Keiner möchte es, jeder versucht es zu vermeiden. Schwefelaromen sind der Graus vieler Whisky-Fans als auch der von Scotch-Destillerien. Es gibt solche, und es gibt Mortlach. Eine Speyside-Brennerei als Punk, eine die aus Schwefelaromen eine Kunstform machte.


DIE AROMEN VON MORTLACH

Mortlach Aromen

Wenn du die Aufgabe bekämst, eine Aromenkarte für Single Malt Scotch Whiskys zu erstellen, wie würdest du vorgehen?

Mein erster Anhaltspunkt wäre meine persönliche Erfahrung mit der von anderen Whisky-Fans zu vergleichen. Internetrecherche wäre ein Start. Das Problem, das hierbei aber auf dich zukommt, ist die Einfachheit mit der Whisky-Regionen konkreten Aromen zugeordnet werden. 

Islay Whiskys sind schwer, Lowland Malts leicht und Speyside Tropfen mild und duftend. Beim Gros der dortigen Whiskys mag dies zutreffen, definitiv aber nicht auf alle. Dafür sorgen Marktentwicklungen, die zu strammen Malts aus dem Süden führen und intensiv rauchige aus der Speyside.

Der moderne Whisky-Markt weicht die Grenzen zwischen den einzelnen Regionen mehr und mehr auf.

Eine Destillerie, die aber bereits in der Vergangenheit jenen Aromengrenzen den Mittelfinger zeigte, war Mortlach. Diese Marke ist Punk, ist ein Revoluzzer. Denn während die Scotch-Industrie penibel darauf achtet, den Single Malt, der beim Kunden landet, von Schwefelaromen zu säubern, ist genau dies der Trumpf von Mortlach.

Die Brennerei macht das unerwünschte Aroma zu ihrem Markenzeichen.


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Je mehr Whiskys du trinkst, desto häufiger kommst du mit Schwefelaromen in Kontakt. Du erkennst ihn an modrigem Geruch oder einem nach Fleisch. Meist findest du allerdings Hinweise auf Schwefelverbindungen, wenn dein Whisky Noten von Gummi oder verbranntem Kunststoff zeigt.

Dies ist nicht zwangsläufig schlecht. Im Gegenteil. Kommen jene Aromen in Nuancen vor, können sie zur Komplexität des Bouquets beitragen. Nur zu viele sollten es eben nicht werden. 

Dafür sorgen die Destillation in Kupferbrennblasen und eine mehrjährige Fassreifung.

Theoretisch. Denn auch Mortlach verwendet Pot Stills aus jenem Metall. Trotzdem zeigt der New Make, der aus deren Brennblasen tropft, Schwefelnoten. Aromen, die an Feuerwerkskörper und Fleisch erinnern.

Und dies liegt in erster Linie daran, dass Mortlach bei der Destillation sein eigenes Süppchen kocht. Die Brennerei pfeift auf Uniformität und Industriestandard.

Mortlach Destillation

Stelle es dir folgendermaßen vor: Mortlach besitzt 6 Brennblasen: 3 Wash Stills, 3 Spirits Stills.

Paar #3 läuft gemäß dem Industriestandard. Das heißt, der Rohbrand aus der ersten Destillation kommt zur erneuten Destillation in Brennblase 2. Hier unterscheidet sich Mortlach nicht vom Gros der anderen Scotch Malt-Destillerien.

Nur bei Paar 1 und 2 läuft die Destillerie gegen den Strom. So kommen 80 Prozent des Rohbrands der beiden Wash Stills in Spirit Still #2. Die jeweils restlichen 20 Prozent kommen in eine kleine Brennblase mit dem Namen „Wee Witchie“ (zu deutsch: „kleine Hexe“). In dieser lässt die Brennerei nochmal 2 Destillationen durch. 

Du kannst also am Ende sagen, du trinkst gerade einen Whisky, der 2,8-mal destilliert wurde.

Diese Besonderheit bei der Destillation, der Kupferkontakt und die Fermentation sorgen dafür, dass ein Glas Mortlach mehr Schwefel-Noten zeigt, als viele jener Malts, die du bisher getrunken hast.

Du brauchst allerdings keine Bedenken haben, dass du bei einer Flasche Mortlach 80 Euro für Fleischbrühe hinlegst. Auch wenn jene Aromen ein Markenzeichen der Brennerei sind, sind sie dennoch nur ein Teil eines komplexen Aromenprofils.

