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Was du über den Wurm im Mezcal wissen solltest

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mezcaled

Was hat eigentlich dieser Mezcal nicht, was Scotch oder Cognac hat? Er hat keine Lobby. Keinen industriellen Zweckverband, dessen Arme nach Europa reichen. So sieht’s aus. Was es in unsere Gläser schafft, ist dann meist aber hochwertiger Stoff. Keiner mit einem wulstigen Wurm in der Flasche, einem miserablen Markenzeichen.


Es war vor einigen Jahren als ich meinen ersten Mezcal serviert bekam. „Riech‘ mal!“ Ich tat, wie mir befohlen und hielt meine Nase über das Glas. „Irgendein frischer Rohbrand einer Whisky-Destillerie von Islay? Haben die ’nen Praktikanten an die Brennbase gelassen?“.

Was mir damals in die Nase stieg, war ein kräftiges, rauchiges Bouquet. Eines, das in derselben Liga spielt wie bekannte Scotch-Destillerien wie Laphroaig, Ardbeg oder Lagavulin. Dennoch – ich war damals noch blutiger Anfänger – hatte das Raucharoma einen völlig eigenen Charakter. Komplex, eigen und mit Wiedererkennungswert.

„Das ist Mezcal“. „Mezcal? Dieser Tequila für Arme? Der mit dem Wurm drin?“

Heute, Jahre später, weiss ich: Ja, genau der. Mittlerweile weiss ich aber auch, dass jener Agavenbrand kein primitiver Tequila-Ableger ist. Schaut man sich die oft zweifelhaften Tequila-Qualitäten hierzulande an, könnte ich fast meinen, es wäre anders herum. Und die Geschichte mit dem Wurm? Gut, das Zeug ist wirklich billig, aber das sollte auch keiner trinken.

Mezcal, dieser Oberbegriff für mexikanische Agavenbrände, ist ein Qualitätstropfen par excellence. Ein Destillat, das hiesige Scotch-Trinker glücklich machen würde. Zumal es genau jene Qualitätsmerkmale liefert, die an modernem Single Malt & Co. lautstark beklagt werden.

Eines der markantesten, wenn auch leidigsten Merkmale von Mezcal ist sein kleiner Fortsatz: der Wurm. Die wichtigsten Fakten zu diesem kleinen Anhängsel haben wir einmal für dich zusammengetragen.

SCHLECHTER STOFF: DER WURM ALS INDIKATOR

Tiere haben in alkoholhaltigen Flüssigkeiten nichts verloren. Erst recht nicht, wenn es sich um Genussmittel handelt. Auch bei Mezcal nicht. Auch keine Würmer.

Wobei…Würmer sind es eigentlich nicht, die so mancher Mezcal-Hersteller seinem Brand hinzugibt. Vielmehr sind es Insektenlarven. Aber egal, wo man hinhört, ist die Rede von „Mezcal Würmern“. Aber egal, wie wir es nennen: In Schnaps hat es nichts verloren.

Dabei gibt es gleich 2 davon. Rote und weiße. Zwar sind die Individuen beider Arten essbar und gesundheitlich unbedenklich, in einem hochwertigen Mezcal haben sie allerdings nichts zu suchen.

Weiße Agaven- bzw. Mezcal-Würmer tragen den wissenschaftlichen Namen Meocuiles und sind Schmetterlingslarven bzw. -raupen. Dieser Schmetterling legt seine Eier auf die Agavenblätter, von denen sich das Jungtier dann ernährt. Der klassische Parasit.

Auch der rote Mezcal-Wurm (Chilocuiles) pflegt nicht gerade eine enge Freundschaft mit der Agavenpflanze. Diese Mottenlarve frisst sich durch Strunk und Wurzeln und überzieht diese mit einer klebrigen Masse.

An sich ziemlich eklig und bietet aus heutiger Sicht nicht gerade Vermarktungspotential. Die wildesten Theorien kursieren daher über den Grund, eine Larve in Mezcal zu tunken. Von Qualitätsbeurteilung, über halluzinogene Wirkung etc. Alles Käse, der bereits widerlegt wurde, der sich allerdings so hartnäckig hält, wie die Meocuiles am Agavenblatt.

Allerdings gibt es 3 Theorien, die diesen Brauch erklären bzw. versuchen zu erklären. Auch wenn er heute fast nur noch von Low Budget Mezcal-Herstellern angewendet wird.

  • Insekten als Nahrungsmittel

Früchte oder Kräuter in Mezcal einzulegen, ist keine neue Erfindung. An sich so alt wie das Destillat selbst. Blickst du jetzt noch auf den mexikanischen Bundesstaat Oaxaca, aus dem der Wurm-Brauch stammt, fügt sich 1 und 1 zusammen. Theoretisch.

