Über den Autor: Christoph Kirsch ist Inhaber des Import- und Großhandelunternehmens Kirsch Whisky. Zwar liegt deren Schwerpunkt auf dem Vertrieb von Single Malt Scotch Whisky. In den vergangenen Jahren machte sich das niedersächsische Unternehmen jedoch einen Ruf als Anlaufstelle für High End-Rum. In der Artikel-Serie Travellin‘ Jamaica berichtet Christoph und sein Team vom Besuch von Jamaicas bekanntesten Rum-Destillerien im Juni 2019.

Die ersten beiden Teile noch nicht gelesen? 

Hier nachholen: 


Etwas wehmütig blicken wir auf die letzten Tage.

Die Zeit auf Jamaika ging einfach viel zu schnell vorüber.

Nichtsdestotrotz freuen wir uns auf das noch anstehende Programm und mit Long Pond und Appleton stehen zwei Brennereien auf der Agenda, welche unterschiedlicher nicht sein könnten.

Tag 4: Verschiedene Rum-Stile in einer Destillerie

Nächster Halt: Long Pond


Mit Long Pond besuchen wir – nebst Hampden – die zweite der noch existierenden Trelawny Brennereien auf Jamaica. 

Gegründet im Jahr 1753 hat Long Pond eine ebenso lange Geschichte wie Hampden und ist ebenso bekannt für Ihre schweren High-Ester Rums. 

Genau wie die Clarendon Distillery (siehe vorheriger Artikel) gehört die Brennerei zum Portfolio von National Rums of Jamaica und damit zu ein Drittel zum französischen Konzern Cognac Ferrand. 

Die benachbarte Long Pond Sugar Factory gehört mittlerweile der Hussey Familie, welche auch Eigentümer der Hampden Brennerei ist. 

Man merkt – die jamaikanische Rum Industrie ist zum Teil eng verwoben und man kennt sich untereinander. Ein gewisses Konkurrenzdenken bleibt dabei nicht aus und so werden wir zwar freundlich, aber doch etwas distanziert empfangen.

Abb.: Außenansicht der Long Pond Distillery
Abb.: Melasse Tanks der Long Pond Distillery von außen

Es fällt auf, dass Long Pond, zumindest von außen betrachtet, die am wenigsten erhaltene Brennerei auf Jamaika ist. 

Hierzu wird sicherlich beigetragen haben, dass die Brennerei am 16.J uli 2018 einem schweren Feuer ausgesetzt war und neben 65.000 Litern frischen Rums auch einiges an Bausubstanz verloren hat. Darunter waren leider auch die alten Fermentationshäuser. 

Aber schon vor dem Feuer blieb die Brennerei zwischen 2012 und 2017 aufgrund diverser Probleme länger geschlossen und produzierte in diesen Jahren keinen Rum. 

Abb.: Alter Bereich der Fermentation – heute Ruine

Die Long Pond-Brennerei zeichnet sich – ähnlich wie die Diamond Destillerie auf Guyana – durch eine Besonderheit aus. Über die Jahre kaufte sie geschlossene Brennereien auf, wobei deren Brennanlagen besonders im Fokus standen.

Dadurch konnte Long Pond verschiedene Rum-Stile zusammentragen, die folglich noch heute produziert werden können. 

Zu nennen ist hier etwa Cambridge (geschlossen 1947) und Vale Royal (geschlossen 1959). 

Deren Pot Stills wurden nach der Schließung von Long Pond übernommen und der Stil weitestgehend erhalten. 

In 2018 brachte Velier zusammen mit dem Eigentümer National Rums of Jamaica Abfüllungen dieser beiden Stile auf den Markt.

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Abb.: Fermentationsbehälter bei Long Pond
Abb.: Fermentationsprozess bei Long Pond

Genau wie Hampden setzt Long Pond auf wilde Fermentation und ist in der Lage Rums mit hohem Estergehalt herzustellen. 

Um die Konzentration jener Moleküle in die Höhe zu treiben, werden verschiedene Methoden angewendet, wie zum Beispiel die Verwendung von Zuckerrohressig. Wie auch bei Hampden beträgt die Dauer der Fermentation hier mehrere Wochen. 

Allerdings setzt Long Pond bei der Produktion auf Wasser aus der Leitung, nicht wie Hampden, die sich Quellwasser bedienen.

