Trinkst du gerne Whisky, hat dieses Hobby einen Vorteil: Du brauchst nicht viele Utensilien. Flasche, Whiskyglas, fertig.

Klar, kannst du hier und da noch Geld für andere Werkzeuge ausgeben. Das fundamentalste hast du aber mit einer Flasche und dem entsprechenden Glas bereits abgedeckt.

Mehr brauchst du nicht, um einen Whisky genießen zu können.

 

whiskyglas

Abbildung: Nosing-Glas zur Whisky-Verkostung

 

Aber glaube mir, wenn ich dir sage, dass bereits hierüber hitzige Diskussionen entstanden. Allein das Whiskyglas, dieser kleine durchsichtige Behälter, bringt so manchen Whisky-Enthusiasten dazu, leidenschaftlichere Vorträge zu halten, als es seine Lieblingsdestillerie vermag.

Probiere es mal aus. Besuche eine Whisky-Messe und lass dir einen Jahrgangs-Single Cask Scotch Whisky in einen Tumbler einschenken.

Und dann….genieße die Blicke.

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz der Whisky-Szene, dass für die Verkostung eines Destillats ausschließlich ein bestimmtes Whiskyglas verwendet werden darf. Kleine Gefäße mit breitem Bauch und schmaler Öffnung.

Wenn du deinen Single Malt, Bourbon oder Irish aus diesen Gläsern trinkst, bist du auf bestem Wege die Aromen eines Whiskys zu entschlüsseln.

Vielen Whisky-Fans ist allerdings nicht bewusst, dass das Nosing-Glas nicht das Allheilmittel ist, um das Bouquet eines Whiskys bis auf das letzte Aroma zu analysieren.

Heute lernst du, wieso dies so ist und worauf du beim Kauf deines nächsten Whiskyglases achten solltest.

 

Warum das Nosing-Glas nicht das perfekte Whiskyglas ist

 

Fertige ich für eine Destillerie eine Analyse ihres Destillats an oder arbeite ich an einem Verkostungsartikel für Eye for Spirits, verwende ich hierfür Nosing-Gläser.

Diese bieten mir aufgrund ihrer Form die Möglichkeit, das Bouquet einer Spirituose am einfachsten zu entschlüsseln. Der Grund ist recht simpel, ist dieses Whiskyglas immerhin so geformt, dass es dir die meisten Aromen entgegenwirft.

Ein Nosing-Glas besteht meist aus Boden dann Stiel, gefolgt von Bauch und Öffnung. Wichtig ist dabei, dass der Bauch – der Teil, in dem der Whisky schwimmt – breiter ist als die Öffnung.

Dadurch können flüchtige Aromaverbindungen aus dem Whisky in die Gasphase übergehen und werden zu deiner Nase hin gebündelt.

So vermeidest du, dass das Gros an Aromen links und rechts an deinem Gesicht vorbeirauscht. In diesem Fall hättest du Geld für einen Whisky ausgegeben, von dem ein Teil einfach an dir vorbeifliegt.

Das Whiskyglas entscheidet folglich auch mit, wie viel Whisky du für dein Geld bekommst.

Wenn du schon eine Weile in der Whisky-Szene unterwegs bist, bin ich mir sicher, dass dir diese Informationen über das Nosing-Glas bekannt vorkommen.

Was bei dieser Aussage, dass ein Whiskyglas unbedingt breiten Boden und schmale Öffnung haben muss, aber gerne verschwiegen wird, möchte ich dir im Folgenden zeigen. 

Lass es mich nochmal kurz für dich zusammenfassen: Boden, Stiel, breiter Bauch, schmalere Öffnung.

Wenn du jemanden losschickst, dir ein solches Whiskyglas zu besorgen, dann kann es passieren, dass er oder sie mit einem Monster der Spirituosen-Szene zurückkommt: dem Cognac-Schwenker.

Und du könntest dem Boten noch nicht mal einen Vorwurf machen. Er brachte dir ein Glas, das alle Merkmale besitzt.

Was du da aber in Händen hältst, ist denkbar ungeeignet für die Spirituosen-Verkostung. Aus 3 Gründen:

  • Der Stiel ist zu kurz: die Wärme deiner Hand erwärmt den Whisky
  • Der Bauch ist zu breit: Moleküle des Whiskys haben im Glas zu viel Platz
  • Die Öffnung zu groß: Aromaverbindungen gelangen nur zum kleinen Teil zu deiner Nase

Und dennoch: per definitionem ist es ein Nosing-Glas. Aus diesem Grund ist der Begriff „Nosing-Glas“ als Whiskyglas ungeeignet.