Heuschrecken, Ameisen und Würmer zu essen, ist in jener Region quasi ein Ding der Normalität. Auch wenn es heute keine schriftlichen Belege hierfür gibt, jene Larven im dort bekanntesten Destillat zu mazerieren, ist folglich kein großer Schritt mehr.

  • Marketing-Gag

Diese Theorie klingt heute realistischer als je zuvor. Allein vor dem Hintergrund zu welchen Methoden jüngst Gin-Hersteller griffen, um ihr Produkt zu promoten.

So besagt eine zweite Theorie über die Wurm-Herkunft, dass es sich vielmehr um einen amerikanischen als um einen mexikanischen Ursprung handelt. In Mexico City soll der Markeninhaber von Gusano Rojo Mezcal seinen Tropfen mit dem Wurm aufgehübscht haben, um amerikanische Touristen zu „begeistern“. Es war exotisch, es war unbekannt, es war eklig. Das muss ich haben.

  • Das Unterscheidungsmerkmal

Während des 2. Weltkrieges mangelte es den USA an Whisky aus Europa. Diese Lücke wurde zeitweise mit diversen Alkoholika gefüllt, unter anderem Tequila. Es war eine wahre Boomzeit für den Agaven-Schnaps.

Den Durst der Amerikaner konnte Tequila allerdings nicht in ausreichendem Maße stillen; es mussten Alternativen her. Die Tequila-Produzenten im Bundesstaat Jalisco suchten sich im mexikanischen Umland nach Produzenten zur Unterstützung um. Das Problem: Es gab zwar genug Mezcal-Brennereien, diese hatten allerdings meist keine Marke, teils noch nicht mal Flaschenlabels.

Als sich US-Importeure beschwerten, dass die einzelnen Qualitäten nicht zu unterscheiden seien, begann die Wurm-Kennzeichnung. Mezcal-Hersteller aus Oaxaca begannen ihre Produkte mit den Würmern zu kennzeichnen und abzugrenzen. Für diese Theorie spricht zudem, dass zu jener Zeit namhafte Mezcal-Marken gegründet wurden. Konkurrenzsituationen vorprogrammiert.

ZUM GLÜCK TRINKEN WIR HEUTE BESSER

Es gibt zahlreiche Statistiken und offizielle Berichte, die uns hochwertigeren Alkoholgenuss attestieren. Ein Trend der letzten 10 Jahre. Hier wird nur noch Premium getrunken, hier ein Tasting besucht und Schnaps unter 15 Euro wird verpönt.

Allein im Scotch Whisky-Bereich könnten wir jedoch in Teilen dagegen halten. Zwar wissen mehr und mehr Personen guten Scotch zu schätzen, die Masse an neuen Whisky-Fans der letzten Jahrzehnte sorgte allerdings auch für einen gewaltigen Nachfrageschub. Einen Nachfrageschub, den Whisky-Hersteller mit immer schneller produzierten Produkten bedienen möchten. Kritische Szene-Stimmen ziehen daher die Konsequenz, dass der moderne Whisky-Fan nicht besser, nur teurer trinkt.

Dieser Ansicht liegt allerdings ein Denkfehler zugrunde. Unabhängig der subjektiven Qualität eines Destillats ist das Bedürfnis einer Person nach hochwertigen Destillaten entscheidend. Das ist in den letzten 10 Jahren gewachsen, das ist die eigentliche, die positive Konsequenz.

Aus diesem Grund – Lebensmittelrecht einmal außen vor – schaffen es zu unseren Händlern fast ausschließlich Premium Mezcals. Billige Wurm-Mezcals/ Gusano (spanisch für „Wurm“) Meczals würden sich ökonomisch nur in der Masse lohnen.

So sind jene Low Budget-Qualitäten bei uns meist nur noch eine Mutprobe. Genuss sicher nicht. Da hilft auch keine dubiose Artikelbeschreibung wie „[…] der einer Legende nach demjenigen große Kräfte verleiht, der ihn herunter schluckt.“


Bildquelle: épines de feuilles d’agave americana sur fond blanc – © Unclesam/Fotolia.de

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.

4 Kommentare für Was du über den Wurm im Mezcal wissen solltest

  1. kallaskander 22. Juli 2016 zu 16:41 #

    Hi there,

    aha….

    „Dieser Ansicht liegt allerdings ein Denkfehler zugrunde. Unabhängig der subjektiven Qualität eines Destillats ist das Bedürfnis einer Person nach hochwertigen Destillaten entscheidend. Das ist in den letzten 10 Jahren gewachsen, das ist die eigentliche, die positive Konsequenz.“

    Und woran macht sich das fest? Im Bedürfnis, möglichst Teueres zu kaufen, denn das muß ja gut sein?

