Grüß dich,

vielleicht geht es dir wie mir, wenn du zum x-ten Mal eine Flasche Glenrothes in Händen hältst. Verschlossen. Die Banderole noch unbeschädigt. 

Du denkst dir, warum diese Marke nicht so viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Und im nächsten Momente folgt der Gedanke: „Gott sei Dank, dass sie es nicht tut. Gott sei Dank, bleibt sie ein Highlight für mich und eine eingeschworene Gemeinde.“

Kommt dir dies in den Sinn, dann kann ich dies gut nachvollziehen. Denn Glenrothes liefert etwas, das einen Malt Whisky-Fan nur selten enttäuscht:

  • Individualität im Flaschendesign
  • Fokus auf Ex-Sherry-Fässer
  • Zahlreiche Jahrgangs-Whiskys

Lass mich dir heute noch ein paar weitere Details erzählen, die nur wenige Fans über den Brennerei-Charakter von Glenrothes wissen. Fakten, die mir, nachdem ich sie erfuhr – deutlich mehr Vergnügen und Genuss an einem Glas Whisky dieser Destillerie brachten.

Und ich denke, dass es bei dir ähnlich sein wird.

 

 

Haus-Stil: Wie Glenrothes eigene Aromen entwickelt

 
Bevor ich dir zeige, wie Glenrothes seinen Malt Whisky zum Unikat macht, lass uns zunächst deren Whisky analysieren. Lass uns einen Blick in deren New Make werfen, deren Basis-Aromen und -Textur kennenlernen.

Um dir den Überblick zu erleichtern, haben wir folgende Infografik für dich erstellt:
Glenrothes
Das Außergewöhnlichste, das dir beim New Make auffallen wird, ist der Gegensatz zwischen Aromen und Textur.

Welchen Geschmack erwartest du, wenn du Vanille und Früchte hörst?

Wahrscheinlich denkst du wie auch ich an etwas Süßes, das gleich auf deiner Zunge landet.

Blei Glenrothes wäre diese Assoziation ja auch gleich mehrfach gegeben. Apfel, Birne und Vanille im Bouquet sorgen dafür, dass sich unser Unterbewusstsein auf süßen Geschmack einstellt.

Glenrothes macht da aber nicht mit.

Stattdessen liefert es das genaue Gegenteil: Das Mundgefühl ist trocken. Die Textur liefert also nicht das, was unser Unterbewusstsein erwartet.

 

Glenrothes liefert dir trotz fruchtigem Bouquet eine trockene Textur.

 

Und das ist genial. Denn hierdurch bekommst du ein Geschmackserlebnis und nicht die immer wiederkehrende Schleife aus Frucht-Süß-Vanille-Süß etc.

Dieser Kontrast ist aber nicht das Einzige, das dir der Feinbrand von Glenrothes liefert. Dieser zeigt vielmehr, dass der Haus-Stil dieser Speyside-Destillerie einfach zu entschlüsseln, aber dennoch komplex ist.

So bringt dieser zusätzlich eine cremige Textur auf deine Zunge und einen Hauch Chanel No. 5 in deine Nase.

Und nur noch mal um sicher zu gehen: 

Dies alles geschieht, ohne dass dieses Destillat auch nur in die Nähe eines Fasses gekommen wäre.

Glenrothes gelingt dieser Streich mit 2 Herstellungsschritten:

  • Fermentation
  • Destillation

Bevor wir uns aber nun in die Details von Glenrothes stürzen, solltest du sichergehen, dass du die Abläufe der Malt Whisky-Produktion verstanden hast.

Um dir zu zeigen, welchen Einfluss jeweilige Herstellungsschritte haben, haben wir dir eine Infografik erstellt, die du kostenfrei downloaden kannst.

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Fermentation liefert Glenrothes Apfel- und Vanille-Aromen

 

Bevor wir nun tiefer in die Fermentation von Glenrothes eintauchen, lass uns zuvor noch kurz über die Grundlagen reden.

Während der Fermentation bzw. Gärung entsteht mit Hilfe von Hefepilzen aus Zucker Trinkalkohol und Kohlenstoffdioxid.

In der Realität – z.B. der Whisky-Produktion – ist die Ausbeute allerdings vielfältiger und aromatischer.

Und hier kommt einer der größten Kuriositäten, der Scotch Malt Whisky-Industrie.

Beim Haus-Stil, das heißt, bei der Basis ihres Whiskys scheinen sich viele Destillerien vor allem auf die Dauer der Fermentation und die Destillation zu verlassen.

Denn die Hefe-Auswahl ist es ganz sicher nicht.

Und Glenrothes ist ein Paradebeispiel dafür.

 

Glenrothes verwendet bei der Fermentation industrielle Backhefe.

