Weißer Rum

„Weißer Rum ist nicht so gut wie brauner Rum.“

Kommt dir diese Aussage bekannt vor?

Es ist eine gängige Meinung, besser gesagt ein Vorurteil, mit dem die Rum-Welt leben muss.

Und es gibt auch zahlreiche Gründe, die diese Behauptung bestätigen.

Bacardi, Captain Morgan, etc.

Deren Standardprodukte sind nicht für den Purgenuss gemacht.

Was ist weißer Rum?

Unter weißem Rum versteht man Rum, der nicht im Holzfass reifte und daher auch keine Farbe besitzt.

Aufgrund ihrer Omnipräsenz auf dem Markt definieren diese Marken jedoch, was wir unter der Rubrik „weißer Rum“ verstehen.

Nachdem ich nun über 10 Jahre in der professionellen Spirituosen-Verkostung tätig bin, muss ich sagen:

Was für ein Griff ins Klo.

Das wird der Qualität dieser Kategorie nicht gerecht, und das wird dir als Spirituosen-Fan nicht gerecht.

Denn weißer Rum ist ein wahrer Geheimtipp in Sachen Genuss.

  • Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Seltene Aromen und Nuancen
  • Highlight bei Rum-Tastings

Du musst nur wissen, worauf du bei der Auswahl von weißem Rum achten musst. In diesem Fall bekommst du ein geniales Genuss-Produkt, mit dem preislich nur wenige Kategorien mithalten können.

In diesem Artikel zeige ich dir, welche Besonderheiten dir weißer Rum bieten kann und nach welchen Produkten du Ausschau halten solltest.

Warum hat hochwertiger weißer Rum viele Aromen?

Es gibt zahlreiche Spirituosen, deren Kauf sich erst dann lohnt, wenn sie viele Jahre im Fass verbrachten.

Single Malt Scotch Whisky wäre ein solcher Fall.

Oder auch Bourbon Whiskey.

Rum nicht.

Hier kannst du High End-Destillate finden, die keinerlei Fasskontakt hatten. Was bei manchen Spirituosen also obligatorisch ist, ist bei Rum nur optional.

Guter Rum kann, muss aber nicht ins Fass.

Um dir also auch ohne Fasslagerung ein duftendes Bouquet und spannendes Mundgefühl zu liefern, müssen wir an dieser Stelle einen Blick auf die Herstellungsschritte vor der Abfüllung in Fässer werfen.

Aromenquellen von weißem Rum

Du siehst: Weißer Rum ist keine Spirituosen-Kategorie, bei der ein entscheidender Schritt fehlt.

Es ist ein eigenständiges Genre, bei dem die Fassreifung ein optionaler Schritt wäre.

Dass dich hochwertiger weißer Rum mit Aromen überschütten kann, sorgt unter anderem dessen Rohstoff.

Zuckerrohr.

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Was du als Rum-Fan über Zuckerrohr wissen musst

Zuckerrohr-Ernte
Abb.: Zuckerrohr kann auf verschiedene Weise als Rohstoff für Rum dienen: als Melasse, Zuckerrohrsirup oder frischer Zuckerrohrsaft

Die Art und Weise wie Zuckerrohr deinen Rum beeinflusst, hängt von 2 Faktoren ab.

2 Stellschrauben, an denen die Destillerie drehen kann:

  • Art des Zuckerrohrs
  • Verarbeitung

Es gibt Dutzende von Zuckerrohr-Arten, aus denen sich Rum herstellen lässt. Aus dieser Liste kannst du 6 Sorten herausnehmen, die für die Rum-Produktion die größte Bedeutung haben.

Abb.: Verschiedene Zuckerrohr-Arten, die für die Herstellung von Rum relevant sind.

Je nach Art liefert dir Zuckerrohr in weißem Rum charakteristische Aromen. Nuancen, die du in einem weißen Rum deswegen gut erkennst, da nicht die Gefahr besteht, dass sie vom Fass überlagert werden.