Abb.: Pot Stills von Long Pond

Die Verwendung eines Muck Pits hat zwar auch bei Long Pond Tradition. Nach dem was wir gesehen haben, wurde diese jedoch durch das Feuer weitestgehend zerstört. 

Inwiefern ein kleiner Teil erhalten bleib und zur „Nachzüchtung“ der alten Hefekulturen verwendet werden kann, bleibt leider unklar. 

Abb.: Einzelne Pot Still bei Long Pond

Genau wie in den anderen jamaikanischen Brennereien verwendet Long Pond Double Retort Pot Stills zur Herstellung der Rums. 

Wie auf den Fotos zu erkennen, sind die Stills teils in schlechter Verfassung. 

Die vielen verschiedenen Brennblasen sowie die Geschichte Long Ponds durch den Zukauf verschiedener alter Brennereien, erklärt deren Vielfalt an Rumstilen. 

Von einer Variante mit sehr wenigen Estern „CRV“ (0-20 gr/hlpa Estergehalt) bis zu einem mit sehr hohem Gehalt „TECC“ (1500-1600 gr/hlpa Estergehalt), vergleichbar mit der „DOK“-Variante von Hampden ist alles dabei. 

Abb.: Weitere Pot Still bei Long Pond

Die Geschichte Long Ponds zeichnet sich durch viele Höhen und Tiefen aus, wer einmal in den Genuss der teils fantastischen Rums gekommen ist, weiß jedoch, dass hier weiterhin enormes Potenzial für die Zukunft liegt.

Es bleibt zu hoffen, dass die Eigentümer in den nächsten Jahren investieren, um die Brennerei nicht nur zu erhalten, sondern auch für die Zukunft richtig aufzurüsten. Die Rum-Welt würde es ihnen danken.

Abb.: Kühlwasser-Tank bei Long Pond

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Abschluss: Appleton

Zu Besuch beim Marktführer


Abb.: Distanz von Long Pond zu Appleton

Nach unserem Besuch bei Long Pond geht es weiter zur letzten verbleibenden Brennerei auf der Agenda: die zum Campari-Konzern gehörende Destillerie Appleton. 

Von Long Pond aus fährt man querfeldein durch das Trelawny Parish und damit durch eines der schönsten Fleckchen Natur, das mir bis dato untergekommen ist. 

Es geht den Berg hoch, durch einen Dschungel. Zwischendurch kleine Dörfer und Menschen, die zu Fuß gehen. Strecken, die wir noch nicht mal mit einem hippen E-Scooter auf uns nehmen würden.

Es sind genau diese Momente, die einem das Land näher bringen und welche Lust auf mehr machen, ganz unabhängig von der Welt der Rums.

Abb.: Der Weg von Long Pond zur Appleton Distillery führt u.a. durch Dschungel.

Angekommen bei Appleton sieht man ganz im Gegenteil zu Long Pond sofort, dass es sich mit Campari bei dem Eigentümer um einen internationalen Großkonzern handelt.

Er verwandelte Appleton zu einer Top-Besucherattraktion des Landes. Ein Visitor-Center, das sich vor internationaler Konkurrenz nicht verstecken braucht, lädt zu einem netten Sonntagsauflug mit der Familie ein. 

Eine Bar für den Welcome Drink sowie angeschlossene Gastronomie und Shop sorgen für die richtige Atmosphäre, bevor es zu der durchgetakteten und routinierten Tour geht. 

Abb.: Eingang zur Appleton Distillery

Die Führung gibt einen schönen Einblick in die Produktion von Rum und die nötigen Zutaten sowie Produktionsschritte.  An anschaulichen Modellen und kleinen Brennblasen wird alles anschaulich erklärt und man erkennt sofort, dass hier nicht nur die Rum Nerds abgeholt werden sollen. 

Die zu Appleton gehörende Marke Wray & Nephew ist auch in Deutschland der meist verkaufte jamaikanische Rum, hat jedoch in Jamaika mit ca. 85% Marktanteil einen nochmal ungleich höheren Stellenwert.

Dort ist er quasi überall präsent. 

Nebst den Massenprodukten unter dem Wray & Nephew-Label werden die Rums der Brennerei direkt als „Appleton“ vermarktet. 