 

Denn für die Fermentation – der Eckpfeiler des Haus-Stils – verwendet die Brennerei lediglich Hefe des Typs „Cream„. Letztendlich ist dies nichts anderes als industrielle Backhefe.

Diesen gibt Glenrothes 55 bis 60 Stunden Zeit, um aus unbrauchbaren Stoffen aromareiche, chemische Verbindungen zu basteln. 

Aber um ehrlich zu sein: Standard-Hefepilze der Art Saccharomyces cerevisiae sind nicht die einzigen Einzeller auf die sich Glenrothes bei ihrem Haus-Stil verlässt.

In den Spalten und Ritzen hölzerner Gärbottiche lagern sich Bakterien und andere Pilze ein, die der Maische und damit dem Whisky ihren aromatischen Stempel aufdrücken.

So gibt Glenrothes eine vergorene Maische-Mischung in die erste Brennblase, die zu 2 Teilen aus Holzbehältern und zu 1 Teil aus Edelstahltanks stammt.

 

Washbacks Glenrothes

Washbacks der Glenrothes Distillery

 

Destillation: Die Pot Stills von Glenrothes

 

Anders als so mancher Rum- oder Bourbon-Whiskey-Hersteller legt das Gros der Scotch Malt-Industrie keinen großen Wert auf Hefe.

Sie muss halt da sein. Aber welche das ist, ist zweitrangig.

Ich denke, du gibst mir Recht, wenn ich sage, dass das Thema „Backhefe“ bei Glenrothes hierfür der beste Beleg ist.

Anders hingegen verhält sich diese Industrie, wenn es um ihrer Destillationsapparaturen geht. Diese pflegen sie mit größer Sorgfalt und wählen deren Form so aus, dass sie einen bestimmten Whisky-Stil hervorbringt.

Pot Stills, Brennblasen aus Kupfer, sind Vorschrift in der Scotch Malt Whisky-Produktion. Die Unterschiede liegen jedoch in den Details und sorgen für gravierende Unterschied im Whisky.

Um einen Überblick über die verschiedenen Pot Still-Formen der Malt Whisky-Industrie zu bekommen, haben wir ein Poster für dich erstellt.

 
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Glenrothes verwendet Pot Stills, die du auf dem Poster auf Position 2 findest.

Sie besitzen eine „Zwiebelform“ und sind zudem mit einem sogenannten „Boil ball“ bzw. „Milton ball“ ausgestattet.

Dieser führt dazu, dass der heiße Alkoholdampf, der vom Boden des Kessels aufsteigt, mehr Kupferkontakt und Volumen bekommt.

Hierdurch entsteht mehr Rückfluss.

Die Konsequenz für deinen Whisky: Er wird milder und besitzt einen leichteren Körper.

Und nun wirf mal einen Blick auf die Grafik zu Beginn dieses Artikels: Textur und Körper entsprechen dem, für was die Zwiebelform mit Milton Ball von Glenrothes Pot Stills kreiert wurde.

Hat der Alkoholdampf die Brennblase passiert, kondensiert er zurück in flüssige Form.

Hierfür verwendet die Destillerie Shell-and-Tube-Condenser. Durch diese moderne Art des Kondensators bekommt der New Make mehr Kupferkontakt als in traditionellen Worm Tubs.

Eine weitere Möglichkeit den Whisky von unliebsamen chemischen Verbindungen zu trennen.

 

Glenrothes + Sherry-Fass = Vintage Malt

 

Lass uns einmal einen Blick auf das werfen, was dir den Löwenanteil an Aromen in einem Glas Glenrothes liefert: Die Fassreifung.

Nach wie vor ist diese Speyside-Destillerie dafür bekannt Sherry-lastige Vintage Malts auf den Markt zu bringen. Das heißt, du bekommst bei einer Flasche Glenrothes einen Single Malt mit Jahrgang aus Sherry-Fässern.

Auch wenn dies nach wie vor ein Ruf ist, den Glenrothes genießt, geht der Trend seit längerem hin zu No-Age-Statements. Destillate, die zwar ohne Altersangabe erscheinen, im Gegensatz zu Vintage-Malts jedoch ein dauerhaft verfügbares Kernportfolio ermöglichen.

So erhielt beispielsweise Glenrothes Peated Cask Reserve eine Nachreifung in Ex-Islay-Fässern.

Einen Großteil und damit mitverantwortlich für den Brennerei-Charakter sind Ex-Sherry-Fässer.

Häufig, wenn auch nicht immer, handelt es sich dabei um Butts. Wobei auch Puncheons, Hogsheads und andere in Frage kämen.

 

 

Puncheons und Butts sind beides traditionelle Sherry-Fässer, die sich neben dem Volumen vor allem in ihrer Form unterscheiden.

