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Sterben kritische Whisky-Stimmen im Internet aus?

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Bildquelle: Scot Casey/FlickREs ist Teil meines Jobs im Internet Daten, Fakten und Entwicklungen bei Spirituosen zu recherchieren und im Auge zu behalten. Da es dabei oft um Whisky geht, sind natürlich unter den oft oder regelmäßig besuchten Seiten viele Info Blogs über Whisky von Bloggern die in und außerhalb Europas zu Hause sind. Dazu lese ich auch in dem ein oder anderen Forum mit. Was sich dort flächendeckend beobachten lässt, ist ein trauriger Schlussstrich.


Wenn ich heute darüber nachdenke, war es mir schon Ende 2015 aufgefallen, dass auf manchen Blogs zum Thema whisky, die teils täglich oder alle zwei bis drei Tage Beiträge hatten, die Abstände zwischen den Beiträgen immer weiter geworden sind, es immer stiller geworden ist, einige sind seit Ende des Jahres  2015 sogar völlig ungepflegt. Keine neuen Beiträge, aber auch kein statement dass der Blog ruht oder eingestellt ist. Einfach plötzlich Stillstand.

Was ich überblicke, waren und sind die großen Themen die gleichen wie sie Philip auch hier bei Eye for Spirits behandelt. Premiumisierung, stetiger Preisanstieg bei oft damit einhergehendem Qualitätsabstieg, die Ginschwemme, Unsauberkeiten bei so manchem Rum und eine allgemeine Frustration beim Thema whisky in seinen vielfältigen Unterkategorien. Schon letztes Jahr hatte ich bei manchen Blogs das Gefühl, dass es zwischenzeitlich stiller wurde oder die Abstände zwischen post länger werden.

Einige Blogger beschäftigen sich hin und wieder auch mit den Spirituosenkonzernen und deren Entwicklung und das vorherrschende Thema bei whisky Bloggern weltweit ist das NAS Thema und in seiner Folge die Preisentwicklungen bei sich stets stellender Qualitätsfrage.

Persönlich fand ich im letzten halben Jahr das einst sehr lebendige whiskywhiskywhisky Forum eher zäh und uninteressant, ja stellenweise tot, wobei ich nicht allen Themen folge. Das war aber alles gefühlt, unsystematisch und erstmal ohne großen Zusammenhang. So langsam aber wird es bedrohlich.

Ein Paukenschlag war am 17.05.2016 der Beitrag von US-Blogger sku, der angesichts eines neuen Booker’s Rye Cask Strength 13 Jahre für US-Dollar 300 die Sinnfrage stellte.

For my Blog, this is an existential question. Should I still be blogging about whiskey at all or is it now akin to blogging about beluga caviar, yachts or Lamborghinis?“ (Zu deutsch: „Für meinen Blog ist das eine grundlegende Frage. Soll ich immer noch über Whisky bloggen oder ist dies mittlerweile dasselbe Niveau als würde ich über Beluga Kaviar, Yachten oder Lamborghinis schreiben?“)

Neben den umittelbaren Kommentaren auf sku’s Seite selbst, wurde die Frage von My Annoying Opinions aufgenommen, einem Freigeist, der auch in dem ein oder anderen Forum mit diesem Nickname unterwegs ist.

And now for the larger question raised by Sku and elaborated by others […]: does whisky blogging make sense in this era of overpriced whisky?“ (Zu deutsch: „[…] Macht Whisky-Blogging in dieser Ära der überteuerten Whiskys überhaupt noch Sinn?“.

Nach My Annoying Opinions und einem regen Forums- und Blog Kommentator mit dem Nickname Jeff unterscheiden sich Blogs in zwei Kategorien.

Die einen sind Whisky Blogger, die sich ihre Unabhängigkeit bewahren und von der Whisky-Industrie, deren Agenda und Marketingbestrebungen distanzieren. Die anderen Blogger sind nach dieser Ansicht nur verlängerte Arme der Marketingabteilungen der Konzerne.

My Annoying Opinions stellt die Forderung in den Raum, dass Blogger kritischer in Hinsicht auf die Frage sein sollten, wem ihre Blog-Aktivitäten nutzen bzw. dienen. Es gäbe ein Level, auf dem jedes Bloggen (oder Posten in Foren) über Whisky, denselben im Gespräch hält und damit auch den Hype befeuert.

