Es war Ende der 2000er. Wir waren im Urlaub, entspannt, losgelöst. Das Smartphone war im Flugmodus und das Notebook habe ich gleich ganz zu Hause gelassen. Ich hätte sonst eh jede halbe Stunde Mails gecheckt.

Stattdessen genossen wir jeden Tag und die Sonne war auf unserer Seite. Zu jeder sich bietenden Gelegenheit suchten wir kulinarische Neuheiten, egal ob flüssig oder fest.

Eine davon war ein Vintage Malt von Macallan, der uns als Abschluss eines tollen Essens gereicht wurde. Diesen Whisky zu trinken, war unbeschreiblich. So unbeschreiblich, dass ich mir einfach eine Flasche mit in die Heimat nehmen musste.

Einige Wochen später, wieder zurück im Alltag entkorkte ich eben jene Flasche. Es sollte eine kleine, kurze Flucht zurück in jenen Urlaub sein. Der Whisky meine Fahrkarte.

Ich schenkte den Whisky in ein Nosing-Glas und freute mich auf genau jene Eindrücke. Und nun ja….es war durchaus kein schlechter Whisky. Aber bei weitem nicht die Gaumenfreude, die ich einige Wochen zuvor im Urlaub probiert hatte.

Ich gehe davon aus, dass du dieses Phänomen kennst. Denn es beschränkt sich nicht auf Single Malts oder Whisky, nicht auf Cognac oder Cocktails. Es hört auch nicht hinter flüssigen Genussmitteln auf.

Der Grund? Unsere Sinneswahrnehmung, unser ganzer Sinnesapparat, mit dem wir Genussmittel wahrnehmen, beschränkt sich nicht nur auf Nase und Mund. Sie beschränkt sich nicht einmal nur auf unseren eigenen Körper. Es ist weitaus komplexer.

 

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Emotionen, Erinnerungen oder auch äußeren Faktoren wie Produktpreise, Expertenmeinungen beeinflussen deine Sinneswahrnehmung in ähnlicher Weise wie das Licht des Raumes, in dem du verkostest.

All diese Punkte tragen entscheidend dazu bei, ob du Rum, Tequila oder Gin in höchsten Tönen lobst oder ablehnend den Kopf schüttelst.

 

8 FAKTOREN ENTSCHEIDEN, OB DIR ETWAS SCHMECKT ODER NICHT

 

 

Möchtest du reflektieren, warum dir diese oder jene Spirituose schmeckt, du lieber Marke A statt Marke B kaufst, stehst du vor einem Problem. Die Lösung ist komplex und lässt sich meistens nicht mit einem einfach „Weil…“ erklären.

Es gibt jedoch 8 Faktoren, die deine Meinung beeinflussen. 8 Faktoren, die wissenschaftlich belegt sind, und um die keiner von uns herum kommt.

  • GENETISCHE VERANLAGUNG

Je nach dem wie deine genetische Prädisposition, also deine Veranlagung ist, schmecken dir manche Dinge, manche hingegen nicht. So ist in deinen Genen festgelegt, wie viele Riech- und Geschmackssinneszellen du entwickelst.

Schaue dir allein die Gruppe der Prop-Superschmecker an. Jene Personen reagieren äußerst empfindlich auf bitteren und sauren Geschmack. Dies liegt an der Verbindung 6-n-Propyl-2-Thiouracil und ist genetisch bedingt. Ändern können sie diese Sensibilität nicht.

  • PRODUKTINFORMATIONEN

Ist dir in den vergangenen Jahren etwas an den Flaschen-Labels von Whisky, Cognac oder Rum aufgefallen? Eine Veränderung zu früher?

2 Unterschiede!

Heute kleben weitaus mehr Medaillen-Sticker auf dem Etiquette und die Flaschen enthalten Verkostungsnotizen. So suggeriert der Hersteller dem Kunden einen Qualitätsbeweis und beschreibt, was ihn in der Flasche erwartet. Dies sind meist Düfte, die dem Durchschnittskunden gefallen. Vanille, Apfel oder Honig sind Klassiker.

Unterbewusst nimmt dein Gehirn war: „Qualität“ und „Aromen, die ich mag“.

Und Spirituosen-Hersteller wissen, dass das funktioniert. So veränderte eine bekannte Scotch-Destillerie der Insel Islay vor wenigen Jahren die Fasszusammensetzung eines ihrer Malts nur deswegen, da es als einzige Qualität im Portfolio keinen internationalen Award erhielt.

Letztlich spielt auch der Preis eine Rolle.

Ich einen 50 Euro Whisky und einen 500 Euro Whisky. Einen davon schenke ich dir. Welchen würdest du nehmen?

Wahrscheinlich den 500er. Das würden die meisten tun. Denn ohne auch nur eine weitere Information zum Produkt zu haben, gehen wir davon aus, dass der 500 Euro-Whisky hochwertiger ist. Unser Unterbewusstsein sorgt dafür.

