Beantworte einmal folgende Frage zum Thema „Whisky-Verkostung“:

„Wie schätzt du dein Niveau bei der Whisky-Verkostung ein? Einsteiger, Fortgeschritten oder Experte?

Deine Antwort darauf ist wichtig, denn dadurch bestimmst du, welche Tastings du besuchst, welche Whiskys du kaufst und wie viel „Erfolg“ du bei der Verkostung von Whisky hast.

Ich wette, du positionierst dich in die Gruppe der „Fortgeschrittenen“.

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie ich auf diese Annahme komme?

Weil dies die meisten tun.

Hat man schon den ein oder andere Whisky verkostet, sieht man sich nicht mehr als Anfänger, man möchte aber auch nicht überheblich sein und sich gleich als Experte darstellen.

Vor einiger Zeit habe ich eine Umfrage gestartet, bei der ich 100 Whisky-Fans genau die gleiche Frage gestellt habe, wie dir eben.

Schau dir mal das Ergebnis an.

whisky-umfrage

Knapp Dreiviertel aller Teilnehmer sehen sich als fortgeschritten, wenn es um die Frage geht „Wie trinke ich Whisky richtig?“.

Weit wichtiger als das Wissen um zahlreiche Malt Scotch-Brennereien wie Lagavulin, Bruichladdich oder Dalmore ist jedoch Expertise und Know-How in Sachen Verkostung.

Denn was bringt es dir, einen 62er Macallan zu verkosten, wenn du nur einen Bruchteil dessen entdeckst, was er eigentlich zu bieten hätte.

In diesem Fall wirfst du Geld zum Fenster raus.

Ich möchte dir daher heute einen Leitfaden geben, der dir hilft, mehr aus deinem Glas Whisky herauszuholen. Ein Leitfaden, durch den du mehr Genuss bekommst und letztlich auch Geld sparst.

Hierfür haben wir die Verkostung in kleine Schritte aufgespalten und gehen jeden einzelnen detailliert durch.

Wähle das richtige Whisky-Glas

Um Whisky zu genießen, brauchst du nicht viel. Lediglich die Spirituose selbst und ein Glas.

Da spielt es auch keine Rolle, welches das ist. Nosing-Glas, Tumbler, Cognac-Schwenker etc.

Hast du Vorlieben für ein bestimmtes Glas, das benutze dieses. Erscheint zum Beispiel eine emotionale Geschichte, in deinem Kopf, wenn du Whisky aus einem Cognac-Schwenker trinkst, dann kann ein professionelles Nosing-Glas hier nicht mithalten.

Verwende das Glas zum Whisky-Genuss, das dir am meisten Freude bereitet.

Vielleicht ist es dir aufgefallen. Ich habe ganz bewusst, „Whisky-Genuss“ und nicht „Whisky-Verkostung“ geschrieben.

Denn während du mit verschiedenen Glas-Formen Spaß mit einem Whisky haben kannst, benötigt dieses jedoch eine bestimmte Form, sobald du Single Malts & Co. analysieren möchtest.

In diesem Fall brauchst du ein „Nosing-Glas“. Eines, bei dem der Körper über einen Stiel mit dem Boden verbunden ist. Die Öffnung des Glaskörpers sollte zusätzlich schmaler sein als dessen Unterteil.

Falls du mehr darüber erfahren möchtest, was ein professionelles Nosing-Glas ausmacht und wie viel Whisky, du am besten hineingießt, haben wir hier den entsprechend Artikel für dich geschrieben:

Welches Whiskyglas soll ich nehmen?

Was dir Farbe und Aussehen über einen Whisky verraten

Bevor du das Glas Whisky auch nur in die Nähe von Nase oder Mund bringst, reagiert bereits ein anderer deiner Sinne auf das Destillat: dein Sehsinn.

Viele Whisky-Fans unterschätzen diesen und begehen dadurch einen fatalen Fehler. Denn das, was wir mit unseren Augen aufnehmen, verarbeitet unser Unterbewusstsein ähnlich wie das, was unsere Nase oder unser Mund entdeckt.

Mehr noch: Die optischen Reize eines Whiskys beeinflussen zwangsläufig das, was du riechen und schmecken wirst. Und je älter du wirst, desto mehr verändern sich diese Eindrücke.

Farbempfinden und Sensitivität nehmen im Alter ab. Personen zwischen dem 60. und 90. Lebensjahr nehmen Gelbtöne kontinuierlich schlechter wahr.

