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„Japaner haben sich vor vielen Jahren verkalkuliert und zu wenige Fässer befüllt.“

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Bildquelle: Tanja Bempreiksz/Beam Suntory

Tanja Bempreiksz war Whisky- und Whiskey-Markenbotschaftern bei BEAM Inc. Seit der Übernahme durch den japanischen Getränkekonzern SUNTORY zählen nun auch die japanischen Getreide-Destillate aus Fernost zu ihrem Ressort. Im Interview erklärt sie uns, warum japanischer Whisky ein akribisch ausgearbeitetes Produkt ist und wie es zum derzeitigen Mangel kommen konnte.


EYE FOR SPIRITS: Seit der Übernahme von Beam Inc. 2014 durch den japanischen Konzern Suntory hat sich in Eurem Portfolio Einiges verschoben. Allein mit den beiden Marken Hakushu und Yamazaki habt ihr nun zwei bedeutende japanischen Whiskys im Portfolio. Wie sehen diesbezüglich eure mittelfristigen Pläne für den deutschen Markt aus?

TANJA BEMPREIKSZ: Wir sehen über die letzten Jahre einen starken Anstieg in der Nachfrage nach unseren japanischen Whiskys Yamazaki, Hakushu, aber auch unserem Premium Blend Hibiki. Wir arbeiten intensiv daran, auch weiterhin für den deutschen Markt dieser Nachfrage entgegenzukommen. Wichtig ist uns dabei auch, weiterhin Whiskys mit Altersangabe (wenn auch in limitierter Menge) anbieten zu können.

EFS: Du warst kürzlich für einige Zeit in Tokio und bei den beiden Brennereien vor Ort. Hast also nicht nur ein intensives Training in Sachen japanischen Whisky erhalten, sondern auch Einblicke in deren Kultur und Lebensart. Was ist aus deiner Sicht für den durchschnittlichen Japaner Genuss?

TB: Die japanische Kultur unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von unserer. Das japanische Leben ist durchorganisiert, streng geordnet und verläuft nach klaren Regeln. Auffällig ist der Perfektionismus der Bewohner dieses Landes, der sich durch alle Lebensbereiche zieht.

Zum Beispiel ist selbst eine Großstadt wie Tokio blitzblank sauber. Ich konnte nicht den kleinsten Krümel Müll in den Straßen finden noch habe ich ein einziges Auto gesehen, dass nicht sauber glänzen würde. In die stets pünktliche U-Bahn steigen Japaner in geordneten Zweierreihen ein und vor dem Betreten von Innenräumen wie etwa Restaurants zieht der Japaner seine Schuhe aus.

Diese penible Lebensweise lässt sich auf die japanische Art des Genusses übertragen. Die Küche mag auf uns Europäer bisweilen etwas exotisch wirken, aber sowohl die Zubereitung als auch Präsentation der Speisen unterliegen präzisen zum Teil kulturell geprägten Vorgaben und Ansprüchen. Dies zieht auch nach sich, dass am Tisch deutlich mehr Benimmregeln zu beachten sind als bei uns in Deutschland.

Sowohl der kulturelle als auch kulinarische Perfektionismus spiegeln sich ebenso in der Herstellung der Whiskys in Japan sowie im Genuss derer wieder. Ein Whisky in Japan muss absolut perfekt sein, um in den Verkauf zu gelangen. Es gibt keine Kompromisse. Genauso wird Whisky von den konsumierenden Japanern wertgeschätzt. Japanischer Whisky ist eine Genussspirituose auf höchstem Niveau.

Hakushu Distillery; Bildquelle: TB/Beam Suntory

Hakushu Stills; Bildquelle: TB/Beam Suntory

EFS: Whisky wird dort in Fernost in erheblichen Menge konsumiert, sonst gäbe es hierzulande nicht derartige Lieferengpässe. Dennoch ist der Reis-Brand Shochu die Nationalspirituose Japans schlechthin. Wie würdest du den Stellenwert eines Single Malts im Vergleich zu Shochu beschreiben?

TB: Nun, zunächst kann der einheimische Whisky auch in Japan nicht mehr allzu ausufernd konsumiert werden, da viele Marken bzw. Abfüllungen auch vor Ort nicht mehr erhältlich sind.

Lieferengpässe, welche wir hierzulande zu spüren bekommen, haben vielmehr damit zu tun, dass die Japaner sich vor vielen Jahren verkalkuliert haben und zu wenige Fässer befüllten. Die Hersteller haben nicht damit gerechnet, dass ihr Whisky in der heutigen Zeit so stark nachgefragt werden würde.