Aber nicht nur das Fass kann dafür sorgen, dass du vom Zuckerrohr-Einfluss nicht mehr viel mitbekommst. Es kann auch an der Art und Weise liegen, wie die Destillerie ihren Rohstoff verarbeitet.

Abb.: Verarbeitung von Zuckerrohr

Verwendet die Brennerei den frisch gepressten Zuckerrohrsaft, dann hat dies die größten Auswirkungen auf die Aromen deines Rums. Er bekommt erdig-krautige, aber auch fruchtige Aromen mit Wiedererkennungswert.

Möchtest du dies probieren, dann wirf mal einen Blick auf weißen Rum der französischen Übersee-Départements, so genannter Rhum agricole.

Erfahre mehr über Rhum agricole



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Warum Fermentation für weißen Rum so wichtig ist

Dem Grunde nach ist es ganz einfach.

Weißer Rum muss die Fermentation durchlaufen, damit aus Zucker Alkohol entsteht.

In diesem Punkt unterscheidet sich diese Kategorie von keiner anderen Spirituose. Nicht einmal von Wein oder Bier.

Denn soll ein Genussmittel Alkohol enthalten, muss dies per Gärung bzw. Fermentation ablaufen. Während dieses Prozesses verwandeln Hefezellen sowohl Zucker in Alkohol und Kohlenstoffdioxid als auch Hunderte andere Aromastoffe.

Und mit Hunderten meine ich Hunderte.

Apfel und Birne, Ananas, Feige und Kokos.

Dies ist nur eine kleine Auswahl an Düften, die dir die Hefezellen nach der Fermentation zur Verfügung stellen. 

Entscheidend für die Intensität und Komplexität eines weißen Rums ist dabei die Dauer. Je länger die Destillerie die Fermentation laufen lässt, desto stärker verändert sich das Bouquet des finalen Produkts.

Um einen kleinen Einblick in die Fermentationszeiten einiger Brennereien zu bekommen, wirf mal einen Blick auf folgende Liste:

  • Zacapa (Guatemala): 100 Stunden Fermentation
  • Bielle Distillery (Marie-Galante): 120 Stunden Fermentation
  • Hampden Estate (Jamaica): 21 Tage Fermentation

In dieser Zeit entstehen zahlreiche Moleküle, auf die deine Nase während der Verkostung anspringt.

Aldehyde und Ketone, Carbonsäuren, Aromaten und vor allem Ester.

Letztere sind für viele Rum-Fans ein Garant für eine Nase voll mit Aromen.

Und die Destillerie steuert deren Anzahl durch die Fermentation.

Je höher der Estergehalt, desto stärker erkennst du deren Aromen während des Tastings.

Dabei reicht die Messlatte von Common Cleans bis zum Schwergewicht Continental Flavoured.

Erfahre mehr über dieses Thema:


Erfahre Besonderheiten über die Rum-Destillation

Würde die Destillerie nach der Fermentation abbrechen, hätte sie irgendwas, das man als „Zuckerohr-Bier“ bezeichnen könnte.

Weißer Rum, geschweige denn hochwertiger, wäre das nicht.

Mal abgesehen davon, dass die Destillerie ihrem Namen dann nicht gerecht werden würde, fehlt noch ein letzter Schritt zur Herstellung.

Denn Rum jeglicher Couleur, egal ob weiß oder braun, muss mindestens 37,5 %Vol. Alkohol besitzen. Durch die Fermentation ist dies nicht zu bewerkstelligen.

Die Brennerei muss destillieren.

Destillation führt zu weißen Rum

Ich zeige dir daher im Folgenden, welchen aromatischen Einfluss dieser Herstellungsschritt auf weißen Rum hat.

Du bekommst die Antworten auf 2 Fragen:

  • Welche Aromen gelangen durch Destillation ins Destillat?
  • Wie verändert die Destillation das Mundgefühl eines weißen Rums? 

Um Frage #1 zu beantworten, musst du verstehen, was Destillation überhaupt ist.

Hierbei entstehen keine neuen Aromen, es werden lediglich welche aus der Maische herausgeholt und vom Rest getrennt.

