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Ernsthaft? Frauen in Schubladen stecken als neue Marketing-Strategie bei Gin?

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Bildquelle: nathália carpenedo ferrari/FlickR

Zugegeben, die Flasche ist irgendwie cool. Sie hat was, fällt ins Auge. Was das spanische Unternehmen Gonzales Byass nun auch in Deutschland mit ihrem MOM Gin anbietet, scheint eine klare Zielgruppe zu haben. Dieser Gin ist für junge Frauen, die es fruchtig, süß und niedrigprozentig möchten. Das ist die Aussage des Unternehmens. Und die keinen blassen Dunst von Gin haben. Das ist meine Aussage.


Kennst du das Bild eines Fisches, der gerade vom Angler an Land geholt wird. Dieses Zappeln im Todeskampf, bettelnd um Luft?

Seit einigen Monaten kommt mir dieses Bild immer dann in den Kopf, wenn es um die moderne Gin-Industrie geht. Dabei meine ich weniger die uferlose Quantität an verfügbaren Produkten, sondern die Art und Weise wie Hersteller noch einen kleinen Kundenteil befriedigen möchten. Vermeintlich befriedigen. Jene Unternehmen, die nicht verstehen wollen, dass die Party aus ist, die Reviere markiert.

Interessiert es wirklich noch jemanden, wenn irgendwo, irgendwer einen neuen Gin produziert? Vielleicht dessen Freunde und nahe Verwandte, vielleicht die Bank, damit die Kreditzinsen beglichen werden. Aber der Markt? Unwahrscheinlich.

Die aktuelle Ankündigung, die genau in dieses Horn bläst, stammt vom spanischen Unternehmen González Byass. Eine Koryphäe in Sachen Sherry, Whisky und anderen Spirituosen.

Mit ihrem neuen MOM Gin (Bild) soll etwas vom royalen England auf die Marke übergehen. London und Gin passen halt nun mal wie die Faust auf’s Auge.

Neben der Assoziation mit Queen Mom soll der Produktname allerdings noch etwas weiteres bewirken. Es soll ganz klar die Zielgruppe ansprechen: Junge modebewusste Frauen, die einen fruchtigen, süßen Drink möchten ohne viel Alkohol. So wird es offiziell kommuniziert.

Es heißt, MOM Gin „[…] was created with the aim of breaking stereotypes.[…]“. Dieser Gin wurde also geschaffen, um mit Stereotypen und damit Vorurteilen zu brechen. Klasse.

Deswegen ist dieses Ding auch Pink, süß und voller exotischer Beeren. Die Schublade, in die weibliche Konsumenten hier gesteckt werden, könnte nicht enger sein. Denn im Umkehrschluss heißt dies für mich, dass Frauen einen trockenen, komplexen Dry Gin nicht wertschätzen können. Irgendwie eine traurige Produktions- und Marketing-Strategie.

Ich muss zugeben, ich habe den MOM Gin noch nicht probiert. Vielleicht tue ich ihm auch Unrecht. Wenn ich aber bei keiner Mitteilung über diesen, nicht einmal auf der offiziellen Website von González Byass den Begriff „Wacholder“ oder „Juniper“ finde, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Denn ich glaube mich zu erinnern, dass dies eines der wenigen obligatorischen Zutaten ist.

Das diese noch geschmacklich dominieren sollte, scheint dann auch nur noch eine Randnotiz.

Der aromatische und geschmackliche Fokus des MOM Gin liegt laut offizieller Aussage auf roten Früchten, Zucker und einem geringeren Alkoholgehalt von 39,5%Vol. 4-fach in Kupferbrennblasen destilliert. „Diese Eigenschaften geben MOM seine charakteristische Sanftheit.

All dies sind aber auch Punkte, die bei ambitionierten Gin-Enthusiasten verschrien sind. Männer und Frauen. Denn letztlich ist es eine ähnliche Entwicklung, die die Rum-Welt in Teilen erleidet. Nur sind es dort nicht Früchte und Zucker, sondern eben Vanille und Zucker. Der Kunde wird also nicht an komplexe Spirituosen herangeführt, sondern plump mit aromatischen Klischees versorgt.

Aber egal, ob ich hier von Gins schreibe, die Frauen in aromatische und grafische Schubladen stecken oder Gins, bei denen Tiere destilliert werden, der Markt kränkelt.

Noch ist die durchschnittliche Qualität und der Ruf von modernem Dry Gin enorm. Wenn Hersteller Gin jedoch als Marketing-Produkt und nicht als komplexes Destillat sehen, dann sollten diese sich vielleicht einmal für ein paar Minuten setzen. Eventuell kommen sie dann zu dem Schluss, dass sie den Zug verpasst haben und auf einen neuen warten sollten.


Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.

3 Kommentare für Ernsthaft? Frauen in Schubladen stecken als neue Marketing-Strategie bei Gin?

  1. Philipp Windgassen 29. Mai 2016 zu 16:14 #

    Das ist ja auch schon irgendwie peinlich, wenn man seine 39,5 % als „wenig Alkohol“ titulieren muss, nur um einer bestimmten Zielgruppe gerecht zu werden. Klar, es gibt auch 42 % oder 45 % oder gerne auch mal mehr, aber ich glaube einfach nicht, dass eine „junge, modebewusste Frau“ diesen Gin pur probiert und ihr erster Gedanke ist: „Wow, der schmeckt ja gar nicht nach Alkohol!“

  2. Matthias Hutzel 30. Mai 2016 zu 11:27 #

    Ein Fisch, der verendet, weil er vom Angler an Land gezogen wurde, bettelt wohl eher um Wasser als um Luft!

    • Philip Reim 30. Mai 2016 zu 14:53 #

      Aber auch ein Fisch braucht den Sauerstoff im Wasser zum Atmen und nicht das Wasser selbst.

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