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Die bekanntesten Irrtümer über den Kater – und wie es moderne Forschung sieht

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Bildquelle: © agsandrew/FlickR

Du wachst auf, alles fühlt sich normal an. Dann beginnt sich die Decke zu drehen, der Magen begibt sich auf Halb Acht. Für ein Glas Wasser würdest du jetzt alles tun, beim Gedanken an Essen hebt es dich. Egal, was jetzt passiert, es findet über der Kloschüssel statt. Über diese Symptome eines Katers kursieren zahlreiche Irrtümer. Wir haben die wichtigsten einmal unter die Lupe genommen.


Es gibt so viele Namen für das, was uns schmerzlich bewusst macht, dass wir vor wenigen Stunden unsere Grenzen nicht kannten. Kater, Katzenjammer oder so nett klingende wie Alkoholintoxikation. Aber egal wie du es nennen möchtest, es verleitet viele dazu für ein paar Stunden lebenslange Alkoholabstinenz zu schwören. Denn die dadurch verursachten Symptome sind grausam. Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Appetitlosigkeit, Zittern, Erschöpfung und Brechreiz.

Wikipedia: Als Kater „[…]bezeichnet man umgangssprachlich das Unwohlsein und die Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit eines Menschen infolge einer leichteren Alkoholvergiftung. Die auslösende Alkoholmenge variiert von Mensch zu Mensch.“ Wie nett dies doch klingt und wie anders sich dann die Realität anfühlt.

Ein Arzt würde an dieser Stelle sagen, du hast eine klassische Veisalgia, eine Alkoholvergiftung. Laut Adam Rogers und seinem Werk „Proof: The Science of Booze“ leitet sich dieser Begriff vom griechischen „algia“ für „Schmerz“ und der norwegischen Bezeichnung „kveis“ für „Unwohlsein nach Ausschweifungen“ ab.

Wie passend.

Gehen wir nun einmal vom schlimmsten Fall aus. Wir haben es also derart übertrieben, dass die Alkoholmenge in uns zu Bewusstlosigkeit oder gar Gedächtnisverlust führt, dann nimmt der Arzt auch nicht mehr das niedliche Veisalgia. Dann ist es eine Stufe drüber: das Elpenor Syndrom.

Benannt wurde diese Ansammlung an Symptomen nach einer mythologischen Figur, einer von Odysseus Gefolgsleuten. Elpenor gab sich am Abend vor Odysseus Abfahrt von der Insel der Kirke so hart die Kante, dass er auf deren Schlossdach einschlief. Gerade als die Crew am nächsten Morgen in See stechen wollte, wacht Elpenor mit einem ordentlichen Kater auf und fällt aufgrund dessen vom Dach des Schlosses und stirbt. Die ungünstigste aller möglichen Konsequenzen.

Eine für das persönliche Wohlergehen weniger dramatische Folge, dafür aber eine Katastrophe aus volkswirtschaftlicher Sicht, ist ein anderer Punkt. Einer, der sich aus massenhaft falscher Handhabe von Alkohol ergibt.

Blicken wir einmal in Richtung USA, wurde dort vor wenigen Jahren eine Erhebung gemacht. Diese führt zu einer Summe von 160 Milliarden (!) Dollar. Ein kleines Sümmchen, das nahezu jährlich der Wirtschaft durch die Lappen geht, aufgrund der Konsequenzen von Alkoholmissbrauch.

Und damit meine ich keine chronischen Erkrankungen, sondern „nur“ das gelegentliche derbe-über-den-Durst-trinken. Die daraus resultierenden Konsequenzen eines alkoholischen Katers lassen den Arbeitnehmer also deutlich schlechter arbeiten oder am besagten Tag gleich gar nicht zur Arbeit erscheinen.

Deutlich anders dürfte es in kaum einem anderen Land der Erde zugehen. Außer vielleicht in Vorzeigestaaten wie Nordkorea, deren heimischer Alkohol nach eigenen Aussagen keinen Kater verursacht.

Begeben wir uns jetzt allerdings wieder in den Teil der Welt, wo statistische Erhebungen einen höheren Stellenwert haben, dann stößt du eventuell auf die Zahl 23. 23% der Bevölkerung ist aufgrund genetischer Veranlagung nicht in der Lage einen Kater zu bekommen. Kein Erbrechen, kein Kopfschmerzen, kein Stöhnen, wenn die Geräusche zu laut werden.

Anders ausgedrückt 77% von uns können sich durch übermäßigen Alkoholkonsum kurzzeitig aus der Welt der Lebenden schießen. Die genetische Veranlagung dazu ist da, auch wenn es kein Ziel sein sollte.