Im Gegensatz zu den von uns geliebten Hampden Rums beispielsweise ist Appleton jedoch nicht für einen charakteristischen Pot Still-Rum bekannt. Vielmehr vertreibt das Unternehmen ausschließlich Blended Rums, also einen Mix aus Column und Pot Still Rum. 

Verantwortlich für die Qualität dieser Blends ist die bekannte Master Blenderin Joy Spence. 

Abb.: Blick ins Lagerhaus von Appleton

Ganz wie es sich für einen Großkonzern gehört, dürfen wir leider von den wirklich spannenden Teilen der Brennerei (Pot Stills und Fermentation) keine Fotos machen oder bekommen diese gar nicht erst zu sehen. 

Auch was Details in der Produktion anbelangt wird entweder geschwiegen oder wir werden zum Schweigen verpflichtet. 

Daher gibt es an dieser Stelle auch nicht viel zu berichten. Lediglich, dass Appleton ebenfalls Double Retort Pot Stills von Forsyths aus Schottland verwendet und nebst Pot Stills zur Kreation von Blends auch mit Column Stills arbeitet.

Abb.: Destillierapparatur bei Appleton

Auch wenn wir uns teilweise mehr Details zu den verschiedenen Produkten von Appleton gewünscht hätten, bin ich für meinen Teil begeistert, von dem was Appleton hier macht. 

Zwischen all den Muck Pits und wilden Fermentationen von Hampden und Long Pond verliert man sich schnell in der Romantik des Rums.

Dabei vergisst man jedoch schnell, dass das Wohlergehen der jamaikanischen Rum-Industrie kaum durch diese Art Rum zu gewährleisten ist. 

Viel mehr bedarf es neben den ausgezeichneten, speziellen Qualitäten der alten, traditionellen Brennereien auch Produkte, welche dem Massenmarkt zugänglich gemacht werden können. 

Appleton steht hierbei für höchste Qualität und verwendet selbstverständlich außer Zuckerkulör keinerlei geschmacksgebende Zusatzstoffe, die den Rum verfälschen würden.

Auch das Besucherzentrum trägt einen wichtigen Teil dazu bei, dass Besucher der Insel über die faszinierende Welt der jamaikanischen Rums aufgeklärt werden und die frohe Botschaft wieder mit nach Hause nehmen. Den Stellenwert den Appleton also für die Zukunft des jamaikanischen Rums hat, könnte ich kaum höher einschätzen. 

Abb.: Rum-Fässer im Lagerhaus von Appleton

Nach unserem Besuch bei Appleton geht es glücklich und kaputt zurück nach Kingston. Einen letzten gemeinsamen Tag verbringen wir zusammen mit der Hussey Familie an einem wunderschönen Strand im Norden Jamaikas und blicken auf eine atemberaubende Zeit auf Jamaika zurück, bevor es am Abend noch ein letztes Mal zu Hampden geht.

Abb.: Strand auf Jamaica

Auf der Veranda des Great Houses von Hampden lassen wir die Reise einmal Revue passieren und für uns ist klar, dass hier auf Jamaika aktuell großes in der Welt der Spirituosen passiert. 

Als Importeur haben wir das große Glück mit vielen Partnern auf der ganzen Welt daran zu arbeiten, deren Produkte dem deutschen Genießer zugänglich zu machen.

Egal ob Gin aus Japan, Whisky aus Indien oder einem der vielen andere Orte auf der Welt. Überall entstehen mittlerweile großartige Produkte, die es Wert sind, entdeckt zu werden. 

Doch das was aktuell in der Welt der Rums passiert, erweckt den Eindruck, dass es um mehr geht, als um einzelne Marken und Brennereien, die auf sich aufmerksam machen. 

Viel mehr glauben wir, dass wir immer noch am Anfang einer Entwicklung stehen, ähnlich wie sie es beim Scotch in den 60er Jahren mit dem Erscheinen des ersten Glenfiddich Single Malts gab. 

Bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung von echten Rums ein ähnliches Ausmaß annehmen wird.

Abb.: Sonnenuntergang beim Hampden-Anwesen

Unser Dank für diese Reise geht an unseren Partner Velier aus Italien, La Maison du Whisky aus Frankreich, der Hussey Familie sowie allen Menschen, die uns freundlich empfangen haben und uns ihre Welt der Rums näher gebracht haben. 

Die Rechte an Abbildungen und Fotografien dieses Artikels (außer Titelbild) liegen bei Kirsch Whisky.