Ich kann dich schon fast sagen hören: „Das kenn‘ ich doch schon alles. Wer nimmt denn auch einen Cognac-Schwenker als Whiskyglas.“

Dein Argument wäre nachvollziehbar, aber pass‘ auf, was jetzt kommt.

Die Anzahl an Modellen an Nosing-Gläsern auf dem Markt ist riesig. Der Cognac-Schwenker ist nur eine…nun ja…Sonderform davon.

Aber was ist mit dem Glencairn-Glas? Ein Whiskyglas, das in den vergangenen Jahren zum neuen Standard der Whisky-Szene wurde.

Hat es nicht auch den einen Nachteil des Cognac-Schwenkers? Ist es nicht auch ein Whiskyglas, bei dem deine Hände zu nah an der Flüssigkeit sind und diese etwas erwärmen?

Klar, erwärmst du den Whisky nicht derart, als trägst du das Glas in der freien Handfläche wie beim Cognac-Schwenker, aber immer noch mehr als bei einem Whiskyglas mit langem Stiel.

Hinzukommt die Tatsache, dass beim Glencairn-Glas deine Hand näher an deiner Nase ist als bei einem Whiskyglas mit langem Stiel. Von dieser steigen dann Störaromen auf, die das Bouquet deines Whiskys beeinflussen.

Und diese sind immer vorhanden, egal ob deine Hände nach Seife riechen oder nicht.

Verstehe mich nicht falsch. Ich liebe meine Glencairn-Gläser und nehme sie regelmäßig aus dem Schrank, wenn ich Whisky trinke. Aber eben trinke und nicht professionell verkoste.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Begriff „Nosing-Glas“ als Synonym für ein geeignetes Whiskyglas völlig ungeeignet ist.

Kaufst du dir ein Whiskyglas, achte daher auf 4 wichtige Eigenschaften:

  • Stiellänge
  • Volumen
  • Durchmesser der Öffnung
  • Qualität des Glases

Es mag seltsam klingen, in mehreren Tests sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass sich Grappa-Gläser hervorragend zur Degustation von Whisky eignen.

 

Grappa-Gläser eignen sich hervorragend zur Whisky-Degustation.

 

Diese besitzen meist einen langen Stiel und haben ein optimales Bauch-Öffnungs-Verhältnis. Auch hier wirst du unterschiedliche Varianten finden, allen gemein ist aber, dass sie kurz vor der Öffnung eine Einschnürung besitzen, die die Aromen stärker bündeln.

 

Welches Glas zu welchem Whisky?

 

Die häufigste Antwort, die ich bisher auf diese Frage bekam, war: Schottischen Whisky in Nosing-Gläser und amerikanischen Whiskey in Tumbler.

Diese Schubladen, in die man die einzelnen Whiskys steckt, basieren auf Image-Kampagnen, die seit Jahrzehnten auf uns einprasseln.

Sie basieren nicht auf Verstand, sondern auf einem Bild, das wir von der jeweiligen Spirituose haben sollen. So verkauft sie sich eben besser.

Was aber passiert, wenn ich einen Single Cask Scotch Whisky in einen Tumbler gieße? Explodiert dann das Glas?

Die meiste Freude an Whisky und Spirituosen hast du, wenn du dich frei machst von diesen Schubladen, in denen viele Destillate stecken.

Als ich begann, mich für Whisky zu interessieren, war es für mich ein Ding der Unmöglichkeit, einen Single Malt aus einem Tumbler zu trinken. Das Ding gehört da nicht rein. Hatte man mir ja so an jeder Ecke erzählt. Für Scotch gibt es ein anderes Whiskyglas.

Möchtest du einen Whisky analysieren, jedes kleine Aroma aus ihm herausquetschen, dann stimmt diese Aussage. Dann ist ein Tumbler tatsächlich ein unpassendes Whiskyglas.

Möchtest du mit dem Tropfen aber einfach nur Spaß haben, dich an seinen direkten Aromen erfreuen…warum nicht?

