Über den Autor: Christoph Kirsch ist Inhaber des Import- und Großhandelunternehmens Kirsch Whisky. Zwar liegt deren Schwerpunkt auf dem Vertrieb von Single Malt Scotch Whisky. In den vergangenen Jahren machte sich das niedersächsische Unternehmen jedoch einen Ruf als Anlaufstelle für High End-Rum. In der Artikel-Serie Travellin‘ Jamaica berichtet Christoph und sein Team vom Besuch von Jamaicas bekanntesten Rum-Destillerien im Juni 2019.

Den ersten Teil noch nicht gelesen?

Hier nachholen: Travellin‘ Jamaica Tag 1: Hampden Distillery


Voller Eindrücke vom Vortag saßen wir am Frühstückstisch im Hotel und genossen das jamaikanische Essen.

Eigentlich hätte es nach dem Besuch von Hampden weiter nach Haiti gehen sollen, um die Clairin Brennereien zu besuchen, doch aufgrund von Unruhen auf der Insel mussten wir dies leider kurzfristig absagen.

Unser Glück, denn der Besuch der Hampden Distillery hat unsere Erwartungen schon einmal übertroffen und wir freuten uns immer noch wie kleine Kinder, dass wir die Gelegenheit hatten weitere Brennereien auf Jamaika zu entdecken.

Außerdem gibt es so natürlich einen Grund bald wieder eine Reise in die Karibik anzutreten, um die Welt des Clairins zu erkunden. 

Da außer Hampden eigentlich kein Brennerei-Besuch geplant war, mussten wir in kurzer Zeit einen Plan aufstellen. Zum Glück konnten wir durch die hervorragenden Kontakte unseres Partners Velier einen Besuch bei Worthy Park und Monymusk Estate organisieren.

Mit diesem Teil des Reiseberichts möchte ich dir daher Einblicke in 2 Perlen der Rum-Industrie geben. 2 Destillerien, die dir traumhafte Destillate bieten.

Tag 2: Vom Zucker zum Rum; ein Tag in Bildern

Der nächste Stopp: Worthy Park


Abb.: Tal von Worthy Park
Abb.: Eingang zum Worthy Park Estate

Eingeführt nach der Entdeckung durch Christopher Columbus 1494 sollte sich der Anbau von Zuckerrohr zu einer der Kernprodukte der einheimischen Agrarwirtschaft entwickeln. 

Logischerweise befeuerte dies auch die Rumproduktion auf der Insel und es entstanden Dutzende Brennereien, welche die Melasse Ihrer Zuckerproduktion für die Herstellung von Rum nutzten.

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Heute gibt es leider nur noch wenige davon und noch weniger betreiben sowohl eine Fabrik zur Herstellung von Zucker (Sugar Factory), als auch eine eigene Brennerei: das unabhängige Worthy Park Estate ist das einzige verbliebene Haus, das für Ihren Rum zu 100 Prozent ihre eigene Melasse verwendet. 

Abb.: Anlieferung des Zuckerrohrs
Abb.: Ankunft des Zuckerrohrs an der Sugar Factory

Sämtliche Details der Zuckerproduktion aufzuführen würde hier zu weit gehen und könnte vermutlich von mir auch nicht in ihrer Tiefe wiedergegeben werden.

Spannend ist aber, dass zunächst zahlreiche Farmen unterschiedlicher Größe das Zuckerrohr anliefern.

Die großen Bauern bearbeiten ihre Felder mit Maschinen. Aber auch heute gibt es immer noch kleinere Betriebe, welche ihr Zuckerrohr von Hand mit einer Machete abschneiden.

Letzteres ist besser für die Pflanze, wodurch das Zuckerrohr länger frisch bleibt. Die Sugar Factory muss daher unbedingt wissen, auf welche Weise die Pflanze geerntet wurde, da sich danach entscheidet, wie schnell sie weiterverarbeitet werden muss.

In jedem Fall muss dies jedoch innerhalb von 36 Stunden geschehen, da das Zuckerrohr sonst austrocknet.

Eine große Krananlage befördert das Zuckerrohr in eine erste Presse, anschließend dann in eine lange Press- und Schredderanlage. Dies sind sicher nicht die richtigen Fachbegriffe, beschreiben aber die Vorgänge. 

Abb.: Ein Industrie-Kran verteilt Zuckerrohr
Abb.: Zuckerrohr wird in der Zuckerpresse verarbeitet

Den daraus gewonnen Zuckerrohrsaft erhitzt und verdickt die Fabrik nun in verschieden Stufen . Anschließend kommt es bei erhöhter Temperatur und Unterdruck zur Kristallisation.

In einer Zentrifuge werden die Kristalle von der Flüssigkeit getrennt und anschließend getrocknet.