Dadurch, dass die Destillerie ihre Melasse- oder Zuckerrohrmaische erhitzt, beginnen einige Moleküle aus dem flüssigen Zustand in den gasförmigen Zustand überzugehen.

Bei Trinkalkohol ist dieser Zustand ab einer Temperatur von rund 78 °C erreicht. Stoffe mit einer ähnlichen Siedetemperatur steigen also als Gas auf und wandern durch die Brennblase zum Auffangbehälter.

Es entsteht: Weißer Rum.

Wirf mal einen Blick auf folgende Infografik. Darin habe ich dir zahlreiche Moleküle aufgelistet, die während der Destillation durch die Brennblase fliegen und am Ende von der Destillerie aufgefangen werden.

Die Grafik gibt dir einen Überblick über eine Hand voll Aromen und die Moleküle, die diese erzeugen. Allerdings solltest du dir bewusst machen, dass dies nur ein Ausschnitt ist.

Allein im Mittellauf erhält die Brennerei deutlich mehr chemische Verbindungen als lediglich Ethanol.

Abgesehen von den Aromen ist die Destillation aber auch dafür verantwortlich, ob sich weißer Rum schwer, mittelschwer oder leicht auf deine Zunge legt.

Je nachdem wie viel Nachlauf die Brennerei in ihrem Rum akzeptiert und welche Destillationsapperaturen sie verwendet, bekommt dein Tropfen ein charakteristischen Mundgefühl und individuellen Körper.

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Das neue Rum-Kompendium

TIPP: Seit den 2000er Jahren findest du im Handel gelegentlich weißen Rum, der aromatisch jenen mit Eichenfasslagerung gleicht. In diesem Fall ist es tatsächlich ein Rum, der in jenen Fässern reifte. Die Destillerie entzog ihm aber anschließend durch Aktivkohle seine Farbe.

Weißer Rum und dessen Verkostung

Gehen wir mal davon aus, du hast weißen Rum vor dir, der dir zahlreiche Aromen liefern „kann“.

Long Pond, Neisson etc.

Den Begriff „kann“ habe ich deswegen hervorgehoben, da es nicht allein vom Rum abhängt, ob du ein komplexes Bouquet erhältst.

Ohne Frage, der Rum muss dies liefern. Du musst es aber auch erkennen können.

Hierfür habe ich dir eine Anleitung zusammengestellt, die dir einen Überblick über relevante Tasting-Schritte zeigt.

Schritt #1: Farbe & Viskosität bewerten

Auch wenn weißer Rum keine Farbe besitzt, so kannst du trotzdem sein Aussehen beurteilen.

Enthält er Schwebstoffe, ist die Flüssigkeit klar oder leicht trüb?

Die Viskosität zeigt dir die Zähflüssigkeit des Rums an. Schwenke in 2 bis 3 mal im Glas und beobachte die Tropfen. Häufig lassen sich hier Vermutungen zum Mundgefühl ziehen.

Häufig, aber nicht immer, gilt: Je viskoser der Rum an der Glasinnenseite, desto öliger das Mundgefühl.

Schritt #2: Aromen im Bouquet erkennen

Das Bouquet eines weißen Rums zu entschlüsseln, ist der langwierigste und komplexeste Schritt.

Aber auch der schönste. Denn dieser kann dir Aromen liefern, die an Ananas, Vanille, Apfel, frische Erde etc. erinnern.

Lass den Rum zunächst 2 bis 3 Minuten stehen und schwenke ihn anschließend 1 bis 2 mal.

Halte das Glas nun unter deine Nase und schwenke es langsam von einem zum anderen Nasenloch. Welche Aromen erkennst du?

Tipp: Wenn dich die Alkoholschärfe stört, dann öffne leicht deinen Mund. Dadurch strömt Luft hinein und der Alkohol wirkt nicht mehr so brennend.

Schritt #3: Geschmack von weißem Rum analysieren

Versuchst du herauszufinden, welchen Geschmack dein Rum hat, nimm 2 bis 3 Schlücke und bewerte den Zweiten oder Dritten. Nicht den ersten, da hier der Alkohol noch zu sehr stört.