  • DIREKTES UMFELD

Stelle dir folgendes Szenario vor. Du sitzt in Kuba am Strand und schlürfst einen Daiquiri. Kurze Zeit später sitzt du in einer Gefängniszelle auf dem Boden, ohne Fenster ohne Möbel. In der Hand denselben Daiquiri.

Die Rezeptur ist die gleiche, der Drink derselbe. Und trotzdem wird er dir im ersten Szenario besser schmecken als im zweiten.

  • SOZIOKULTURELLE ASPEKTE

Geselligkeit, Unterhaltung oder gar dein sozialer Status können Einfluss darauf nehmen, was dir schmeckt und was nicht.

Sitzt du in einer Tasting-Runde mit Freunden, fliegen Anekdoten aus der Vergangenheit über den Tisch, ist deine Stimmung positiv. Dies überträgt sich auch auf das Glas Rum, das vor dir steht.

Du nimmst einen Schluck, freust dich, nimmst einen Schluck, freust dich. Dass dir 2 Wochen vorher ein Experte noch erzählt hat, wie ekelhaft der Tropfen ist, spielt in dem Moment keine Rolle.

  • MUSIK

Ich wette, in Bezug auf Tastings hast du das Thema „Musik“ bisher selten gehört.

Und dennoch ist es ein wichtiger Faktor, der uns in unserer Wahrnehmung beeinflusst. Es gibt kaum ein besseres Medium, das uns hilft, in Tagträumen zu versinken. Auch gibt es kaum ein passenderes Mittel, um unsere Gefühle zu verstärken. Seien es Wut, Trauer oder Freude.

Unsere Wahrnehmung von Musik ist im Gehirn eng verknüpft mit Emotionen.

Dies macht sich auch Bemerkbar, wenn du einen Scotch analysieren möchtest. Versinkst du in Trauer, riechst du anders, als wenn du vor Freude im Kreis springst. Melancholische Musik wirkt anders als fröhliche.

Und bei Death Metal-Double Bass-Attacken bei 100 Dezibel funktioniert sowieso nichts mehr.

  • TRAININGSGRAD

Diese Liste, beschreibt fast ausschließlich Faktoren, denen du mehr oder minder ausgesetzt bist.

Gut, du kannst die Musik beeinflussen, den Ort der Verkostung oder deine Begleitung, aber dennoch kannst du deren Einfluss nicht steuern.

Ein Punkt hingegen, und zwar einer der wichtigsten, liegt zum Glück in deiner Hand: dein Trainingsgrad, deine Expertise.

Trainierst du gezielt Nase und Gaumen, machst du dich Stück für Stück unabhängig von anderen Einflüssen. Du konzentrierst dich auf den Tropfen.

Benötigst du Hilfe bei der Verkostung oder dem Verfassen von Tasting Notes, habe ich folgende 2 Artikel für dich geschrieben:

Wie du hervorragende Whisky Tasting Notes schreibst

4 von 5 Single Malt-Trinkern machen dieselben Fehler

  • GEWOHNHEIT

Wenn ich mich mit Gästen über Einflussfaktoren auf Geschmacks- und Aromenwahrnehmung unterhalte, stutzen die meisten bei folgendem Satz:

Je öfter du etwas trinkst, desto besser schmeckt es dir.

Probiere es einmal aus. Nimm dir eine Spirituose, die nicht dein Fall ist. Nimm innerhalb eines Monats gelegentlich ein paar Zentiliter. Auch wenn du kein Fan davon wirst, am Ende schmeckt sie nicht mehr so scheußlich wie zu Beginn.

Einen ähnlichen Werdegang hast du wahrscheinlich bereits durchlebt: beim Bier.

Keinem Kind schmeckt Bier. Es ist viel zu bitter. Lernen wir den Geschmack jedoch kennen, wird es von mal zu mal besser. Bei manchen schafft es sogar den Sprung zum Grundnahrungsmittel.

  • Licht

Hast du dich schon einmal gefragt, warum beim Metzger kaltes, weißes Licht auf das Fleisch scheint, beim Bäcker hingegen warmes, oranges auf die Semmeln strahlt?

Dem Produkt ist das egal; dir als Kunden aber nicht. Das kalte Licht suggeriert uns Sterilität und damit hohe Qualität beim Fleisch. Das warme Bäckerlicht gibt uns hingegen ein wohliges, gemütliches Gefühl.

Bevor das Lebensmittel auch nur in die Nähe deines Gesichts kam, hast du also bereits eine Meinung darüber.

Eines deiner wichtigsten Organe zur Beurteilung von Spirituosen sind daher deine Augen.

 

WIE DEINE AUGEN DEINE MEINUNG BEEINFLUSSEN

 

Befindet sich der Whisky im Glas, ist seine Farbe der erste Reiz, der erste Eindruck den eines unserer Sinnesorgane auffängt. Befinden wir uns nicht gerade in einer Blindverkostung mit verdunkelten Gläsern, können wir uns dem Einfluss der Farbe nicht entziehen. Es ist schlichtweg nicht möglich.