Das Ergebnis ist herrlicher brauner Zuckerrohr und natürlich auf der anderen Seite das „Abfallprodukt“, die Melasse.

Möchtest du an dieser Stelle mehr über die Zuckerproduktion erfahren, findest du auf Wikipedia einen guten Artikel zu diesem Thema.

Abb.: Blick in die Produktionshalle der Sugar Factory
Abb.: Melasse; diese entsteht als Nebenprodukt der Zuckerproduktion aus Zuckerrohr

Nach der Tour durch die Zuckerfabrik geht es weiter in die nahegelegene Brennerei.

Worthy Park hat eine ähnlich lange Geschichte wie Hampden und produziert seit 1740 Rum. Aufgrund gefallener Nachfrage und Überkapazitäten stellte die Brennerei die Rum-Produktion jedoch 1962 zwischenzeitlich ein.

Zum Glück hat die Eigentümerfamilie sich schon 2004 dafür entschieden die Produktion wieder aufzunehmen. Heute produziert die Marke unter deren eigenem Label „Rum-Bar“ und seit kurzer Zeit auch unter dem offiziellen Worthy Park Estate Label. 

Abb.: Eingang der Worthy Park Distillery

Wie bereits beschrieben ist Worthy Park die einzige Brennerei, die ihren Rum zu 100 Prozent aus eigener Melasse herstellt. Im Vergleich zu Hampden sieht man jedoch, dass die Brennerei noch relativ neu ist und entsprechend viel Edelstahl bekommen wir zu sehen.

Die Brennerei und die Fermentationstanks stehen dabei in einer eigenen Halle, welche – so vermute ich – strengeren Bauvorschriften entspricht. 

Abb.: Fermentationstanks der Worthy Park Distillery
Abb.: Hefetanks

Genau wie Hampden produziert auch Worthy Park verschiedene Marks, ist jedoch eher für die leichteren Marks bekannt:

  • WPEL (Worthy Park Extra Light, < 60 gr/hL Estergehalt)
  • WPL (Worthy Park Light, 60-119 gr/hL Estergehalt)

Darüber hinaus werden jedoch auch andere Marks produziert. Solche, mit mehr Wumms.

  • Worth Park Medium (WPM, 120-239gr/hL Estergehalt)
  • Heavy Light (WPH, 240-360gr/hL Estergehalt)
  • Extra (WPE, bis zu 800gr/hL Estergehalt)

Bleibt zu hoffen, dass es in Zukunft auch vermehrt Abfüllungen dieser Marks geben wird. 

Abb.: Double Retort-Pot Still bei Worthy Park

Für die Destillation verwendet Worthy Park eine Double Retort-Pot Still von Forsyths aus Schottland und hat aktuell nur ein Modell im Einsatz.

Platz für eine zweite Brennblase wurde jedoch frei gehalten und man erzählte uns, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird, bis dieser gefüllt wird.

Die Reifung bei Worthy Park findet anschließend überwiegend in Ex-Bourbon-Fässern statt. Die Abfüllungen von Worthy Park Rum mit Sherry-Finish, die wir aktuell in Europa finden, lässt die Destillerie in Europa nachreifen. Folglich sind es Destillate, die nicht zu 100 Prozent in der Karibik lagerten.

Die Original „Rum-Bar“-Abfüllungen hingegen werden vollständig in Jamaika produziert und auch die Abfüllung findet direkt vor Ort statt. 

Abb.: Blick in die Lagerhalle von Worthy Park
Abb.: Rum-Fässer

Nach einem Tasting der verfügbaren „Rum-Bar“-Abfüllungen machten wir uns auf den Rückweg zum Hotel.

Um den mittlerweile aufgekommenen Hunger zu bekämpfen, gab es unterwegs eine der besten kulinarischen Erfahrungen des Jahres.

Als Teil meines Jobs habe ich das Glück viele Geschäftsessen in außerordentlich guten Restaurants genießen zu dürfen. Was uns hier serviert wurde, spielte ganz oben mit.

Doch statt Sterneküche gab es ein einfaches Straßen-BBQ. In einer Blechhütte am Rande der Straße wurde mit offenem Feuer auf Holz verschiedenes Fleisch gegrillt.

Serviert auf einfacher Alu-Folie mit selbstgemachtem sehr scharfen Dip und Ketchup. Gegessen wird natürlich mit der Hand, dazu ein kaltes Red Stripe, das lokale Bier der Wahl.

Wer braucht schon Sterneküche!

Tag 3: Zwei unbekanntere Perlen

Monymusk Estate & Clarendon


Abb.: Monymusk Estate & Clarendon Distillery

Am nächsten Tag ging es zum Monymusk Estate und der Clarendon Distillery.

