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3 Irrtümer über Vodka und die Wahrheit dahinter

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Bildquelle: © Pushkarevskyy/Fotolia

„Das Zeug ist für Säufer und Wirkungstrinker.“ Eine aus Ignoranz geborene Aussage. Verachtet sie nämlich eine Jahrhunderte alte Destillations- und Trinkkultur. Ein fast schon arroganter Blick einer Generation, die süße, vanille-lastige Spirituosen gewohnt ist und die Nuancen verschmäht. Wir haben einmal 3 der bekanntesten Vodka-Irrtümer unter die Lupe genommen.


Unsere Wahrnehmung und unser Gefallen an Genussmitteln wie Spirituosen ist durch verschiedene Faktoren geprägt. Zeitgeist, Mundpropaganda, Marketing etc. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, zumal es lebendige Szenen sind, die sich ständig weiterentwickeln.

Einen negativen Beigeschmack bekommt die ganze Geschichte allerdings dann, wenn wir mit übersüßten und hocharomatischen Gins, mit Vanille-Bomben auf Rum-Basis oder verholzten Single Malts der Meinung sind, wie haben hochprozentigen Genuss verstanden. In solch einem Maße verstanden, dass wir Destillate nach auffallend direkten Aromen kategorisieren.

Spielt dann ein Produkt nur mit Nuancen, knallt dem Verkoster also nicht gleich 2 Kilo Vanille-Stangen auf die 12, taugt es nichts. Der Hersteller hat es anscheinend nicht verstanden, ordentlich Bouquet zu produzieren.

Oder anders: War der Hersteller zu blöd oder sind wir mittlerweile zu blöd feine Nuancen zu erkennen und einzuordnen?

Vor einer fast unlösbaren Aufgabe scheinen wir Konsumenten dann zu stehen, wenn wir einen Vodka beurteilen sollen. Klare Antwort: „Geht nicht, schmeckt ja eh alles gleich und zwar nach nichts.“

Eine Spirituose, deren einzig nennenswerter Aromenlieferant das Getreide ist. Ein in der Industrie nicht gerade hochgelobter Gönner, wenn es um Bouquet und Geschmack geht. Erschwerend kommt hinzu, dass es uns Vodka-Konzerne in den vergangenen Jahrzehnten seit den 1980ern auch nicht gerade leicht machten, Vodka als Genussprodukt zu sehen.

Seine Reinheit wurde propagiert, 345.234-fach durch Kryptonit gefiltert und in geheimen Kellern zur Perfektion gelagert. Die Marketing-Storys waren preisverdächtig. Kaschierten sie meist dennoch nur Billigware. Die Flasche, in der sie sich befanden, war häufig mehr wert.

Aber es hat funktioniert. Das Party-Volk sog in den letzten 30 Jahren Vodka in sich auf wie die Luft zum Atmen. Aus ökonomischer Sicht eine Glanzleistung, aus Sicht der Produktqualität ein Desaster.

In die Köpfe der Konsumenten wurde „Milde, Reinheit, Klarheit“ gehämmert. Vodka schmeckt nach nichts, hauptsache weich und ganz wichtig: Hochwertige Qualitäten verursachen keinen Kater. Was für ein Unsinn.

3 Irrtümer über Vodka, die sich hartnäckig halten wie eine Zecke im Fell, haben wir einmal aufgelistet und richtiggestellt.

IRRTUM #1: VODKAS KÖNNEN OPTISCH NICHT UNTERSCHIEDEN WERDEN

Hast du 3 Vodkas vor dir, ist es tatsächlich schwieriger diese klar voneinander abzugrenzen als beispielsweise 3 Bourbon Whiskeys. Das beginnt bei der Farbe und endet beim Bouquet. Dennoch ist es möglich Vodkas voneinander abzugrenzen. Man sollte sich allerdings eingängig mit dieser Spirituosenkategorie beschäftigen. Ein lapidares „Zwischendurch-Beurteilen“ ist hier nicht.

So kannst du grundsätzlich die organoleptische Charakteristik von Vodka, also jene, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, in 3 Kategorien unterteilen: Farbe & Klarheit, Geruch und Geschmack.

„Farbe & Klarheit“…ok. Eine großartige Färbung hat dieser destillierte und filtrierte Stoff ja schon per definitionem nicht. Was also bleibt, ist Klarheit und Opaleszenz. Letzteres beschreibt nichts anderes als die Trübung des Vodkas im Gegenlicht und entsteht unter anderem durch langkettige Fett- und Aminosäuren im Destillat.

