Über den Autor: Gastautor Günther Heinisch ist seit vielen Jahren professionell in der Whisky-Industrie tätig. In seinen Gastbeiträgen auf Eye for Spirits beleuchtet er die Scotch-Industrie kritisch.


 

Im Internet tummeln sich grade einige Features, die sich mit der Frage der Zukunft des Whiskys an sich oder bestimmter Whiskyarten beschäftigen.

So hier:

Besonders aufgefallen ist mir dabei dieses Feature „Whisky rules are there to be challenged“ von Dave Broom.

„So, wirklich?“ war meine erste Reaktion.

 

Ist „Innovation“ bei Scotch Whisky nur ein Vorwand zum Gelddrucken?

 

Es hat gut 500 Jahre gedauert die Kategorie Scotch Whisky zu entwickeln und zu definieren, wesentliche Kernelemente wurden sogar erst im frühen 20. Jahrhundert definiert.

So die Mindestreifung für drei Jahre, die Verwendung von Eichenfässern und die Definition bzw. Unterscheidung zwischen Malt Whisky und Grain Whisky.

Kategorien dienen unter anderem der Klassifizierung, also der Zusammenfassung von Sachen zu Klassen, Gruppen, Mengen und der Klassifikation, Typifikation oder Systematik von Dingen,

Die Kategorie „Whisky“ besteht also aus verschiedenen Klassen wie Scotch, Irish oder American Whisky.

Eine Kategorie zieht auch die Grenzen dessen was geht und was nicht geht, was zur Kategorie gehört und was etwas anderes, eine neue oder andere Kategorie ist, z. B. alle anderen Spirituosen.

Dass wir heute in viel schnellebigeren Zeiten existieren, ist jedem klar.

Und da wir in Zeiten von Globalisierung und Neo-Liberalismus dazu erzogen werden, alles und jedes, Kunst, Kultur oder sogar die Gesundheit auf den Prüfstand von Effizienz, und Kosten-Nutzendenken zu stellen, wundert es auch nicht, wenn eine ständige Hinterfragung von allem und jedem unsere konstante Begleitung durchs Leben geworden ist.

Sogar erst 2009 wurden die Scotch Whisky-Regeln nochmals verschärft und die Definitionen und Grenzen der Kategorie Scotch Whisky enger gezogen.

So kann Scotch Whisky nun nur noch in Schottland abgefüllt werden. Verlässt er für diesen Vorgang das Land, darf er nicht mehr Scotch heißen.

Seit 2009 muss Single Malt in kupfernen Brennblasen destilliert werden und ein Malt aus einer Coffey oder Continuous Still muss sich Grain nennen. Definiert wurde dies alles in den 2009er Whisky Rules der Britischen Regierung und zusätzlich in einem Scotch whisky technical file.

In diesen beiden Papers wird Scotch Whisky in allen Facetten definiert und solange Großbritannien in der EU ist – und vielleicht auch darüber hinaus – wird so auch in der ganzen EU Whisky definiert.

Daher ist es auch die größte Sorge der Scotch Whisky Association (SWA), dass diese Definitionen indirekt oder direkt durch den Brexit aufgeweicht werden könnten, z. B. durch separate Handelsvereinbarungen mit den USA, welche diese recht strikten Regeln wegwischen könnten.

Nein nein, nicht die Angst vor Chlor-Whisky , aber die Angst vor Nachahmern, die in des USA Whisky heißen dürfen, aber eben nicht zur Kategorie Scotch gehören.

Die Whisky Regularien legen fest:

  • 3.—(1) In these Regulations “Scotch Whisky” means a whisky produced in Scotland

(a) that has been distilled at a distillery in Scotland from water and malted barley (to which only whole grains of other cereals may be added) all of which have been—

(i) processed at that distillery into a mash;

(ii) converted at that distillery into a fermentable substrate only by endogenous enzyme systems; and

(iii) fermented at that distillery only by the addition of yeast;

(b) that has been distilled at an alcoholic strength by volume of less than 94.8 per cent so that the distillate has an aroma and taste derived from the raw materials used in, and the method of, its production;

(c) that has been matured only in oak casks of a capacity not exceeding 700 litres;

(d) that has been matured only in Scotland;

(e) that has been matured for a period of not less than three years;

(f) that has been matured only in an excise warehouse or a permitted place;

(g) that retains the colour, aroma and taste derived from the raw materials used in, and the method of, its production and maturation;

(h) to which no substance has been added, or to which no substance has been added except—

(i) water;

(ii) plain caramel colouring; or

(iii) water and plain caramel colouring; and

(i) that has a minimum alcoholic strength by volume of 40%.

