„Ein neuer Gin macht keinen Sinn mehr“ – Interview mit Gin-Start-Up Gründer Heiko Hoos » Eye For Spirits

Werbung

„Ein neuer Gin macht keinen Sinn mehr“ – Interview mit Gin-Start-Up Gründer Heiko Hoos

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

credit_electric_eefl

Der Gin-Markt im Jahr 2014: Jedes deutsche Dorf hat bereits seinen eigenen Gin. Was für die einen ein wirtschaftliches Himmelfahrtskommando wäre, ist für die anderen eine Herausforderung. Heiko Hoos wagte damals den Schritt zum eigenen Wacholderdestillat. Von der Pieke auf.


EYE FOR SPIRITS: Heiko, du bist 2014 mit deinem Hoos Gin in den deutschen Handel gestartet. Mitten in eine Zeit, in der der deutsche Gin-Markt schon mehrmals für tot erklärt wurde. Hattest du keine Bedenken, dass das ganze Projekt von Beginn an gegen die Wand fährt?

Heiko Hoos: Das Ganze ist als Spaßprojekt an der Bar entstanden, als der Barkeeper meiner Lieblings-Gin-Bar die Frage stellte, wie denn der eigene Gin schmecken sollte, sofern man denn einen herstellen könnte.

Da die Möglichkeiten dies umzusetzen für mich günstig lagen, prahlte ich einen eigenen Gin herzustellen. An den Tagen danach wurde ich mir dieses Projektes bewusst und machte mich an die Arbeit dies umzusetzen. Es begann mit einer intensiven Recherche zur Herstellung von Gin und den rechtlichen Grundlagen.

Als sich herausstellte, dass dafür kein Brennrecht benötigt wird, stand dem Vorhaben nichts mehr im Wege. Ich besorgte mir Fachliteratur, studierte Botanicals und stellte eine Rezeptur zusammen.

Als sich herausstellte, dass dafür kein Brennrecht benötigt wird, stand dem Vorhaben nichts mehr im Wege.

Es ging eigentlich nur darum einen Gin herzustellen, der als solcher erkannt werden sollte. Nach rund 4 Wochen Vorbereitung war alles soweit fertig, den ersten Brand zu wagen. Überzeugt von der Qualität des frisch gebrannten Gins, ging ich wieder in die Bar und präsentierte das Ergebnis. Die Meinungen war etwas zurückhaltend: nicht ausgewogen, alkoholisch, sollte doch weiter an der Rezeptur arbeiten.

Nach ungefähr 4 Wochen Lagerzeit hat er sich hervorragend entwickelt, kein Vergleich zum frisch gebrannten. Nach weiteren Verköstigungen im Bekanntenkreis stellte sich heraus, dass es ein sehr interessanter Gin geworden ist. Erst dann kam der Gedanke auf, ihn auch kommerziell anzubieten.

Es musste eine Flasche gefunden werden, Design, Nam und so weiter. Das Ganze hat ein halbes Jahr gedauert, bis das jetzige Produkt verkehrsfähig war. Ich hatte mir keine Gedanken über die Marktsituation gemacht, oder ob sich es sich lohnt einen Gin herzustellen. Es ist einfach so passiert.

Es gab keine Erwartungen. Jedes Kompliment und jede verkaufte Flasche waren ein Antrieb die Sache weiterzuverfolgen. Bis die ersten Flaschen bei den Händlern und in den Bars von Karlsruhe standen, verging fast ein Jahr. Ein Projekt an die Wand zu fahren, das als Schnapsidee entstand und an das keine Erwartung geknüpft waren, gab es in meiner Vorstellung gar nicht.

Ein Projekt an die Wand zu fahren, das als Schnapsidee entstand und an das keine Erwartung geknüpft waren, gab es in meiner Vorstellung gar nicht.

EFS: Als ich das erste Mal deinen Gin in der Hand hielt – es muss Ende 2014 gewesen sein – war ich positiv überrascht vom Flaschendesign. Irgendwie schon bekannt, aber trotzdem ungewöhnlich. Bei den Zutaten setzt du allerdings auf Botanicals, die wenige Superlativen bieten. Eigentlich gar keine. Nichts was man medienwirksam aufbauschen könnte. Wie fiel deine Wahl auf genau diese Drogen?