Daher sind heute zu wenige Fässer mit „reifem“ vorhanden, um die Nachfrage zu bedienen. Mit einem Whisky-Konsum von 0,78 Liter pro Einwohner liegt Japan noch deutlich vor Deutschland (0,52 Liter pro Einwohner), was diese Situation zusätzlich erschwert.

Shochu dagegen begegnete mir in Japan überall und in allen Variationen. Ähnlich verhielt es sich übrigens mit grünem Tee, den der Japaner in jedem Aggregatzustand und sowohl warm als auch kalt (z.B. als Soft-Eis) täglich zu sich nimmt und/oder sich mit Kosmetikprodukten auf die Haut bringt. Shochu findet man aufgrund seines Alkoholgehalts zwar weniger als Eiscreme oder Bodylotion, aber er wird gern und regelmäßig als Aperitif oder Digestiv konsumiert, Sake gern während des Essens.

Shochu und Sake sind fest verankerte Bestandteile der japanischen Kultur und gehören zum täglichen Leben. Single Malts werden in Japan nicht minder gern getrunken. Sie sind allerdings nicht wie Shochu oder Sake mit der ursprünglichen japanischen Kultur verankert sondern traten erst vergleichsweise spät in die Kultur ein.

Erst im Jahre 1923 begann der Weinhändler und -Hersteller Shinjiro Torii, auf den der Name „Suntory“ zurückgeht, Whisky herzustellen. Wenn man bedenkt, dass die Kilbeggan Brennerei in Irland als älteste Destillerie der Welt bereits im Jahre 1757 errichtet wurde ist dies vergleichsweise spät.

Im Jahre 1929 lancierte Torii nach dem Bau der ersten und damit ältesten Whisky-Destillerie Japans, der Yamazaki-Brennerei, seinen ersten Whisky namens „Suntory Whisky Shirofuda“, welcher der Bevölkerung aufgrund seines intensiv rauchigen Geschmacks allerdings nicht zusagte. 1937 setzte Torri dann mit dem Blended Whisky „Kakubin“ (übersetzt: eckige Flasche) nach, der den Japanern dagegen sehr gut schmeckte und den Siegeszug des heute größten Whiskyherstellers des Landes einläutete.

Dies zeigt: Die japanische Whisky-Kultur ist relativ jung und nicht mit der Shochu- und Sake-Kultur vergleichbar. Dennoch sind die Japaner zu recht nicht minder stolz auf ihren Whisky.

Yamazaki Distillery; Bildquelle: TB/Beam Suntory

Yamazaki Stills; Bildquelle: TB/Beam Suntory

EFS: In sozialem Umfeld zu genießen, hat in Japan nach wie vor einen höheren Stellenwert als bei uns. Klar, wir machen gemeinsame Tastings und Sessions, aber in Fernost wird es noch deutlich mehr zelebriert. Wie werden Single Malts heute dort im Schnitt konsumiert? Pur oder nach wie vor wie in den 80ern gerne mit Wasser als Whisky Soda oder als Mizuwari aufgegossen mit Wasser.

TB: Wie bei uns wird hochwertiger Whisky in der Regel im Nosingglas pur getrunken, gern mit der Pipette für einen optionalen Tropfen Wasser. Jugendliche Japaner dagegen konsumieren Whisky vornehmlich als „Highball“ im Longdrinkglas, der sich aus Suntory Whisky, Soda und viel Eis zusammensetzt. Eben jene Mischung gibt es in Japan auch vielerorts in Dosenform zu kaufen. Whisky mit warmem Wasser ist mir vor Ort nicht begegnet, aber ich möchte keine Variante ausschließen. Japaner pflegen bisweilen durchaus ungewöhnliche Vorlieben.

EFS: Mit Hakushu und Yamazaki sitzen nun zwei eigenständige Destillerien im Portfolio. Da du die beiden Destillerien intensiv ausgekundschaftet hast: Beschreibe doch bitte die markantesten Unterschiede der beiden Destillerien hinsichtlich Standort und Markenphilosophie.

TB: Die Hakushu-Brennerei wurde in den 1970er Jahren von Torris Sohn Keizo Saji errichtet und damit rund fünfzig Jahre nach der Yamazaki-Destillerie. Grund war die verstärkte Nachfrage an japanischen Blends in der Nachkriegszeit. Dieser zweite Standort liegt 120km westlich von Tokio zu Fuße des Mt. Kaikomagatake (Höhe: 2967m) in den südlichen japanischen Alpen.