Um dir zu verdeutlichen, dass unsere Meinung über einen Whisky immer auch unseren optischen Eindrücken unterworfen ist, nimm einmal einen Ex-Sherry-Whisky.

Dieser hat – je nach Alter – eine deutlich rot-braune Färbung. Unser Unterbewusstsein assoziiert dies mit Aromen, die wir damit im Laufe unseres Lebens in Verbindung brachten. Rosinen, Pflaumen etc.

In vielen Whiskys diesen Stils kannst du tatsächlich auch solche Noten entdecken. Aber selbst, wenn diese wissenschaftlich nicht nachweisbar wären, könntest du diese aufgrund deines Unterbewusstseins entdecken.

Ähnlich verhält es sich mit der Intensität und Komplexität eines Whiskys. Helle, crème-farbene Whiskys verbinden wir häufig mit fruchtigen Aromen, dafür schreiben wir ihnen aber wenig Intensität, Reife und Komplexität zu.

Whiskys hingegen, die eine satte Kupfer- oder Hennarot-Farbe besitzen, setzen wir häufig mit hoher Komplexität und Intensität gleich.

Du siehst, unsere spontanen Eindrücke darüber, was wir gerade vor uns haben, sind nicht immer korrekt. Um Whisky „richtig“ zu trinken, ist es daher wichtig, dass du dir dessen bewusst bist.

Verkostest du daher das nächste Mal einen Single Malt, Bourbon etc. dann achte vor dem ersten Schluck auf folgende optische Eigenschaften:

  • Viskosität („Öligkeit“ der Tropfen an der Glaswand)
  • Farbe
  • Transparenz

Um vor allem die Farbe besser beurteilen zu können, haben wir ein Farbenrad für dich entworfen. Mit diesem kannst du die Farben, die dir bei einem Single Malt Scotch Whisky begegnen einordnen.

Farbenrad Whisky

Wie du Aromen und Bouquet eines Whiskys entschlüsselst

Dies ist – ohne Frage – der wichtigste Schritt bei der Verkostung eines Single Malts. Wenn du einen Whisky trinkst, dann entdeckst du vielleicht eine Hand voll Geschmacksrichtungen, meist aber deutlich mehr Aromen. 

In einem durchschnittlichen Malt findest du hiervon rund 80 verschiedene. Apfel, Kokos, Firnis etc.

Die jeweiligen chemischen Verbindungen schwimmen in der Flüssigkeit, steigen in die Gasphase auf und warten darauf, von dir entdeckt zu werden.

Du musst nur wissen wie.

Das Bouquet – die Summe aller Aromen – zu entschlüsseln, ist einer der kompliziertesten Aufgaben beim Tasting eines Whiskys. Allerdings auch eine der spannendsten, und der mit den schönsten Erfolgsmomenten.

Um hierbei das Maximum aus einem Glas herauszuholen, hat sich bei uns seit Jahren folgende Herangehensweise bewährt:

Warum solltest du deinen Whisky atmen lassen?

Dieser Schritt mag banal klingen. Aber glaube mir, wenn ich sage, dass ich schon viele Whisky-Fans gesehen habe, die bereits hier einen derben Fehler begehen.

Den Whisky „atmen lassen“ heißt nämlich nicht nur, dass du ihn nicht trinkst oder zur Nase führst, sondern ihn tatsächlich in Ruhe lässt.

Nicht schwenken. Vor allem nicht so, als handle es sich dabei um eine Zentrifuge. Viele Whisky-Fans schwenken vom ersten Moment, da sie das Glas in der Hand halten, bis zu dem Moment, in dem sie es zur Nase führen.

Das ist kontraproduktiv.

Denn erzeugst du einen dauerhaften Strudel in deinem Glas, dann bringst du sowohl gasförmige Moleküle als auch jene in der Flüssigkeit in so starke Kreisbewegung, dass sie nicht ausreichend zur Glasöffnung hinauskommen.

Besser: Schwenke den Whisky im Glas 2 bis 3 Mal. Stelle anschließend den Whisky ab und berühre ihn für ungefähr 1 Minute nicht mehr. Dadurch gibst du den Molekülen genügend Zeit aufzusteigen.

Konzentriere dich auf dein Lieblingsnasenloch

Sobald wir einen Stift in die Hand nehmen, um etwas aufzuschreiben, wird es uns bewusst. Mit der einen Seite unseres Körpers können wir Dinge bewerkstelligen, bei denen wir uns mit unserer anderen Seite deutlich duseliger anstellen.