Puncheons sind bauchiger, Butts hingegen länger. Zwar bringt dies aufgrund des Holzkontakts der Whiskys auch aromatische Unterschiede, in erster Linie haben sich Butts aber aus einem anderen Grund durchgesetzt:

Sie sind beweglicher und lassen sich dadurch leichter von A nach B rollen.

 

Die perfekte Trinktemperatur

 

Glenrothes Single Malts sind häufig filigran und leben von dezente Aromen. Da sie zusätzlich meist eine zurückhaltende Textur besitzen, solltest du dies mit der entsprechenden Trinktemperatur honorieren.

 

Glenrothes Malts zeigen ihr größtes Potential zwischen 18 und 20 °C.

 

18 – 20 °C eignen sich als Richtwert für Malts dieser Destillerie. Nicht zu kalt servieren, da die Nuancen sonst nur schwer hervortreten; des Weiteren sind Glenrothes Whiskys weich und mild, wodurch eine zu niedrige Temperatur nicht nötig ist.

 

Foodpairing: Was passt zu Glenrothes?

 

 

Bei den Whiskys von Glenrothes stechen 3 Aromengruppen hervor.

  • Wein-lastige Aromen
  • Holzige Noten
  • Fruchtige Aromen

Nimmst du dies sowie den trockenen Charakter als Grundlage, harmonieren jene Whiskys gut mit Rindfleisch-Gerichten. Vor allem jene ohne schwere Soßen.

Der aromatische Grundton der meisten Glenrothes erinnert an Apfel und Birne. Die Whiskys der Brennerei funktionieren folglich ausgesprochen gut mit Zitrusfrüchten wie Zitronen, Limetten oder Orangen, und damit mit vielen Rindfleisch- und Hähnchengerichten der asiatischen Küche.

 

Vorschläge

Gemüse

Kürbis, Spargel, Seetang, Steinpilz, Zwiebel, Sellerie

Kräuter/Gewürze

Schwarzer Pfeffer, Lorbeerblätter, Knoblauch, Salbei, Thymian, Rosmarin, Kastanie, Zimt, Kardamom, Nelken, Koriander, Wacholder, Haselnuss

Fleisch

Roastbeef, Knoblauch-Hühnchen, Rinderbacken

Früchte

Zitrone, Orange, Limette, Pflaume, Apfel, Birne, Aprikose, Pfirsich

 

 

Single Malts von Glenrothes, die du probieren solltest

 

Seit dem Jahr 2010 erscheinen neben den Vintage-Malts von Glenrothes zusätzlich No-Age-Statements. Nicht 1 oder 2, sondern genug, um damit das Standardportfolio festzulegen.

Eine Auswahl der Malts von Glenrothes, die sich lohnen zu probieren, möchte ich dir im Folgenden vorstellen.

 

Glenrothes Select Reserve 43 %Vol.

 

Glenrothes Select Reserve

 

Viele Informationen bekommen wir über den Glenrothes Select Reserve nicht. Es heißt, er stamme aus amerikanischen als auch europäischen Fässern.

Welcher vorherige Fassinhalt bzw. welche Fassgröße hierbei zum Einsatz kam, ist jedoch nicht bekannt. Zumindest nicht dem Kunden.

 

Glenrothes 1995 45 %Vol.

 

Der 1995er Vintage von Glenrothes zeigt, dass sich die Destillerie auch in ihrem Jahrgangssegment nicht ausschließlich auf Ex-Sherry-Fässer verlässt.

Sowohl aus sensorischen als auch ökonomischen Gründen.

So stammt der Glenrothes Vintage 1995/2017 aus Ex-Bourbonfässern aus amerikanischer Weisseiche und kommt nach 21 Jahren Fasslagerung in Flaschen.

 

Glenrothes Robur Reserve 40 %Vol.

 

Auch bei diesem Malt erfahren wir nicht, wie lange er im Fass verbrachte. Fakt ist allerdings, dass er einen Teil davon in Ex-Bourbon-Fässern aus amerikanischer Weisseiche und den anderen in Ex-Sherry-Fässern aus spanischer Eiche reifte.

Der Whisky selbst liefert dir dann aber ein Potpourri an Aromen, die den Haus-Stil der Brennerei perfekt begleiten:

Apfel und Vanille, Nelke und Nüsse.

 

Ich hoffe, ich konnte dir einen Einblick in eine der spannendsten Destillerien der schottischen Speyside geben, dir Aromen und Details zeigen, die dir noch mehr Freude am nächsten Glas Whisky von Glenrothes bringen.

 

Viele Grüße

Philip

 

Bildquelle: Titelbild, Washbacks, Packshot: Beam Suntory