Gibt es als Whisky-Fan etwas schlimmeres als ein „gekippter“ Whisky?

Mir fällt nichts ein.

Du freust dich auf deinen Lieblings-Malt, öffnest die Flasche und musst feststellen:

Er ist ungenießbar.

Eine grausame Vorstellung. Vor allem, wenn du für diesen Whisky Dutzende von Scheinen auf den Tisch gelegt hast.

In dieser Situation war ich schon oft. Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es mir nach wie vor passiert.

Ich nehme einen Single Malt aus dem Regal und muss feststellen, dass er für den Genuss nicht mehr geeignet ist. Er besitzt eine intensive Trübung und schickt beißenden Alkohol aus der Flasche.

Einen Elijah Craig 18 Jahre, Laphroaig 18 Jahre und einen Glenlivet Single Cask musste ich aus diesem Grund schon „begraben“.

Ich ließ zu viel Zeit zwischen den besonderen Momenten verstreichen, für die ich mir diese Whiskys aufhob.

Ich möchte dir daher heute zeigen, was in der Whisky-Flasche passiert, sobald du sie in dein Regal stellst.

In diesem Artikel beantworten wir daher folgende Fragen:

  • Warum reift Whisky in der Flasche nach?
  • Welche Moleküle des Whiskys sind betroffen?
  • Was kann ich als Whisky-Fan gegen die Flaschen-Reifung tun?

Bevor wir loslegen…

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Warum reift Whisky in der Flasche nach?

Reifen Spirituosen, bedeutet dies dem Grunde nach Folgendes:

Es finden chemische Reaktionen statt.

Den Begriff „Reifen“ verwenden wir jedoch, da es etwas mystisches impliziert. Irgendwas findet statt, das wir nicht vollends begreifen, das aber das Ausgangsprodukt irgendwie „besser“ macht.

Deswegen sprechen wir auch von „Reifung in Whisky-Fässern“ und nicht von „Chemischen Prozessen in Whisky-Fässern“.

Auch wenn beides letztlich dasselbe Phänomen beschreibt.

Für dieses benötigen wir – lassen wir einmal Zerfallsreaktionen außen vor – mindestens 2 Komponenten.

Während der Fassreifung sind dies in erster Linie der New Make sowie das Holz des Fasses.

Und in der Flasche?

Da reagieren Whisky und Sauerstoff.

Schaust du dir die Reifung von Whisky in Holz-Fässern an, wirst du dort auch Reaktionen vom Whisky mit dem Sauerstoff der Luft feststellen.

Dies ist ein essentieller Bestandteil der Reifung von Whisky in Fässern. Diese interaktive Reifung steuert die Destillerie aber bewusst. Sie weiß, dass diese stattfindet und setzt sie gezielt ein.

Und in der Flasche?

Da wütet der Sauerstoff unkontrolliert.

Dort schnappt er sich zahlreiche Moleküle im Whisky und bildet mit diesen neue chemische Verbindungen.

Die meisten davon möchtest du nicht in deinem Single Malt.

Lass uns einmal einen Blick darauf werfen, welche Moleküle in deinem Whisky am stärksten vom Sauerstoff bedrängt werden.

Diese Whisky-Bestandteile sind von Flaschen-Reifung betroffen

Errätst du, welches Molekül in deinem Whisky als einer der ersten vom Sauerstoff tangiert wird?

Es ist das, welches am häufigsten vorkommt: Alkohol.

Durch die Reaktion mit dem Sauerstoff in der Luft, entstehen aus Alkohol Aldehyde und dann Säuren.

Nicht nur reduziert dies den Alkoholgehalt, es verändert auch Bouquet und Textur deines Whiskys.

Wenn du nun bedenkst, dass 60 bis 75 Prozent der Aromatik eines Whiskys aus dem Holzfass stammen, sind diese Bestandteile als nächstes an der Reihe.

whisky-moleküle relevant für flaschen-reifung

Die Flaschen-Reifung von Whisky ist dem Grunde nach identisch mit der von Wein.

Der Sauerstoff in der Flasche schnappt sich eine Hand voll Moleküle und verändert diese.

In einer Flasche Whisky passiert das gleiche.

Mit einem Unterschied.

Spirituosen wie Bourbon oder Single Malt enthalten rund die vierfache Menge an Alkohol im Vergleich zu Wein.

Da dieser bereits eine ordentliche Menge des Luft-Sauerstoffs wegschnappt, bleibt ein Großteil der anderen Moleküle unberührt.

Zudem erhöhen Alkoholmizellen und Holzextrakte des Whiskys dessen Oberflächenspannung. Die Folge: Weniger Aroma-Moleküle kommen mit Sauerstoff in Kontakt.

Aufgrund dessen nimmt man an, dass zahlreiche Veränderung während der Flaschen-Reifung neben den oxidativen Prozessen auch auf reduktive zurückzuführen sind.

Die aromatischen Konsequenzen für deinen Whisky:

  • Ätherisch
  • Pfirsich
  • Vanille

Neben diesen angenehmen Aromen kann es allerdings auch zur Bildung folgender Noten kommen:

  • Benzin
  • Gummi
  • Metallisch

Interessant ist zudem – das wissen jedoch nur wenige Whisky-Fans – der Einfluss der Flaschen-Reifung auf künstliche Farbstoffe.