  • (2) In these Regulations —“ Single Malt Scotch Whisky” means a Scotch Whisky that has been distilled in one or more batches—

(a) at a single distillery;

(b) from water and malted barley without the addition of any other cereals; and

(c) in pot stills;

  • “Single Grain Scotch Whisky” means a Scotch Whisky that has been distilled at a single distillery except—

(a) Single Malt Scotch Whisky; or

(b) a Blended Scotch Whisky;

  • “Blended Malt Scotch Whisky” means a blend of two or more Single Malt Scotch Whiskies that have been distilled at more than one distillery;
  • “Blended Grain Scotch Whisky” means a blend of two or more Single Grain Scotch Whiskies that have been distilled at more than one distillery; and
  • “Blended Scotch Whisky” means a blend of one or more Single Malt Scotch Whiskies with one or more Single Grain Scotch Whiskies.

Mit diesen engen Grenzen für Scotch ist die schottische Whisky-Industrie gut gefahren, bisher.

Aber wie wir wissen, ist es nie genug, zumindest was die Gewinnerwartung von internationalen Getränkekonzernen angeht.

Es genügt nicht, einen solchen definierten Scotch Whisky zu machen oder anderen Whisky so wie er durch Regeln oder Tradition definiert ist.

Das ist nie genug.

So ist es einerseits verwunderlich, dass im Internet immer mehr Beiträge auftauchen, in den von der Notwendigkeit zur Innovation beim Scotch Whisky die Rede ist – andererseits aber auch nicht.

So sind z. B. in den USA die Regeln für Whiskey weit flexibler und erlauben größere Spielräume, z. B. für Aromatisierte Whiskeys – die aber die meisten Hersteller nach der Zugabe von Zimt, Honig, Vanille, Kirsch oder Apfelaromen dann doch lieber als Spirit Drinks oder „hergestellt mit Bourbon“ bezeichnen, anstatt sie „Whiskey“ zu nennen.

Die Schotten aber beneiden andere Whisky-Nationen irgendwie um ihre Freiheiten. Oder würden gerne für höhere Margen, Profite und Dividenden die eigenen Regeln gerne aufweichen. Es tun sich hier ganz merkwürdige Dinge.

Die Älteren unter uns werden sich noch an die Krokodilstränen der Whisky-Hersteller Schottlands erinnern, als der „Brown Spirit“ Whisky Konkurrenz vom bösen „unaged white spirit“ Vodka zu erdulden hatte.

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Nach er doch den armen Scotch Whisky-Produzenten – wir reden von Blended Whisky –  unden und Marktanteile ab.

In der Tat war es der Trend zu klaren Spirituosen, welcher Mitte der 1970er Jahre Fahrt aufnahm und Whisky und Cognac das Leben schwer machte.

Dem Whisky insgesamt international, nicht nur in Schottland, so sehr, dass der Einbruch der Märkte in den späten 1970ern nicht nur in Europa sondern auch den USA und Japan mit Wucht zuschlug. 1983 ist nicht nur für Schottland ein Schreckensjahr gewesen.

Krokodilstränen waren dies deshalb, weil sich die Konzerne bei Whisky und Vodka meist selbst in-house Konkurrenz machten.

Noch zu Beginn der 2000er Jahre hielt das Gejammer um den bösen weißen Vodka noch an.

Und dies obwohl der neue Whisky Boom schon erkennbar war und dieser zu einem nicht unerheblichen Teil durch viel größeres und tieferes Interesse an Single Malts befeuert wurde, als es die Whisky-Industrie Schottlands hätte je ahnen können,

 

„(c)  To combat the threat of white spirits and designer drinks, the industry should examine ways to undertake joint promotions by companies within the Whisky sector, and with agencies including the tourist boards.“

– Memorandum von Professor Mike Danson und Geoff Whittam, University of Paisley, Executive Summary aus dem Jahr 2000.

 

Heute, nachdem so ziemlich jeder Spirituosenkonzern mindestens eine Vodkamarke hat, steckt der Vodka in der Krise. Wenn auch vielleicht nicht so tief wie es den Whisky 1983 erwischt hatte.

 

Inzwischen ist auch kurzfristig ein weiterer eher unerwarteter White Spirit-Konkurrent aufgetaucht: Gin.

 

Inzwischen ist auch kurzfristig ein weiterer eher unerwarteter White Spirit-Konkurrent aufgetaucht: Gin.

