Derzeit wird wohl kaum etwas so kontrovers diskutiert, wie der Hype um Aperol, einen alten Aperitifbitter, der sich seit einigen Jahren einer fast unerklärlichen Beliebtheit erfreut.

Wenn man jetzt bei sommerlichen Temperaturen in Europas Innenstädten unterwegs ist, gibt es wohl kaum einen Gastgarten aus dem nicht an einem Gutteil der Tische zumindest ein Stilglas mit auffallendem rötlich-orangenem Inhalt den Betrachter entgegenleuchtet.

Der Aperol Spritz ist buchstäblich in aller Munde.

Und dies meist in der Rezeptur, die der Hersteller Gruppo Campari empfiehlt:

  • 6 cl Weißwein oder Prosecco
  • 4 cl Aperol
  • Spritzer Soda
  • Eis

Zur Zubereitung des Spritz alle Zutaten in ein Weißweinglas geben und rund 5 Sekunden verrühren. Mit Orangenzeste dekorieren und mit Strohhalm servieren.

 

Aperol gilt vor allem in der Variante Aperol Spritz als momentaner Sommer-Hype

Aperol wird meist in der Variante „Aperol Spritz“ getrunken

 

In der Barszene des deutschsprachigen Raums wird eifrig diskutiert, ob diese Konstellation mit Aperol einer Cocktailbar würdig sei, oder ob es sich um eine Modeerscheinung handelt.

Wahrscheinlich wird der Aperol Spritz auch je nach Publikum gefördert, ignoriert, gemieden oder verteufelt. Wobei jeder für sich herausfinden muss, welcher Fraktion er sich zugehörig fühlt.

Und selbst wenn man dieser Mischung so gar nichts abgewinnen kann, schmälert sie trotzdem nicht die Daseinsberechtigung für eine alte Bitterlikörmarke.

Und diesen Drink einerseits für die Gewinnoptimierung heranzuziehen, aber gleichzeitig sich über mangelndes Niveau der Kundschaft zu echauffieren, halte ich für etwas zu kurz gegriffen.

Bei all diesen Diskussionen interessiert mich zunächst einmal der Hintergrund des Getränks. Aperol ist eine lange existierende Marke.

Das Rezept von Aperol geht auf das Jahr 1919 zurück, als die Brüder Luigi und Silvio Barbieri ihre Kreation auf einer Messe in Padua vorstellten.

Das Geheimrezept von Aperol wurde seither nicht verändert und so wird auch heute noch dieser Bitterlikör mit einer Vielzahl von Kräutern, Bitterorange, Rhabarber, Chinarinde und Enzian hergestellt. Inzwischen gehört die Marke Aperol der Campari-Gruppe an.

Der Alkoholgehalt liegt je nach Abfüllung bei 11 oder 15 %Vol. Dazu ist zu erwähnen, dass die 15 %Vol.-Aperol-Abfüllung eigens für den deutschen Markt konzipiert worden ist. In Italien war immer der 11 %Vol.-Aperol erhältlich.

 

Aperol – Der Aperitivo

 

Die Tradition nach der Arbeit und vor dem Abendessen noch ein kleines Getränk, meist in einer Bar und gemütlicher Runde, zu sich zu nehmen, ist keine italienische Erfindung. Als Feierabendbier ist diese Tradition auch im deutschen Sprachraum weit verbreitet.

Etwas weiter südlich, wo die Bierkultur eher überschaubar ausfällt, entwickelte sich eine Kultur, die eher auf Wein und Bitterlikören basiert. Dabei werden leichte Weißweine, wie etwa ein Soave in Venetien, oder ein Frascati aus Latinum bevorzugt.

Im Vergleich mit einem Bier, das durch den Hopfen appetitanregend wirkt und einen leichten Bitterton aufweist, sind solche Weine, zumindest was den Bitterton betrifft, im Nachteil.

Hier kommen Aperitif-Bitters, wie Campari und Aperol ins Spiel.

Mit ihren Kräuterauszügen verschaffen sie Pre-Dinner-Drinks eine feine, herbe Note und regen dadurch den Appetit an.

 

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Mitte des 19. Jahrhunderts (Campari 1862) kamen die ersten Bitterliköre, wie wir sie heute kennen auf den Markt und fanden bald weltweite Verbreitung. Als Longdrink mit Orangesaft, Soda oder Tonic oder in einem Aperitif-Cocktail, z.B. als Sour, bereichern sie seither das Getränkeangebot von Bars und Restaurants.