Kritisch zu sehen sei das besonders, wenn genau dieser Hype zu aufgeblasenen Preisen und rechtfertigenden, frei erfundenen Marketingstories über NAS Whisky führt. Er fragt, ob es immer noch möglich sei, in einer Zeit, in der die Interessen der Whisky-Freunde sich immer weiter von den Interessen der Whisky-Industrie entfernten, skeptisch und kritisch auf Whisky zu schauen und darüber auch öffentlich zu schreiben. Er fragt auch, ob eine solche Haltung der Öffentlichkeit einen Dienst erweist.

Dazu sage ich eindeutig ja! Aber es ist wohl ermüdend.

Ich kam relativ entspannt aus einem Urlaub zurück und fand am zweiten Tag bei meinem Screening der Neuigkeiten bei dramming.com diesen Beitrag: Don’t Feed The Beast That Chokes You.

Oliver stellt hier die gleiche Sinnfrage. Aus den gleichen Gründen. Olivers Blog, den ich über die Jahre sehr zu schätzen gelernt habe, ist ein Beispiel für die oben von mir erwähnte Blogging-Müdigkeit und Oliver sagt das in seinem Beitrag auch selbst. Inzwischen hat er sein Dilemma wohl auf eine Art gelöst.

Spannend fand ich, dass bei Oliver Josh Feldman von Cooperedtot.com als erster kommentiert hatte und meine Beobachtung im Fall seines Blogs bestätigt hat. Weitere Blogs, die still stehen sind zum Beispiel whisky-pages.com oder awardrobeofwhisky.com, ohne dass ich hier die Gründe kenne. Es sind noch mehr, aber ich will nicht alle aufzählen. Zu denen, die sich die Sinnfrage stellen gehört aber auch bozzy.org.

Man kann das nachvollziehen und ich gestehe, dass mir solche Gedanken – auch wenn ich die Welt bisher mit einem eigenen Blog verschont habe – nicht fremd sind.

WHISKY-SHOPS MACHEN KEINEN SPASS MEHR

Ich höre die Frustration bei Spirituosen-, speziell Whisky-Händlern, selbst bei Vertretern von Spirituosen-Firmen, bei Importeuren, Zwischenhändlern. Man kann sie täglich in den Foren lesen.

Einer der meist gesprochen Sätze ist „Das macht alles keinen Spaß mehr“.

Für mich ist einer der Gründe, der zu solch einer Aussage führt, der Boom und das gnadenlos ausbeuterische Markthandeln der Beteiligten. Die Strukturen, welche den Whisky besonders seit den späten 1990er haben groß werden lassen, sind pervertiert.

Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwelche neuen Whisky-Internetshops aus dem Boden sprießen. Momentan zeigen die Kapazitätsausweitungen besonders in Schottland noch keine Wirkungen. Im Gegenteil, hier wird wohl gereifter Whisky zurückgehalten oder künstlich verknappt mit einer Absicht, die den Whisky-Konsumenten nicht gefallen dürfte. Nicht von allen Agierenden aber von den Getränke-Riesen bestimmt.

Neben immer mehr Whisky-Freunden auf der genießenden Seite kamen in den letzten Jahren auch immer mehr Akteure auf der Händlerseite dazu, die den guten Stoff verteilen und daran verdienen wollen.

Lassen wir Arbitrage Jäger und jede Art von Spekulanten mal außen vor, so ist das Verteilernetz für Whisky immer feiner geworden. Das bedeutet aber, dass die Importeure sich gezwungen sehen, ihre Waren in immer feinere Verästelungen zu schicken – ohne dass die zu verteilende Menge größer geworden wäre.

Wenn jeder Nebenerwerbs- oder wie sie die Branche nicht sehr schmeichelhaft nennt: Garagenhändler, auch noch seine drei Flaschen der letzten Sonderedition des Glentownabulin Limited Edition Oil Drum Finish haben muss, damit er sein Schäfchen abtrocknen kann, geht das selbst bei 10.000 Flaschen weltweit auf die Substanz.

Auf die Substanz derer, die dem Whisky zu seinem Status verholfen haben. Jene, die eine Stammkundschaft haben, weil es sie nicht erst seit gestern im Internet gibt und deren Stammkundschaft nicht zu unrecht erwartet, dass sie wie gewohnt die gesuchten Abfüllungen beim Händler ihren Vertrauens zu einem realen Preis bekommen können.

Wer gerne Phantasiepreise zahlen will, soll in die evilbay rudern.