Die Getränke-Konzerne sind mit der Performance ihrer Vodkamarken nicht zufrieden – auch weil es in der Kategorie Vodka bessere und günstigere Konkurrenzprodukte gibt – aber es wird hier nicht so über den bösen Whisky als Konkurrent gejammert, als es umgekehrt der Fall war.

Offenbar ist man mit den Gewinnen aus dem Whisky so weit erstmal zufrieden.

Schließlich konnte man hier im Rahmen einer „Premiumisierung“ genannten Strategie die Preise kräftig erhöhen und die Qualitäten generell gewaltig senken.

Und dies ohne, dass bisher eine offenbar nur mäßig problembewusste Käuferschaft aufgeschrien hätte.

Beim schnelllebigeren Vodka hat man zwar auch die Preise übertrieben, aber man musste gleichzeitig die Qualität halten. Dennoch haben besonders große internationale Vodkamarken ihre Probleme.

Am 31.08.2017 meldet das Wall Street Jounal, dass Pernod Ricards Verkäufe von Absolut Vodka in den USA um 2% bis Juni 2017 rückläufig waren und das in einem schlechter werdenden Markt.

Die Top Marke in de USA, Smirnoff hat laut DIAGEO auch verloren. Einer der Gründe ist die fehlende Nachfrage.

Wo es in den 2000ern nicht genug Vodka sein konnte, greifen die Amerikaner – man höre und staune –  wieder mehr zu braunen Spirituosen.

Ein Indiz, dass der Gesamtmarkt für Alkoholika endlich ist und auf und abs in einzelnen Kategorien nur Marktverschiebungen sind.

Letztes Jahr trank man in den USA 3,6 % mehr Whisky und Whiskey, 7,4 % mehr Tequila und sogar 9,9 % mehr Brandy einschließlich Cognac. Auf der anderen Seite stehen aber nur 2,2 % mehr Vodka laut den Zahlen der Analysten von IWSR.

Weitere Kopfschmerzen machen DIAGEO und Pernod die Konkurrenten.

Zwei Start Up-Marken aus den USA haben den Markt im Sturm erobert, Tito’s aus Austin, Texas und New Amsterdam der kalifornischen Weingiganten E & J Gallo.

Blickt man auf den Whisky weltweit, so scheint es einen unbeirrbaren Glauben an ewiges Wachstum zu geben.

Keine Whisky Nation, in der nicht wie wild gebaut oder Kapazitäten ins Unermessliche gesteigert würden.

Nicht nur dies. Selbst Länder wie Deutschland ohne große Tradition in der Herstellung von Whisky beteiligen sich an den Versuchen, so etwas wie Whisky zu destillieren.

Im internationalen Vergleich ohne großen Erfolg. Außer bei Spirituosenwettbewerben oder internationalen Verkostungen.

Trotz vielfältiger Titel und Medaillen bei denselbigen herrscht kommerziell eher Stillstand.

Die Frage muss auch gestellt werden: Wer soll das alles trinken?

Im Ernst, wo sind die Märkte für den weltweit im Überfluss erzeugten Whisky?

Es darf bezweifelt werden, ob die Mengen, die erzeugt wurden und die gegenwärtig stetig weiter steigen vom Whisky Markt, wie er heute ist, aufgenommen werden können.

Können neue Whisky Trinker gewonnen oder geschaffen werden? Müssen die Frauen dieser Welt mehr Whisky trinken? Lassen sich die Tagesdosen steigern oder Abstinenzler umpolen?

Ich bin heute über einen Kommentar aus Frankreich gestolpert.

The Spirits Business hat unter dem Titel  „Whisky brands of the future“ ein zweiteiliges Feature aufgelegt, bei dem es um kommende Marken geht.

Philippe Jugé, ein ehemaliger Manager für La Maison du Whisky und heutiger Direktor von Fédération du Whisky de France in der bereits 50 französische Whisky-Hersteller organisiert sind meint, die Zukunft gehöre dem französischen Whisky.

Er begründet das wie folgt:

France is the main market for scotch whisky and the third for whisky/whiskey.

50 whisky distilleries are operating right now in France. They will be 100 in 2020, probably. The sales of french whisky (brewed, fermented, distilled and aged in France) were about 800 000 bottles last year (2016), more or less the same than Japanese whisky in France (1 000 000 bottles). It will be 2 000 000 by 2020.

Big distilleries just opened (La Mine d’Or in Brittany) or are under construction (Moon Harbour in Bordeaux).