Noch in der ersten Nachkriegsgeneration war der Campari-Orange von einem vornehmen Dinner nicht wegzudenken. Die Konsumgewohnheiten haben sich in den 1980er Jahren durchaus verschoben.

Der Prosecco-Hype verdrängte Bitterliköre weitgehend aus dem Gedächtnis der Kunden. Dass heute noch viele Kunden glauben, der Name Prosecco sei das italienische Synonym für das Wort Sekt, lasse ich jetzt mal dahingestellt.

So ging auch der Bekanntheitsgrad von Bitterlikören, wie Aperol im deutschen Sprachraum zurück.

 

Aperol und zielgruppenorientiertes Marketing

 

2004 kam die Marke Aperol ins deutsche Portfolio von Campari, nachdem die „Barbero 1891 S.p.A.“ Ende 2003 übernommen worden war. In Italien, wo der Aperitivo schon lange zelebiert wird, lief die Marke gut, im Deutschland und Österreich führte sie eher ein Schattendasein.

Grund genug also, um eine breit angelegte Werbekampagne für Aperol zu starten.

2007 lief die erste größere Kampagne an, wobei als Zielgruppe ganz klar der urbane, junge Mensch (m/w) zwischen 20 und 35 Jahren angesprochen werden sollte.

Die potentiellen Aperol-Trinker haben ein mittleres bis gutes Einkommen und eine gute Ausbildung und sind im sozialen Leben einer Stadt verhaftet. Demzufolge wurden die Werbemaßnahmen mit Auftritten in Beach-Clubs, Szenelokalen und Trendsportveranstaltungen gesetzt.

Immer im Mittelpunkt ein Gefühl der entspannten Atmosphäre und des sozialen Austausches. Nach ersten Erfolgen wurden dieser Werbestrategie noch Einschaltungen im Fernsehen, Facebook-Aktivitäten und einiges mehr hinzugefügt.

Mit Erfolg: Im Jahr 2008 legten die Verkaufszahlen von Aperol um 71% zu.

Der Slogan „Verrückt nach Leben“ trifft die junge Generation offenbar voll ins Mark.

 

Aperol Spritz

 

Aperol Spritz im klassischen Stielglas

Aperol Spritz im klassischen Stielglas

 

Der Spritz als Aperitivo ist nicht unbedingt eine neue Erfindung der Firma Campari, um ihren Aperol zu promoten.

Vielmehr ist es in Norditalien, besonders im Veneto eine schon lange weit verbreitete Form eines leichten Aperitifs.

Ob dieser immer schon mit Aperol zubereitet wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen.

Tatsache bleibt aber, dass Varianten mit Bitterlikören und Wein bzw. Prosecco, der praktischerweise ebenfalls aus dem Veneto stammt, als Veneto Spritz oder Spritz Veneziano ein Teil der norditalienischen Aperitivo-Kultur sind.

Man findet die Rezepte mit Campari, Aperol, aber auch Cynar – mit Weißwein und Prosecco, Weißwein oder Prosecco – mit Soda, oder Mineralwasser. Wohl aus werbetechnischen Gründen hat Campari dem Wort Spritz eine andere Schreibweise verpasst und das „tz“ durch „zz“ ersetzt.

Damit ist die Schreibweise Aperol Sprizz durchaus zulässig.

Abschließend lässt sich feststellen, dass es viele Pros, aber auch genauso viele Kontras in Bezug auf Aperol und vor allem den Aperol Spritz gibt.

Die Entscheidung, ob man diesen Aperitif in seinem Lokal anbietet, muss jeder Barkeeper/Gastronom selber treffen. In einem Club oder einer Szene-Bar darauf zu verzichten, wäre wahrscheinlich als geschäftsschädigend zu werten.

Das hat nicht unbedingt damit zu tun jedem Trend blindlinks hinterher zu laufen, vielmehr muss man in dem Fall die Vorteile, wie zum Beispiel die Tatsache, dass er leicht und schnell zuzubereiten ist, in Betracht ziehen.

Dass eine klassische Cocktailbar oder American Bar dieser Mode anheimfallen muss, wage ich andererseits ebenso zu bezweifeln. Aber wenn man einen Aperol am Backboard stehen hat, darf man sich nicht wundern, dass der Spritz bestellt wird, egal, ob er auf der Karte steht, oder nicht.

Gehyped ist Aperol derzeit zweifelsohne. Aber waren das nicht Tiki-Cocktails, der Cosmopolitan oder der Vodka-Martini zu ihrer Zeit nicht auch?