Es war vor einigen Jahren, als ich meinen ersten Aguardiente geschenkt bekommen habe.

„Hier für dich!“ sagt mein Kumpel, der gerade von einer Kolumbienreise zurückgekehrt ist. Er überreicht mir eine 350 ml Plastikflasche mit blauem Deckel und klarem Fusel.

„Was ist das“? Frage ich nicht laut ihn, sondern leise mich selbst.

Dabei lese ich verdutzt den Begriff Aguardiente auf dem mehr als anspruchslos designten Etikett.

Er sagt mir, es sei so etwas wie Rum.

Ich denke kurz nach.

Ich trinke.

Scheußlich!

Über den Gast-Autor: Marcel Reperich ist Veranstalter von Tasting Events in Hamburg. Unter Rauschrebellen fährt er unkonventionellere Ansätze zu Gin Blending-Workshops, Mezcal Tastings und bringt internationalen Gästen der Stadt auch die „German Spirits“ näher.


Aguardiente
Zuckerrohr ist häufig die Basis von Aguardiente

Du kennst das vielleicht auch. Du hast die Erwartungshaltung an einen leicht süßlichen Rum.

In meinem Fall damals wurde mir ein karibischer Traum von Banane, Mango und anderen exotischen Früchten auf der Zunge versprochen.

Dementsprechend groß war meine Verwunderung über die derbe Anis-Schelle, die mir stattdessen um die Geschmacksknospen flog. Eine andere Reaktion war da nicht zu erwarten.

Als mir der Freund dann noch steckt, dass das die am meisten getrunkene Spirituose zwischen Peru und Panama sei, traute ich meinen Ohren erst recht nicht mehr.

Ich begebe mich also auf die Recherche, um eines auf Anhieb festzustellen:

Aguardiente ist nicht gleich Aguardiente!

Dazu musst du Folgendes wissen.

Jemanden in lateinamerikanischen Gefilden zu fragen, ob die Person Aguardiente mag, wäre wohl als würde man hierzulande fragen, ob man prinzipiell auf Schnaps steht.

Berechtigterweise würde die Gegenfrage lauten: „Was meinen Sie genau? Gin? Whisky? Oder Rum?“

Genauso verhält es sich nämlich mit Aguardiente.

Der Name setzt sich zusammen aus den Worten agua (Wasser) und ardente (gebrannt) – also brennendes Wasser.

Der Begriff ist in spanisch- und portugiesisch-sprechenden Kulturen eine generische Bezeichnung für ein alkoholisches Getränk zwischen 24% – 60% Volumenprozent.

Die Antwort wird sich demnach immer abhängig vom Ort auf das lokale Produkt beziehen.

Was hat dir Aguardiente zu bieten?

Aguardiente kann dir eine Bandbreite an Bouquet und Textur liefern, die du so wahrscheinlich noch nicht kanntest.

Vorausgesetzt, du beachtest ein paar Dinge beim Kauf einer Flasche.

Besonders beim Kauf von Aguardiente kann man sich nämlich nicht ausschließlich am Etikett orientieren (Wie ich es ahnungslos zu Beginn getan habe).

Obwohl die verschiedenen Erzeugnisse denselben Namen tragen, kann der Rohstoff, auf dem sie basieren, variieren.

Noten von „Banane“, „Grapefruit“ und „Mango“ gelangen dann in dein Glas, obwohl das Destillat auf Getreidesorten wie Hirse oder Weizen basiert.

Wenn du schon mal Korn aus Roggen, Weizen oder Gerste verglichen hast, verstehst du was ich meine. Das eine hat aus sensorischer Sicht in der Regel mit dem anderen nichts zu tun.

Während man in Portugal traditionell dazu neigt, Weinbrand herzustellen (Aguardiente Vínica oder Velha), wird in weiten Teilen Süd- und Mittelamerikas auf Zuckerrohr zurückgegriffen.

Klar, denn den gibt es historisch bedingt zu Genüge.

Nichtsdestotrotz werden auch auf dem amerikanischen Kontinent hin und wieder Trauben für die Produktion von Aguardiente benutzt.

Um dir einen Fehlkauf zu ersparen, habe ich dir im Folgenden die wichtigsten örtlichen Unterschiede zusammengefasst:

Aguardiente aus Chile

Patagonien, Chile

Bedingt durch die Geschichte und der allgegenwärtigen Pisco-Herstellung ist in Chile vorwiegend der Weinbau weit verbreitet.

Wie beim italienischen Grappa werden hier die Rückstände aus der Pressung wie zum Beispiel Häute, Fruchtfleisch, Stängel und Samen, auch Trester genannt, anschließend vergoren und gebrannt.

Dieser Tresterbrand hat einen Alkoholgehalt zwischen 45 und 55 %Vol.

Die dafür verwendeten Traubenreste werden vor der Destillation zumeist noch in Gewürzen mazeriert.

Neben getrockneter Minze, geschälten Walnüssen und Mandeln benutzt man auch andere aromatische Kräuter, um das Endprodukt entsprechend zu verfeinern.