Bei der Links-/Rechts-Händigkeit ist dies kein Wort mehr wert. Wenigen ist allerdings bekannt, dass sie dies auch auf ihre Nasenlöcher übertragen können.

Das heißt, eines deiner beiden Nasenlöcher kann Aromen eines Whiskys deutlich besser erkennen als das andere. 

Ich gehe mal davon aus, wenn du deine Unterschrift unter ein Dokument setzt, machst du es nicht wie ein Kleinkind. Du nimmst nicht den Stift in beide Hände, ballst sie zu Fäusten und fährst kreuz- und quer über das Blatt.

Stattdessen führst du mit deiner Schreibhand grazil den Stift an einer kleinen Stelle des Dokuments. Warum also sollten wie einen Whisky mit einer ähnlichen Grobmotorik verkosten wie das eben angesprochene Kind?

Es macht einfach keinen Sinn.

Und dennoch kannst du auf vielen Messen und Tastings beobachten, dass viele Enthusiasten schlicht ihre Nase ins Glas stecken und ansaugen.

Das mag dir durchaus paar Aromen liefern, bei weitem aber nicht alle.

Besser: Halte die Glasöffnung ungefähr 1 Zentimeter unter deine Nase und schwenke es langsam von einem zum anderen Nasenloch. Konzentriere dich dabei auf die Seite, bei der du das Gefühl hast, das Bouquet ist deutlicher und intensiver.

Dies ist die effektivste Methode der pro– bzw. orthonasalen Verkostung, d.h. dem direkten Riechen.

Hast du diese Technik gemeistert, dann solltest du dich auf den Alkoholgehalt konzentrieren. Whisky muss per Verordnung mindestens 40 %Vol. Alkohol besitzen. Häufig liegt dessen Wert aber deutlich darüber.

Dies lässt deine Schleimhäute und Sinneszellen in der Nase manchmal verzweifeln. Sie sind dann derart mit dem Alkohol beschäftigt, dass sie keine Zeit mehr haben für andere – wichtige – Aromen.

Ist dies der Fall dann öffne leicht deinen Mund, während du am Whisky riechst. Hierdurch zirkuliert der Whisky zwischen Nase und Mund und wird dadurch mit Frischluft angereichert.

Dies erleichtert dir nicht nur die Auswirkungen des Alkohols, sondern offenbart auch das ein oder andere Aroma.

Sowohl die Wahl des Nasenlochs als auch die Frischluftzirkulation sind 2 Techniken, die du in petto haben solltest, wenn du einen Whisky trinkst.

Hierdurch entdeckst du zahlreiche Aromen, die dir sonst verborgen geblieben wären. Egal, ob aus der Fermentation, dem Vor-, Mittel- oder Nachlauf oder der Fassreifung.

whisky-aromen-destillation

Was meinen alle mit Geschmack, Körper und Textur?

Landet der Whisky in deinem Mund, ist das erste, was du entdeckst Alkohol. Wenn fast die Hälfte des Flascheninhalts daraus besteht, ist dies auch nicht weiter verwunderlich.

Unabhängig davon aber, ob der Whisky einen brennenden oder weichen Charakter besitzt: Beurteile ihn nicht nach dem ersten Schluck.

Bei diesem ist dein Mund nur damit beschäftigt, etwas gegen den Alkohol zu tun.

Sobald er sich daran gewöhnt hat – so nach 2 bis 3 Schlücken – kannst du mit der eigentlichen Verkostung beginnen. 

So beurteilst du den Körper deines Whiskys

Wie bei uns hat auch der Körper eines Whiskys etwas mit Gewicht zu tun. Nicht messbar wie 2 Füße auf der Waage, aber wahrnehmbar.

Nimm einen Schluck deines Whiskys, lege diesen auf die Zunge und beantworte dir folgende Frage: Ist der Whisky schwer?

Deine Antwort kann so aussehen:

… er ist leicht

… mittelschwer

… schwer

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Was ist Textur und Mundgefühl?

Um es kurz zu sagen: Textur und Mundgefühl sind Synonyme. Beide beschreiben das Gefühl, das der Whisky in deinem Mund auslöst.

Dies ist wahrscheinlich eines der Themen, die beim Tasting am stärksten vernachlässigt werden. Dabei hat dieses Gefühl entscheidenden Einfluss darauf, wie du den Whisky beurteilst.

Um dir eine Hilfestellung beim Entdecken des Mundgefühls von Irish Whiskeys zu geben, möchten wir dir das so genannte Mouthfeel-Wheel zur Verfügung stellen.