HH: Bei den Recherchen zur Herstellung von Gin kristallisierte sich recht schnell heraus, dass er nach der traditionellen London Gin Methode hergestellt werden sollte. Botanicals wollte ich eigentlich so wenige wie nötig verwenden.

Sehr informativ waren auch deine Beiträge zu den Botanicals. Ich besorgte mir verschiedene Fachliteratur über die Destillation allgemein und zu Botanicals im Besonderen. Da gab es aber sehr wenig zum Thema. Die interessantesten Bücher waren aus dem 19 Jahrhundert. Sie erklärten die Kräuter sehr genau, die Mazeration wie auch Destillation.

Ein sehr interessanter Aspekt in jenen Büchern war, dass es nicht das Ziel sein sollte so viel wie möglich an Ingredienzien zu verwenden, sondern aus einer überschaubaren Anzahl, einen in sich stimmigen Gesamtgeschmack zu erzeugen.

Es sollte so komponiert werden, dass weder das eine noch das andere vorschmeckend ist. „[…]überhaupt aber beruht die ganze Kunst wohlschmeckende zusammengesetzte Branntweine zu bereiten, auf der verständigen Zusammenstellung solcher Gewürze, die restlich in ihrem Geschmack sich nicht aufheben, zweitens nicht gleichartig sind, und drittens nicht zu schroff gegeneinander stehen, vielmehr durch den gleichzeitigen Eindruck auf der Zunge, nicht einen, aus beiden gemachten, sondern einen neuen, von beiden ganz verschieden Geschmack hervorbringen.

Dies war die Grundlage für die Zusammenstellung der Botanicals. Es war nicht nötig irgendwas Außergewöhnliches zu finden. Vielmehr suchte ich nach Kräutern die eine Gemeinsamkeit hatten, aber doch unterschiedlich im Geschmack sind.

So kam ich darauf, die Botanicals in ihrer chemischen Zusammensetzung zu analysieren und mit den Hauptbestandteilen des Gins, Wacholder und Koriander, stimmig in Verbindung zu bringen. Mehr möchte ich jetzt auch nicht verraten. Zu guter Letzt kam es kurz vor Fertigstellung der Rezeptur zu einem Zufallsfund der Kiefernknospe. Die hatte alles gemein was in der bisherigen Zusammenstellung vorhanden war und fügte sich als Keybotanical hervorragend ein. Da dies als Interessenprojekt begann, war kein Augenmerk daraufgelegt, etwas medienwirksam einzuarbeiten.

credit_sebastian_heck

EFS: Beschreibe doch bitte mal wie du deinen Gin produzierst. Mazeration, Destillation etc.

HH: Der Gin wird nach der London Gin Methode hergestellt. Diese erschien mir als die einfachste und dazu war es auch die ursprünglichste. Dafür waren wiederum Recherchen zur Mazeration nötig, sowie welcher Alkohol verwendet werden soll, oder wie die Botanicals zur Mazeration vorbereitet werden müssen.

Dazu waren die alten Bücher sehr hilfreich. Die Botanicals werden so vorbereitet (gemahlen, geschrotet, geschnitten, usw.), dass sie während der Mazeration entsprechend ihre Inhaltsstoffe optimal abgeben können.

Mazeriert wird in Neutralalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs, der mit Quellwasser auf 45 %Vol. heruntergesetzt wird. Die Mazerationszeit beträgt zwei Nächte und ein Tag. Destilliert wird in einer kleinen 150 Liter Arnold-Holstein-Kolonnenbrennanlage.

Bei der Destillation werden zwei von drei Kolonnen ausgeschaltet, die Kochböden entleert und mit geringem Einsatz des Dephlegmators gearbeitet. Das Resultat ist ein rund 80 prozentiges Gin-Destillat.

Jeder Brand wird separat gelagert und ruht mindestens 4 Wochen im Glasballon mit Sauerstoffzufuhr, bevor er mit weichem Quellwasser auf seine 44,4 %Vol. Trinkstärke herabgesetzt wird.  Als Grundlage für den ganzen Herstellungsprozess dient Quellwasser aus einer artesischen Quelle, die im Pfälzer Walde auf ungefähr 500 Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Pro Brennvorgang werden nicht mehr als 120 Flaschen à 0,5 Liter produziert. Die Abfüllung und Beschriftung erfolgt von Hand, wobei jede Flasche eine handschriftliche Nummer und den Ausweis des Brandes erhält.

