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Monkey Gland war die flüssige Begierde des Paris der 20er

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monkeygland

Aus Marketingsicht ist der Name „Monkey Gland“ eine Katastrophe. Wer möchte seinen Abend schon mit einem Glas „Affenhoden“ verbringen. Dennoch schaffte es dieser Drink aus den 1920ern sich zu einem Klassiker der Cocktailwelt zu mausern. Hoden hin oder her.


Bringst du ein neues Produkt auf den Markt, sollte allein dessen Name schon zum Kauf animieren. Es muss reizen, es muss auffallen. Es muss allerdings auch einen positiven Effekt versprechen. Der Begriff „Monkey Gland“ fällt zwar auf, alle anderen, positiven Attribute ignoriert er aber. Und zwar rigoros. Im Gegenteil: Zu wissen, dass man Gewebe eines Affenhodens im Glas hat, dürfte bei den meisten einen Würgereflex auslösen. Mich eingeschlossen.

Nicht gerade den Effekt den sich ein Bartender wünscht, wenn er seine neueste Kreation präsentiert.

Und dennoch: Als Harry McElhone in seiner Harry’s New York Bar in Paris den Monkey Gland in den 1920ern erstmals mixte, trat er eine Welle der Begeisterung los. Eine solch große und stabile, dass sie nicht einmal 90 Jahre später bricht.

Wie gesagt, aus heutiger Sicht einen Cocktail nach dem Gewebe eines Affenhodens zu benennen, wäre aus ökonomischer Sicht fahrlässig. Die Bestellung des Drinks wäre mehr eine Mutprobe als der Wunsch nach einem Genussmittel. Ähnlich wie einen Orgasmus oder Sex on the beach zu ordern.

McElhone hatte bei der Namensgebung des Monkey Gland wahrscheinlich jedoch den Zeitgeist im Blick. Für mich persönlich ein genialer Schachzug. McElhone lieferte ein Produkt, für das er die Nachfrage erkannte. Er hätte ihm auch den Namen Monkey Cute, The Sunshine Drink oder irgendetwas anderes Unverfängliches geben können. Aber nein, er wollte das Verruchte.

Der Drink bzw. dessen Name sollte nicht das Gatsby-Konzept von Harry’s New York Bar aufbrechen, dem des reichen Amerikaners im Ausland. Monkey Gland sollte ein Cocktail werden, der die Ruchlosigkeit des Paris der 20er Jahre bedient.

Der Begriff „Sexuelle Revolution“ wird heute vor allem auf die Zeit zwischen 1960 bis 1980 angewendet. Häufig liest man aber auch, dass dies nur die zweite Phase war. Die ersten Ansätze gab es bereits im Amerika der 20er Jahre, den Roaring Twenties.

Ganz vorne mit dabei war allerdings auch Paris. In seinem Buch Horizontal Collaboration: The Erotic World of Paris, 1920–1946 schreibt Mel Gordon: „For the French, sex was another hedonist pursuit — fluid, sometimes mocking, an inescapable and enduring pleasure.” (zu deutsch: „Für die Franzosen war Sex ein weiteres hedonistisches Vergnügen – selbstverständlich, manchmal frotzelnd, eine unausweichliche, andauernde Freude.“

Dass McElhone nun seinen Drink Monkey Gland (frei übersetzt: „Gewebe vom Affenhoden“) nennt, wirkt vielleicht etwas frivol, passt aber zum damaligen Zeitgeist wie die Faust auf’s Auge.

Die Inspiration für diesen Namen lieferte ihm der Russe Serge Voronoff. Voronoff war Chirurg, der im Paris der 1920er Jahre durch zweifelhafte Eingriffe zu großem Vermögen gekommen war. Er implantierte Männern Gewebe aus Affenhoden, was zur einer merklichen Verjüngung führen sollte. Das Ergebnis konnte empirisch jedoch nie belegt werden. Dennoch führte Voronoff über 1.000 solcher Operationen durch. Preis pro OP: 5.000 Dollar. Heute entspräche dies dem Wert von rund 63.000 Dollar.

MONKEY GLAND – EINORDNUNG ALS DRINK

Schaue ich mir die Rezeptur des Monkey Gland mit seinen 4 Zutaten an, sehe ich einen Sour. Einen stark modifizierten, einen sehr frei interpretierten Twist eines Sours. Gin als Basis-Spirituose, Orangensaft als Zitruskomponente und Grenadine und Zuckersirup für die Süße. Absinthe ist dann die aromatische Kür.

Die Originalrezeptur von 1927 verlangt nach dieser Wermuthspirituose. Dennoch gibt es eine zweiter Version des Monkey Gland, in der Absinthe durch den französischen Kräuterlikör Bénédictine ersetzt wird.

Rezeptur:

adaptiert nach Barflies & Cocktails von Harry McElhone (1927)

  • 4,5 cl Dry Gin
  • 4,5 cl Frischer Orangensaft
  • 1 BL Grenadine
  • 1 BL Zuckersirup (1:1)
  • 1 BL Absinthe

Alle Zutaten in einem Shaker auf Eiswürfel rund 15 Sekunden kräftig schütteln. Anschließend in eine vorgekühlte Coupette/Cocktailschale doppelt, das heißt durch Grob- und Feinsieb, abseihen. Ohne Dekoration servieren.


Bildquelle: © denisfilm/Fotolia.de

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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