Es hilft dir, die Textur deines Whiskeys besser zu beurteilen und einzuordnen.


Lade dir hier kostenfrei das Mouthfeel-Wheel zur Whisky-Verkostung runter.

Verwechsle nicht Geschmack mit Bouquet

Personen, die nichts mit der professionellen Verkostung von Genussmitteln am Hut haben, machen es sich gelegentlich einfach.

Was in die Nase steigt, sind Geruch und Aromen, was im Mund landet, liefert Geschmack.

Für dich als Whisky-Fan, der einen Single Malt bis ins Detail analysieren will, ist die Realität allerdings komplexer.

Geschmack erkennst du im Mund, Rachen und teilweise sogar in der Lunge. Sowohl im Mund als auch an den Schleimhäuten besitzt du Rezeptoren für alle Geschmacksrichtungen:

  • Salzig
  • Sauer
  • Süß
  • Bitter
  • Umami (herzhaft)

In der Lunge befinden sich zusätzlich noch Rezeptoren für „Bitter“.

Lassen wir nun einmal alle Punkte raus, über die sich die Wissenschaft noch nicht einig ist, wo sie sie einordnen sollen – z.B. metallisch – dann bleiben darüber hinaus nur noch Aromen.

Erkennst du im Mund Apfel, Karamell oder Vanille sind diese Teil des Bouquets und nicht des Geschmacks.

Und jetzt kommt der Clou: Auch wenn der Eindruck täuscht, erkennst du das Bouquet nicht im Mund. Dafür ist allein deine Nase zuständig.

Dass du aber diese Noten auch im Mund wahrnimmst, liegt an der offenen Verbindung zwischen Nase und Mund.

Tipp: Hast du den Whisky in deinem Mund, dann wirf ihn mit der Zunge ein paar Mal hin und her. Atme dabei durch die Nase ein und aus. Diesen Teil des Tastings bezeichnet man als retronasale Verkostung. 

Achte auf den Nachklang

Der Nachklang bezeichnet genau das, was du bereits vermutest. Es sind die Eindrücke, die der Whisky in Mund und Nase hinterlässt, nachdem du ihn runtergeschluckt hast.

Atme hierbei bewusst durch die Nase aus, um noch möglichst viele Aromen mitzunehmen.

Stelle dir dabei folgende Fragen:

  • Welche Aromen erkenne ich?
  • Welcher Geschmack bleibt zurück?
  • Ist der Alkohol weich oder scharf?

Sollen Wasser oder Eiswürfel in den Whisky?

Für viele Whisky-Fans ist dies eine Grundsatzfrage: Darf ich Whisky mit Eis trinken?

Das Problem dabei ist jedoch, dass diese Frage bereits falsch gestellt wurde. Sie impliziert, dass es mir irgendeine höhere Instanz verbieten könnte, ein oder mehrere Eiswürfel in meinen Whisky zu geben.

Die gibt es aber nicht.

Wenn du also einen Single Malt Whisky gerne mit Eis trinkst, dann tue es. Am besten eignen sich hierfür große runde Eiswürfel.

Durch deren Form schmelzen sie langsam, halten also den Whisky lange kühl, ohne ihn dabei zu verwässern.

Möchtest du allerdings das Maximum an Aromen in einem Whisky entdecken, solltest du auf Eis verzichten. Zudem macht der Wasseranteil die Textur des Whiskys Stück für Stück öliger.

Ohne, dass du dies kontrollieren könntest.

Für die Analyse eines Whiskys ist es daher besser auf die richtige Temperatur zu achten. Als Faustregel kannst du dich hier an rund 20 °C orientieren.

Möchtest du mehr über die passende Temperatur erfahren, hilft es dir, wenn du dich mit den Haus-Stilen der einzelnen Brennereien vertraut machst.

Statt Eis solltest du dann auf wenige Tropfen Wasser zurückgreifen. Vor allem bei Whiskys jenseits der 50 %Vol. bietet sich diese Vorgehensweise an, da dadurch wasserlösliche Aromen besser aus dem Glas steigen können.

Gib so viele Tropfen hinzu, bis der Whisky, das für dich angenehmste Bouquet sowie die spannendste Textur besitzt.

Falls du dir nicht sicher bist, wie viel Wasser du nun in deinen Whisky geben kannst, haben wir dir zur Unterstützung einen ausführlichen Leitfaden zusammengestellt:

Was ist der beste Alkoholgehalt bei Whisky?