Sidecar

 

Einen Cocktail zu erfinden, ist keine Kunst. Einen guten Cocktail – wie einen Sidecar – zu kreieren, hingegen schon.

Denn sind wir doch mal ehrlich, 3 bis 4 Zutaten in einen Shaker zu schmeissen, dafür muss niemand jahrelang Schichten in einer Bar geschoben haben.

Das ist einfach und kann von jedem bewerkstelligt werden, der das nötige Werkzeug hat. Aber ist das, was da rauskommt automatisch ein Genussmittel?

Ein Cocktail per definitionem schon, aber ein Genussmittel?

In den meisten Fällen nicht.

Lass uns einmal einen Blick auf den Sidecar Cocktail werfen. Mit diesem lässt sich verdeutlichen, was ich dir sagen möchte.

Dieser Drink besteht laut den meisten Rezepturen aus gerade einmal 3 Zutaten. Trotzdem zündet er eine Aromenbombe beim ersten Kontakt mit deiner Zunge.

Dies passiert, wenn jene Zutaten so aufeinander abgestimmt sind, dass sich deren Aromen gegenseitig ergänzen.

Vielleicht stellst du dir jetzt die Frage, wie du einen Cocktail kreierst, bei dem dies der Fall ist. In den vergangenen 2 Jahren bekam ich gelegentlich Emails von Lesern mit eben dieser Frage: „Hast du einen Tipp, wie ich einen guten Cocktail erfinde.“

Eine der Methoden, die dich am schnellsten ans Ziel bringt, ist der sogenannte „Lego-Baukasten“. Hierbei nimmst du dir einen Cocktail, schaust dir seine Rezeptur an und ersetzt mindestens eine der Zutaten durch eine andere.

So ist auch der Sidecar Cocktail in den 1920ern entstanden. Ein Drink auf Basis von Cognac, Orangenlikör und Zitrussaft ist dem Grunde nach eine Neuinterpretation eines klassischen Sours, wie ein Whiskey Sour, ein Daiquiri etc.

 

Achte bei der Sidecar-Rezeptur auf eines: Die Intensität des Cognacs

 

Recherchierst du nach Sidecar-Rezepturen, wirst du viele Vorschläge finden, die jedoch alle das gleiche Grundgerüst besitzen: Cognac, Orangenlikör und Zitronensaft.

Das Rezept des Sidcars hat folglich nur eine Aufgabe: den Cognac mit anderen Zutaten zu verfeinern und aromatisch auf ein Podest zu heben.

Aus diesem Grund solltest du die folgende Rezeptur eines Sidecars probieren:

  • 6 cl Cognac (40 %Vol.)
  • 2,5 cl Cointreau
  • 2,5 cl Frischer Zitronensaft
  • 0,5 cl Zuckersirup (1:1)

Gib alle Zutaten in einen Shaker, anschließend 4 bis 5 mittelgroße Eiswürfel hinzu. Schüttle 12 Sekunden kräftig und seihe anschließend in eine vorgekühlte Cocktailschale ab. Garniere den Drink mit einer Orangenzeste.

Falls du den Zuckersirup selbst herstellen möchtest, habe ich hier die passende Anleitung für dich geschrieben:

Zuckersirup selbst herstellen

Durch die obige Rezeptur landen 180 ml Sidecar in deinem Gästeglas. Der Drink hat dann ca. 18 %Vol. Alkohol sowie 6 g Zucker je 100 ml und 0,76 % Säureanteil.  

Mit diesem Dreiergespann aus Spirituose, Likör und Zitrussaft entstand der Sidecar in den 1920ern. Die Rezeptur dieses Cocktails ist folglich rund 100 Jahre alt.

Ich kann dich schon fast fragen hören: Seither hat sich nichts daran geändert?

Doch, hat es.

Und zwar bereits rund 10 Jahre später.

Denn in den 1930ern kam eine zweite Variante des Sidecars auf. Eine, die ihm durch einen Zuckerrand am Glas mehr Süße verlieh. Du kennst einen solchen Rand vielleicht von einer Margarita, bei der dieser nicht aus Zucker, sondern aus Salz besteht.