    Der Begriff Premium bei allem möglichen aber besonders bei Spirituosen ist eine Preiskategorie – er ist definitiv keine Qualitäskategorie.

    Wer teuerer trinkt weil er denkt, daß er dann besser trinkt, macht den Denkfehler. Das ist das was marketing befördert. Bestimmt nicht einen höheren Qualitätsbegriff.

    Der Highland Park 18 Jahre ist in den letzten 4-5 Jahren von 45.- € auf mehr als 100.- € gestiegen. Es ist immer noch der gleiche gute malt, gleich gut, nicht so viel besser wie es der Preis sagen würde, wenn deine zitierte Aussage stimmen würde.

    Die Konsequenz ist, daß sich der Highland Park nur noch schleppend verkauft, weil es kein Bedürfnis gibt, bei gleicher – wenn auch hoher – Qualität den mehr als doppelten Preis zu bezahlen.

    Greetings
    kallaskander

    • Philip Reim 23. Juli 2016 zu 10:03 #

      Guten Morgen Kallaskander,

      dass „Premium“, „Economy“, „Super Premium“ etc. nur über den Preis und nicht die Qualität definiert werden, ist mir bewusst. Allerdings war das auch nicht der Kern meiner Aussage. Es ging auch nicht um die Frage, ob die Scotch Industrie den Kunden tatsächlich mehr Geld aus der Tasche zieht, als sie Qualität bietet. Bei einigen Unternehmen trifft dies auch durchaus zu.
      Der Punkt meiner Aussage war, dass das Bewusstsein der Bevölkerung für Qualität wächst. Sie wollen (!) besser trinken, nicht saufen. Dass dies dann zu einer Preisspirale wie bei Scotch führen kann, schließe ich dabei nicht aus.

      Gruß Philip

  2. Holger D. 22. Juli 2016 zu 17:56 #

    Seit „artesanaler“ Mezcal (im Kleinbetrieb und in kleinen Batches erzeugt, überwiegend NICHT fassgelagert und mit verhältnismäßig hoher Alkoholstärke und natürlich OHNE Wurm abgefüllt) international ein kleines Trendthema ist, werden die neuen Mezcal-Evangelisten nicht müde, mantraartig zu predigen, dass die „verwurmten Traditions-Mezcales“ grundsätzlich schei… sind… 😉

    Hakt man dann aber mal nach, hat eigentlich so gut wie keiner der Wurm-Gegner jemals einen dieser berüchtigten, industriell erzeugten Wurm-Mezcales im Glas gehabt (ich übrigens auch nicht).

    Fest steht aber auf der anderen Seite, dass diese Wurm-Mezcales (meist als fassgelagerte Reposado-Qualität und mit „tequilagemäßer“ Alkoholstärke von 38% – 40% vol. abgefüllt) lange Jahre VOR den aktuellen artesanalen Qualitäten die einzigen Mezcales waren, die auf dem internationalen Markt verfügbar waren. Und der eine oder andere Wurm-Mezcal hat durchaus in der Vergangenheit auch schon ’ne Medaille auf internationalen Spirituosen-Wettbewerben abgestaubt…

    Von daher erscheint mir die Frage nicht ganz unberechtigt, ob diese Mezcales „alter Bauart“ (mit folkloristischer Fleischanlage) denn wirklich sooooo schlecht sind… Oder werden sie evtl. gerade Opfer eines Beefs zwischen den artesanalen Produzenten und den (industriellen) Traditions-Produzenten??? 😉

    Grau ist alle Theorie! Deshalb müssen Sie, Herr Reim, im Dienste der Objektivität und des investigativen Spirituosen-Journalismus mal auf praktischer Ebene an das Thema ran!

    Ich schlage eine Querverkostung diverser traditioneller Wurm-Mezcales vor! Neben dem notorischen Gusano Rojo fallen mir da noch ein: Laguna Seca, Lajita, Oro de Oaxaca, El Recuerdo de Oaxaca… Und am Schluss dürfen Sie natürlich die Würmer verschnabulieren – fünf Stück werden ihnen Superkräfte verleihen! 🙂

    Beste Grüße, Holger D.

    • Philip Reim 23. Juli 2016 zu 09:50 #

      Guten Morgen,

      das Wurm-Thema auf eine Qualitätsschiene festzulegen, wird der Sache auch nicht gerecht. Da haben Sie Recht. Auch hochwertige Mezcals haben gelegentlich die Larve in der Flasche.
      Ja, eine Querverkostung wäre durchaus spannend. Wobei die Verfügbarkeit alles andere als rosig ist, und ich muss zugeben, ich bin kein Fan von Tieren in Genussmitteln. Egal, ob Schafe, Vögel oder Würmer. Ist für mich pietätlos.

      Gruß Philip

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