In France, we know how to malt (Soufflet and Malteurope are number 1 and 3 in the world for maltings), how to brew (1000 working breweries here in France), how to distill spirits (2 000 working stills in France, 10 working coppersmith companies), how to age spirits (all the big cooperage companies – except BF, the number one – belong to french companies, even Speyside Cooperage) and how to blend (wine and cognac, for exemple).

And we like to drink spirits a lot (460 millions bottles last year, including 200 millions bottles of whisky).

The next big thing in the whisky world is french whisky.

And the SWA already know that.

They put french governement under pressure and single malt is now defined in a law and should be produce like in Scotland. Well played as we french do not want to do whisky like scotch and we do not want to be compared to scotch whiskies. No point for us.

But it will not stop the sense of history. French whisky will be massive in the coming years.

Zu deutsch:

Frankreich ist der Hauptmarkt für Scotch Whisky und an dritter Stelle in Bezug auf Whisky/Whiskey. Derzeit gibt es in Frankreich 50 aktive Destillerien. Im Jahr 2020 sind es wahrscheinlich 100.

Die Verkäufe von Whisky (gemaischt, fermentiert, destilliert und gereift in Frankreich) betrugen 2016 rund 800.000 Flaschen pro Jahr.

Dies entspricht in etwa der Menge an Japanischen Whisky, der im gleichen Zeitraum in Frankreich konsumiert wurde (rund 1.000.000 Flaschen). 2020 werden es 2 Millionen sein.

Große Destillerien haben gerade mit der Produktion begonnen (La Mine d’Or in der Bretagne) oder befinden sich noch im Bau (Moon Harbour in Bordeaux).

Hier in Frankreich verstehen wir das Handwerk des Mälzens (Soufflet und Malteurope sind auf Platz 1 und 3 der weltweit größten Mälzereien), des Maischens (1.000 aktive Brauereien in Frankreich), des Destillierens (2.000 Destillen, 10 Brennblasenbauer), des Reifens (alle großen Küfereien – außer BF, die Nummer eins – gehört französischen Unternehmen, selbst Speyside Cooperage).

Zudem kennen wir uns mit Blending aus (Wein oder Cognac zum Beispiel).

Zudem lieben wir den Genuss von Spirituosen. (Vergangenes Jahr waren es 460 Millionen, darunter 200 Millionen Flaschen Whisky)

Das nächste große Ding der Whiskywelt ist französischer Whisky. Und die SWA weiß dies bereits. Sie setzten die französische Regierung unter Druck, wodurch Single Malt nun per Gesetz so hergestellt werden muss wie in Schottland.

Allerdings wollen wir Franzosen Whisky nicht auf die gleiche Art wie Scotch herstellen. Wir wollen auch nicht mit Scotch verglichen werden. Das ist nicht unser Ziel.

Aber aufhalten lässt sich dies nicht. Französischer Whisky wird das nächste große Ding, das in den nächsten Jahren auf uns zukommt.

Eine Sichtweise, die bezweifelt werden darf.

Nichtsdestoweniger sind die Zahlen interessant.

Auch wenn es lange hieß, der Whisky-Markt in Frankreich, der wichtigste in Europa, liege bei 100 Millionen Flaschen jährlich und dieser sich nun auf 200 Millionen verdoppelt zu haben scheint, ist auch dieser Markt endlich.

Und etliche der in Frankreich gezählten Flaschen werden dann doch in den benachbarten Ländern geöffnet und getrunken.

Dennoch treibt es die Whisky-Industrie um, herrscht immerhin so etwas wie eine diffuse Zukunftsangst.

Bei den Schotten sicher nicht nur wegen BREXIT. Oder warum schleicht sich der Begriff „Innovation“ immer mehr in das Vokabular ein?

DIAGEO, weltgrößter Spirituosenkonzern hat seine organischen Nettoverkäufe im Finanzjahr 2016/17 um 4 % auf erstmalig £ 12,1 Milliarden oder US$ 15,8 Milliarden gesteigert.

Das hat die Aktie in ungeahnte Höhen getrieben.

We have delivered consistent strong performance improvement across all regions and I am pleased with progress in our focus areas of US spirits, Scotch and India, […]” sagte Ivan Menezes, CEO bei DIAGEO.

Zu deutsch:

Wir konnten unsere Leistung stetig verbessern und dies auf allen Gebieten. Ich bin zufrieden mit der Entwicklung in unseren Kerngeschäften US Spirituosen, Scotch und Indischen Spirituosen, […]“

Alle Katgegorien von DIAGEOs Spirituosen haben im Finanzjahr organisches Wachstum erlebt – außer Vodka, der 4 % einbüßte, weltweit außer in Afrika.