Die Brennerei liegt mit einer Höhe von 700 Metern doppelt so hoch wie die höchste schottische Bergbrennerei. Da sich die Höhenlage auch auf die Temperatur und den Luftdruck auswirkt und dadurch der Kühler anders arbeitet, ist der Hakushu-Feinbrand um einiges reiner und sahniger als der aus den schottischen Bergbrennereien.

Ein weiterer entscheidender Grund für die Wahl dieses Standortes war das hier vorkommende außergewöhnlich milde Quellwasser welches eine entscheidende Rolle für den Whisky spielt. Vom Berg granitgefiltert ist es deutlich weicher als das Wasser der Yamazaki-Brennerei. Auch daher sagt man, dass Hakushu der Highland-Whisky unter den japanischen Whiskys ist und Yamazaki der Lowland-Whisky.

Der Standort der Yamazaki-Brennerei befindet sich zu Fuße des Mt. Tennozan im Südwesten von Kyoto. Hier herrscht ein sehr mildes Klima und es ist deutlich wärmer als in der Hakushu-Region. Zudem ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. All diese Faktoren beeinflussen das letztliche Aroma des Whiskys. Und die Lage spiegelt sich auch im Namen wieder: Yamazaki bedeutet übersetzt „Am Fuss vom Berg“. Hakushu dagegen ist nach dem Namen der Region benannt, in der die Brennerei steht. Hier bedeutet der Name „Weißes Land“.

Beide Brennereien sind trotz ihrer unterschiedlichen Standorte wie Geschwister zu sehen, die eng zusammenarbeiten und sich in puncto Markenphilosophie nicht grundlegend voneinander unterscheiden.

Hakushu Distillery; Bildquelle: TB/Beam Suntory

Hakushu Distillery; Bildquelle: TB/Beam Suntory

EFS: Sowohl das Portfolio von Hakushu als auch das von Yamazaki basiert auf einem NAS-Whisky, einem 12-, einem 18, einem 25 und einigen limitierten Qualitäten. Eine Vorgabe die markenstrategisch wahrscheinlich direkt von Beam Suntory kommt. Inwieweit unterscheiden sie aber die einzelnen Qualitäten? Gibt es überhaupt markante Unterschiede?

TB: Die Brennereien arbeiten mit unterschiedlichen Pot Stills und Fasstypen. Yamazaki und Hakushu verfügen je über acht verschiedene Pot Stills, die teilweise mit Dampf erhitzt werden, teilweise mit Feuer. Bei Yamazaki können bis zu 30 verschiedene New Makes hergestellt werden, bei Hakushu sogar 50.

Durch das spätere Blending entstehen allein bei Yamazaki bis zu 100 verschiedene Brände. Anschließend kommen bei Yamazaki fünf verschiedene Fasstypen zum Einsatz, darunter auch die seltenen in Japan gefertigten Fässer aus der Mizunara Eiche.

Durch diese Variationen der Destillation und indem die Fässer zum ersten, zweiten und dritten Mal befüllt und zwischendurch neu ausgekohlt werden kann diese Brennerei über 100 verschiedene Whiskys herstellen. In der Hakushu-Brennerei kommen vornehmlich Hogsheads und Barrels aus spanischer und amerikanischer Eiche zum Einsatz, also durchweg eher kleine Fässer.

Zusammengenommen ist die Vielfalt der möglichen Whisky-Facetten beider Brennereien nahezu unerschöpflich. Letztlich entscheidet der Gaumen des Konsumenten ob und wie welche Qualitäten schmecken und für ihn persönlich zu beurteilen sind.

EFS: Apropos Lieferengpass. Japanischer Whisky war hierzulande noch nie Massenware. Spätestens jedoch als Jim Murray einen der Yamazaki Sherry Casks als seinen Lieblingswhisky des Jahres auszeichnet, war mit dem Export vieler Abfüllungen Schluss. Auch bei Standard-Ware. Dabei produziert allein Yamazaki mit sechs Millionen Litern jährlich fast doppelt so viel Whisky wie Laphroaig. Kannst du erklären wie es zu einem solchen Engpass kam und eine Zukunftsprognose geben?

TB: Yamazaki und Hakushu zusammen produzieren mittlerweile im Jahr etwa fünfmal so viel Whisky wie die Islay-Kollegen von Laphroaig. Dennoch übersteigt die derzeitig hohe Nachfrage das aktuell verfügbare Angebot. Vor Ort konnte ich aber in Erfahrung bringen, dass sich nach jetziger Einschätzung genug Whisky in den Fässern auf seine zukünftige Reise nach Europa vorbereitet.

