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Fog Cutter. Der härteste aller Tiki-Cocktails?

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fogcutter

Fog Cutter? Kein Name, den ich sofort in einem Atemzug mit Mai Tai, Zombie oder Hurricane genannt hätte. Und doch gehört er genau dort hinein. In die Riege der Tiki-Drinks. In die Riege von Cocktails polynesischer Popkultur. Und das trotz einer ungewöhnlichen Zutat.


Es begann in den 1930ern und endete in den 70ern, es begann in der Prohibition und endete in der Disco-Ära: Die Blütezeit der Tiki-Kultur. Was davon heute vielerorts geblieben ist, sind mickrige Überreste.

Schnaps mit Obstsäften. Teils zu süß, teils zu sirup-lastig. Aber immer mit Schirm, Ananas oder gleich doch dem Cocktail-Delphin. Hauptsache es sieht gut aus, der Saft überdeckt den Alkohol und es liegt Südsee-Urlaub in der Luft.

Und zugegeben, so sehr wir „Tiere“ auf dem Glas oder Schirmchen belächeln, die Tiki-Kultur feierte damit. Exzessiv. Keine Cocktail-Ära parodierte sich derart mit ihrer optischen Darstellung wie jene, aus deren Reihen Zombie, Hurricane oder Planter’s Punch stammen.

Sieh dir Tiki Mugs an. Diese Orgie übertrug sich sogar auf die Gefäße, in denen jene Cocktails serviert wurden. Becher in Form von Tiki-Skulpturen. Kitschig, aber authentisch. Übertrieben, aber stil-echt. Tiki wäre weit weniger populär ohne seine Show-Effekte.

Eines vorausgesetzt: die Qualität der Zutaten und der Zubereitung. Kein Schirmchen, kein Tiki-Mug der Welt sieht so cool aus, dass wir uns über billigen Fusel mit Multivitaminsaft freuen. Victor Bergeron bzw. Trader Vic war dies bewusst, als er in den 1940ern die Flaschen zückte und den Fog Cutter entwickelte. Neben dem Mai Tai eine seiner bekanntesten Kreationen.

Und er nahm viele dieser Zutaten. Die Originalrezeptur des Fog Cutters hatte – vom Eis einmal abgesehen – 7 Zutaten. 4 davon lieferten eine Menge Alkohol. Bereitest du also einen Fog Cutter zu nach der Zutatenliste wie sie während der Zeit des 2. Weltkrieges üblich war, bekommst du Teufelszeug. In dieser Konstellation ist der Fog Cutter eine Art Long Island Iced Tea der Tiki-Sparte.

Eine Tatsache, die auch Trader Vic erkannte. Hier ein paar Zentiliter weniger, da statt Eiswürfel Crushed Ice und fertig war die massenverträgliche Version: der Samoan Fog Cutter. Nach wie vor ein Drink mit ordentlich Umdrehungen, aber kein Faustschlag mehr beim ersten Schluck.

In der Version des Samoan Fog Cutter ging er steil, wurde in zahlreichen kalifornischen Restaurants auf die Karte gesetzt. Und dies obwohl Trader Vic die Originalrezeptur nie verriet. Lediglich eine Vorlage, eine Art Schablone gab er 1946/1947 in seinem Buch Bartender’s Guide bekannt.

Auf dieser Grundlage entwickelten Bars und Restaurants ab den 1950ern Interpretationen des Fog Cutters. Maßgeschneidert auf das Konzept des eigenen Betriebs. Wie viele dieser Versionen es gab, ist heute nicht mehr bekannt. Nicht jede wurde schriftlich festgehalten, noch weitergereicht.

Lediglich eine Aquavit-Variante ergatterte als Viking Fog Cutter noch ein paar Zeilen in der ein oder anderen Cocktail-Literatur. Für die Ewigkeit blieben allerdings die Blaupausen für den Fog Cutter aus den 40ern und seine sanftere Version als Samoan Fog Cutter.

FOG CUTTER – EINORDNUNG ALS DRINK

Der Fog Cutter passt in keine klassische Cocktail-Kategorie. Tikis in das Korsett historischer Drinks zu drücken, wird dem Genre auch nicht gerecht. Schlicht, weil es nicht funktioniert. Tiki-Drinks wie Mai Tai, Zombie oder auch Fog Cutter entstammen einer Ära, die nur wenig gemein hat, mit den Jahrzehnten davor. Exotische Früchte und Säfte bekamen mit Tiki-Cocktails plötzlich einen ganz anderen Stellenwert. Sie waren nicht mehr nur Begleitzutat des Alkohols, sondern unerlässliche Komponente. Sie definierten die Kategorie.

Der Fog Cutter ist in dieser Revolte gegen herkömmliche Drink-Kategorien vielleicht sogar eine der extremsten Auswüchse. Zum einen bringt er mit Sherry eine für die Tiki-Drinks ungewöhnliche Zutat ins Spiel. Zum anderen: 3 hochprozentige Spirituosen als Basis? Aus historischer Sichtweise ein Frevel, aus Tiki-Sicht…in den Tiki Mug und ab die Post.

Rezeptur des Fog Cutter (1946/47)

  • 6 cl Leichten, weißen Rum
  • 3 cl Weinbrand
  • 1,5 cl Dry Gin
  • 6 cl Frischer Zitronensaft
  • 3 cl Frischer Orangensaft
  • 1,5 cl Orgeat-Sirup
  • 1,5 cl Cream Sherry

Alle Zutaten bis auf den Sherry in einen Shaker auf Eiswürfel geben. Rund 15 Sekunden kräftig schütteln. Anschließend nicht abseihen, sondern den gesamten Shakerinhalt in einen Tiki-Becher gießen. Bei Bedarf mit Eiswürfeln aufüllen. Abschließend mit Cream Sherry übergießen.

Rezeptur des Samoan Fog Cutter (1950er)

  • 4,5 cl Leichten, weißen Rum
  • 1,5 cl Weinbrand
  • 1,5 cl Dry Gin
  • 6 cl Frischer Zitronensaft
  • 3 cl Frischer Orangensaft
  • 1,5 cl Orgeat-Sirup
  • 1,5 cl Cream Sherry
  • 8 cl Crushed Ice

Alle Zutaten bis auf den Sherry in einen Blender geben und circa 10 Sekunden blenden. Ohne Abseihen in einen Tiki-Becher gießen und bei Bedarf mit Crushed Ice auffüllen. Zum Schluss den Drink mit Sherry übergießen/floaten.


Bildquelle: © fangorndt – Fotolia.de

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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2 Kommentare für Fog Cutter. Der härteste aller Tiki-Cocktails?

  1. Maddin 9. September 2016 zu 21:01 #

    Hui, die „alte“ Variante scheppert aber schon ganz schön. Kannte bisher nur die „samoan“ Variante, wie sie im Cocktailian beschrieben wird, also mit genausoviel Zitronen- wie Orangensaft. Für die alte Variante geht der hohe Zitronenanteil in Ordnung. Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass die 6cl für die „samoan“ Variante etwas zu viel sind. Selbst bei der etwas großvolumigeren Variante belegt mir hinten raus die Säure fast etwas zu sehr den Mund. Ist aber bloß meine Meinung, kommt vieleicht auch auf die Zitronen an.

    • Philip Reim 11. September 2016 zu 17:47 #

      Ja, die alte Variante haut einen sofort um. Ich gebe dir recht, was die Wahl der Zitronen angeht. Sofern sie allerdings nicht zu sauer sind, wird die Säure meiner Meinung nach sehr gut durch das viele Eis kompensiert.

      Gruß Philip

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