Im Laufe der letzten Jahre bekam die wissenschaftliche Forschung um Alkohol ein neues Themengebiet: Die Ursachen und Gründe für einen Kater.

Weltweit werden jährlich zigtausende naturwissenschaftliche Forschungspapiere zu chronischem Alkoholmissbrauch etc. veröffentlicht, kaum welche beschäftigten sich jedoch mit den biologischen Abläufen eines Katers. Allein in den 50 Jahren bis 2010 erschienen auf PubMed, einer Publikationsplattform für medizinische Forschungsarbeiten, mehr als eine Halbe Million Arbeiten über Alkohol und seine Auswirkungen auf den Körper. Papiere über Kater und seine Ursache waren nur zu rund 0,06 % darunter. Fast nichts also. Dies war natürlich ein Nährboden für Spekulationen und Halbwissen über die Symptome und dessen Ursachen.

2009/10 sollte jedoch akribischer daran geforscht werden. Die namhafteste Forschungsgruppe darunter: Alcohol Hangover Research Group. Nicht sehr kreativ, aber allessagend. Deren Arbeit aktuell zum Status quo der Kater-Forschung beiträgt. Für eine ihrer aktuellsten Forscher stellten sie Probanden der 23%er und der 77er gegenüber. Beide wurden mit einem Alkoholgehalt „versorgt“, der üblicherweise am nächsten Tag zu typischen Kater-Symptomen führt.

Die Ergebnisse der AHRG sowie vorangegangen Tests werfen kein gutes Licht auf das, was wir bisher über den Kater wussten. Um genau zu sein, scheint vieles davon tatsächlich falsch bzw. wissenschaftlich nicht bestätigt.

Fakt #1: Dehydrierung

Die durchschnittliche Spirituose besteht zum überwiegenden Teil aus Wasser, Bier und Wein sowieso. Da zudem der Teil an gelösten Salzen in jenen Getränken auch nicht auffällig hoch ist, führen Wein, Spirituosen etc. nicht direkt zur Dehydrierung, entziehen den Zellen unseres Körpers also nicht übermäßig Wasser.

Allerdings macht Ethanol bzw. Trinkalkohol gerne einmal einen Abstecher in unsere Nieren und beeinflusst die Wirkung von Vasopressin. Dieses Hormon sorgt dafür, dass Wasser, das einmal in den Nieren gefiltert wurde, nicht sofort in der Toilette landet, sondern für einen zweiten Waschgang nochmal in den Körper zurückgelangt.

Alkohol stört die Wirkung von Vasopressin und führt folglich zu übermäßigem Wasserlassen. Das heißt, Ethanol dehydriert uns über Umwege tatsächlich. Dies ist allerdings keines der Ursachen für einen Kater am nächsten Morgen.

Denn trinke einfach ein großes Glas Wasser im Anschluss. Geht der Kater dadurch weg? Siehst du.

Fakt #2: Je süßer, desto schlimmer der Kater

Übertriebener Alkoholkonsum kann dazuführen, dass dein Blutzuckerspiegel sinkt. Da dein Körper dadurch nur noch schlecht auf Zucker als Energieträger zurückgreifen kann, muss er sich etwas anderes einfallen lassen. Er schnappt sich folglich die nächstbeste Alternative: Fettsäuren, Ketone oder Milchsäure zum Beispiel. Da das Blut dadurch mehr und mehr ansäuert, bezeichnet man dies als Metabolische Azidose. Ein unschöner Name für unschöne Symptome.

Denn letztere sind unter anderem Ermüdung, Desorientierung etc. Also ähnliche Merkmale wie auch beim Kater. Die Mehrheit der Symptome stimmt allerdings nicht überein.

Allerdings wurde festgestellt, dass die Symptome eines Katers dann besonders schlimm sind, wenn die Menge an Lactat im Körper besonders hoch ist. Wenn du nun bedenkst, dass relativ hohe Lactat-Werte immer dann auftreten, wenn Alkohol zusammen mit viel Zucker konsumiert wird, dann….ja dann….sollte man das ein oder andere Getränk überdenken.

Fakt #3: Vodka verursacht keinen Kater?

Wenn Zucker in Kombination mit Alkohol verschiedene physiologische Auswirkungen hat, liegt der Schluss nahe, dass auch andere Stoffe unter Alkoholeinfluss in unserem Körper auf die Pauke hauen. Solche, die in Wein vorkommen, in Whiskey, in Cognac etc.