Kommen jene Malts beispielsweise in Fässer aus europäischer Eiche, erwartet dich ein Aromenspektakel. Der schwere, ölige Charakter jener Malts saugt die Aromen jenes Holzes förmlich auf.

MORTLACH WHISKY VERKOSTEN

  • Glas: Nosing Glas; Stiel-Glas mit bauchigem Unterteil und schmal zulaufender Öffnung.
  • Serviertemperatur: Nicht zu warm. Bloß nicht zu warm. Je höher die Trinktemperatur jener Whiskys ist, desto deutlicher merkst du den öligen Charakter. Bis zu einem gewissen Grad, mag dies angenehm sein, stört allerdings ab einem gewissen Maß sowohl das Mundgefühl als auch die Aromatik. Eine passende Temperatur für jene Malts liegt meiner Meinung nach bei 19 bis 20 °C.
  • Im Glas 2 – 3 Minuten atmen lassen: ja

FOODPAIRING MIT SINGLE MALTS VON MORTLACH

Bist du ein Fan von deftigen, fleischlastigen Gerichten, wie sie dich zur Weihnachtszeit erwarten? Am besten noch mit Lebkuchengewürzen? In dem Moment, in dem eine solche Speise vor dir steht, solltest du dir einen Mortlach Single Malt schnappen.

Wenige Malts verbinden deftige Aromen mit würzigen Noten wie jene aus dieser Speyside Destillerie. 

Vorschläge

Gemüse/Käse/Gebäck

Emmentaler, Toast, Lebkuchen, Dunkle Schokolade, Rote Beete

Kräuter/Gewürze

Kaffee Arabica, Schwarzer Tee, Honig, Zimt

Fleisch/Fisch

Rindfleisch, Schinken, Salami, Ente

Früchte

Cranberries, Blaubeeren, Erdbeeren, Rosinen

  • Besitz & Produktion

Mortlach hat Leichen im Keller. Zumindest Douglas Murray, Brennmeister und Blender bei DIAGEO, vermutet die Anfänge von Mortlach in einer Zeit als das Gros der schottischen Whiskys illegal gebrannt wurde.

Aber auch wenn die Brennerei bereits 1823 offiziell von James Findlater gegründet wurde, viele positive Attribute fallen mir nicht ein, wenn ich ihren Werdegang betrachte.

Bereits 8 Jahre nach ihrer Gründung verkaufte Findlater die Destillerie für 270 Pfund Sterling. Nach heutigem Wert: rund 25.000 Euro. Dies war allerdings erst der Startschuss für eine Geschichte, die kurios werden sollte. So wurden die Gebäude in den folgenden Jahren unter anderem als Brauerei als auch als Kirche genutzt. Das war im Jahr 1851.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man bei Mortlach schließlich das aufzubauen, wofür die Gebäude ursprünglich konzipiert wurden: die Produktion von Malt Whisky.

1897 erweiterte der damalige Destilleriebesitzer George Cowie Jr. die Anzahl der Brennblasen von 3 auf 6. Also jene Anzahl, mit der die Brennerei auch heute noch arbeitet. Dennoch gab es den großen Durchbruch nicht. Vor allem nicht im Single Malt-Bereich.

Erst als John Walker & Sons 1923 Destillerie und Anlage für die Produktion von Blended Whiskys übernahm, kam Schwung auf. Das Single Malt-Geschäft aber blieb ein kleiner Fisch für die Speyside-Destillerie. So brachten sie in den 1990ern gerade einmal 2 Single Malts – 1972 Vintage und 1978 Vintage – auf den Markt. 

Erst als DIAGEO in den 2010ern neue Bereiche für den florierenden Single Malt-Bereich suchte, wurde das Portfolio der Destillerie umgekrempelt. Allein 2014 erschienen 4 neue Produkte: Rare Old, Special Strength, 18 Jahre und 25 Jahre. Alle in Designer-Flaschen.

Nun ist Mortlach zwar ein Punk, durch seinen Imagewandel allerdings einer im goldenen Gewand.


Bildquelle: „Day 7: Whiskey Advent Calendar – Playing“ (CC BY-SA 2.0) by ChodHound