Besitzer der Brennerei ist die Firma National Rums of Jamaica Ltd., heute ein Joint Venture zwischen dem jamaikanischen Staat, Demerara Distillers (produziert u.a. die Rum-Marke „El Dorado“) aus Guyana und Maison Ferrand (u.a. die Rum-Marke „Plantation“) aus Frankreich.

Das Monymusk Estate hat früher selbst Zucker hergestellt, ist heute jedoch nur Heimat der Clarendon Distillery.

Die Brennerei teilt sich in zwei Teile. Zum einen ist da die Anlage aus verschiedenen Kolonnen einer Column Still und einen Bereich mit verschiedenen Pot Stills.

In der Column Still werden ausschließlich leichte Rums für den Massenmarkt produziert. Unter anderem fließen diese Destillate in die Abfüllungen der Rum-Marke „Captain Morgan“. 

Abb.: Links Destillationsanlage mit Colum Stills; Rechts Brennereigebäude, in denen die Pot Still-Destillation und Fermentation stattfindet.

Die Column Still ist in ihrem gigantischen Ausmaß zwar wahnsinnig beeindruckend, doch das Herz eines jeden Spirituosen-Liebhabers schlägt natürlich für die Kunst der Pot Still-Destillation.

Man erzählte uns, dass der Brennerei-Komplex an sich „Clarendon Distillery“ heißt, die Pot Stills-Rums jedoch meist unter der Marke „Monymusk“ vertrieben werden.

Genau wie bei den anderen Brennereien setzt Clarendon auf verschiedene Double Retort-Pot Stills und produziert damit verschiedene Rum-Marks.

Abb.: Monymusk Pot Still; deutlich sichtbar ist die Double-Retort-Apparatur
Abb.: Monymusk Pot Still mit Zugang zur Double-Retort-Apparatur

Die Brennerei hat zwei verschiedene Bereiche für die Fermentation. Eine gigantische Ansammlung von Maischebottichen (engl.: washbacks) aus Stahl, welche jeweils 95.000 Liter Maische halten.

Zusätzlich existiert noch ein geheimes Areal aus hölzernen washbacks, in welchen die Maische für die High Ester-Marks der Brennerei entstehen.

Hier durften wir leider keine Fotos machen, da man sich offensichtlich um die Herausgabe von Betriebsgeheimnissen Sorgen machte.

Ähnlich wie bei Hampden arbeitet man hier jedoch mit verschiedenen Methoden und einer längeren Fermentation, um die „Esterfizierung“ zu fördern.

Ein Muck Pit existiert jedoch nicht.

Mittlerweile produziert man hier auch Marks mit > 500 gr/hL Estergehalt, kommt jedoch nicht an die Level von Hampden heran. 

Abb.: Washbacks aus Stahl; Clarendon/Monymusk

Im Anschluss der Führung hatten wir noch das Glück eine Auswahl an verschiedenen Rums zu verkosten, welche teilweise brillant waren und uns wirklich überrascht haben.

Bleibt abzuwarten, was die Brennerei in den nächsten Jahren so auf den Markt bringen wird. Wir jedenfalls freuen uns sehr. 

Nach 3 Tagen auf der Insel ohne das Meer zu sehen, machten wir noch einen Abstecher zum Strand und ließen den Tag in einer Strandbar ausklingen, welche überwiegend von einheimischen besucht wurde.

Zwar gibt es in Jamaika auch verschiedene Privatstrände, die jeden Strand Spaniens locker in die Tasche stecken, wir steuerten jedoch einfach den nächstgelegenen öffentlichen an. 

Abb.: Strand?
Abb.: Strand!

Eine Anreihung von verschiedenen Blechhütten machte zunächst nicht wirklich Lust auf mehr. Doch einmal angekommen, wurde es zu einer der besten Zeiten der Reise.

Wir nahmen Platz in einer Bar direkt am Meer, besucht und betrieben von Einheimischen, genossen wir die Zeit mit Reggae, kühlem Bier und Weltklasse Fisch.

Zubereitet – wie soll es anders sein –  in einer Blechhütte auf offenen Feuer. Sollten die Behörden in Deutschland mitspielen, wittere ich eine echte kulinarische Geschäftsidee für die kosmopolitischen Hipster-Bezirke in europäischen Städten: Premium BBQ in einfachen Blechhütten. 

Abb.: Strand-Bar
Abb.: Aussicht der Strand-Bar

Die ersten 3 Tage unser Reise waren vergangen und diese als Geschäftsreise zu bezeichnen, wäre dessen nicht würdig.

Zwischen Brennereibesichtigungen und einzigartigen persönlichen Kontakten mit den Jamaikanern und deren Kultur steht für mich jetzt fest:

Es wird eine Wiederholung geben – auch privat. 

Abb.: Beach Bar Food

Die Rechte an Abbildungen und Fotografien dieses Artikels (außer Titelbild) liegen bei Kirsch Whisky.