Vielleicht hast du ja auch bereits einmal den schlauen Satz gehört, dass Vodka keinen Kater verursacht. Aus dem Grund, da er so sauber und ohne verschiedene Aromastoffe ist. Anders also als bei Rotwein oder Bourbon.

Und in der Tat gibt es eine Studie, die verschiedene alkoholische Getränke in einer Reihe aufstellt. Absteigend geordnet nach der Intensität des Katers, den sie verursachen.

Brandy -> Rotwein -> Rum -> Whisky -> Weisswein -> Gin -> Vodka

Diese Reihung basiert auf Probanden, die sich mit verschiedenen Alkoholika (jeder Proband darf sich nur in einer Kategorie bedienen) betrinken sollten. Am Tag danach, dem Tag des Katers wurden sie über den Grad ihres Katers interviewt. Die Bourbon-Trinker klagten weitaus intensiver über die Symptome als die Vodka-Wähler.

Vielleicht ein Indiz, aber kein wissenschaftlicher Beweis, dass mehr Bestandteile wie Aceton, Furfural oder Tannine zu mehr und schlimmeren Kater-Symptomen führen.

Ab einer gewissen Konzentration im Blut verursacht allerdings jegliches alkoholisches Getränk einen Kater.

Fakt #4: Methanol – Selten und unwillkommen

Er ist der König unter den unliebsamen Molekülen in alkoholischen Getränken: Methanol. Diese einfachere Form des bekannten Trinkalkohols Ethanol kommt in jedem alkoholischen Getränk vor. Egal, ob Bier, Wein oder Whisky. Der Grund, warum wir aber nicht nach den ersten Gläsern blind durch die Gegend laufen, ist deren niedriger Gehalt.

Unseren Gesundheitsvorschriften sei Dank, dass wir uns keine Gedanken über die Methanolmenge in hiesige Spirituosen machen müssen. Denn im schlimmsten Fall haut dich dieses Zeug nicht nur aus den Socken, du bleibst auch liegen. Für immer.

Denn Methanol wird unserem Körper recht fix vom Enzym Alkoholdehydrogenase bearbeitet. Es entsteht: Formalaldehyd. Genau das riechende Zeug, das früher zur Konservierung von tierischen und menschlichen Körpern verwendet wurde.

Im ersten Moment merkst du den Unterschied zu Ethanol gar nicht. Du wirst leicht angetrunken, alles dreht sich. Der Einfluss von Methanol auf das Nervensystem ist ähnlich wie der von Ethanol.

Wenn du allerdings zu viel Methanol zu dir genommen hast, bekommst du etwas später die Rechnung. Vielleicht in ein paar Stunden, vielleicht auch erst am nächsten Tag. Dann bekommst du grippe-ähnliche Symptome wie Schweissausbrüche und Erbrechen.

Das Gute ist: Das dauert nicht lang; Das Schlechte ist: Es kommt noch schlimmer.

Formaldehyd wird nämlich weiter verarbeitet zu Ameisensäure. Und das in größeren Mengen im Körper zu haben, ist alles andere als cool. Denn als erstes verliehst du die Fähigkeit Farben zu sehen, dann generell das Sehvermögen und bei all zu hoher Dosis auch jegliche Lebensfähigkeit.

Wie die Sache nach modernem Forschungsstand aussieht

Den aktuellsten und momentan wahrscheinlichsten Erklärungsansatz liefert ein Forschungsteam aus Südkorea.

Laut diesen ist ein Kater eine gewaltige Entzündungsreaktion, die der einer Infektion sehr ähnlich ist. Die Symptome einer Alkoholvergiftung gehen Hand in Hand mit einer hohen Konzentration sogenannter Cytokine. Moleküle, die vom Immunsystem als Kommunikationsmittel verwendet werden.

Spritzt man einem Probanden nun diese Cytokine zeigt er exakt jene Symptome, die so typisch für einen alkoholischen Kater sind. Alle.

So abschreckend wie dies im ersten Moment auch klingen mag, hat dies doch etwas Gutes. Wissenschaftlicher haben nun einen konkreten Anhaltspunkt, um an einer „Kater-Behandlung“ zu arbeiten.


Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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2 Kommentare für Die bekanntesten Irrtümer über den Kater – und wie es moderne Forschung sieht

  1. Olaf 28. Mai 2016 zu 12:29 #

    Fakt #2: Verlust mathematischer Fähigkeiten 🙂

  2. Philip Reim 28. Mai 2016 zu 12:35 #

    Wie passend 🙂

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