Doch bis er sich auf den Weg machen darf muss er den Dialog mit seinem Fass noch einige Zeit weiterführen. Uns bleibt vorerst nichts als Vorfreude.

EFS: Sehen wir in Zukunft deutlich mehr japanische Whiskys ohne Altersangabe?

TB: Ohne konkretes zu wissen, wäre dies durchaus denkbar, wobei die Japaner weiterhin Perfektionisten bleiben und kein Produkt verkaufen würden, von dem sie nicht 100%ig überzeugt sind. So werden für Hibiki Japanese Harmony, den es derzeit auf dem deutschen Markt gibt, zehn Malt- und drei Grain-Whiskys verwendet, die bis zu 20 Jahre in Fässern aus amerikanischer und japanischer Eiche sowie Sherry Fässern reiften. Auch wenn auf der Flasche keine Altersangabe steht, ist dieser Whisky ein absolutes Premium-Produkt.

EFS: Vielen Dank, Tanja, für das interessante Interview.


Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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2 Kommentare für „Japaner haben sich vor vielen Jahren verkalkuliert und zu wenige Fässer befüllt.“

  1. 1968superingo 22. Juni 2016 zu 08:12 #

    Wie lange werden wir wohl warten müssen, bis der Nachschub aus Japan die Marktlage entspannt? Ich fürchte, da inzwischen die ganze Welt die Qualitäten japanischen Whiskys entdeckt hat, wird das Zeug weiter rar und teuer gehandelt werden. Viele Abfüllungen sind für Otto-Normalverdiener kaum noch zu bezahlen und gefühlt innerhalb von Sekunden ausverkauft. Die Qualität der angebotenen Abfüllungen steht außer Frage. Selbst die NAS-Abfüllungen sind erstaunlich gut (kein Vergleich zu den Schotten).

  2. kallaskander 22. Juni 2016 zu 10:44 #

    Hi there,

    na ja, man kann das auch anders sehen. Lange war der Focus der japanischen whisky Industrie Japan. Dafür waren die – habe nicht nachgezählt – 7 produzierenden Destillerien mehr als genug. Soweit ich weiß, gibt es da insgesamt nur 15 Destillerien und davon sind 5 geschlossen. Oder so ähnlich.
    Jedenfalls war sich Japan lange Zeit selbst genug. Daher konnte auch niemand wirklich mit der riesigen Nachfrage rechnen, ja sie nicht einmal vorhersehen.
    Ein wenig ist das vergleichbar mit Irland, da gab es 1987 drei Destillerien, die machten den kompletten irischen whiskey. Eine davon allerdings so groß, daß sie sich spielend stetig steigender Nachfrage anpassen konnte.
    Inzwischen gibt es ca. 35 in Bau oder zumindest in Planung befindliche Destillerien in Irland, grade gestern hat die Walsh Destillerie den Betrieb eröffnet.

    Aber der Bauboom ist sicher nicht der japanische Weg. Niemand kann sich vorstellen daß plötzlich in Japan 30 neue Destillerien geplant werden. Dazu ist das Land zu traditionell – und zu wenig opportunistisch.
    Also heißt es, damit auskommen was zur Verfügung steht und die Kapazitäten so erhöhen, wie es paßt.
    Das ist auch der sicherere Weg, denn die Schotten z. B. haben sich eindeutig verzockt.

    Als dann der Weltmarkt für japanischen whisky aufging, war klar, daß niemals genug whisky aus Japan da sein würde solange der boom anhält. Das wird so bleiben.
    Wenn dann noch Suntory Jim Beam kauft und versucht dieses riesige weltweite Vertriebsnetz auch mit Suntory Produkten zu füttern ist klar daß das nie funktionieren kann.
    Es funktioniert auch nicht bei Nikka.

    Aber während die Spirituosengiganten in Schottland versuchen, uns ein X für ein U zu verkaufen und erzählen, reifer whisky sei knapp und daher muß ständig premiumisiert sprich an der Preisspirale gedreht werden – gleichzeitig behaupten sie auch wir würden zwar teuerer aber auch besser trinken, weil sie im Premiumsegment immer mehr verdienen – ist in Japan wirklich nicht genug whisky für die ganze Welt da. Wenn die Japaner nicht der Gigantomanie verfallen wird das auch nie so sein.

    Und noch mal zur stetigen „Premiumisierung“ von whisky. Premium definiert sich über Preise, nicht über Qualität. Daher gibt es aus Schottland inzwischen sehr viel teuren Mist. Der nennt sich dann Premium.

    Greetings
    kallaskander

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