Aber wie ist der Stand der Dinge? Selbst die großen deutschen Fachhändler – mit oder ohne Internet – bekommen Lieferungen fast nur noch zugeteilt. Bei limitierten Sondereditionen wird jedes mal um die Zahl der lieferbaren Flaschen gefeilscht. Nicht immer entspricht die Zahl der gelieferten Flaschen der Zahl der bestellten.

Hat das etwas mit allgemeiner Zufriedenheit zu tun? Aber hallo!

Es hat auch etwas mit den Preisen zu tun. Wer im normalen Handel zu kurz kam, muss auf den sogenannten Sekundärmarkt ausweichen und da wird es sofort teuer.

Weil dem so ist, gehen die Whisky-Giganten gleich dazu über, die erwartete Spanne des Sekundärmarktes auf die Preise der Erstausgabe draufzuschlagen. Schließlich haben sie den Whisky gemacht.

Hat das etwas mit allgemeiner Zufriedenheit zu tun? Aber hallo!

Bei bozzy.org hat jemand zu dem Booker’s Rye für $ 300 kommentiert: „[…] To the question what Booker (der verstorbene Vater von Fred Noe und ehemaliger Master Distiller bei Jim Beam) would say about the price tag Fred (Fred Noe, heutiger Master Distiller bei Jim Beam) answered: „He’d probably say that our Whiskeys have been to cheap before…“ (Zu deutsch: „Auf die Frage, was Booker über die heutigen Preise sagen würde, antwortete Fred: Er würde wahrscheinlich sagen, dass unsere Whiskeys bisher zu günstig waren.

So sieht es aus. Mit jeder Preisrunde, welche die Kunden blind oder gierig mitmachen, sagen die Whisky-Erzeuger: „Wir waren zu billig bisher“.

Wie lange kann man das Spiel spielen und den Kunden einreden, sie tränken zwar teurer, aber besser?

Ich wiederhole mich – und durch diese vielen aber bisher am Ende effektlosen Wiederholungen der immer gleichen Themen kommt wohl auch viel von der Frustration – Premiumisierung definiert sich über den Preis, nicht über Qualität.

Wer stetig neue Premiumpreise zahlt, füttert den Troll der ihn am Ende erwürgt. Eine freie Übersetzung von Olivers Überschrift.

Is whisky over? Noch nicht, aber er geht zu Ende. Die These, dass die Whisky-Giganten das Pferd auf dem sie gallopieren auch zu Schanden reiten werden, wird empirisch immer belegbarer.

Da es hier um Frustration durch anscheinend fruchtlose Wiederholungen geht, werde ich nicht wiederholen, dass der Status des Whisky-Marktes so wie er ist, auf der Angebotsseite wie auch auf der Nachfrageseite, diesen Markt am Ende zerstören wird.

Zu mahnen und zu warnen und die Interessen der Whisky-Konsumenten gegen die Interessen der übermächtigen Spirituosen Konzerne – ja nicht zu verteidigen, aber wenigstens – entgegen zu stellen, ist die Aufgabe unabhängiger Blogger. Hier zählt jede Stimme gegen so zentral positionierte Personen wie Nick Morgan bei DIAGEO oder Ken Grier bei EDRINGTON mit eindeutig gegenteiligem Auftrag.

Da eine zentrale Gegenposition, Institution oder Person gegen diese Marktmacht auf der Konsumentenseite fehlt, müssen viele sich dagegen stellen.

Am Ende vielleicht fruchtlos, aber wenigstens haben wir es probiert. Also liebe Blogger, bei aller Frustration, bitte nicht aufgeben.

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ – Bertolt Brecht


Bildnachweis:

 

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8 Kommentare für Sterben kritische Whisky-Stimmen im Internet aus?

  1. 1968superingo 23. Juni 2016 zu 19:39 #

    Dem Brecht-Zitat ist nichts hinzuzufügen. Niemals aufgeben!

  2. Peter Schütte 23. Juni 2016 zu 23:36 #

    Ich muss dem leider beipflichten.
    Mein Zitat wäre dazu :
    Jeden Morgen steht ein Doofer auf der den Wahnsinn weiter finanziert.

    Wir als Konsumenten haben es doch in der Hand, oder?