Sowohl Smirnoff als auch Ciroc hatten zu kämpfen und verloren 1 % bzw. 12 %. Das ist bei einer Weltmarke wie Smirnoff nicht wenig.

Erstmalig £ 12,1 Milliarden Nettoverkäufe und dennoch wurde DIAGEOs CEO Ivan Menezes das Gehalt um 35 % gekürzt. Dem CFO, dem Chief Financial Officer Kathy Mikells sogar um 50 %.

Der Grund: Die Gesellschaft hatte mit diesen letzten Ergebnissen ihre langfristigen Ziele verfehlt.

Ja um Gotteswillen, wie hoch waren die den gesteckt?

Keine Sorge, das DIAGEO Top Personal muss nicht darben, da bleibt immer noch genug übrig.

Ein Teil des Gehalts wird in Aktien ausgegeben. Das Bonus Programm sah unter anderem vor, dass es eine Gewinnsteigerung von jährlich 6 % gemessen am Aktienkurs hätte sein sollen. Es wurden aber nur 3 % erreicht.

Der DIAGEO Finanzreport bis 30.06.2017 sagt dazu:

As a result of the long-term incentive performance conditions not being achieved, total variable pay to the chief executive and the chief financial officer in respect of the year ended 30 June 2017 is 35% and 50% lower respectively than in the year ended 30 June 2016.

Eben, denn obwohl die organischen Nettoverkäufe eben um 4 % auf £ 12,1 Milliarden im Finanzjahr 2016/17 wuchsen, war das Ergebnis insgesamt schwächer als in vorherigen Jahren.

Daher könnte man schließen, dass der CEO von DIAGEO schon aus eigenem Interesse nach Wegen suchen muss irgendwie whiskyverwandte Produkte zu pushen und so irgendwie mehr zu verdienen.

Dass, wie von interessierten Kreisen immer wieder gebloggt, gepostet und geschrieben wird, es die Konsumenten sein sollen, die ständig nach Innovation verlangen, halte ich beim Whisky für ein Gerücht.

Dennoch befassen sich wie gesagt im Internet immer mehr Features mit der Frage der Zukunft des Whiskys und kommen auch brav alle zu dem gleichen Schluss: Es braucht Innovation.

So auch Dave Broom.

 

Braucht die Scotch Whisky-Industrie überhaupt Innovation?

 

Dave Broom sicher einer der anerkanntesten und renommiertesten Whiskyautoren gehört unter anderem zum Editorenteam von Scotchwhisky.com zusammen mit  Richard Woodard und Becky Paskin.

In der Rubrik „From the Editors“ hat Dave Broom hier am 23.08.2017 einen Beitrag mit dem Titel „Whisky rules are there to be challenged“ veröffentlicht. Er bezieht sich darin auf einen seiner früheren Beträge „Why can’t whisky be like usquebaugh?

In diesem geht es um den Urvater des Whiskys und um die Freiheiten, die seine Hersteller hatten und nutzten.

Kräuter und Beeren beizufügen war allerdings seinerzeit auch eine Notwendigkeit, um das Gebräu überhaupt erst trinkbar zu machen.

The Scotch industry isn’t naive, and while innovation and contrivance often go hand-in-hand, and clumsy appropriation of other spirits’ clothes does take place, that doesn’t mean that Scotch cannot learn and adapt to a changing market.

Indeed, I would argue that to survive and prosper that it has to – as long as it does not lose its sense of identity.

Was heißt: 

„Die Scotch Industrie sei nicht naiv und während Innovation und Erfindungsreichtum oft Hand in Hand gingen, ohne dass eine bloße Übertragung von Erfolgsrezepten anderer Spirituosen stattfände, hieße das nicht, dass Scotch nichts dazu lernen könne oder sich an einen verändernden Markt anpassen könne.

Tatsächlich würde Dave Broom argumentieren, dass sich der Scotch anpassen müsse um zu überleben und weiter erfolgreich zu sein – so lange er nicht den Sinn für seine Identität verliere.“

Abgesehen davon, dass dies ein ziemlicher Spagat ist, ja eigentlich ein Widerspruch in sich, einerseits den Druck zur ständigen Erneuerung auszumachen aber gleichzeitig Sorge um die Identität des Whiskys zu haben… man muss sich doch fragen, wo dieser Druck herkommen soll und wie Whisky besonders Scotch sich ändern soll, ohne sich zu ändern….

