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Der Weg zur eigenen Destillerie IV: Die Tortur der Markenfindung

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Bildquelle: fra/FlickR

Der Wecker leuchtet ins Gesicht. Gleich ist es vier Uhr morgens. Wieder einmal liege ich seit Stunden wach und drehe mich von rechts nach links, versuche verzweifelt eine Schlafposition zu finden, die Gedanken endlich loszulassen. Ich weiß nicht mehr, wie oft mir das nun schon passiert ist, wie viele Nächte ich wach im Bett gelegen habe und der Wecker sofort geklingelt hat, nachdem ich gerade erst eingenickt war.


Mal waren es Detailfragen, wie die Entscheidung zwischen zwei in der Färbung minimal unterschiedlichen Papieren für das Etikett, die mich nicht zur Ruhe kommen ließen. Mit der Zeit musste ich lernen mich in solchen Punkten selbst ein wenig zu bremsen und zurückzunehmen.

Ich tendiere nämlich dazu auch am Ende wohl eher unbedeutende Kleinigkeiten optimieren zu wollen. Dies kann einen gut und gerne in den Wahnsinn treiben, wenn man nicht bereit ist, auch mal Sachen den Profis zu überlassen, die sich damit wirklich auskennen.

Andere Male raubten mir grundsätzlichere Sorgen den Schlaf. Wer soll sich für meine Destillate interessieren und wie bekomme ich die Leute dazu diese auch ab und an zu kaufen? An dieser Frage hängen wiederum viele Kleinigkeiten. Beste Qualität – von dieser bin ich natürlich überzeugt und um sie zu erreichen habe ich es überhaupt auf mich genommen eine eigene Destillerie aufzubauen – reicht leider nicht aus, um wirtschaftlich überleben zu können.

Klar kann man mit der Qualität zum Beispiel im Rahmen einer Verköstigung überzeugen und dann durch die persönlichen Weiterempfehlungen seitens eines Barkeepers Aufmerksamkeit bekommen. Auch positive Rezensionen in einschlägigen Magazinen oder anderen Publikationen sind sicher hilfreich.

Aber zum einen erreicht man so nur ein überschaubares (Fach-)Publikum und zum anderen braucht man nun einmal eine gescheite „Marke“ mit Wiedererkennungswert, wenn die eigenen Kreationen nicht sehr schnell wieder in Vergessenheit geraten sollen.

Es stellt sich leider sogar so dar, dass eine gute Marke weniger gute Qualität überspielen kann und die Marke dennoch erfolgreich wird. Umgekehrt ist das insbesondere in der umkämpften Spirituosen Branche fast unmöglich, sofern man sich nicht schon irgendwie einen Namen gemacht hat.

Alle Märchen sind erzählt, vielleicht kann man jetzt mit Ehrlichkeit punkten

Nun denn, ich hatte das Ganze ja angefangen, um interessante Spirituosen nach meiner Vorstellung zu kreieren und in meiner kleinen Destillerie selbst herzustellen. Gedanken dazu, was für eine Marke das repräsentieren könnte, hatte ich mir anfangs allerdings noch nicht gemacht.

Leider bin ich auch bei keinen Renovierungsarbeiten in einem alten Schwarzwälder Landgasthof oder beim Aufräumen des Nachlasses meiner Urgroßeltern auf rudimentäre Aufzeichnungen von einer Gin Rezeptur meiner zufälligerweise britischen Ahnen gestoßen. Wie viele Geschichten dieser Art der RTL 2 Trödeltrupp wohl erzählen könnte?

Meine erste Idee zum Thema Marke war einfach, vielerprobt und lag auf der Hand: Auf jeden Fall etwas mit Bezug zur Heimat, Rheinland, Köln, Bonn, Bergisches und so weiter. Doch je mehr ich in dieser Richtung überlegte, beschlichen mich Zweifel.

Das Thema schien mir schon da vor allem im Bereich Gin inflationär abgenutzt und wie sollte ich damit in den Vordergrund stellen, dass es mir um spannende Destillate geht und nicht um spannende Märchen? Wo sollte der Bezug zu meinem Vorhaben sein, wenn nicht künstlich irgendwie konstruiert?

Ich hatte die Idee also schon verworfen, doch als ich mitbekam, dass da tatsächlich eine Gin-Marke aus der Gegend startete, die genau diese Karte spielt und zugegebenermaßen sehr erfolgreich, schlief ich wieder ein paar Nächte lang sehr unruhig.

Wie dem auch sei, ich überlegte zunächst einmal, was mir an der ganzen Unternehmung wichtig ist und was die Marke davon widerspiegeln können muss: Mittelpunkt des Ganzen ist die eigene händische Fertigung und der damit verbundene hohe Qualitätsanspruch.

Der zweite Aspekt ist, dass die Destillate interessant, spannend und nicht alltäglich sind. Zu guter Letzt sollte das alles auch einen ehrlichen und persönlichen Bezug haben.

Wie ich den ersten Punkt unterstreiche, war schnell klar. Es kann dann doch auch mal von Vorteil sein, in der eigenen Destillerie zu arbeiten, denn so kann ich jeden einladen, vor Ort einen Blick hinter die Kulissen zu werfen oder für einen Plausch vorbeizukommen. Die anderen beiden Punkte, die konkreter auf eine echte Marke abzielten, löste der Zufall.