Kurzum: Je klarer das Destillat, desto hochwertiger. Je trüber, desto minderwertiger. Daher stehen für die optische Beurteilung von Vodka laut W.S. Grigorjewa unter ihrem Werk „Wodka“ 3 Stufen zur Verfügung:

  1. Farblose klare Flüssigkeit (ausgezeichnet, gut)
  2. Farblose Flüssigkeit mit leichter Opaleszenz (befriedigend)
  3. Nicht durchsichtige, trüber oder gefärbte Flüssigkeit (unbefriedigend)

In Hinblick auf Geschmack und Geruch eines Vodkas wird es nur marginal besser. Eigentlich gar nicht. Auch hier wird nicht derjenige bedient, der auf einer Messe 2 Sekunden die Nase über das Glas hält. Es müssen Nuancen erkannt werden. Vorausgesetzt das Zeug wurde vor der Abfüllung nicht noch zusätzlich mit dem ein oder anderen „natürlichem Aroma“ aufgehübscht.

Denn wenn es sich um in Vodka vorkommende Aromen handelt, ist diese künstliche Zugabe in Europa zulässig ohne dies auf dem Label kenntlich machen zu müssen. Hochwertige Qualität ist das allerdings nicht.

So kannst du einen Vodka olfaktorisch (mit der Nase) und gustatorisch (mit dem Mund) zusammengefasst grob so klassifizieren:

  1. Charakteristisch aus dem entsprechenden Rohstoff, ohne Nebengeruch/-geschmack (ausgezeichnet)
  2. Charakteristisch aus dem entsprechenden Rohstoff, jedoch zu wenig ausdrucksstark/evtl. aufdringlich (gut)
  3. Charakteristisch, kaum ausdrucksstark/evtl. aufdringlich, brennend (befriedigend)
  4. Nicht charakteristischer Nebengeruch/Beigeschmack (unbefriedigend)
Bildquelle: Colorado Distillers Festival/FlickR

Destille zur u.a. Vodka-Herstellung

IRRTUM #2: FÜR VODKA GIBT ES KEINE KATEGORIEN

Es gibt Spirituosen, deren Unterkategorien sind derart verzeigt, dass du riesige Organigramms bräuchtest, um sie übersichtlich darzustellen. Das Paradebeispiel wäre Whisky und Whiskey. Von Single Malt Single Cask Scotch Whisky bis hin zu Bottled-in-bond-Bourbon Whiskey.

Aufgrund der übertriebenen Club- und Absatzorientierung diverser Spirituosenkonzerne in den vergangenen Jahren gibt es bei Vodka ebenfalls eine Kategorisierung. Eine, die zwar Qualitätsunterschiede suggeriert, jedoch nur auf den verschiedenen Preisen basiert. Die Rede ist von Economy, Standard, Premium und Super Premium.

Eine Klassifizierung, die es grundsätzlich in allen Spirituosen-Genres gibt, die allerdings bei Vodka ad absurdum geführt wurde.

Schade eigentlich, denn gerade bei der russischen Variante gibt es klare Kategorien. Unterteilt nach Qualität. Und die stehen in Sachen Unübersichtlichkeit Whisky in nichts nach.

Stellt eine russische Destillerie einen neuen Vodka her – und ich gehe in diesem Fall nicht von einem Konzern-Produkt für Saint Tropez aus – orientiert sich dieser häufig an den 4 Grundcharakteristika Originalität, Harmonie, aromatische Ausdrucksstärke und regionale Vorlieben. Wobei hier nochmal unterschieden wird zwischen „Vodka“ und „Speziellem Vodka“. Einer mit und der andere ohne aromatische Zusätze.

Die genannten 4 Kriterien sagen allerdings nur etwas über die grundlegende Ausrichtung des Produkts aus. Für eine klare Unterteilung benötigt es Fachbegriffe. Und Fachbegriffe, vor allem wenn es um die Qualität geht, liebt die Spirtuosen-Szene.

So sind die entscheidenden Qualitätsfaktoren bei Vodka die verwendeten Rohstoffe und der Raffinierungs-/Reinheitsgrad von Alkohol und Wasser.

