Eine Scotch-Destillerie, die mehr als 21 Rezessionen mitmachte, kennt die Tücken eines Hypes. Auch die des aktuellen. So brennt Glenfarclas auf konstantem Niveau. Quantitativ und qualitativ. Und letzteres ist hoch.


DIE AROMEN VON GLENFARCLAS

Glenfarclas macht sich rar. Sie stürzt sich nicht wie ein Marktschreier auf Messen, startet kaum Werbekampagnen. Seit ich vor einigen Jahren Eye for Spirits gründete, hielt sich die Destillerie samt Importeur mit Ankündigungen und Neuerscheinungen im Hintergrund.

George Grant kommentiert dies: „[…] Uns kennt man.“ Eine Einstellung, die Glenfarclas nicht viel Wachstum beschert, die es aber bei Fans beliebt macht. Die Brennerei symbolisiert Kontinuität.

Dies zeigt auch die Tatsache, dass sie nach wie vor ihren Whisky fast ausschließlich in Ex-Sherry-Fässern reifen lassen. In Zeiten in denen dieser Fasstyp fast schon zur Seltenheit geworden ist, eine Leistung. Ex-Sherry-Fässer liegen mittlerweile häufig mehr als 500 Prozent über dem Preis von Ex-Bourbon-Fässern.

Der Trend, bei dem Sherry-Fässer zur Besonderheit eines Single Malts stilisiert werden, scheint Glenfarclas jedoch kaum zu tangieren. Es scheint sie nicht zu interessieren. Bei ihnen ist es Standard, nicht schmuckes Beiwerk.

Dies erreicht die Speyside-Destillerie aus 2 Gründen:

  • Knapp 800.000 Flaschen Whisky verkauft die Brennerei jedes Jahr. Mit dem Anteil für die Blended Scotch-Industrie kommt sie auf einen Ausstoß von 2,1 Millionen Litern Alkohol. Weit unter dem Kapazitätsmaximum von 3,5 Millionen.
  • Ihre Sherry-Fässer bezieht sie nur aus einer Bodega: José y Miguel Martin. Und dies seit 25 Jahren. Diese Geschäftsbeziehung von einem Vierteljahrhundert sichert ihnen Nachschub.

Solltest du einmal die Gelegenheit dazu bekommen, dann verkoste einen Glenfarclas gegenüber einen anderen Speyside-Whisky aus dem Sherryfass. Anders als der Großteil der dortigen Konkurrenz wirkt Glenfarclas schwer, wirkt als drücke er deine Zunge nach unten.

Eine Eigenschaft, die man eigentlich bei Destillerien mit kleinen, gedrungenen Brennblasen wie Macallan erwarten würde. Nicht aber bei Glenfarclas. Sie besitzen die größten Destillen der Speyside. 


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Dass wir hier dennoch keinen leichten, grazilen New Make wie bei Glenmorangie oder Glenlivet bekommen, hat einen anderen Grund: die Befeuerung.

1981 experimentierte Glenfarclas mit Dampf als Wärmequelle. Leitungsrohre in Spiralform sollten die Brennblasen erwärmen. Dieser Versuch dauerte genau 3 Wochen, dann wechselte die Destillerie wieder auf offenes Feuer.

Glenfarclas beheizt all ihre 6 Brennblasen, 3 Wash Stills und 3 Spirit Stills, auf diese Weise. Die Wash Stills enthalten allerdings noch so genannte rummager. Kupferketten, die am Boden der Destille rotieren und dadurch ein Verkleben der Maische an der Destille verhindern.

Ein weiterer Punkt, der den Charakter jener Whiskys prägt, ist das Mikroklima der Lagerhäuser. 34 dieser Gebäude mit dicken Wänden und Schieferdach stehen auf dem Gelände der Brennerei am Fusse des Ben Rinnes.

Dort liegt die Verdunstungsrate aus dem Fass, der Angels‘ share, bei lediglich 0,05 Prozent. Industriedurchschnitt wäre 2 Prozent. Die Fässer von Glenfarclas verlieren pro Jahr somit vierzigmal weniger Flüssigkeit als das Gros der Konkurrenz. 

GLENFARCLAS WHISKY VERKOSTEN

  • Glas: Nosing Glas; Stiel-Glas mit bauchigem Unterteil und schmal zulaufender Öffnung.
  • Serviertemperatur: ~ 20 – 22 °C; Bereits der New Make von Glenfarclas liegt schwer und kraftvoll im Mund. Eine Eigenschaft, die er auch nach Jahren der Fasslagerung nicht ablegt, nur verfeinert. Hinzukommt ein Potpourri an Frucht- und Weinaromen, die gleichzeitig auf dem Glas drücken. Eine Tatsache, die du bei Glenfarclas Whiskys jeden Alters findest. Um die größtmögliche Bandbreite dieser Aromen wahrzunehmen, solltest du jene Malts zwischen 20 bis 22 Grad genießen. 
  • Im Glas 2 – 3 Minuten atmen lassen: ja

FOODPAIRING MIT SINGLE MALTS VON GLENFARCLAS

Glenfarclas Single Malts zeichnen sich durch 2 Eigenschaften aus: Komplexität und Körper. Neben seinem schweren Mundgefühl sind es aber vor allem die fruchtigen und erdigen Aromen, die du bei der Kombination mit Speisen beachten solltest.

So passen jene Malts wie die Faust aufs Auge, wenn du ihn als Begleitung zu deftigen Rind-Gerichten servierst. Sowohl der 10-jährige als auch der Glenfarclas 15 Jahre sind hier die passende Wahl.

Je älter der Tropfen wird, desto mehr stechen Kaffee, Tabak und dunkle Früchte durch. Deutlich erkennst du dies beim Glenfarclas 30 Jahre. Daher eignen sich jene Whisky mit einem Alter jenseits der 20 vor allem als Digestif. In Kombination mit Espresso oder Trockenfrüchten trumpft deren Bouquet erst richtig auf.

Vorschläge

Gemüse/Käse/Gebäck

Walnuss, Mandel, Tomate, Gruyère, Emmentaler, Ciabatta, Toast

Kräuter/Gewürze

Schwarzer Tee, Sesam

Fleisch/Fisch

Meeräsche, Seebrasse, Auster, Schweine- und Rinderlende

Früchte

Himbeeren, Apfel, Aprikose, Honigmelone

  • Besitz & Produktion

 

Seit 1870 befindet sich Glenfarclas in Familienbesitz. Seit jener Zeit leitet J. & G. Grant Ltd die Geschicke der Destillerie, über Jahrzehnte mit lediglich 2 Brennblasen. Erst 1960, knapp 100 Jahre später, stockte das Unternehmen auf 4 auf. 1976 kamen 2 weitere hinzu.

Seit jeher flattern Übernahme-Angebote in den Destillerie-Postkasten. Das Interesse der Konkurrenz Glenfarclas aufzukaufen ist groß, gilt die Brennerei immerhin als Juwel für Blender. Jährlich wandert ein beträchtlicher Teil an Glenfarclas Whiskys in die Blended Whisky-Produktion. Ein beträchtlicher Teil von bis zu 3,5 Millionen Litern Alkohol in 12 Monaten.