Wir haben ja doch wohl schon alles ausgeschöpft, was in den Grenzen der Kategorie Scotch möglich ist, „finishings“ jeder Art, Wein-Fässer, Virgin Oak, Altersstufen, NAS, cask strength, blends, blended malts, sogar Whisky-Produkte wie die Compass Box Abfüllungen, die Lost Malts of Scotland, Macallan The 1824 Series und wer weiß was noch.

Hier noch mehr Veränderung zu fordern – die dann auch wirklich Innovation ist – heißt, die Kategorie zu sprengen.

The idea that there is nothing going on in terms of new product development in whisky is fantasy.

There are experiments underway which would make jaws drop in astonishment.

Not all will make it to market, but questions about ‘what is Scotch, and what else can it be?’ are being asked constantly.

Boundaries are being pushed in ways which we haven’t seen for years.

Zu deutsch:

Die Idee, dass in Sachen Produktentwicklung beim Whisky nichts läuft, ist Phantasie.

Da laufen Experimente, die vor Erstaunen die Kinnlade auf den Tisch fallen lassen würden.

Nicht alle davon werden es auf den Markt schaffen, aber Fragen darüber, was Scotch ist und was er noch sein könnte, werden ständig gestellt.

Grenzen werden verschoben in Art und Weisen, wie wir es in den letzten Jahren nicht erlebt haben.“

Erbarmen.

DIAGEO hat eine eigene Entwicklungsabteilung gegründet „Whiskey Union“, die als „Experimental Whisky Arm“, als „Experimentalwhiskyzweig“ bezeichnete Unternehmung soll “unorthodox, weird and wonderful whiskies” hervorbringen.

Nicht notwendigerweise nur mit schottischer Herkunft, daher wohl auch das „E“.

Und was haben sie uns beschert?

Wenn das die Zukunft des Whiskys ist, dann gute Nacht.

Nach dem Huxley (wir haben hier auf EYE FOR SPIRITS berichtet) hat man übrigens von der „Whisky Union“ nicht mehr viel gehört.

Das letzte Mal habe ich von den „Innovationen“ bei einem Gewinnspiel der Whisky Experts gehört.

Wobei es nicht um fünf, sondern eigentlich nur um zwei Whiskys ging. Da kann man die Gewinner nur beglückwünschen.

 

Sollten Malt Destillerien mehr als nur Gerstenmalz verwenden dürfen?

 

„Cereal question: Could more types of grain be used in Scotch?

Moving away from usquebaugh for the moment, as last year’s series on Scotch whisky regulations outlined, there are many flex points within the regulations where new flavours and characters could be introduced. Could you smoke barley over a wood fire for example? What would a heather-smoked whisky be like?
Scotch is currently made from barley, or corn, or wheat, but what of what of other cereals – some of which were used in Scotland in the past – which are being used successfully by other whisky makers around the world?“

Zu deutsch:

„Die Getreide Frage: Könnte man beim Scotch andere Getreidearten verwenden?
Mal abgesehen vom usquebaugh für einen Moment, hat die Serie über die neuen whisky Regeln vom letzten Jahr gezeigt, dass es in diesen Regeln viele flexible Punkte gibt, wo neue Aromen und Charakteristiken eingeführt werden könnten. Könnte man Gerste über Holzfeuer räuchern z. B.? Wie wäre ein mit Heidekrautrauch geräucherter Whisky?

Scotch wird gegenwärtig aus Gerste oder Mais oder Weizen gemacht – aber was ist mit anderen Getreiden, von denen einige schon in der Vergangenheit in Schottland verwendet wurden und die – aha, jetzt wird es interessant – von anderen whisky Herstellern weltweit eingesetzt werden?“

Gegenfrage: Wozu?

Und eine simple Antwort: Um Grain Whisky zu machen ja, und das passiert ja schon seit langem. Aber Single Malt werden aus gemälzter Gerste gemacht. Punkt.

Wo soll also hier die Innovation liegen?

Sehnt sich der Scotch Whisky so nach Freiheit, in etwa so wie der unterdrückte Whisky Blender, der jahrelang geknechtet durch die Ketten der Altersangaben bei Wasser und Brot sein Dasein fristete und nur auf seine Befreiung durch NAS Whiskys ohne Altersangabe gewartet hat?

Geht es um diese Art der Freiheit durch „Innovation“?

Sagt doch gleich ihr wollt die Kategorie Scotch Whisky abschaffen.

Außerdem ist das ein Schielen auf Craft Distilleries in den USA, wo jedes Getreide, das bei drei nicht auf dem Baum sitzt, zu Whiskey werden muss, einschließlich Hirse, Triticale oder Buchweizen.

Ein Scotch Whisky aus importierter Hirse?