Erinnerst du dich, wie ich am Anfang des Artikels schrieb, dass du für neue Cocktails einfach die „Lego-Strategie“ anwenden kannst? Einen Baustein ändern oder ergänzen?

Genau das wurde auch hier gemacht.

Der Zuckerrand veränderte zwar nicht direkt die Rezeptur des Sidecars, aber durchaus das Geschmacksempfinden seines Konsumenten.

Derjenige, der diese Variante des Sidecars erfand, schob diesen Cocktail dadurch aus der Kategorie der Sours in die Unterkategorie der Crustas. Um dir diesen Zusammenhang leichter verständlich zu machen, habe ich folgende Infografik für dich erstellt.

 

Cocktail-Kategorien

 

Wie bereite ich einen Sidecar mit Zuckerrand zu?

Um einen solchen Rand zu erstellen, benötigst du lediglich 3 Utensilien: Zitronen- oder Orangenspalte, Haushaltszucker und einen flachen Teller. Schütte etwas Zucker auf den Teller und schnitze mit einem Messer einen kleinen Spalt ins Fruchtfleisch. Stecke diese nun mit dem Spalt auf den Glasrand und fahre ihn entlang.

Entferne die Zitrusspalte und drehe den jetzt feuchten Rand um die eigene Achse im Zucker. Wiederhole dies 2 bis 3 mal, sodass das Glas einen lückenlosen Zuckerrand bekommt.

Neben der Crusta-Variante gibt es jedoch noch zahlreiche andere Variationen und Twists klassischer Sour-Cocktails.

25 Rezepturen, die uns in den vergangenen Monaten und Jahren begeisterten, haben wir dir in einer PDF-Datei zum kostenlosen Download zusammengestellt.

 

Lade dir hier die Rezepturen von 25 Sidecar-Alternativen kostenfrei runter.

 
 

Die Zitrone: die Achillesferse eines Sidecar

 

Weißt du, wie du einen wirklich ekligen Sidecar zubereitest? Wenn du die Säure der Zitrone nicht kennst. Damit meine ich nicht, dass du deren pH-Wert bestimmen musst; wichtig ist aber, dass du erkennst, ob du die anderen Zutaten anpassen musst.

Der Vorteil frischer Zutaten wie Obst ist, dass sie dir eine Komplexität und Aromatik in den Cocktail bringen, die künstliche Zutaten nicht schaffen. Der Nachteil ist aber auch, dass sie gelegentlich in ihren Eigenschaften variieren.

Bei Zitronen bedeutet dies, dass sie mal saurer, mal süßer sind.

Du erkennst vielleicht jetzt schon, welche Auswirkungen das auf deinen Sidecar hat. Ist der Zitrussaft zu süß, haben Likör und Sirup im Cocktail keinen Gegenpol mehr. Der Sidecar schmeckt fad und langweilig.

Ist die Säure hingegen zu stark, macht dein Gast zwar ein lustiges Gesicht, aber genießen wird er den Cocktail nicht.

Dies ist ein Phänomen, dem du immer dann begegnest, wenn du einen Sour-Cocktail oder eine seiner Unterarten zubereitest. Lass mich dir daher kurz zeigen, wie du am besten vorgehst, um immer das richtige Verhältnis zwischen Süße und Säure zubekommen.

Wirf zunächst erstmal einen Blick auf den Bauplan eines Sours:

 

 

Ein Cocktail der Sour-Kategorie besteht demnach aus 3 Komponenten:

  1. Element: Stark (Alkohol)
  2. Element: Sauer (Zitrus)
  3. Element: Süß (Zucker in jeglicher Form)

Das Ziel bei der Zubereitung ist es, diese 3 Elemente in Balance zu bringen. Die Basisformel für Sours ist dabei 2 : 1 : 1, Alkohol : Zitrus : Zucker. Ein Verhältnis, auf dem eine Vielzahl von Drinks kreiert wurde.

Wie du aber bei der Rezeptur des Sidecar siehst, kann das passende Verhältnis manchmal stark von diesem abweichen.

