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4 erprobte Strategien, wie du neue Cocktails kreierst

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Ich kann mich nicht erinnern, wie viele Drinks ich bereits versuchte zu entwickeln. Rund 80 Prozent davon landeten im Ausguss. Schmeckten nicht, waren unbrauchbar. Bastel ich heute an einem Cocktail, bediene ich mich einer dieser 4 Strategien. Und die Dinger haben plötzlich Balance.


Das Wichtigste an einem Cocktail: Balance

In dem Moment, in dem du Balance in einem Drink erkennst, hast du einen Quantensprung gemacht. Neue Cocktail-Rezepturen entwirfst du ab diesem Zeitpunkt deutlich souveräner.

Als mir diesen Tipp jemand gab, war meine erste Frage: „Und wie erkenne ich Balance?“ Ich hatte keinen Plan davon, was dieses Balance der Zutaten, diese Balance der Aromen ist. Geschweige denn, wie ich sie finden sollte. Fakt ist, dass du Balance nicht „findest“, du bekommst ein Gespür dafür.

Wirf einen Blick auf einen Dry Martini. Die Kunst in diesem 3-Teiler besteht darin, Gin, Bitters und Vermouth in ein Verhältnis zueinander zu bringen, das passt. Das so gut passt, dass der Drink für den Gast zum Erlebnis wird.

Um dir bei einer Hand voll Klassikern unter die Arme zu greifen, haben wir hier Infografiken und Hintergrundmaterial für dich zusammengetragen:

Bevor du nun jedoch beginnst, zahlreiche Zutaten in den Shaker zu schmeißen, bedenke folgendes: „Einfachheit“ ist meist das oberste Credo eines guten Drinks. Schau dir die Klassiker da draußen an.

Ein Dry Martini als Inbegriff der Eleganz, ein Daiquiri als Erfrischung und ein Negroni als der perfekte Aperitif. Jeder dieser Cocktails ist eine Säule der Cocktail- und Barkultur, und jeder dieser Cocktails besteht gerade einmal aus 3 Zutaten.

Die erste Lektion hin zu einem neuen Drink trägt also den Titel „Mäßigung und Bescheidenheit“. Eine Rezeptur, wird nicht dadurch besser, dass du noch eine und noch eine Zutat hinzugibst. Ist der Cocktail mit 3 Zutaten Mist, ist er es auch mit 5.

Nach dem du die Richtung des Drinks – Aperitif, After-Dinner etc –  festgelegt hast, sortierst du dessen Bestandteile. Frage dich, was am besten mit der Hauptzutat – meistens die Spirituose – funktioniert. Wähle auf dessen Basis die weiteren Elemente aus. Beantworte dir dabei immer wieder die Frage, warum diese Zutat mit der Hauptzutat harmoniert?

Entwickelst du einen neuen Cocktail, läufst du Gefahr viel Alkohol zu verschwenden. Es ist daher auch in deinem finanziellen Interesse, dir vorher mit Papier und Stift einen Plan der Rezeptur zu machen. Das spart Geld und Nerven.

Vor allem dann, wenn deine Kreation doch einmal „Mäßigung und Bescheidenheit“ über Bord wirft und du an einem Drink mit mehr als 4 oder 5 Zutaten bastelst.

STRATEGIE #1: DER LEGO-BAUKASTEN

In der Grundschule liebte ich Lego-Bausteine. Dieser bunte Haufen in der Zimmermitte, aus dem in wenigen Stunden die buntesten Gebilde wurden. Besonders mein Piratenschiff war ein Highlight. Ich baute es auseinander und nach Anleitung wieder auf.

Da mir von Haus aus aber zu kleine Kanonen an Deck standen, baute ich es jedes mal zu einem Schlachtschiff aus. Ich ersetzte die kleinen durch große. Ob es schwimmen konnte war mir egal, aber es sah cool aus.

Mit einem ähnlichen Ansatz mache ich mich heute an neue Cocktail-Kreationen. Ich nehme mir den „Bauplan“ eines Klassikers. Bei diesem weiß ich, dass die Zutaten im richtigen Verhältnis zueinander stehen; sie harmonieren bereits.

Was ich dann mache, ist simpel: Ich entnehme eine Zutat aus der Originalrezeptur und ersetze diese durch eine neue. Harmoniert das Ergebnis nicht, mache ich es kurzerhand rückgängig und probiere ein neue Variante.

Unter anderem auf diese Weise entstehen Twists, Neuinterpretationen von Klassikern. Ich bin aber nicht der erste, der auf diese Idee kam. Bei weitem nicht. Durch den Austausch einzelner Zutaten entstanden in der Cocktail-Geschichte aus Klassikern ebenfalls wieder Klassiker.

So entstand der Hemingway Special aus dem Daiquiri oder der Boulevardier Cocktail aus dem Negroni.

Der einfachste Weg, um dich mit der Lego-Baukasten-Methode vertraut zu machen, ist ein Spirituosen-Tausch. Nimm dir die Rezeptur eines Klassikers und tausche den Basis-Alkohol aus.