Zahlreiche Whiskys, die du heutzutage im Handel findest, enthalten den künstlichen Farbstoff E150a bzw. Zuckercouleur.

Ein Werkzeug, dass es Herstellern ermöglicht, eine Reihe an Whiskys mit gleichem Aussehen zu kreieren.

Während der Flaschen-Reifung kann dies jedoch unangenehme Auswirkungen haben.

E150-WHISKY-reif

Im Farbstoff E150a sind Pentose-Zucker enthalten. Ebenso wie die Verwendung von intensiv ausgebrannten Fässern kann deren Abbau dazu führen, dass sich im Whisky ranzige Noten bilden.

Mehr zu diesem Thema:



All diese Reifungs-Prozesse, ob oxidativ oder reduktiv, führen dazu, dass sich der Whisky verändert. Setzt du deinen Whisky zudem noch Licht aus, beschleunigst du diese Prozesse.

Wichtig: Aufgrund des hohen Alkoholgehalts und der Dichtigkeit der meisten Korken, treten Veränderung bei Whisky durch Flaschen-Reifung jedoch erst nach Jahrzehnten auf.

Kaufst du dir folglich einen Single Malt zu Genusszwecken, lagerst ihn vielleicht noch ein bis zwei Jahre, dann haben diese Effekte keine Auswirkung.

Anders sieht es hingegen aus, wenn du die Flasche bereits geöffnet hast.

Dann solltest du dich beeilen.

Warum du offene Whiskys schnell trinken solltest

Kaufst du dir einen Whisky, brauchst du dir im Normalfall keine Gedanken über dessen Nachreifung machen.

Trinkst du ihn, geschieht dies meist im Laufe der nächsten ein bis drei Monate. In dieser Zeit passiert in der Flasche nichts, was du sensorisch merken würdest.

Anders sieht es hingegen aus, wenn du die Flasche öffnest. Wenn du bereits das ein oder andere Glas Whisky aus der Flasche entnommen hast, füllst du dessen Platz mit Luft.

Whisky raus, Luft rein.

Und diese Menge an Luft in einer Whisky-Flasche bezeichnet man als Headspace.

Je größer der Headspace in einer Flasche ist, desto mehr Sauerstoffmoleküle enthält dieser. Dementsprechend stehen auch mehr Verbindungen zur Verfügung, die deinen Whisky verändern.

Tipp: Sollte deine Flasche nur noch zu ca. 50 Prozent mit Whisky gefüllt sein, solltest du diesen im Laufe der nächsten 3 bis 6 Monate trinken.

Über diesen Zeitrahmen hinaus, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Whisky sich zu stark verändert hat.

Und nicht zu seinem Vorteil.

Er wird trüb, scharf und monoton.

Solltest du deinen Single Malt oder Bourbon aber nur zu besonderen Anlässen aus dem Regal holen, gibt es eine Hand voll Methoden, um diesen „haltbar“ zu machen.

Um die richtige Methode für deinen Whisky zu finden, habe ich für dich den passenden Leitfaden veröffentlicht:

Jetzt lesen: Wie lagere ich Whisky richtig?

Kommt Luft nicht auch durch den Korken?

In der Wein-Welt kannst du ein weiteres Phänomen beobachten.

Ist der Sauerstoff im Headspace aufgebraucht, kann es passieren, dass dieser Nachschub von außen erhält.

Durch die Luft-Durchlässigkeit mancher Korken, ist die Flüssigkeit auf diese Weise stetigen Oxidationsprozessen ausgesetzt.

Am anfälligsten dafür sind Naturkorken. Also auch solche, die in der Whisky-Industrie verwendet werden.

Volumen an Sauerstoff, das durch den Verschluss in die Flasche gelangt:

  • Schraubverschluss: 1 µL/Tag
  • Naturkorken (1. Jahr): 2-6 µL/Tag
  • Naturkorken (ab 2. Jahr): 0,1-2,0 µL/Tag
  • Synthetischer Korken: 6-13 µL/Tag

Aber auch wenn der Korken zahlreiche Poren besitzt, durch die Luft eindringen könnte, geht diese meist einen anderen Weg.

Die übliche Route, die sie einschlägt, befindet sich zwischen Korken und Glas.

Als Whisky-Fan kannst du an diesem Punkt jedoch beruhigt sein. Im Gegensatz zu den meisten Weinflaschen, kommt der Whisky-Korken mit 2 weiteren Eigenschaften in den Handel.

Zum einen besitzt er einen Kunstoffaufsatz, der von oben keine Luft in die Flasche lässt.

Zum anderen verschließen die meisten Scotch-Destillerien bzw. Abfüller ihren Whisky mit einer zusätzlichen Kunststoff-Banderole.

Luft hat auf diesem Wege keine Chance in den Whisky einzudringen.

Bildquelle: Titelbild: Kiryl Lis – Shutterstock.com; Korken: vvoe – Shutterstock.com