Erst mal weit, weit weg – die Kreativität kommt dann von alleine 

Kurz nachdem ich die Destillieranlage bestellt hatte, brachen meine Freundin und ich zu einer Fernreise nach Australien auf. Sie hatte ihr Studium beendet und ich wusste ja, dass ich einige Monate auf die Maschine warten musste. Es war also vermutlich das letzte längere und halbwegs freie Zeitfenster für uns beide in den kommenden Jahren. Und was sollte inspirierender sein als eine ausgiebige Reise ins Neuland.

Wir brainstormten fast jeden Abend auf unserer Tour an der australischen Westküste und diskutierten die verschiedensten Ideen. Zwischendurch war es mir natürlich ein dringliches Anliegen in Bundaberg die gleichnamige Rum-Destillerie zu besuchen.

Die Empfehlung des dortigen Personals, man solle nicht mehr als die zwei im Preis der geführten Besichtigung enthaltenen Drinks konsumieren, sofern man noch fahren will, fand ich sehr großzügig. Das Fahren auf der falschen Seite mit einem wackligen Campervan kann auch so schon herausfordernd genug sein.

Wir saßen auf der Terrasse vor dem Bundaberg Tasting Room und unterhielten uns wieder über verschiedene Ansätze für die Marke. Vielleicht waren es die endlosen neuen Eindrücke aus Down Under, die die nötige Kreativität beisteuerten. Oder es war nur der Sondereditionsrum aus dem Sherry Fass, an dem ich gerade nippte, der sein Übriges tat. Jedenfalls formulierten wir in diesem Moment zum ersten Mal die Idee, dass die Destillate Bezug zu unseren Reisen haben sollten.

Es geht dabei nicht um die Legitimation für absurd exotische Zutaten oder so etwas. In meinem Premierendestillat, dem Gin namens „Destination: Provence“, wirst du nicht ein Botanical finden, dass dir unbekannt ist oder das sonst noch keiner benutzt hat.

Es ist auch nicht die Neuerfindung des Rads. Es ist jeweils nur eine kleine aromatische Hommage an besondere Stationen und Erlebnisse von unseren Reisen, in denen sich aber auch jeder andere wiederfinden kann, der vielleicht an den gleichen Orten war oder ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Wie soll das Kind denn heißen?

Dennoch war es auch nach dem Einfall in Australien noch ein langer Weg zur fertigen Marke. Kein anderes Thema hielt mich öfter wach. Ständig habe ich überlegt, ob sich die Leute überhaupt dafür interessieren werden und das Thema spannend genug finden. Auch der Markenname selbst war eine schwere Geburt.

Erste Vorschläge, von denen ich zunächst total überzeugt war und die ich im Nachhinein plump und einfallslos finde, waren Horizon (nach dem Motto „Horizont erweitern“) und Colours (Anspielung auf Farben der Welt oder so was in der Art).

Irgendwann hatte ich eine Liste mit hunderten Begriffen und Sprichwörtern in Deutsch und Englisch zum Thema Reisen aufgestellt. Ich spielte mit den Wortteilen und googelte Synonyme.

Da stieß ich auf das Wort „Wayfarer“, das so viel bedeutet wie Reisender. Auch wenn Wayfarer aus dem spätmittelalterlichen Englisch stammt und im alltäglichen Sprachgebrauch nicht vorkommt, so kann sich doch jeder unter dem Begriff zumindest grob etwas vorstellen.

Ich wälzte mich natürlich noch einige Nächte im Bett herum, aber nach ein paar Wochen legte ich mich endlich fest. Auf den Namen und die Geschichte dazu. Die „Wayfarer Distillery“ war damit sozusagen offiziell gegründet.

Entscheidung zur Selbstständigkeit, Destillerie renoviert und aufgebaut, Schnaps gebrannt und auf einen Namen festgelegt – ist damit alles erzählt? Nein.

Heute habe ich zum x-ten Mal auf der Landing Page die Ankündigung für den Verkaufsstart nach hinten geschoben. In den vermeintlich letzten paar Wochen – mittlerweile muss man eher von den letzen paar Monaten sprechen – bevor es richtig losgeht, habe ich gemerkt, wie viele Kleinigkeiten doch noch zu erledigen waren bzw. sind und wie sehr man auch von anderen abhängig ist. Mehr davon in ein paar Wochen…


ÜBER DIESE ARTIKEL-REIHE: Unter „Der Weg zur eigenen Destillerie“ berichtet Start-Up Gründer Benedikt Brauers (30) über seinen Weg in die Selbstständigkeit der Spirituosen-Industrie. Von dem Wunsch der kreativen Selbstständigkeit, Kredit-Vergabe, Flaschen-Auswahl oder dem Aufbau der eigenen Destillieranlage berichtet der Kölner bis zum Abfüllen der ersten Charge in seiner Wayfarer Distillery.

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2 Kommentare für Der Weg zur eigenen Destillerie IV: Die Tortur der Markenfindung

  1. Catharina 2. Juli 2016 zu 21:29 #

    Spannende Reihe, bitte unbeding weitermachen 🙂

    • Benedikt 19. Juli 2016 zu 09:52 #

      Danke, tatsächlich holt mich mal wieder die Realität ein: also gibt es noch ein paar spannende Sachen zu erzählen im nächsten Artikel 😉

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