Nimm einen Sazerac und tausche Cognac oder Whiskey durch Rum, Mezcal oder Obstbrand. Auch ein Negroni eignet sich: Tausche beispielsweise den Gin durch einen Apfel- oder Birnenbrand.

Behalte im Hinterkopf, dass du die Spirituose nicht 1 zu 1 ersetzen musst. Nur weil der Klassiker mit 5 Zentiliter funktioniert, muss dies dein Twist nicht auch tun. Bemesse den Alkohol so, dass er mit den anderen Ingredienzen harmoniert.

Bist du fit im Tauschen von Spirituosen, dann probiere dich an Fillers, Bitters etc. Oder tausche einmal den Zuckersirup durch Honig.

STRATEGIE #2: DAS i-TÜPFELCHEN

Eine andere Möglichkeit einen neuen Drink zu kreieren, ist ein i-Tüpfelchen zu setzen. Nimm dir die Rezeptur eines einfachen Standard-Cocktails und ergänze diese um eine weitere Zutat. Füge ihm dadurch eine weitere Schicht und mehr Komplexität hinzu.

Eine Möglichkeit, mit der du einem Drink deine Handschrift verleihst, ist per Infusionen. Ergänze eine der Zutaten – Spirituose, Filler, Sirup etc. –  durch weitere Aromen.

Mit dieser simplen aber effektiven Methode kreierte der New Yorker Bartender Phil Ward 2008 den Chamomile Julep. Ein Twist des Juleps, bei dem er den Rye Whiskey durch einen Kamilleetee-Beutel aufpeppte.

Ähnlich kannst du auch vorgehen, wenn du die Süßungsquelle durch eine aromatisierte Variante ersetzt. Vor einigen Monaten haben wir hierfür einige Praxis-Beispiele für dich zusammengetragen: Sirup-Sessions Teil 1: Eigenen Kräuter-Sirup herstellen und Sirup-Sessions Teil 1: Was du über Zucker an der Bar wissen solltest.

STRATEGIE #3: GETEILTE BASIS

Ich hatte lange Zeit Hemmung gegenüber Cocktails, die auf mehr als einer Spirituose basieren. Wenige Drinks funktionieren auf diese Weise, was ein Blick in die Annalen der Cocktail-Geschichte belegt. Kaum ein Klassiker verlangt nach 2 Spirituosen in gleichem Maße. Der Between the Sheets mit Cognac und Rums als Basis oder die Tiki-Kategorie sind da noch die bekanntesten Ausnahmen.

Die Crux an dieser Kombination ist ihre Undankbarkeit. Zu viele Basis-Spirituosen machen recht schnell aus einem Cocktail keinen Drink mit Balance, sondern eine alkoholhaltige Suppe. Etwas in der Art eines Long Island Iced Tea.

Diese Strategie verlangt daher mehr Aufmerksamkeit. Es ist mehr als das schlichte Aufteilen einer Spirituose in 2 verschiedene. Selbst wenn 2 Destillate zusammen gut schmecken, kann es durchaus sein, dass sie zickig werden, sobald andere Zutaten hinzukommen.

Gelegentlich brauchst du von der einen Spirituose mehr, von der anderen weniger. Und auch auf die Marken solltest du achten. Während der Cocktail mit Marke A funktioniert, kann er mit Marke B bereits ein totaler Reinfall sein. Auch wenn es sich bei beiden Produkten um einen 12-jährigen Rum handelt. 

Bist du schließlich fit im Aufteilen der Spirituosen, probiere es mit Fillers, Bitters etc.

STRATEGIE #4: CONCEPT

Die vierte und schwierigste Variante einen neuen Cocktail zu kreieren, ist die Concept-Strategie. Hier steht dir kein Bauplan zur Verfügung, keine Anleitung, an der du dich entlang arbeitest. Ideen für solche Drinks bekommst du von überall: einem Song, einem Film, einer Speise.

Die Rezeptur eines solchen Concept-Cocktails folgt deiner Intuition. Damit das Resultat im Glas schließlich Balance besitzt, ist Erfahrung und Geduld essentiell. Hast du vom einen weniger, brauchst du vom anderen mehr.

So kannst du versuchen, den Duft einer frischen Apfel-Tarte im Cocktail aufzufangen. Oder aber du schnappst dir eine Basis-Spirituose wie japanischen Whiskey und versuchst ihn mit Zutaten zu kombinieren, die dir beim Thema „Japan“ in den Sinn kommen.

Egal auf welche Weise du an die Kreation eines neuen Cocktails herangehst: Verwende ausschließlich hochwertige und frische Zutaten, habe Geduld mit den Mengen. Und das Wichtigste: Freue dich auf den Drink.


 

Philip ist Gründer und Autor von EYE FOR SPIRITS – ONLINE MAGAZIN FÜR TRINKGENUSS und Autor des Whisky-Buchs. Folge ihm auf Facebook oder erfahre mehr über ihn und EYE FOR SPIRITS.
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