  3. Holger D. 27. Juni 2016 zu 01:01 #

    Aus der Perspektive eines alten Sackes (ich), der in den späten 1980ern seine ersten Single Malts gekauft hat, ist es eine nicht ganz unerhebliche Tatsache, dass heute eine neue junge Generation von Konsumenten Whiskys kauft und trinkt, die gar nix anderes mehr kennt als den heutigen Whisky-Markt…

    Diese Kunden wissen nicht, dass z.B. ein Highland 12 yo. OB im Jahr 1990 anders (und imho auch viiiiiieeeeel besser geschmeckt hat) als heute. Der Whisky-Industrie und den internationalen Spirituosen-Multis und Luxusgüter-Konzernen kann das natürlich nur recht sein…

    Ich (als alter Whisky-Sack) werd den Teufel tun, ein Whisky-Blog hochzuziehen und dort die Whisky-Industrie anzuflehen „Ooooooch, macht doch bitte bitte wieder besseren Whisky. So wie früher. Und verkauft ihn auch wieder billiger. Das wäre wirklich gaaaanz arg toll!“ Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

    Die einzige Sprache, die die Whisky-Industrie versteht, ist der Entzug der Kundengunst und die Abstimmung mit den Füßen.

    Ich trink zwar noch Whisky, steige aber immer mehr auf artesanal erzeugten Mezcal um. Weil ich mein Spirituosen-Budget lieber authentischen mexikanischen Kleinproduzenten zukommen lasse, statt damit meinen winzigen Beitrag zu leisten, den sterbenden Intensiv-Patienten Whisky am Leben zu erhalten…

    Je schneller es in der Whisky-Branche kracht, desto besser. Glaub ich aber nicht wirklich. Denn wie schrieb weiter oben Peter Schütte: „Jeden Morgen steht ein Doofer auf der den Wahnsinn weiter finanziert“.

    VG, HD

    • Lisa 15. August 2016 zu 15:39 #

      Woher willst du denn wissen, wie ein Whisky 1990 geschmeckt hat im Vergleich zu heute?

      • Andreas 16. August 2016 zu 12:18 #

        Hey Lisa,
        Das ist ja kein Hexenwerk. Der ein oder andere von uns befasst sich schon so lange mit Whisky, dass er/sie vielleicht einfach noch alte Flaschen zum Vergleich daheim hat. Alternativ gibt es ja auch Raritätensammler und -händler, die mit entsprechend alten OAs aufwarten können.

        Man muss aber gar nicht soooo weit zurück gehen. Ich habe letztens eine Flasche Ardbeg Ten aus 2000 geöffnet, und mit dem 2015er Ardbeg Ten verglichen. Da gibt es schon deutliche Unterschiede, die man auch bei einer Blindverkostung erkennt.
        Fairer Weise muss man natürlich sagen, dass in diesem Fall vorwiegend der Mangel an „jungen“ Ardbegs um das Jahr 2000 dazu geführt hat, dass damals auch mal einfach ältere Fässser für den Ten verwendet wurden. Diesen Luxus leistet sich heute keine Brennerei mehr.

  4. Rosebanker 27. Juni 2016 zu 11:42 #

    Hallo Zusammen, na also, so schlimm ist es doch auch nicht. Ich finde, es gibt immer noch tolle Abfüllungen zu einem prima Preis/Leistungsverhältnis. 10 Jahre Glen Grant, Abunnah, Lagavulin 16 ect.
    Es ist nicht notwendig jeder Neumarketing-rare-edition hinterher zu laufen. Die alten (Standart-
    Abfüllungen) waren schon besser, da sich die Produzenten die Fässer noch aussuchen konnten. Vieles von dem, was heute blind genommen wird, wurde früher aussortiert. Kein
    Wunder also….
    Somit bleibt die traurige Tatsache, dass solche Granatenwhiskys nur noch über Auktionen für
    viel Geld zu haben sind. Aber immer noch besser, als Plörre zu trinken;-)

  5. Huibuh 2. Juli 2016 zu 00:54 #

    Ich kann die Preise bislang meistens nachvollziehen, manchmal komme aber auch ich ins staunen. Z.B. darüber, wie der Yamazaki Sherry Cask abging, nachdem er zum Whisky des Jahres von Jim Murray gekührt wurde. Sehr spannend, welcher Whisky welche Entwicklung nimmt, wollte ich das monetäre meines Hobbys Whisky beleuchten.

  6. kallaskander 5. Juli 2016 zu 12:47 #

    Hi there,

    noch einer der die Schnauze voll hat wie es aussieht….

    https://maltfascination.com/2016/06/21/recalibration/

    Greetings
    kallaskander

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