 

Was Dave Broom da propagiert erinnert an die deutsche Craft Bier-Szene. Hier wird alles gemacht, was das Deutsche Reinheitsgebot verhindern sollte und es wird als Innovation gefeiert.

 

Was Dave Broom da propagiert erinnert an die deutsche Craft Bier-Szene.

Hier wird alles gemacht, was das Deutsche Reinheitsgebot verhindern sollte und es wird als Innovation gefeiert.

Ob es ein Fortschritt ist, bleibt abzuwarten. Auch wie lange es anhalten wird.

„If the reaction to modest proposals such as these is, ‘we can’t envisage doing that because it is possibly against the rules’, it is pretty much an admission of defeat from the outset. Rules – or to be more precise the interpretation of these rules – are open to debate and challenge.

Accepting the need for change is why rules and regulations are always in a state of slow, steady adjustment.

Whisky today doesn’t operate under exactly the same legislation as it did in the 1990s, never mind the 1920s.

Asking what can Scotch become shouldn’t be interpreted as a cry for mass disobedience, but as a continuation of this natural process of incremental change. This world is full of flavour possibilities. It is also fluid.“

Zu deutsch:

„Wenn die Reaktion auf solch bescheidene Vorschläge wie diese ist ‚wir können uns das nicht vorstellen zu tun, weil es vielleicht gegen die Regeln ist‘ ist das ziemlich das Eingeständnis einer Niederlage von Anfang an.

Regeln – oder um präziser zu sein, die Interpretation dieser Regeln – sind offen für Debatte und Herausforderung. Die Notwendigkeit für Veränderung ist der Grund, wieso Regeln und Regelungen in einem stetigen Zustand der langsamen immerwährenden Anpassung sind.

Der Whisky von heute entsteht nicht unter der selben Gesetzgebung wie in den 1990ern, und schon gar nicht den 1920ern.

Zu fragen was was Scotch whisky werden kan, sollte nicht interpretiert werden, als ein Schrei nach massenhaften Brüchen von Regeln, sondern als Fortsetzung seines natürlichen Prozesses stets vorwärts strebender Veränderung.

Diese Welt ist voller Möglichkeiten für neue Aromen. Sie ist auch im Fluss.“

 

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Ich persönlich schätze Dave Broom als Fachmann und Autor sehr.

Aber ich verstehe nicht, worauf er hinaus will und woher der Druck zu solch radikalen Veränderungen – modest proposals, ha! – kommen soll.

Was er anregt, ist die völlige Öffnung der Kategorie Scotch Whisky bis hin zur Beliebigkeit.

Ja was denn nun, die Kategorie vor bedrohlichen Fremdeinflüssen schützen wie die Scotch Whisky Association (SWA) oder sie doch von innen heraus selbst bis zur Unkenntlichkeit auflösen?

Fehlt nur noch die Forderung, Scotch auch in China destillieren zu dürfen.

Natürlich hat auch fehlende Bescheidenheit dazu beigetragen, den internationalen Whisky Markt kleiner und enger zu machen.

Gibt es noch ein Land, in dem nicht seit neuestem nicht auch Whisky hergestellt wird?

Der Boom ab 2000, eingeleitet von einem steigenden Interesse nach schottischen single Malts, ist eine Erfolgsgeschichte, die zur Nachahmung geradezu aufgefordert hat.

Ohne diesen Starter gäbe es keinen Boom in USA, Schottland, Japan, Irland, Frankreich, Deutschland, England oder gar Taiwan.

Noch einmal die Frage – wer soll das alles trinken?

Und es darf gefragt werden, wenn offenbar als limitiert erkannte Gewinnerwartungen der Motivator für angebliche Innovationen sind, also mit Produkten wie Boxing Hares, Smokey Goat oder Huxley von DIAGEO die bounderies of whisky, die „Grenzen der Kategorie“ geweitet werden müssen, um neue Käuferschichten zu erreichen, Whisky in ganz neuen Kreisen hipp zu machen oder ihn überhaupt neu zu erfinden… an wem liegt das?

Die eine Seite ist, dass natürlich die Hersteller als börsennotierte multinationale Konzerne niemals genug absetzen können, um mit immer mehr steigenden Gewinnen den Aktionären immer größere Dividenden garantieren zu können.

Bäume wachsen nicht in den Himmel.

Und da scheint mir auch ein Denkfehler vorzuliegen.

Die weltweiten riesigen Kapazitätserweiterungen durch Neubau und bei vorhandenen Destillerien dienen dem Zweck, mehr Whisky zu machen als es eh schon gibt.

