im alten London und dessen Gin Palaces verwendeten „Brenner“ und Bartender meist 2 Komponenten: Zucker und Sahne.

Süßt man ein Destillat mehr und mehr, wird es deutlich öliger, die alkoholische Schärfe wird folglich auch erträglicher. Und wir reden hier von wirklich kratzigem Zeug. Kein Tankstellen-Vodka, sondern wirklich übles Zeug.

Um also seinen Wacholder-Schnaps runter zu kriegen, wurde häufig mit Zucker nachgeholfen. Eine Reliquie dieser Zeit ist der noch heute erhältliche Old Tom Gin. Eine inoffizielle, historische Kategorie, die einen markant süßen Geschmack hat. Wenn auch in deutlich höherer Qualität als vor 200 Jahren.

2. Gin färbt sich unter UV-Licht nicht blau, Gin & Tonic hingegen schon

λ = c/f. Diese physikalische Formel aus 3 Variablen ist den meisten nur ein zusammenhangsloser Haufen an Buchstaben. Ein Buchstabe sieht nicht mal aus wie einer. Dieses λ. Dieses Lambda.

Diese kurze Formel ist allerdings eines der Werkzeuge, mit denen man erklären kann, wieso unser Gin & Tonic bei Schwarzlicht plötzlich leuchtet wie eine Tiefseequalle.

Dieses Phänomen funktioniert allerdings nur, wenn genügend Tonic im Glas ist. Gin bräuchte es an dieser Stelle gar nicht. Denn für dieses intensiv blaue Leuchten ist ein konkretes Molekül im Tonic Water verantwortlich: Chinin.

Es ist ein Muskelrelaxans und Wirkstoff gegen Malaria. Aus diesem Grund wurde Chinin ursprünglich aus der Rinde des Chinarinden-Baumes gewonnen und in einem bitter-süßen Getränk verarbeitet. Weitaus bitterer als wir es heute kennen.

Was in jenen Jahren der Jahrhundertwende allerdings nicht bekannt war, war dass Chinin ganz scharf auf ultraviolettes Licht ist. Dieses Licht, vor dem wir uns jedes Jahr wieder mit Sonnencreme schützen, besitzt deutlich mehr Energie als das Licht, was wir sehen können. Mehr Energie also als das uns bekannte Blau, Grün, Gelb oder Rot.

Wir können ultraviolettes Licht (kurz: UV-Licht oder Schwarzlicht) nicht sehen….außer….Chinin wandelt es für uns um.

Chinin hat aufgrund seiner Struktur die Möglichkeit UV-Licht aufzunehmen, ihm Energie zu entziehen und als blaue Farbe wieder abzugeben, zu emittieren. Eine Farbe, die unsere Augen schließlich wahrnehmen können.

Diesen Effekt siehst du dann, wenn du Tonic bzw. Gin & Tonic in die Sonne hältst. Hast du genug der Bitterlimonade, dann bekommt diese bei ausreichend Sonnenlicht ein trübes Aussehen. Eben aufgrund des oben genannten Ablaufs.

Nimmst du jetzt die extremere Variante davon, verdunkelst also den Raum und hältst eine reine Schwarzlicht-Lampe gegen das Tonic, dann geht die Post ab. Hier siehst du Fluoreszenz in Aktion.

Chinin nimmt UV-Licht auf und wirft blaues sichtbares wieder raus. Ein sehr hübscher, geschmacklich aber völlig irrelevanter Effekt.

Bildquelle: VGB.Studios/FlickR

3. Ein Großteil der heute verfügbaren Gins, ist rein rechtlich gar kein Gin

In einer Zeit, in der gefühlt jeder dritte Gin-Hersteller auf eine besondere, exquisite Zutat setzt, sich dadurch von der Konkurrenz abzuheben versucht, ist dies eine prekäre Aussage.

Dennoch aber eine, die dem Grunde nach wahr ist. Über die sich letztlich nur keiner lauthals beschwert, da eine rechtlich einwandfreie Klärung schwierig wäre.

Die Ausgangssituation ist folgende:

Bei der Herstellung von Gin dürfen nur Aromastoffe gemäß Artikel 3 Absatz 2 Buchstabe b der Verordnung (EG) Nr. 1334/2008 und/oder Aromaextrakte gemäß Artikel 3 Absatz 2 Buchstabe d derselben Verordnung verwendet werden, wobei der Wacholdergeschmack vorherrschend bleiben muss.

Niedergeschrieben in der EG-Spirituosen-Verordnung vom 15. Januar 2008 ist dies eine der rechtlich bindenden Vorgaben für Gin. Will ein Hersteller sein Produkt Gin nennen, muss dies zutreffen. Er muss also ein klar erkennbares, wacholder-betontes Aroma aufweisen.

Unter dieser Prämisse ist es zwar möglich eine große Produktvielfalt auf den Markt zu werfen, bei weitem aber nicht ausreichend für die derzeitige Situation. Bei mehreren zig Hundert verschiedenen Gins, kommt auch der ansonsten so aromaschwangere Wacholder an seine Grenzen.

Um jedoch eine USP, eine Unique Selling Proposition bzw. ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz zu haben, suchten sich viele Hersteller ihre Nische in anderen dominanten Zutaten. Wacholder war nach wie vor mit von der Partie, rückte allerdings in den Hintergrund.

Dies war kein Einzelphänomen. Diese Produktionsweise wird seit einigen Jahren von derart vielen Herstellern und Agenturen angewandt, dass sich hieraus sogar eine neue, inoffizielle Kategorie-Bezeichnung ableitete: New Western Dry Gin.

Ryan Magarian, Mitgründer der US-Marke Aviation Gin, beschrieb New Western Dry im Jahr 2010 folgendermaßen: “ Ist das erste Aroma, das man erkennt, kein Wacholder, sondern ist auf ein anderes Botanical zurückzuführen, so ist es ein New Western Dry Gin. “

Erkennst du den Widerspruch, der sich hieraus mit der bei uns geltenden Gesetzgebung für Gin ergibt? Ein New Western Dry dürfte rein rechtlich vieles sein. Ein aromatisierter Vodka oder was auch immer. Aber eben kein Gin.

Nur wo kein Kläger, da kein Richter.


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Dann erhalte alle zukünftigen Artikel von Eye for Spirits. Kostenfrei. Bequem in dein Postfach.

2 Kommentare für 3 Dinge, die die meisten Menschen nicht über Dry Gin wissen

  1. kallaskander 23. Mai 2016 zu 15:57 #

    Hi there,

    ja, solange keiner klagt, gehts munter weiter. Oder bis die EU aufwacht und mal hinschaut…

    Aber die Kategorie Gin ist bereits ruiniert durch all die aromatisierten Vodkas und die Gin-Liqueure.

    Greetings
    kallaskander

    • Philip Reim 23. Mai 2016 zu 18:05 #

      Ich gebe dir absolut recht, der Punkt ist nur die Subjektivität. Geschmack bzw. Aroma als Grundlage einer rechtlich-bindenden Verordnung zu machen, ist äußerst schwierig. Wie will man das durchsetzen? Der Hersteller behauptet einfach: Das Ding ist die totale Wacholder-Bombe, denn ich schmecke es raus.

      Juristisch da irgendwas zu erreichen, wäre äußerst schwer.

      Gruß Philip

Schreibe einen Kommentar