Einige chilenische Qualitäten wären zum Beispiel:

1.Murtado / Enmurtillado – Mit sonnengetrockneten Murtilla, einer rötlichen Wildrosenfrucht

2.Enguindado – Eingeweichte, sonnengetrocknete Sauerkirschen

3.Licor de Oro – Mit Safran und Zitronenschale

Aguardiente aus Ecuador

In dem Land nördlich von Peru wird weitestgehend geschmacksneutrales Aguardiente gebrannt.

Die Brände haben so wenig Aroma, man könnte sie glatt mit einem Western Style Wodka wie Three Sixty oder Absolut vergleichen.

Destillate, die die hierzulande oft in Clubs und Bars für Cocktails ausgeschenkt werden.

Möglichst charakterloser Sprit aus der Column Still-Brennanlage.

Der Grund dafür liegt wahrscheinlich eher im Preis und weniger im Verständnis für Genuss.

Ecuador ist bitterarm und die Rektifikationsmethode die mit Abstand effizienteste Art und Weise reinen Trinkalkohol herzustellen.

Aber wie trinkst du so etwas?

Üblicherweise wird Aguardiente dort als Shot mit Zimt (Canela), mit Fruchtsäften gemixt oder als heiße Cocktails wie Canelazo oder Draquita getrunken.

Lokal oder handwerklich hergestellte Aguardientes werden PuntaPuro oder Trago genannt.

Geschmacklich kann der Zuckerrohrbrand von Region zu Region variieren. Jede Provinz hat diesbezüglich ihren eigenen Stil.

Auch hier gilt: Aguardiente ist die am häufigsten konsumierte Spirituose des Landes!

Aguardiente aus Costa Rica

Aguardiente dortzulande wird ähnlich wie in Panama, Guatemala, Honduras und Nicaragua als Guaro oder Cacique bezeichnet.

Bei der Produktion überwiegt das Interesse daran, ein Destillat mit möglichst vielen Volumenprozent zu gewinnen, statt viele Aromen beizubehalten.

Die Spirituose mit rund 40 %Vol. ähnelt deshalb der Art aus Ecuador und ist vielerorts äußerst günstig zu erwerben.

Aguardiente aus Kolumbien

Zum Schluss das Mitbringsel meines Kumpels; das, wie ich herausfinde, die wohl geläufigste Variante unter dem generischen Begriff „Aguardiente“ zu sein scheint.

Anis-Schnaps!

Dieser wird dort gerne als Aperitif oder nach dem Essen getrunken.

Anis
Anis: Gewürz zur Aromatisierung mancher Aguardiente

Bist du ein Typ, der auf türkischen Raki steht? Dann wirst du an diesem Brand garantiert gefallen finden.

Seit der spanischen Herrschaft hat Aguardiente in Kolumbien den Status des beliebtesten alkoholischen Getränks beibehalten. Der Alkoholgehalt kann zwischen 24% – 29% Volumenprozent schwanken.

Dabei bevorzugen die Menschen meistens Marken aus ihrer Provinz. Einige dieser haben im Inland so einen Bekanntheitsgrad erreicht, dass sie es auch über die Landesgrenzen hinweg geschafft haben.

Dazu gehören der Antioqueño aus der Gegend von Medellín sowie Blanco del Valle.

Aguardiente Antioqueño
Aguardiente Antioqueño ohne Zucker aus Kolumbien; Hier kannst du ihn selbst probieren!

In Kolumbien gibt zwei Hauptsorten von Aguardiente:

  1. Con Azúcar (mit Zucker)
  2. Sin Azúcar (ohne Zucker)

Vieltrinker dort zu Lande sind davon überzeugt, dass die erste Sorte tendenziell eher für Minderjährige gedacht ist, die härtere Drinks schlichtweg nicht vertragen.

Die meisten Kolumbianer bevorzugen im Umkehrschluss die Variante ohne Zucker, in der Überzeugung so auch einen anschließenden Kater vermeiden zu können.

Würde ich wissen, was „Dehydrierung“ auf Spanisch heißt, könnte ich im kommenden Kolumbienurlaub glatt noch etwas Aufklärungsarbeit im Ausland leisten.

Deine nächsten Aguardiente-Schritte

Ich kann dich vorab beruhigen.

Auch wenn diese allgemeine Begrifflichkeit in ganz Lateinamerika kursiert, grenzen sich doch mittlerweile einige Länder wie Peru oder Brasilien mittels herkunftgeschützter Ursprungsbezeichnung von anderen Aguardiente-Sorten auf dem Kontinent ab.

Pisco? Cachaça?

Nichts anderes ist Aguardiente. Nur eben unter Begriffen, die uns hierzulande bereits vertraut sind.

Leider ist die Herstellung einer Vielzahl von Bränden in Costa Rica, Ecuador, Guatemala, Nicaragua, Honduras und Panama vor allem von einem geprägt: Effizienz, oder anders ausgedrückt viel Alkohol mit wenig Geschmack.

Neugierige Genusstrinker und Weltenbummler mit feiner Zunge kommen in diesen Ländern da leider nicht auf diese Kosten.

Aber!

Wer sich an einen milden, balancierten und mit Kräutern versehenden Exoten aus Kolumbien wagen möchte, der ist beim Antioqueño und Blanco del Valle für den Anfang gut aufgehoben.

Ein kolumbianischer Aguardiente ohne Zucker kann beim richtigen Ambiente eingesetzt eine ganz hervorragende Abendbegleitung sein.