Verwechsle hier allerdings nicht Geschmack mit Bouquet.

Geschmack lässt sich unterteilen in: Sauer, süß, bitter, herzhaft und salzig.

Erkennst du hingegen Vanille, Apfel etc. dann handelt es sich dabei um Aromen.

Schritt #4: Körper beurteilen

Weißer Rum besitzt ein Gewicht, das es dir bei jedem Schluck auf die Zunge legt.

Um den Körper zu bestimmen, stelle dir folgende Frage:

Wie schwer fühlt sich der Rum an? Ist eher leicht, mittelschwer oder schwer?

Die Antwort darauf beschreibt den Körper.

Schritt #5: Textur benennen können

Textur oder Mundgefühl ist die Antwort auf die Frage, wie sich der Rum in deinem Mund anfühlt.

Ist er eher spritzig?

Mild?

Scharf?

Vielleicht trocken oder gar adstringierend?

Schritt #6: Nachklang bewerten

Der Nachklang eines weißen Rums ist wie das letzte Kapitel eines Buches. Die vorherige Geschichte kann noch so gut sein, wenn der Schluss schlecht ist, trübt es dein Empfinden enorm.

Aus diesem Grund solltest du hier auf folgende 4 Punkte achten:

  • Aromen
  • Geschmack
  • Textur
  • Dauer

Weißer Rum, den du probieren musst

Suchst du nach hochwertigem Rum, findest du zahlreiche Abfüllungen.

Der Löwenanteil hiervon lagerte jedoch Jahre in Eichenfässern.

Weißer Rum, der mit hoher Qualität überzeugt, ist da schon deutlich schwieriger zu finden.

Den Markt dominieren Massenabfüllungen, die bisweilen nicht von Vodka zu unterscheiden sind.

Im Folgenden zeige ich dir daher eine Hand voll weißen Rums, die es in Sachen Qualität mit der fassgelagerten Konkurrenz aufnehmen können.

Dies sind Tropfen, bei denen du ein komplexes Bouquet bekommst; bei denen die Aromen von Zuckerrohr, Melasse und Fermentation deutlich hervorstechen.

Allerdings sind dies Raritäten. Es kann daher möglich sein, dass du diese nur bei wenigen Händlern finden wirst.

Um dir den Weg zu diesen High End-Rums zu verkürzen, habe ich dir einzelnen Produkte mit Shops verlinkt, die den jeweiligen Rum gelegentlich führen.

Neisson Rhum agricole blanc: Ein Flaggschiff französischen Rums

Weißer Rum aus Martinique. Neisson stellt – wie für jene Insel typisch – ihren Rum auf Basis von frischem Zuckerrohrsaft her.

Auch ohne Fasslagerung liefert dir der Neisson Rhum agricole blanc ein komplexes und spannendes Bouquet.

Clairin Sajous: Weißer Rum, den niemand kennt

Clairin kennt kaum jemand. Dies liegt in erster Linie daran, dass es in einem der ärmsten Länder der Erde produziert wird:

Haiti.

Die Konsequenz ist, dass es bei den meisten Herstellern weder Budget für Marketing noch für ausgedehnte Fasslagerung gibt.

Probierst du allerdings die ersten Schlücke des Clairin Sajous wirst du merken, dass er gar kein Fass benötigt.

Diese Unterkategorie von weißem Rum ist derart reich an Aromen, dass du mit einer solchen Flasche auf jedem Tasting Begeisterung auslösen wirst.

Habitation Velier Long Pond: Dieser Tropfen definiert die Kategorie „Weißer Rum“ neu

Der weiße Rum der jamaikanischen Destillerie Long Pond haut rein. Sowohl alkoholisch als auch aromatisch.

Als ich das erste Glas dieses Tropfens probierte, haute es mich schier aus den Socken. Eine solche Aromenfülle kannte ich bis dato nur von Destillaten mit Jahrzehnten Fassreifung.

Möchtest du daher die Speerspitze in Sachen hochwertigen weißen Rums probieren, dann hole dir eine Flasche des Habitation Velier Long Pond.