Schnappen wir uns als erstes einmal die Rohstoffe und halten die Lupe drüber. Diese unterteilt der russische Vodka-Produzent in Haupt- und Hilfsrohstoffe. Die Haupt- bzw. Grundrohstoffe sind dabei recht schnell aufgelistet: Wasser und Alkohol aus landwirtschaftlicher Erzeugung. Keine große Neuigkeit.

Interessanter, weil den meisten völlig unbekannt, sind die vielzähligen Hilfsstoffe eines Vodkas. Darunter fallen Zutaten, die den Geschmack weicher und gefälliger machen. Als da wären: Honig, Zitronensäure, Kaliumpermanganat, Natriumacetat, Natriumhydrogencarbonat/Backsoda, Glycerin etc. Substanzen, die dem Vodka ähnlich wie bei Rum zugegeben werden dürfen, aber nicht müssen.

Und damit es auch nicht an kaum bekannten Fachbegriffen scheitert, wird der verwendete Alkohol entsprechend seines Rohstoffs untergliedert.

Grundsätzlich können für Vodka verschiedenste Ausgangsstoffe verwendet werden. Für Produkte höherer Reinheit kommen allerdings nur Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben, Melasse oder Mischungen aus den genannten in Frage.

Für den Stempel „Extra„, „Luxus“ oder „Basis“ benötigt der Vodka-Brenner entweder verschiedene Getreide-Arten oder eine Mischung aus Getreide und Kartoffeln. Möchte er allerdings das Prädikat „Alpha“ für seinen Vodka, kommt nur Roggen, Weizen oder eine Melange der beiden in Frage.

Bildquelle: Carbonair Environmental Services Inc/FlickR

Feinkörnige Aktivkohle

IRRTUM #3: VODKA MUSS GEFILTERT WERDEN

Nein, muss er nicht. Zumindest nicht, wenn es um Marketing-Käse wie Diamanten, Playmate-Busen oder Gold geht. Auf der anderen Seite werden aber nahezu alle Spirituosen vor der Abfüllung in Flaschen durch feinporige Filter filtriert. Und wenn es nur darum geht, kleine Fest- und Schwebstoffe aus dem Destillat zu holen.

Bei Vodka, vor allem russischen, erfolgt allerdings meist noch ein weiterer Filtrationsschritt. Einer, der in den letzten Jahren auch bei Rum in Mode kam. Nämlich dann, wenn man aus Verkaufsgründen fassgelagerte Rums durch Filtration die Farbe entziehen wollte.

Zum Einsatz kommen dabei Aktivkohle-Filter. Bei Rum optional, bei Vodka fast obligatorisch.

Das Destillat passiert dabei den Filter mit einer konkreten Geschwindigkeit, wodurch der Vodka olfaktorisch verändert wird. Dafür sorgen Adsorption und Oxidation an der Filteroberfläche, dadurch dass dem Vodka Aldehyde und höhere Alkohole entzogen werden.

So manche Brennerei setzt als Alternative zur Filtration mit Aktivkohle allerdings auch modifizierte Stärke ein.

Am Ende soll dann ein Produkt in der Flasche landen, das regional-typische Eigenschaften besitzt und dessen feine Aromen wir lernen müssen zu suchen. Dann allerdings hat der ein oder andere von uns mehr Freude bei der Verkostung eines Vodkas als an einer süßlichen Aromen-Bombe.


Bildnachweis:

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.

3 Kommentare für 3 Irrtümer über Vodka und die Wahrheit dahinter

  1. Steve 5. Juli 2016 zu 17:48 #

    Schöner und informativer (!) Artikel, auch wenn man versucht Klischees zu überwinden, indem man selbst wieder Klischees einbaut. Dass man ganz heftige Aromen als Konsument braucht, ist meiner Meinung nach auch nur ein Vorurteil. Single Malt Whiskys verzeichnen steigende Absätze und dabei gewinnen nicht nur Sherrybomben und Islays. Zudem trennt sich da auch die Spreu vom Weizen durch Komplexität, sprich die Auffächerung in viele Nuancen.