In erster Linie müssen Spirituose, Süße und Säure aromatisch und geschmacklich harmonieren. „2:1:1“ bietet dir da nur ein Grundgerüst, auf dem du aufbauen kannst, um nach der für dich perfekten Rezeptur zu suchen.

 

Verwende für einen Sidecar keinen „frischen“ Zitronensaft

 

Möchtest du deinen Gästen einen hervorragenden Sidecar servieren, dann verwende keinen Zitronensaft, den du gerade erst gepresst hast. Er sollte also nicht „frisch“ sein.

Damit meine ich nicht, dass du Saft aus der Flasche nehmen solltest. Auf keinen Fall. Für einen Cocktail solltest du, wenn möglich, immer die Frucht nehmen.

Allerdings kann es passieren, dass der Zitronensaft für einen Sidecar zu sauer ist, wenn du die Frucht direkt in den Shaker ausdrückst. Statt à la minute zu arbeiten, solltest du den Zitrussaft 1 bis 2 Stunden offen stehen lassen.

Dadurch erreicht er sein größtmögliches aromatisches Potential und macht aus einem guten Sidecar einen sehr guten.

Eventuell fragst du dich jetzt, warum der Saft besser sein sollte, wenn du ihn rumstehen lässt. Der Grund liegt im Sauerstoff der Luft. Dieser reagiert mit den Molekülen des Zitrussaftes und macht diesen dadurch milder.

Bei Zitronensaft sinkt so der Säuregehalt bzw. der pH-Wert im Durchschnitt um 0,02 aller 2 Stunden.

 

Zitronensaft

 

Welcher Cognac eignet sich für einen Sidecar?

 

Bevor du dich daran machst, einen Cognac für deinen Sidecar auszuwählen, musst du ihn pur probieren.

Denn die Aromen eines Cognacs mit anderen Zutaten zu verfeinern, ohne dabei die Cognac-Aromen zu kennen, macht so viel Sinn wie ein wasserdichter Teebeutel.

Verkoste daher den Cognac, den du verwenden möchtest, in einem Nosing-Glas; lerne dessen Aromen kennen.

Je nach Anbaugebiet und Alter triffst du dabei auf ein anderes Bouquet.

Du solltest dich daher im Vorfeld informieren, welche Aromen die einzelnen Crus – die Anbaugebiete für „Cognac-Trauben“ – liefern und was die Altersstufen dieser Spirituose bedeuten.

So triffst du bei deiner Auswahl auf folgende 6 Crus:

 

 

Um noch mehr über Cognac, dessen Anbaugebiete und Altersstufen zu erfahren, haben wir hier den passenden Artikel für dich veröffentlicht:

Was jeder über Cognac wissen sollte

Ich kann mir denken, dass du handfeste Tipps brauchst. Solche, mit denen du dich gleich auf Shaker und Eiswürfel stürzen und loslegen kannst.

Aus diesem Grund habe ich eine Hand voll Cognacs herausgesucht, die sich für einen Sidecar eignen. Damit du jedoch nicht vor einem leeren Händlerregal stehst, habe ich bei der Auswahl neben Qualität auf Verfügbarkeit und Preis geachtet.

 

Zurück in die 1920er: Wie der Sidecar entstand

 

Heute gilt es fast als sicher, dass Pat MacGarry für die Erfindung des Sidecar der Dank gebührt. In den 1920ern kreierte dieser den Cocktail im Londoner Buck’s Club auf Basis eines Sour-Grundgerüsts.

Als Urheber des Sidecar nannte ihn erstmals Harry MacElhone in seinem Buch Harry’s ABC of Mixing Cocktails aus dem Jahr 1925.

Zumindest in den ersten Ausgaben. In späteren Versionen nannte MacElhone sich selbst als Kopf hinter dem Sidecar. MacGarry war gestrichen.

Nicht ganz sicher ist jedoch, ob MacGarry bereits den Namen Sidecar für seinen Cocktail verwendete. Denn die Hypothese, dass der Name des Drinks vom Motorrad-Beiwagen US-amerikanischer Soldaten entlehnt sein soll, lässt sich heute nicht mehr mit MacGarry in Verbindung bringen.

 

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