Wieviel Zentiliter reichen aus um sich einen passenden Eindruck von einer Spirituose zu machen? Ich hätte den Titel natürlich auch gleich so präzise wählen können, hatte mich letztendlich aber für die vielsagende Variante „Wieviel cl reichen aus?“ entschieden. Meine Absicht dahinter war es allerdings die Zweideutigkeit dieses Satzes hervorzuheben, auf die ich am Ende des Artikels noch genauer eingehen werde.

Möchte man eine für sich gänzlich neue Abfüllung probieren so bieten Bars meist 2 – 4 cl eine Spirituose an oder man ordert Samples in Mengen von 5 bis 10 Zentilitern. Beiden Varianten ist allerdings gemein, dass es meist ein kurzes Erlebnis bleibt. Kann man nun sagen, dass man die Spirituose kennt?

Natürlich hat man einen ersten Eindruck gewonnen, dieser war jedoch abhängig von verschiedenen Faktoren. Um einen möglichst objektiven und ausreichenden Eindruck einer Spirituose zu erhalten, haben sich bei mir in der Vergangenheit mehrere Aspekte als durchaus sinnvoll und hilfreich erwiesen.

Quanität vs. Qualität

Ein Glas mit 2 cl Inhalt ist nicht viel und auch der große Bruder mit 4 cl bleibt nicht lange im Glas. Allerdings sollte man sich dafür hüten solange nachzuschenken bis man meint einen ausreichenden Eindruck über die Spirituose zu haben. Auch wenn man eine hohe Alkoholtoleranz hat, d.h. umgangsprachlich viel verträgt, nimmt die Fähigkeit feine Geschmacksnuancen wahrzunehmen prozentual mit jedem Glas Spirituose ab.

Grund ist die Eigenschaft des Ethylalkohols bzw. Ethanols als Nervengift. Zum einen „lähmt“ es die Geschmacksrezeptoren zum anderen lagert es sich bereits im Mund in Zellmembranen ein, wodurch es zu geringerer Stoffwechselleistung kommt. Wer also behauptet nach dem fünften Glas Rum oder Whisky noch ohne Probleme sehr viele Nuancen zu schmecken, der ist entweder ein Wunder der Natur oder er lügt. Besser wäre hingegen ein bis zwei Gläser zu verkosten und den weiteren Genuss auf eine andere Tageszeit zu verlegen.

Die Zeit

Die Zeit ist in Bezug auf die Verkostung von Spirituosen enorm wichtig. So ist vor allem die Tages- und Jahreszeit, aber auch die Zeit, die man sich zum Verkosten nimmt, entscheidend für das Mis- oder Gefallen einer Spirituose. Hört man sich in diversen Foren um, so steigen viele Whiskyliebhaber im Sommer oftmals auf Rum oder leichtere Whiskies um. Warum?

Durch die unterschiedlichen Einflüsse von Sommer (Sonne, hohe Temperaturen, positive Stimmung, Urlaub) und Winter (Kälte, trist) stellt man unterschiedliche Ansprüche an die Spirituosen, d.h. im Winter schmecken einem geschmacklich „schwere“ Destillate oftmals besser, da von ihnen eine Wärme und Fülle ausgeht, die man im Winter möchte im Sommer aber nicht.

Genau dieses Prinzip lässt sich auch von der Jahres- auf die Tageszeit übertragen. Normalerweise trinkt man frühs bzw. vormittags keine hochprozentigen Alkoholika, aber bereits der Lichtunterschied zwischen Nachmittag und Spätabend hat Einfluss auf die Frage: „Was will ich trinken?“ Um eine Spirituose daher möglichst gut beurteilen zu können, sollte man diese zu verschiedenen Zeitpunkten verkosten.

Tagesform

Stark abhängig von der Tageszeit ist auch die Tagesform. Die Gefühle „schlapp und demotiviert“ oder „heiter und fröhlich“ spielen dabei eine ebenso große Rolle wie der geschmackliche Einfluss von Mahlzeiten. Trinkt man ein Glas als Aperitif, also kurz vor dem Essen, verursacht dies u.a. aufgrund unterschiedlicher Speichelproduktion und Hungerfühls andere geschmackliche Eindrücke als der Genuss derselben Spirituose als Digestif, d.h. direkt nach dem Essen. Auch hier gilt wieder: Die Verkostung bei so viel verschiedenen Einflüssen wie möglich ausprobieren und sich somit einen Gesamteindruck verschaffen.

Fazit

Natürlich ist es umständlich die o.g. Punkte für jedes Destillat durchzuführen, allein schon deswegen, da man sich für die diversen Tastings mindestens zehn Zentiliter des Destillats besorgen muss. Ziel dieses Artikels war es jedoch einen Leitfaden niederzuschreiben, der dem ein oder anderen Leser dabei helfen soll nach dem Probieren eines Samples nicht vom Flaschenkauf enttäuscht zu sein.

Abschließend möchte ich noch, wie zu Beginn angedeutet nochmals auf den Titel „Wieviel cl reichen aus?“ zurückkommen. Oftmals wenn diese Frage auftaucht, verbindet man damit hauptsächlich das geschmackliche Urteil, selten jedoch die andere Variante, die man mit dieser Frage stellen könnte.

Wieviel cl reichen aus um optimal über eine Spirituose urteilen zu können?

Wieviel cl reichen aus um von Spirituosen gar nicht mehr loszukommen?

Bis dato hatte ich auf Eye for Spirits noch nicht über das Thema „Abhängigkeit“ geschrieben und hatte es auch mit diesem Artikel noch nicht vor. Finde es allerdings wichtig, vor allem in Bezug auf Trinkhinweise und den damit verbundenen Mengen auf diesen Punkt hinzuweisen. Solange jedoch der Genuss im Vordergrund steht und man die Besonderheit, die in jenen Flaschen steckt zu schätzen weiss, werden Verkostungen nichts hervorbringen außer Freude.

Was meinen Sie? Reichen ihnen wenige Zentiliter um sich ein ausreichendes Bild zu machen?