    Der schlechte Ruf von Wodka besteht ja bis heute eher beim Thema Mixgetränke. Die 80ger und 90ger haben natürlich auch sehr viele Rumdrinks in Obstkörbe verwandelt, aber immerhin hat man in einem Cuba Libre oder einer Pina Colada (hoffentlich) noch ein Rumaroma, welches den Drink als Rumdrink charakterisiert, bei einem Screwdriver oder gar Wodka-E gehen jegliche Nuancen eines Wodka den Bach runter. Da bleibt kein Mehrwert des Mischens. Natürlich gibt es auch Vesper, White Russian und einige weitere Klassiker, die konnten aber dank Nischendasein den Ruf nun auch nicht retten. Und wenn man den Wodka dann doch pur trinkt, kommt er aus dem Froster. Wodka soll halt in diesem Bilde auf unauffälligem Wege betrunken machen. Hocharomatisierten Produkten, wie etwa billiger Spiced Rum, haftet dabei ein ähnliches Stigma an, dass es sich um trinkbar gemachten Fusel zum Wirkungstrinken handelt.

    Wenn man hingegen einen Schritt zum Wodka als Sipper wagen möchte, fällt beim Vergleich zu anderen Sippern ein Problem auf: Whisky und co sind im Holzfass ausgebaut worden! Das Spiel zwischen Brand und Holz scheint ein wichtiger Faktor für die Bühne der edlen Salongetränke zu sein.

    So gibt es auch genügend andere, nicht in Holz gelagerte Produkte, wie etwa der omnipräsente Gin, aber auch Obstbrände oder meinen Favoriten: klarer Rhum Agricole.
    Kaum ein Klarbrand wird wirklich als Sipper genutzt, auch wenn sie durchaus tolle und komplexe Aromen besitzen. Dennoch fristen die Premiumqualitäten als Sipper eher ein Nischendasein gegenüber den gelagerten Spirituosen.

    Am Ende des Tages ist es persönliche Präferenz, die entscheidet. Natürlich sollte man dabei Wodka aus der Vielfalt der Produkte nicht kategorisch ausschließen, aber man kann durchaus das Aromenprofil zu langweilig finden – auch ohne ein Dilettant und Verkenner von nuancierten Produkten zu sein.
    Es mag am Image der Klarbrände als Mixspirituosen liegen, dass Wodka kein Sipper wird, oder gelagerte Spirituosen üben zu Recht einen größeren Reiz auf die Konsumenten aus.
    An mangelndem Interesse gegenüber nuancierten Produkten liegt es meiner Meinung nach nicht.

    Freundliche Grüße,
    Steve

  2. Philipp Windgassen 6. Juli 2016 zu 07:52 #

    Als der Typ. der Vodka Ethanolski produziert, möchte ich noch eine Sache hinzufügen: Man muss gar nicht Filtern – es geht auch ganz ohne. Aber wenn man es macht, verbessert man damit immer und direkt die Farbgebung – also die Klarheit. Ich persönlich finde auch, dass die perfekte Klarheit eines Wodkas gar kein direktes Qualitätskriterium ist. Ein Wodka mit einer ganz leichten weißen Trübung kann interessanter und komplexer schmecken als ein perfekt klarer Wodka.

  3. René 5. Januar 2017 zu 14:25 #

    Sehr interssanter Beitrag! Mittlerweile ist Vodka international so bekannt wie Tequila, Whisky, Rum oder auch Kaffee. Es gibt auch einige Länder, in denen er so beliebt ist wie das koffeinhaltige Heißgetränk. Nicht nur in Russland ist er heute eng in der Gesellschaft verankert. Er hat sich auch in anderen Ländern etablieren können. Sehr beliebt ist er beispielsweise neben der Ukraine auch in Nordeuropa. Sowohl in Schweden als auch in Finnland wird gern auf die Spirituose zurückgegriffen, die aufgrund ihres Aussehens an Wasser erinnert. In Norddeutschland waren aber auch Kornbrände sehr populär.
    Für die Herstellung von Vodka werden bis heute sehr traditionelle Rohstoffe verwendet. Grundsätzlich kann diese Spirituose aus sehr unterschiedlichen Ausgangsstoffen hergestellt werden. Wichtig ist allerdings, dass dieser kohlenhydrathaltig sind. Häufig wird für die Produktion des Getränks auf Getreide zurückgegriffen. Einige Hersteller verwenden aber auch Kartoffeln und Melasse. In einigen Ländern wird Vodka bis heute aus Weintrauben gewonnen. Es gibt in der Mehrzahl der Länder keine speziellen Beschränkungen der jeweiligen Rohstoffe.

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