Eigentlich ist jeder Brand eine limitierte Auflage von circa 120 Falschen. Es kann saisonale Unterschiede geben, da die Botanicals das Jahr über aus unterschiedlichen Anbaugebieten kommen und unterschiedlicher Beschaffenheit sind. Dies macht die Herstellung wiederum interessant und spannend.

EFS: Nochmal zu Frage 2. Ich war nicht ganz ehrlich. Nicht nur die Flasche erstaunte mich, sondern auch der Preis. Knapp 25 Euro für 0,5 Liter waren 2014 fast schon günstig. Was ist in deinem Gin-Unternehmen der größte, der preistreibendste Posten?

HH: Der wohl teuerste Aspekt in meiner Produktion ist der Alkohol. Die komplette Produktion mache ich zum Großteil alleine. Ich arbeite ohne Vertriebsagenturen und kümmere mich selbst ums Marketing. Der Preis von 25 Euro sollte sich auf das Produkt beziehen und nicht auf Vertriebs/Marketingkosten beruhen. Ein ehrliches Produkt zu einem ehrlichen Preis war die Überlegung. 25 Euro ist auch der Preis, den ich für ein solches Produkt zu zahlen bereit wäre. Dies hat wahrscheinlich auch maßgeblich zur Beachtung meines Gins beigetragen hat.

25 Euro ist auch der Preis, den ich für ein solches Produkt zu zahlen bereit wäre.

EFS: Viele Start Ups der Getränkebranche umgarnen Bars und deren Bartender. Hofieren sie, präsentieren ihre neuen Produkte rund um die Uhr. Wie sind deine Erfahrungen mit der Gastronomie als Katalysator?

HH: Gastronomie, speziell aber die Bars und deren Bartender, haben großen Einfluss darauf, wie ein Produkt wahrgenommen wird. Dessen sind sie sich bewusst und haben dementsprechend auch ihre Forderungen.

Als kleiner Hersteller ohne große Vertriebsagentur ist es schwierig in den Bars eine gute Position zu bekommen. Wenn man es ins Rückbuffet einer Bar geschafft hat, wird man schon mal gesehen, aber ohne Engagement des Bartenders bleibt es aber auch dabei. Gute Erfahrungen habe ich mit Kneipen und Bars gemacht, die nicht mit Verträgen an große Firmen gekettet sind.

EFS: Tastings, stationärer Handel, Online-Handel. Startet heute ein Gin-Start Up kann es sich an einer Palette an Vertriebswegen bedienen. Muss sich aber je nach Wahl mit zahlreicher Konkurrenz messen. Welcher Kanal verspricht aus deiner Sicht für Gin-Unternehmen die meisten Verkaufschancen?

HH: Über welchen Kanal ein Gin vertrieben wird, spielt wahrscheinlich keine so große Rolle. Ein gut produziertes Produkt mit stimmigem Marketing und ehrlicher Kommunikation lässt sich bestimmt über die verschiedensten Kanäle gut vertreiben.

Kommt darauf an, welche Erwartungen man an sein Produkt stellt und wo es hingehen soll. Für mich waren in letzter Zeit regionale Craft-Messen sehr erfolgreich. Auf reinen Spirituosenmessen ist das Angebot der Konkurrenz meist zu groß, um wahrgenommen zu werden. Oder aber das Fachpublikum ist dort vom Gin-Hype gesättigt.

Für mich waren in letzter Zeit regionale Craft-Messen sehr erfolgreich.

EFS: Wenn du 3 Dinge an der aktuellen Gin-Industrie ändern könntest, was wären dies?

HH: Dazu fällt mir nichts Konkretes ein.

EFS: Was würdest du rückblickend beim Start deines eigenen Gins anders machen?

HH: Ich würde wahrscheinlich erst gar nicht damit anfangen. Hätte ich gewusst wie viel Arbeit in so einer Produktentwicklung steckt und wie schwierig und langwierig der Vertrieb und Marketing ist, würde ich sagen, dass es überhaupt keinen Sinn macht, zurzeit einen Gin auf den Markt zu bringen.

EFS: Vielen Dank, Heiko, für das Interview.


Bildquelle:

Bild 1: Heiko Hoos/Credit Electric Eel

Bild 2: Hoos Gin/Credit Sebastian Heck

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Dann erhalte alle zukünftigen Artikel von Eye for Spirits. Kostenfrei. Bequem in dein Postfach.
Noch keine Kommentare.

Schreibe einen Kommentar