Denn lange bevor wir uns bewusst dazu entscheiden, die Farbe nicht mit Aroma und Geschmack in Verbindungen zu bringen, hat unser Unterbewusstsein diese Verknüpfung schon hergestellt. Es hat die Farbe des Whiskys mit Erfahrungen, Emotionen und auch konkreten Aromen assoziiert.

Farbton und –intensität sind ebenso wie Transparenz und Konsistenz ein entscheidender Faktor bei der Verkostung von Spirituosen und Cocktails.

Dein Auge fängt diese Information mit lediglich 2 verschiedenen Typen von Zellen auf: Zapfen und Stäbchen.

Beide befinden sich auf der Netzhaut, der sogenannten Retina, und leiten die eingefangenen Reize weiter zum Gehirn. Während Zapfen für die Farbwahrnehmung zuständig sind, reagieren Stäbchen auf Licht.

 

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Insgesamt besitzt dein Auge durchschnittlich 120 Millionen Stäbchen und 6 Millionen Zapfen. Die Ausstattung und Funktionalität jener Sinneszellen ist allerdings nicht bei allen Personen identisch. So besitzen beispielsweise farbenblinde Personen nur eingeschränkt funktionierende Zapfen.

Ein weiterer Unterschied beim Erkennen von Farben tritt zwischen den Geschlechtern auf. 1 von 12 Männern weist eingeschränktes Sehvermögen auf, bei Frauen ist es lediglich 1 von 250. Zudem nimmt Farbempfinden und Sensitivität im Alter ab, so dass beispielsweise Personen zwischen dem 60. und 90. Lebensjahr Gelbtöne kontinuierlich schlechter wahrnehmen.

1 von 12 Männern weist eingeschränktes Sehvermögen auf, bei Frauen ist es lediglich 1 von 250

Das Auge ist eines deiner wichtigsten Sinnesorgane, aber auch eines, das wir gerne unterschätzen.

Dies zeigt sich vor allem dadurch, dass unser Gehirn die Informationen aus dem Auge für derart wichtig einstuft, dass es andere Sinne überlagern und täuschen kann.

Hast du beispielsweise einen alten Ex-Sherryfass Whisky mit charakteristischen Rotbraun-Tönen vor dir, stellt sich das Gehirn bereits vor dem ersten Schluck auf Aromen ein, die wir zwangsläufig damit assoziieren. Trockenobst, Leder etc.

Durch lange Konditionierung und vor allem wiederholte Erfahrung stellt unser Gehirn eine Kombination aus Farbe und Geschmack her und speichert dies ab. Schnell griffbereit beim nächsten Glas.

Würdest du hingegen einen Whisky, der eigentlich eine dezente, blassgelbe Farbe besitzt, so einfärben, dass er wie einer der zuvor beschriebenen alten  „Sherrywhiskys“ aussieht, dann würde dein Gegenüber auch klassische Aromen dieses lange gereiften Whiskys erkennen. Vorausgesetzt er wüsste vorher nichts von dem Betrug.

Vor rund 20 Jahren wurden zur Untersuchung eben jenes Phänomens 54 Probanden jeweils ein Glas Weißwein serviert. Dieser wurde allerdings zuvor mit roter, geruchloser Lebensmittelfarbe eingefärbt. Ein Großteil der Probanden beschrieb den Geruch des eingefärbten Weißweins als typischen Rotweingeruch.

Dieses Prinzip der Farbe-Geschmack-Assoziation nützt auch Herstellern von gereiften Spirituosen, die ihrem Produkt Farbstoff zugeben.

Für das Unternehmen ist diese Farbstoffzugabe der Garant für eine weltweit einheitliche Farbgebung der einzelnen Qualität. Unser Gehirn sorgt bei zu starker Einfärbung dann für den aromatischen Rest.

Aufgrund unserer Erfahrungen assoziieren wir zudem gewisse Farben mit verschiedenen Sinneseindrücken. Eine rote Farbe wird beispielsweise von vielen Personen mit Wärme und einem süßen, kräftigen Geruch und süßem Geschmack verbunden. Goldgelbe Farbe hingegen wird häufig mit „glatt“ und „seidig“ beschrieben.

Aber auch die Empfindung von Intensität und Komplexität einer Spirituose wird merklich durch die vorhandene Farbe beeinflusst.

So werden helle, crème-farbene Destillate häufig mit fruchtigen Aromen verbunden, dafür werden ihnen aber wenig Intensität, Reife und Komplexität zugeschrieben.

Tropfen hingegen, die eine satte Kupfer- oder Hennarot-Farbe besitzen, werden häufig mit hoher Komplexität und Intensität gleichgesetzt.

 

Jene 8 Faktoren steuern zwar deine Meinung über Spirituosen und Cocktails, lassen sich aber umgehen. Mit Training, mit Expertise. In dem Moment, in dem du weißt, durch was deine Meinung beeinflusst wird, bekommst du ein deutlicheres Bild der Qualität von Whisky, Rum oder Cocktails.