Ähnlich solltest du bei Bourbon oder Rye Whiskey vorgehen. Analysierst du ihn, solltest du auf ein Nosing-Glas zurückgreifen. Willst du einfach nur Spaß an ein paar Schlücken haben, spricht nichts gegen einen Tumbler.

Vergiss die Leute, die dir einreden wollen, jeder Tropfen hat sein eigenes Whiskyglas.

 

Wie voll soll ein Whiskyglas sein?

 

Gehen wir mal davon aus, du hast dir einen neuen Single Malt gekauft und möchtest ihn nun verkosten. Du entkorkst die Flasche, stellst das Nosing-Glas bereit. 

Wie viele Zentiliter sollen nun ins Whiskyglas?

Es gibt 2 Möglichkeiten:

  1. So viel, wie reinpasst
  2. So viel, dass du möglichst viel vom Bouquet erkennst

Ich denke wir sind uns einig, dass wenn du schon dein Geld für Whisky ausgibst, du auch möglichst viel davon haben möchtest.

Also Punkt 2.

Hierfür solltest du darauf achten, dass der Bauch des Nosing-Glases entweder bis zu Mitte mit Whisky gefüllt ist oder knapp darüber.

In den meisten Fällen sind dies zwischen 2 und 4 Zentiliter. Weniger oder mehr Volumen hat einen entscheidenden Nachteil.

Im Whiskyglas breiten sich dann die flüchtigen Aromamoleküle nicht ausreichend aus. Du bekommst also nur einen Bruchteil des Bouquets in die Nase.

Um dir eine Hand voll Aromen zu zeigen, die du hier erkennen kannst, habe ich diese 2 Artikel für dich geschrieben:

Wenn du noch mehr Degustations-Tipps und Hintergrundinformationen möchtest, haben wir den passenden Whisky-Workshop für dich aufgebaut. Du kannst dich kostenfrei unter folgendem Link dafür anmelden.

 

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Gehen wir davon aus, du hast dir 4 cl in dein Whiskyglas gegossen. Dann beginnt nun folgender Prozess: Einige Moleküle in der Flüssigkeit bewegen sich schneller als andere und steigen allmählich aus der Flüssigkeit nach oben. In Form von Gas schweben sie dann direkt über der Flüssigkeit.

Da es sich hierbei um hunderte von Molekülen handelt, wird der Platz schnell zu klein; es wird eng. Ein Teil dieser Verbindungen versucht also dem Druck auszuweichen.

Dadurch, dass du ein Whiskyglas mit schmaler Öffnung gewählt hast, gibst du ihnen nur eine Möglichkeit: Sie steigen nach oben, direkt in deine Nase.

Mit 2 bis 4 Zentiliter gibst du deinem Whisky genug Flüssigkeit, um ausreichend Duftmoleküle zu bilden. Zudem ist im Whiskyglas bei diesem Volumen aber noch genug „Luft“ und Platz für eben diese Verbindungen.

 

Verschiedene Glas-Arten im Überblick

 

Dein Whiskyglas kann aus verschiedenen Materialien gefertigt sein. Deine Wahrnehmung der Spirituose beeinflusst es dabei durch Farbe, Lichtbrechung und nicht zuletzt durch seine Haptik.

Im Folgenden findest du die gängigsten Glas-Arten.

 

glas-arten

 

Diesen Tasting-Schritt solltest du nicht auslassen

 

Bevor du das nächste Mal dein Whiskyglas aus dem Schrank nimmst und eine Flasche entkorkst, lass mich dir noch einen Tipp geben, wie du versteckte Aromen entdeckst.

Denn dein Whiskyglas ist nicht nur ein Behälter, der dich bei der Verkostung unterstützt, solange der Whisky darin schwimmt.

Je nach Qualität des Whiskys hält das Glas noch Stunden nach dem Tasting ein Sammelsurium an Aromen für dich bereit.

Wenn du das nächste Mal einen Whisky mit intensivem Bouquet trinkst, decke das Glas nach dem Tasting mit einer geruchsneutralen Abdeckung ab. Mehrere Stunden nach der Degustation riechst du dann nochmal ins Glas.

Häufig bekommst du hier eine Fülle an Aromen serviert, die du während der Verkostung nicht fandest. Denn die meisten der flüchtigen Stoffe wie Alkohol sind verschwunden und lassen einige hocharomatische Nachzügler zurück.