In Schottland werden die Malt Destillerien erweitert um Malt zu machen, die Grain Kapazität scheint auszureichen.

Wenn sich also der Scotch Whisky neuen Getreidesorten öffnen sollte – warum auch immer – müssten diese neuen Whiskys erst einmal Destilleriekapazitäten finden.

Es ist nicht wahrscheinlich, sollte der Boom einbrechen und niemand mehr Scotch in irgendeiner Form trinken wollen, dass dann Scotch aus anderem Getreide mit den vorhandenen Kapazitäten gemacht und auch verkauft werden kann.

Wenn der Whiskykreislauf seinen Höhepunkt überschritten hat, wird es überall wieder Überkapazitäten geben wie Anfang der 1980er.

Die Überlegungen von Dave Broom und anderen zum Scotch Whisky sind daher was? Ein Gedankenspiel ohne Wert? Wenn nicht, was genau wird da vorbereitet? Wozu ist es gut und wohin soll es führen?

Selbst wenn es gelänge, das immer wieder behauptete Nachfragepotential der BRIC Staaten, Südamerikas und neuerdings Afrikas voll zu realisieren wird dort die Nachfrage nach richtigem Scotch Whisky lechzen und keinen Ersatz Whisky aus Hirse oder was auch immer haben wollen.

Das Gleiche gilt für eine bisher nicht eingetretene unerwartete Nachfragesteigerung nach Scotch als hipper Drink in der internationalen Barszene.

Sprich, selbst wenn eine Gin-ninisierung von Scotch Whisky gelänge und man – von einem schon sehr hohen und teureren Niveau – einen zusätzlichen Whiskyhype generieren könnte, wird man The Real McCoy, den echten Whisky haben wollen, nicht nur als Scotch und keine wilden Experimente.

Wie es scheint, erlahmt die Craft-Bewegung bei Bier und Whiskey in den USA inzwischen schon wieder.

So.

Woher kommt dann aber andererseits die Kleingläubigkeit, das fehlende Vertrauen in das eigene Produkt und die abhandengekommene Überzeugung, das Whisky auf Grund der ihm inne wohnenden Qualitäten immer mehr Verbreitung finden wird und – unabhängig vom „es ist nie genug“ – stetiges Wachstum und stetige Gewinne bringen kann?

Weil die ihm inne wohnenden Qualitäten inzwischen so lausig sind?

Oder doch eher aus der Überzeugung, dass Märkte für bestimmte Kategorien von Produkten endlich sind und es bei Alkoholika eben auch Cognac, Soju, Vodka, Gin und was immer noch gibt, so dass man sich eben ab einem bestimmten Punkt auch bescheiden muss, mit dem was man erreicht hat?

Und wenn dem alles so ist, wo ist denn der Innovationsdruck beim siechenden Vodka – oder hat man den eben schon durch die Zugabe von immer exotischeren Aromen zu Tode innoviert?

Man sehe sich die Kategorie Vodka an.

Aromatisiert bis zur Unkenntlichkeit, weil es eben auch nie genug war und ein immer währender Druck zur „Innovation“ spürbar war, bis das geschätzte Publikum die Faxen dick hatte und sich dem Gin in breiter Masse zuwandte.

Beim Gin – wie an anderem Ort schon ausgeführt – ging die Kategorieauflösung gleich mit der Innovation einher, so dass es Gins gibt, die schon gleich ganz auf Anklänge an Wacholder verzichtet haben.

Gegenwärtig scheint hier auch die Sättigung eingetreten zu sein, es kommt nicht mehr jeden Tag ein neue super-über-premium Gin auf den Markt, höchstens noch alle 4-6 Wochen.

Aber beim Whisky könnte man meinen, dass die Manager, die den Vodka erledigt haben, sich nun dem Whisky zuwenden.

Bei DIAGEO könnte das im Falle Smirnoff fast stimmen.

Anstatt jeden Monat ein neues Smirnoff-Aroma kommen hier nun jeden Monat neue Johnnie Walkers raus. Alles auf den Druck zur Innovation hin.

Aber wer hat was von 30 Varianten Johnnie Walker?

Die Kategorie Scotch an sich ist gar nicht bedroht – nur die Gewinnerwartungen von Herstellern durch Abwanderungen von Scotch Trinkern.

Aus meiner Sicht ist da von einem guten Produkt mit Geschichte, Tradition und Qualität her kein Innovationsdruck zu erkennen. Fragt sich nur, wozu er künstlich aufgebaut werden soll.

Fragt sich, wer hier Zukunftsangst hat.